Polytechnique (FFF09 Review)

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„Your son taught me how to fear.“

Originaltitel: Polytechnique
Herstellungsland: Canada 2009
Regie: Denis Villeneuve
Buch: Jacques Davidts
Darsteller: Maxim Gaudette, Sébastien Huberdeau, Karine Vanasse

★★★★½

Am 6. Dezember 1989 kommt der 25jährige Marc Lépine mit einem halbautomatischen Gewehr in die École Polytechnique in Montreal, Quebec, Canada und erschießt 28 Menschen, bevor er sich selbst das Leben nimmt. Seine erste Attacke fand in einem Schulraum statt, in dem er Frauen von den Männern separierte, letztere aus dem Raum schickte und die Damen erschoß (drei von neun überlebten), nachdem er von sich gab, gegen Feminismus zu kämpfen. Die ganze Story dazu steht auf Wikipedia, „Polytechnique“ erzählt die Geschichte dieses Amoklaufs.

„Polytechnique“ ist mit einigem Abstand der beste Film, den ich jemals zum Thema Amoklauf gesehen habe. Fange wir zunächst mal mit den cineastischen Formalien an, die dieser Film mit Bravour meistert. Der Film ist klar gegliedert in drei Akte. Erster Akt sind die Vorbereitungen aller Protagonisten auf den bevorstehenden Schultag, sowohl von Opfern als auch Amokläufer. Der zweite Akt ist die Tat an sich, die sich an einer Scharnierstelle (die Separation von Männern und Frauen) zunächst der männlichen Sicht des Geschehens widmet, um daraufhin dieselbe Geschichte (wieder nach einer Scharnierstelle, die im Selbstmord eines Überlebenden mündet) aus Sicht der weiblichen Protagonisten erzählt und schließlich in einem finalen Monolog (einem Brief einer Überlebenden an die Mutter des Amokläufers) endet. Diese Perspektivwechsel sind angelehnt an Erzähltechniken, die damals von Kubrick erfunden wurden (Die Rechnung ging nicht auf) und von Tarantino in Reservoir Dogs und Pulp Fiction weiterentwickelt wurden. Das macht den Film aber noch nicht zu dem brillanten Film, der er ist.

Denn darüber hinaus ist er ein völlig verstörender Schlag in die Magengrube. Gnadenlos hart erzählt, gradlinig, ohne jede Schonung zeigt der Film durchaus detailiert jede Facette des Amoklaufs, bleibt dabei absolut kalt und hält drauf und bietet bis auf Andeutungen keine Erklärung für die Tat. Dieser Film verursacht körperliche Schmerzen, nicht zuletzt wegen des grandiosen Sound-Designs und Drehbuchs, das hypnotische Kamerafahrten mit wilden Exekutions-Szenen kontrastiert. Ein Film, der weh tut und mir fällt nur „Mann beisst Hund“ als vergleichbares Beispiel ein.

Nach den unangenehmen angenehm kurzen 77 Minuten bleibt man wie versteinert im Kinosessel sitzen, während die Widmung an die realen Opfer eingeblendet wird. Der Film wertet an keiner Stelle und überlässt es dem Zuschauer, sein Urteil zu fällen. Seine knallharte Erzählweise paart er mit innovativen Kamerafahrten, langen, in einem Take aufgenommenen Szenen und poetischen Bildern, wobei diese Poesie an keiner Stelle ein Wohlgefühl aufkommen lässt.

Und dann schafft der Film am Ende das Kunststück, vollbring ein Wunder, und schmeißt in all diese Kälte, Blut und Härte eine Prise Hoffnung, wenn die Protagonistin am Ende tatsächlich Luftfahrt-Ingenieurin wird und damit die Aussage des Attentäters bejaht: You’re gonna be Engineers.

Ein abartig wunderbarer Film, gleichzeitig die Völlige Negation von Leben und parallel die hundertprozentige Lebensbejahung. Solche Kunststücke schaffen Filme selten. Polytechnique ist ein solcher Film. Unbedingt, unbedingt, unbedingt ansehen.

Hier der Trailer:

(Youtube Direktamok)

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  1. Fantasy Filmfest Reviews Tag 1 | Nerdcore

    [...] Fantasy Filmfest online gestellt: Bronson, Coffin Rock, The Tournament (Knaller!), The Children und Polytechnique (absoluter Überknaller, fantastischer Film, genial, mir fehlen die [...]

  2. usp

    noch 2 Fragen:

    - ist der Film komplett s/w?

    - Warum keine 5 Sterne?

  3. Damian

    Also ERschossen hat er “nur” 14 und sich selbst. ANgeschossen noch 13.

  4. Sandstrahler

    Sieht ganz gut aus.

    Ich glaube nur, sobald Du einen irgendwie gut aussehenden Menschen castest, ihn schön ausleuchtest, atmosphärische Musik gibst, böse gucken lässt und ihm eine Knarre in die Hand drückst – ist er ein Vorbild.

    Das ist mein Problem mit diesen Amok-Filmen. Die alle natürlich niemals werten wollen, sich im Auftrag der Kunst sehen.

    Warum geben die nicht einfach zu, dass Amokläufe ein guter Stoff für Action-Filme sind. Die im Kino kommen. Mit denen man Geld verdienen will?

  5. zimtsternin

    Wow. Schon er Trailer geht mir nahe, obwohl kein Wort gesprochen wird. Ich habe gerade große Lust, den Film sofort zu sehen. Danke für die Empfehlung.

  6. katrins.de » 23. Fantasy Filmfest 2009

    [...] Mi, 19. August 19:15 Polytechnique (8,0) – Etwas härtere Kost. Sehr gute und sensible Darstellung des Amoklaufs … oder besser: des Massakers an der Polytechnischen Hochschule in Montreal 1989. Kamera und Ton waren quasi perfekt, der Kinosaal still. (Infos auf Wikipedia) ausführlicherer Review auf fuenf-filmfreunde.de [...]

  7. nico

    Naja, sandstrahler, soviele Filme fallen mir da aber nicht ein. Wenn überhaupt auf der indie-schiene, aber nicht mit hollywood-ähnlichem profit-streben.

  8. Zamzung

    Sandstrahler. das ist doch unsinn. Ohne den film gesehn zu haben oder los zu gehen und die einspiel ergebnisse an zu gucken wag ich zu behaupten das gerade die vorfälle die sich an schulen ereignet haben und filme die auf realen ereignissen (an schulen) beruhen alles andere als gute vorlagen für erfolgreiches action kino sind.

    Dafür ist der stoff doch viel zu heikel wer kann da schon in ruhe den kopp zu machen und einfach n bischen action gucken.
    Ich glaub nicht das der film riesig in kinos laufen wird.

    Ich denk das die themen eher raum geben für charakter und sozialstudien.

    Obs trotzdem sowas wie ne vorbild wirkung gibt weiß ich nicht. aber ich glaube das hängt auch sehr davon ab wer den film sieht und wie er als ganzes wirkt. Und was dem einen raum und anregung für eine differenziert auseinandersetzung bietet provoziert vielleicht jemand anderen zum nachmachen. Aber welche konsequenz sollte man ziehen wenns tatsächlich so ist?

  9. gutsPie

    @Sandstrahler:
    Genausowenig wie “Elephant” wird wohl auch dieser Film in den Kinos zu sehen sein.

  10. KodyMonstah

    Wie ist der Film im Vergleich zu Gus Van Sants “Elephant”??

  11. zeekay

    Schon der Trailer zeigt mir, das der Film großes Kino ist. Habt Ihr Infos dazu, wann und wo man den Film sehen kann außer auf dem FFF

  12. Binding

    Hallo? Das ist das absolute Gegenteil eines Action-Films!!! Ein Action-Film über einen Amoklauf ist – gelinde gesagt – eine No-Go-Area! Der Film ist komplett schwarzweiß und vermittelt bis auf das hoffnungsvolle Ende die ganze Zeit eine absolut deprimierende Stimmung. Und das ist gut so.

    “Elephant” lief übrigens sehr wohl im Kino! Er hat aber mit “Polytechnique” nur gemeinsam, dass man in einigen Sequenzen zusammen mit dem Killer durch die Schule streift und dass sich einige Szenen später auch nochmal aus anderer Perspektive wiederfinden.

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