Taking Woodstock (Review)

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“Back in the barn!”

Originaltitel: Taking Woodstock
Herstellungsland: USA 2009
Regie: Ang Lee
Darsteller: Demetri Martin, Jonathan Groff, Liev Schreiber, Jeffrey Dean Morgan, Emile Hirsch, Kelli Garner, Paul Dano, Eugene Levy, Dan Fogler, Imelda Staunton

★★★★☆ Batzman
★★★½☆ Jet Strajker
(Review gibt’s hier)

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1969: Durch Zufall erfährt der leicht verklemmte Elliot (Demetri Martin), der widerwillig im Kaff Bethel um das Überleben des Motels seiner Eltern kämpft, dass die Veranstalter des Woodstock-Festivals nach einem neuen Ort für das Konzert suchen müssen, nachdem man an der vorgesehenen Location keine Hippies haben möchte.
Als Vorsitzender der örtlichen Handelsvereinigung sieht er seine Chance, das Konzert nach Bethel zu holen und so auch das Motel seiner Eltern zu retten. Der Plan geht auf, doch Elliot realisiert erst als nach und nach, auf was er sich da eingelassen hat, denn die Veranstaltung droht allen Beteiligten über den Kopf zu wachsen und obendrein muß Elliot auch mit sich selbst, seiner zänkischen Mutter (Imelda Staunton) und seinem Privatleben ins Reine kommen…

Ang Lee liefert mit “Taking Woodstock” ein unglaublich relaxten Fluff-Film ab, der zu keinem Zeitpunkzt wirklich mehr will, als die Idee von Woodstock, die nostalgische Traumblase und die besondere Stimmung der späten 60er Jahre, der Friendsbewegung und der Hippies zu erinnern. Und wie jede nostalgische Reminiszenz, so ist auch hier viel Verklärung und wohl ein guter Schuß Idealisierung dabei.

Was absolut egal ist, denn Lee gibt nie vor eine kritische Aufarbeitung liefern zu wollen oder gänzliche neue Sichtweisen eröffnen zu wollen. Er ist Kurator einer Idee von Woodstock, deren Ideale durchaus erinnernswert sind.
Taking Woodstock funktioniert als das was er ist und sein will, als leichte sehr liebenswerte Komödie, die gekonnt mit einem historischen Event und der leicht verschobenen Perspektive darauf spielt und nebenbei eine fast wahre Geschichte über die Organisatoren und die kleine Stadt Bethel erzählt, die durch die Invasion von einer halben Million Hippies dauerhaft verändert wurde und ihren Platz in den Geschichtsbüchern fand.

Taking Woodstock ist – obwohl er keine einzige Szene aus der legendären Dokumentation verwendet – das ideale Companion-Piece zu dieser, bedient sich in Bildsprache und Look sehr bewusst derer Stilmittel und macht sich einen Spaß daraus, bekannte Szenen der Doku im Hintergrund der Handlung ablaufen zu lassen. Es verblüfft wie aufwendig Lee hier mit einem eher übersichtlichen 30 Mio Budget die gesamte Größe dieses Events nachstellt. Wo die Dokumentation die Musik zeigte und ab und zu Ausflüge zu den Festivalbesuchern und der Publikumsmenge unternimmt, erzählt Ang Lees Film die andere Seite – die Seite der Fans und Orgas, derjenigen die mit der immensen Logistik dieses Unternehmens und den Widerständen der konservativer gesonnenen Bewohner Bethels zu kämpfen haben. Und natürlich von Elliot Teichberg, der – obwohl schon über 30 – hier sein Coming of Age und Coming Out erlebt, sich von seinen Eltern und grade der (von Imelda Staunton hassenswert liebenswert gespielten) Mutter zu emanzipieren beginnt.

Doch auch wenn es dramatische Szenen gibt, verliert der Film nie seine unglaubliche laid-back-Attitüde. So wie der Veranstalter Michael Lang jede Komplikation weglächelt – und die schmutzigen und unerfreulichen Aufgaben seinen Anwälten und Investoren überlässt – so scheint auch der Film sein Hippie-Mantra “Far out!” verinnerlicht zu haben und sieht alles immer mit einer guten Portion Humor.

Dabei helfen die Darsteller, die – auch wenn sie mit einer Karikatur kokettieren – es immer schaffen glaubwürdige, lebendige Figuren zum Leben zu erwecken. Sei es Demetri Martin, bisher eher als TV-Comedian bekannt, der den leicht spießigen Elliot gekonnt zum Leben erweckt, sei es Henry Goodman als Elliots langsam auftauender Vater, Emile Hirsch als Vietnam-Trauma geplagter Kriegsheimkehrer, Jonathan Groff als Berufshippie und Woodstock-Mastermind Michael Langdon (der sehr subtil die wenigen Momente anzudeuten weiß, in denen Mr. Cool angezickt reagiert), Mamie Gummer als dessen sarkastisch-klarsichtige rechte Hand Tisha oder Liev Schreiber – Mr. Fucking Sabretooth – als Transsexuelle Vilma, der eine sehr warmherzige, witzige und vielschichtige Performance abliefert. Selbst in Nebenrollen sind Leute wie Paul Dano (“There will be blood, Little Miss Sunshine, L.I.E.) zu sehen, die genau wie hunderte von Komparsen dazu beitragen, ein “gefühlt authentisches” Woodstock-Feeling zu kreieren. Und das obwohl die Bühnenshow nie wirklich zu sehen ist und nur aus der Entfernung den Film beherrscht. Ang Lee setzt vorraus, das gewisse Bilder popkulturelles Allgemeingut sind und der Zuschauer im Kopf die Konzertszenen ergänzen kann, die durch die Dokumentation zur Bildikonographie der 60er Jahre wurden.

Das Woodstock-Legende ist, wird hier nicht belegt oder hinterfragt, es wird vorausgesetzt und damit gespielt. Die zynische Realität wird auf Abstand gehalten und blitzt hier und da mal auf, wenn es ums Geld, um Anwälte geht oder auch in der Referenz auf das berüchtigte Altamont Festival im Dezember 1969, bei dem Michael Lang ebenfalls dabei war und das vor allem durch seine Todesfälle, Morde und die als Sicherheitscrew engagierten Hells Angels für Furore sorgte und nur vier Monate nach Woodstock als symbolisches Ende der Hippie-Ära in die Geschichte eingehen sollte.

Doch die ganz große böse Welt, das tatsächliche Grauen des Vietnamkrieges und die politische Verzweiflung die eine Generation in den Protest trieb, sind hier nur Wiederhall in Ang Lees Hymne die daran erinnert was, von der Hippie-Zeit als erinnernswert gilt: Das friedliche Miteinander, der Respekt für- und voreinander, die Liebe und die Musik und der von jedem Junkie-Horror entfernte Genuß von Drogen, als Mittel der Bewußtseinserweiterung und Entspannung. Taking Woodstock zeigt ungewöhnlich positive Drogenerfahrungen und verklärt LSD und Kiffen so geschickt, dass es schwer fällt sich im Kino nicht auch einen Joint zu wünschen um die Extase aus Form, Farbe, Geborgenheit und Einigkeit noch intensiver zu erleben.

Da macht es nichts, das der Film eher plätschert als treibt, der Spannungsbogen nie wirklich angezogen wird, die Figuren nicht durchanalysiert werden und und die Atmosphäre wichtiger ist, als die Auflösung. Wenn das Festival vorbei ist und aus der Wiese ein Haufen Schlamm und Müll geworden ist, bleibt ein kuschlig-warmes Gefühl zurück, eine nostalgische Erinnerung an eine Zeit die vielleicht nicht genau so war – aber genauso gewesen sein sollte. Wie bei Woodstock selbst gilt auch hier keine kleinliche Kosten-Nutzen-Rechnung, sondern nur der Gesamteindruck, der besagt: Es war es wert.

Far Out, man.

+++

Und wo wir grade dabei sind: Wer von euch hat noch nicht den HIPPIE-TEST gemacht, den ich gebastelt habe?

In : Review

About the author

Batzman (Oliver Lysiak)
Oliver “Batz” Lysiak studierte Mediensoziologie und arbeitete als Redakteur für NDR, RTL, Pro7, wo er lernte, dass “die Zuschauer Ironie nicht verstehen”. Seit 2006 betreibt er, zusammen mit vier anderen Cinemaniacs, das erfolgreiche Filmblog “Die Fünf Filmfreunde” und arbeitet als “Creative Director” und Filmjournalist bei Deutschlands größter Filmwebsite moviepilot.de. Er mag Wombats, Katzen und Leute die im Kino die Klappe halten und träumt davon, irgendwann von Stephen Fry adoptiert zu werden.

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  • http://blog.fsonline.de Hazamel

    Vielleicht liegts an mir, aber trotz des plätschernden Films, hatte ich oft das Gefühl einfach in der Luft zu hängen was die Charaktere angeht. Besonders übel aufgefallen ist mir das bei Mutter ziemlich am Ende des Films.

    Ich hätte mir öfter gewünscht, dass vielleicht ein bisschen mehr auf die Charaktere eingegangen wird statt dass sie nur so oberflächlich gestreift werden.

  • DrJonezzz

    Die Mutter – und auch den Vater – fand ich großartig und sehr fein und subversiv erzählt. Ein so großes Ereignis – und doch eine so kleine Geschichte.
    Hat mir sehr gefallen!
    4 Sterne sind genau richtig

  • http://www.fuenf-filmfreunde.de Batzman

    @Hazamel

    Ich fand die Charaktere der Eltern eigentlich sehr schön dargestellt, weil man aus den wenigen Andeutungen doch ein ganz gutes Bild zusammenbauen kann. Wenn man sich anhört wie die Mutter redet, wie sie auch in der Bank argumentiert, kann man auch ihre letzten Szenen und ihr “ich hatte Angst” in Kontext setzen. Natürlich sind das alles keine Charakterstudien, aber da der Film im wesentlichen die Sichtweise Elliots zeigen, der im Laufe des Films seine Wandlung durchmacht, find ich den Raum den sie bekommen haben schon in Ordnung…

  • Tino

    Deine Review macht mich neugierig, freu mich schon den Film im Kino zu sehen. Hatte gehofft, dass er das Festival von der leichten Seite beschreibt ohne allzu sehr auf die Schwere sonstiger Einflüsse der damaligen Zeit einzugehen.

  • Mozzerino

    Hört sich doch ganz gut an, ich denke den Film werde ich mir ansehen.

    Mich würde ja nur mal interessieren wie Demetri Martin dazu kommt auf einmal die Hauptrolle in einem Ang Lee-Film zu spielen. Der Typ ist ja eigentlich überhaupt kein Schauspieler, sondern eher Stand-Up Comedian.
    Ich habe den mal getroffen, in New York auf einem Stand-Up Gig, wo das Publikum aus vielleicht knapp 40 Leuten bestand. Machte einen recht netten Eindruck.

  • http://www.tagesgeldkonto.de Sabine

    Da war was los in Woodstock, ich war aber leider nicht dabei. Wenn die Woodstock-Atmosphäre im Film gut rüberkommt, schau ich mir den bestimmt an.

  • freeminder

    Spoiler
    Am Ende sprechen Elliot und Michael über ein nächstes Festival, auf dem die Stones auftauchen sollen. Da ich mir gestern nach dem Kino, aufgrund einer spontanen Fressattacke, den Margen verdorben hatte und die ganze Nacht höllische Schmerzen litt, ist mir der Dialog größtenteils entfallen. Sonst würde ich selber recherschieren. Was war das nochmal für ein Festival und ist da nicht irgend etwas schlimmes passiert?

  • http://www.fuenf-filmfreunde.de Batzman

    @freeminder

    Steht im Review drin, da wird das Altamont Konzert unter Führung der Stones erwähnt bei dem es Todesfälle, Randale und einen Mord gab. :)

  • Binding

    Eine Lieblingsszene des Jahres habe ich jetzt schon mal: Die LSD-Sequenz im VW-Bus mit dem anschließenden Nacht-Blick vom Berg auf die erleuchtete Festivalbühne, die wie eine kosmische Ursuppe wabert. Und Liev Schreiber ist sowas von klasse. Die Oscar-Nominierungen werden an diesem Film sicher nicht vorbeigehen …

  • Pingback: Links (4. September 2009 - 7. September 2009) | Testspiel.de

  • Pingback: Grandios: Die besten Filme 2009 | Die Fünf Filmfreunde

  • http://aveknockblog.blogspot.com Ave

    Ich fand den Film echt schlecht. Das erste Viertel war ok, und ab dann gings steil bergab (okay, am Ende gibts Lichtblicke) aber mich konnten die Bilder einfach nicht unterhalten. Klar, die Dialoge waren gut, aber es gab so wenige davon..

  • http://www.musicaldvd.org John

    Fand den Film gut aber nicht sehr gut – ein wenig zu idealistisch, aber stand ja auch schon in deiner review, aber irgendwie hatte ich etwas mehr erwartet

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