Horst Schlämmer – Isch kandidiere! (Review)

12 Comments

- “Wir brauchen eine frische Farbe…Ich habs! Ocker!”

Herstellungsland: D, 2009
Regie: Angelo Colagrossi
Buch: Angelo Colagrossi, Hape Kerkeling
Darsteller: Hape Kerkeling, Alexandra Kamp, Simon Gosejohann, Norbert Heisterkamp, Maren Kroymann, Lale Akgün, Claudia Roth, Bushido

★★☆☆☆

schlämmerklein

Horst Schlämmer, stellvertretender Chefredakteur des Grevenbroicher Tageblatts hat die Schnauze voll. Sein Vorgesetzter mobbt ihn, in seiner Stammkneipe läuft auch alles wie immer, er interviewt zum 17. Mal die immergleiche Schützenkönigin und wenn er mal Politiker im Fernsehen sieht, dann reden die alle nur inhaltslosen Mist, den niemand ernst nehmen kann. Als er dann die Grevenbroicher Bürgermeisterkandidatin interviewt und von dieser erfährt, wie arglos die Politik mit den Steuergeldern umgeht, fasst er einen Entschluss: Was die da oben nicht können, das kann er auch. Deswegen gründet er eine Partei und beschliesst Bundeskanzler zu werden. Seine Freunde unterstützen ihn wo sie nur können. Und schon bald wird Schlämmer ein politischer Player. Er geht in Fernsehshows (zum Teil auch eher überraschend) und die Schauspielerin Alexandra Kamp ist angeturnt von seiner Lust auf Macht und sieht sich schon als First Lady an seiner Seite. Aber Wahlkampf ist ein hartes Stück Arbeit, das muss auch Horst erkennen und das läuft alles doch nicht so einfach, wie er sich das zu Beginn vielleicht vorgestellt hat. Aber er trägt das Herz am rechten Fleck und lässt sich nicht so leicht unterkriegen. Und dann, nach Wochen harter Arbeit, ist er dann da: Der Wahlabend. Nun wird man sehen ob sich die Anstrengungen ausgezahlt haben…

Gerade deutsche Comedy hat alluzu oft das Problem, deutsche Comedy zu sein. Also mehr bemüht als lustig und wenn kopiert, dann leider nie gut. Doch zum Glück gibt es ja Hape Kerkeling, der mit seiner Figur Horst Schlämmer mal wieder gezeigt hat, wie lustig man hierzulande sein kann. Das ist natürlich streitbar, aber mir hat die Figur immer gut gefallen. Ich finde er ist sehr liebenswürdig damit umgegangen und hat sie auch nie überstrapaziert, wenn man jetzt mal die Zeit VOR der Promo zum Film betrachtet.

Nun sind Kinofilme von Kerkeling ja nicht unbedingt für ihren Zynis- oder Sarkasmus bekannt und genauso verhält es sich auch beim Schlämmer-Wahlfilm: Das ist schon alles sehr brav, was da passiert. Es gibt keine “Boah, wie krass..”-Momente wie bei zum Beispiel Borat, und offensichtich sind die meisten der Menschen, die auftauchen, auch vorgewarnt und eingeweiht. Das wäre ja kein Problem, wenn die auch improvisieren könnten. Ein Jürgen Rütgers aber ist schnell überfordert im Gespräch mit einer Kunstfigur und versteift zur totalen Pose und eine Claudia Roth zum Beispiel, bei aller Sympathie, nutzt jeden denkbaren Moment um irgendwas, leidlich lustiges, mit “Grün” zu sagen (in einer Fernsehgarderobe hat sie eine Gurkenmaske im Gesicht und sagt es gehe ihr gut, sie sehe “grün”..). So ergeht es eigentlich allen Politikern, die in dem Film auftauchen. Es ist Wahljahr und da nutzt man eben jede Bühne die man kriegen kann. Insofern ist der Film natürlich auch ein Stück weit interessante Entlarvung: Die sind sich eben nicht zu blöd, ihren Quatsch in die ganze Welt hinauszuposaunen, und sei es im Gespräch mit jemandem, den es nicht gibt. Das Problem ist nur: Dieses Aufdecken scheint nicht intendiert zu sein und das macht es einem beim zuschauen etwas schwer.

Alexandra Kamp spielt sich selbst als überzogenes Klischee einer deutschen Schauspielerin mit Allmachtsphantasien, was sicher superlustig zu lesen war im Buch, aber im Film nicht rüberkommt. Ich weiß nicht ob es am Buch selber lag oder ob Frau Kamp eben nicht ausreichendes komisches Talent für so eine Rolle hat oder, was eigentlich am schlimmsten wäre, das sie als öffentliche Person nicht öffentlich genung ist, als das man ihr es nicht heimlich auch zutrauen würde, so zu sein wie sie es in dem Film vorgibt (Das ich weiß, das sie nicht so ist, lasse ich in der Bewertung nicht nur aussen vor, sondern gehe davon aus das das jeder so einschätzt, Stichwort: Gesunder Menschenverstand). Es ist aber auch für jeden beteiligten “wirklichen” Schauspieler schwer, in diesem Film zu bestehen, der eigentlich nur aus Versatzstücken besteht. Auch Simon Gosejohann, der eigentlich ein perfekter Typecast für Schlämmers Praktikant Ulle ist, bleibt farblos und schafft es nur zu selten, eigene Akzente zu setzen.

Mal jagt Schlämmer Stimmen, dann interviewt er Promis auf einem roten Teppich, dann sieht man einen Wahlwerbespot von ihm, dann trifft er wieder auf Politprominenz. Das wirkt alles sehr verhackstückselt, die Geschichte als roter Faden will nie so wirklich greifen, weil wenn man sich gerade wieder in sie hineinfindet, kommt schon wieder der nächste, zusammenhanglose Sketch mit irgendeinem Interview oder ähnlichem. Ein Flickenteppich. Und dann hat man nichtmal die schönsten Flicken ausgesucht.

Dabei hat der Film einige kostbare Stärken: Kerkeling ist jederzeit Herr über seine Figur. Er weiß wann er Schlämmer wie reagieren lassen muss. Viele Gesprächspartner versuchen sich allzu oft zu retten, indem sie Schlämmer wie einen Depp behandeln, was dieser aber nie auf sich sitzen lässt und damit seine Partner sehr verdutzt bzw. auf eine angenehme Art und Weise bloss stellt. Menschen, die die Figur ernst nehmen, denen passiert das nicht. Natürlich setzt er auch die mittlerweile zu geflügelten Wörtern gewordenen Gebrechen seines Lokalreporters (“Ich habe Rücken, Füsse, younameit”) in gewissen Situationen gewitzt ein, um die Kontrolle über den Gesprächsverluf zu behalten. Und wenn er auf Leute trifft, denen er vielleicht noch nicht so geläufig ist, oder die einfach nicht so abgewichste Medienprofis wie die politische Riege sind, dann entstehen immernoch diese schönen, kleinen Momente, die an Schlämmer so viel Spass machen. Wenn er sich beispielsweise mit einer Vertreterin der Eso-Partei “Die Violetten” trifft, dann hat das eine solch charmante Ehrlichkeit, das ich kieksend im Kinosessel sitze. Selbst die anderen Figuren, die Kerkeling noch spielt, funktionieren ganz gut: Gisela, die auch immer in der Kneipe sitzt ist eine ganz süße Frau, Merkel, Ulla Schmidt und Pofalla imitiert Kerkeling mit einem unglaiblichen Blick fürs Detail. Einzig die Sängerin Uschi Blum, die er bei einem Konzert für Horst Schlämmer und seine Partei, die HSP, darstellt nervt als Figur, könnte man aber drüber hinwegsehen.

Auch gibt es die Promis, die das Spiel bedingungslos mitmachen und deswegen Sympathiepunkte sammeln, allen voran, und ich hätte ehrlich nie gedacht, das ich das mal schreiben würde: Bushido. Der Rapper lässt sich auf die Figur ein, redet mit ihr wie er wohl mit jedem fremden Reporter sprechen würde und ist sich auch nicht zu schade, einen Partei-Rap für den Kanzlerkandidaten zu machen. Inklusive Gangsta-Style-Musikvideo. Respect!

Damit wären wir aber bei einem weiteren Knackpukt: Die Regie von Angelo Colagrossi ist wirklich wahnsinnig brav. So brav, das man manchmal das Gefühl hat, da versucht jemand päpstlicher als der Papst zu sein. Manch eine Rosamunde Pilcher Verfilmung scheint progressiver inszeniert zu sein, als “Isch kandidiere”. Und das macht den Film, bei aller Aktualität, zu einem Anachronismus. Stellenweise scheint er wie ein Werk aus der Zeit, als noch Didi-Filme en vogue waren, oder “Piratensender Powerplay”. Das Filme sich weiterentwickelt haben, eine neue Bildsprache gefunden haben, das scheint an Colagrossi vorbeigegangen zu sein. Ganz bieder werden die Kneipenszenen gedreht, die in Schlämmers Stammlokal in Grevenbroich spielen sollen und auch wenn der Ausstatter hier Liebe zum Detail bewiesen hat: Die Kneipe bleibt ein “toter Raum”. Man merkt ihr an, das da nie jemand wirklich dringesessen hat. Alles bleibt seltsam steril. Das ist schade.

So verschenkt der Film sein Potential. Denn er hätte ja nicht nur der Hit werden können, der er gerade wird, sondern er hätte auch noch ein intelligentes Stück Kino werden können, das sich gekonnt über den Medienzirkus, der hierzulande von Wahl zu Wahl scheinbar immer schlimmer wird, amüsiert und es von innen heraus infiltriert. So aber hat man das Gefühl die ganze Zeit bei einem Klassentreffen zu sitzen, bei dem sich alle mal übereinander lustig machen, aber nie jemand Grund hat, sich wirklich zu ärgern. Und das ärgert wiederum mich. Da ist jeder Schlämmer-Auftritt, den man bei YouTube finden kann, deutlich lustiger. Dabei hat doch alles gestimmt. Selbst die Idee, Schlämmer als Kanzlerkandidat antreten zu lassen, ist genial. Aber wenn man dann nix draus macht, dann nützt auch die beste Idee nix. Das tut mir wirklich und aufrichtig leid. Der Film ist so deutsch, im schlechtesten Sinne und will so sehr nicht anecken, das davon wirklich nicht viel bei mir hängen bleiben wird. Wirklich superschade. Guck ich doch lieber nochmal “Didi- Der Experte”. Denn: Wir müssen die Schrauben anziehen!

Kerkeling wird sich wohl jetzt erstmal zurückziehen und auch Schlämmer erstmal ruhen lassen. Ich gönne es ihm, ich gönne ihm auch den momentanen Erfolg. Aber nächstes Mal auch gerne mit mehr Sorgfalt.

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  • http://www.fuenf-filmfreunde.de Batzman

    An Hallervordens “Experte” musste ich bei den lahmen Clips aus “isch kandidiere” auch immer denken. Im Direktvergleich ist das wohl trotz platter Alegorie noch immer der politischere und treffendere Film.

    Juhnkes “Der Papagei” ist auch immer noch einen Blick wert.

  • http://twitter.com/stefun SteFUN

    Schlämmer suxxx! Falsche Zähne und Dialekt waren vor 20 Jahren mal ganz kurz witzig. Noch schlimmer ist es nur noch sich als Frau zu verkleiden, aber das macht er ja zum Glück noch nicht…NOT!

    Schade, dass Kerkeling vor einigen Jahren seine Seele an RTL verkauft und sich sein Niveau dementsprechend angepasst hat. Aber die RTL-Gucker und Bild-Leser (die Schnittmenge wird hier wohl ~80% liegen) wollen ja auch mal lachen.

  • Hank

    Ich stimme der Kritik zu. Nur: wenn man Sorgfalt einfordert, sollte man das auch von sich selbst einfordern. Wenigstens einmal den Text auf Tippfehler überprüfen.

  • http://www.calibanblog.de caliban

    Gut gebrüllt Löwe…
    Mir gings in dem Film ähnlich. Obwohl ich viel gelacht habe, blieb er an manchen Ecken einfach zu blass, zu lahm, zu unentschlossen.

    Und um beim Bild zu bleiben: Lasst mich den Löwen auch noch spielen…
    Das fand ich wirklich albern. Kerkeling als Merkel und Ulla Schmidt…
    Och bitte!

    Irgendwie ist Kerkeling für mich immer großartig gewesen (außer dieses Eso-Buch…). Aber hier ist es irgendwie zu viel und doch zu wenig.

  • Tino

    Danke Hank, herrlich sinnloser Beitrag…

    zur Review:

    Ich hatte mir wesentlich mehr von dieser Idee erhofft, erwartet habe ich allerdings genau das. Eine “Politsatire” die keine ist und für mich nicht über das Niveau einer RTL Eigenproduktion hinauskommt.

    Ich hoffe, dass möglicherweise “Die Partei” hier wesentlich mehr zu bieten hat. Den Trailer fand ich vielversprechend.

  • http://www.ringvernichterskessel.blogspot.com ringvernichter

    Herr Kerkeling hat durch “Kein Pardon” einige Steine auf meinem Brett, aber langsam gehen mir seine RTL-Charaktere auf den Keks.

    Aber Simon Goosejohann würde ich ja eigentlich gerne im Kino bestaunen. Hat großes Potential für mich.

  • matze

    Nee, der war schlecht, zu lang und kein richtiges Buch. Humor für RTL-Zuschauer eben, die es noch witzig finden, wenn als Running Gag der Protagonist dauernd bei Ein- und Ausparken andere Leute anrammt.

  • wortwelt

    Das mit dem verschenkten Potenzial ist der zentrale Satz.

    Meine Güte, hätte man aus der Talkshowszene viel MEHR machen können! Der Film ist fürchterlich durchwachsen, leider…

    Die Bushido-Szene ist wirklich noch das Beste.

  • fridge

    Ich sag nur Herpeshumor! Und dafür Sonntagabend den vollen Preis bezahlt und Montag die Basterds für die Hälfte gesehen. Da würd ich gerne nochmal die Eintrittspreise tauschen, dann hätts gepasst. Der gute Teil des Films endet, als Schlämmer aus der Haustür tritt.

  • Paul Jesinghaus

    Seht ihr für so dumm hält der Schlämmer uns das Volk, sonst hätte er uns so etwas nicht vorgesetzt. Wir dachten, der hält die Politiker vernarren, nein weit gefehlt. Schlämmer als Till Eulenspiegel hat uns den Spiegel vorgehalten!

  • GunGrave

    Herrliche Unterhaltung! Harpe hats drauf! “Hi, ich bin da K-ONE”… ach ja – Hi… und ich bin HETERO! ^_^

  • Totti

    Also Harpe kann machen was er will, er ist in meiner Generation (ich bin 40 ) einfach der Beste. Auch dieser Film war wieder einmal der Brüller. Ist wirklich selten, das ich in einem Film mal einen Lachanfall bekomme und bei diesem gleich ein Dutzend. Danke Harpe für diesen schönen Abend ..

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    The Sun: Thor - Apollo
    The Magician: Tony - Mercury
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    Holy … I don’t even do tarot and I want this deck.

    06/22/14