“Will you keep out all the sadness?”
Originaltitel: Where the Wild Things Are
Herstellungsland: USA 2009
Buch und Regie: Spike Jonze
Darsteller: Catherine Keener, Max Records, Paul Dano, Forest Withacker, James Gandolfini, Chris Cooper, Cathrine O’Hara, Mark Ruffalo, Lauren Ambrose









Mal Sehen
Der kleine Max (Max Records) reißt nach einem Tag, an dem er sich von seiner ganzen Familie missverstanden fühlt, von Zuhause aus.
Mit einem Segelboot landet er auf einer merkwürdigen Insel, die von Monstern bewohnt wird. Dank schierer Chuzpe gelingt es Max, die Monster davon zu überzeugen, ihn nicht zu fressen, sondern als ihren neuen König zu akzeptieren. Besonders mit dem Monster Carol (gesprochen von James Gandolfini) freundet er sich an.
Zunächst scheint für den Jungen ein Traum wahr zu werden, aber bald merkt er, dass sein Job alles andere als einfach ist…
Spike Jonze hat es wohl tatsächlich geschafft einen der depressivsten Filme dieses Jahres abzuliefern, der ziemlich konsequent alle Erwartungen unterläuft die das Publikum an einen aufwendig produzierten Kinderfilm stellt. Gegen “Where the wild things are” wirkt “Coraline” wie ein echter Happy-Go-Lucky Streifen.
Das spricht jedoch keineswegs gegen diese Kindheitsphantasie, die sich die große Aufgabe gestellt hat, aus einer quasi nicht vorhandenen Geschichte (Junge wird auf sein Zimmer geschickt, flieht in der Phantasie zu den wilden Kerlen, feiert mit ihnen, vermisst sein Zuhause und geht heim), die hauptsächlich von ihren inspirierten Zeichnungen lebte, einen abendfüllenden Spielfilm zu machen. Und Spike Jonze bleibt dabei interessanterweise sich selbst genauso treu, wie dem Autor Maurice Sedak, dessen Buch hier wie in den USA ein Kinderbuch-Klassiker ist, den Erwachsene mindestens ebenso gern lesen wie ihre Kids.
Jonze nimmt fast den kompletten Film über, die sehr egoistische, eigensinnige Perspektive seines jungen Hauptdarstellers ein, der sich von der Welt unverstanden, ignoriert, misshandelt und vernachlässigt fühlt. Max, der vom jungen Max Records mit beeindruckender Präsenz und Entwicklungsfähigkeit gespielt wird, ist kein leicht zu liebendes Kind. Seine Trauer und Einsamkeit haben reale Gründe, doch seine Reaktionen darauf sind typisch kindliche Überreaktionen. Seine frustrierten Wutausbrüche würden hierzulande sicher die Super-Nanny auf den Plan rufen.
Es verwundert nicht, dass die Monster die er dann auf der Insel trifft, noch viel gestörter sind als er selbst. Ein wenig erinnert deren Vorstellung an den Anfang von “Einer flog über das Kuckucksnest”, denn jedes dieser Borderline-Fellviecher im Vergnügungspark-Maskottchen-Look, hat seine eigenen Probleme. Die allgemeine Stimmung im Monstercamp ist von depressiver Gemütlichkeit geprägt.
Die erste Frage, die ihm das aggressivste und unkontrollierteste, aber auch am verloren wirkenste Monster namens Carol stellt ist – nachdem Max sich zum König gemacht hat – folgerichtig auch: “Wirst du die Traurigkeit fernhalten?”.
Denn Traurigkeit gibt es mehr als genug. Carol kommt mit den anderen nicht klar und ist unglücklich in die ebenso kontaktgestörte KW verliebt, der eigenbrötlerische Bulle sagt gar nichts, Ira und Judith wirken wie alterndes Hippie-Pärchen, das nicht ganz verwunden hat, das die 60er vorbei sind und der riesige Ziegenbock Alexander wird von niemandem wirklich wahrgenommen.
Die Monster ähneln der Buchvorlage dabei verblüffend, was Vor- und Nachteile hat. Sie haben den richtigen Look und zusammen mit Max in seinem Wolfskostüm kommen sie den Zeichnungen sehr nahe. Allerdings dauert es auch etwas, bis man sich an diese Figuren gewöhnt hat, die mit ihren Kugelköpfen durchaus an Menschen im Kostüm erinnern und deren Brutalität, Rabiatheit und Härte zunächst irritierend wirkt. Die gelungenen digital animierten Gesichter, die realistisch, raue und unpolierte Optik des Films helfen aber bald, die Figuren als eigene Lebewesen wahrzunehmen, auch wenn immer eine gewisse Distanz spürbar bleibt.
Die liegt aber nicht so sehr im Look, sondern den Charakteren begründet, die sich oftmals tatsächlich erschreckend benehmen und in jeder Szene, selbst wenn sie Spaß haben leicht melancholisch wirken. Jonze Welt hat keinen Platz für ungetrübte Fröhlichkeit, ob Herumraufen im Wald, ein Dünenspaziergang oder der eingesprungene Schlafhaufen den die Monster alle zusammen bilden, immer schwingt ein Gefühl der Bedrohung mit. Insbesondere Carol geriert sich als Soziopath der von einer Sekunde auf die andere agressiv wird und dann schon mal Löcher in die Wand schlägt.
Wenn Max anregt Krieg zu spielen, dann hat schon die Auswahl der Mannschaft den unguten Beigeschmack, den viele noch aus dem Sportunterricht kennen, wenn man Angst hat in die unpopuläre Gruppe gewählt zu werden. Der Krieg mit Erdklumpen ist eine harsche, bösartig und keineswegs spaßige Angelegenheit, die natürlich nicht gut endet.
Immer wieder wird Max mit dem extremen Verhalten der verschiedenen Monster konfrontiert, die natürlich Facetten seiner selbst widerspiegeln und ihm vor Augen führen, wie anstrengend sein eigenes Verhalten oft auf andere wirkt.
Diese Geschichte ist natürlich schon von anderen erzählt worden, doch noch nie so unsagbar traurig und konsequent in Moll (die Musik von Karen O und Carter Burwell unterstützt die Stimmung, die bisweilen in teenagerhaften Weltschmerz umschlägt). Vom ersten Moment, wenn wir Max sehen, der in einem in Heimvideooptik gefilmten Intro wie ein Berserker durchs Haus rast, das Monster spielt, spuckt und knurrt und den Hund herumschüttelt, verweigert sich dieser Film der üblichen Leichtigkeit mit der solche Parallelweltstories normalerweise inszeniert werden. Die Zerstörung von Max Iglu durch die Freunde seiner Schwester, sein zutiefst verletzter Gesichtsausdruck, die Zurückweisung durch die Mutter, die just an jenem Abend keine Zeit für ihn hat, weil ihr neuer Freund zu Besuch ist – das alles wird mit grimmigem Ernst inszeniert. So konsequent, wie Kinder alles todernst nehmen, für die eine Zurückweisung für den Moment tatsächlich das Ende der Welt bedeutet.
Die Insel ist kein eskapistischer Märchenort wie Nimmerland, die Monster sind keine Lost Boys. Die Welt dort ist hart und harsch und Abenteuer sind gefährlich und keine aufregende Achterbahnfahrt. Max ist mehr als einmal in Lebensgefahr, wenn man es realistisch betrachtet und dabei ist der Moment in dem er sich im Schlund eines Monsters versteckt noch einer der harmloseren Momente. Selten ist mit einem kindlichen Protagonisten so unsentimental umgegangen worden wie hier.
Was dem Film fehlt ist eine große Story, eine klassische Dramaturgie. Max Insel-Abenteuer bleiben fragmentarische Episoden, ohne narrativen Drive. Genau genommen passiert wenig und das was passiert ist eher, typisch kindlich, impulsiv. Herumrennen, springen, Dinge kaputt machen, schlafen. Der Film lebt tatsächlich mehr über die Stimmung und die Figuren, als über die spärliche Handlung, die ohne klassische Questen und andere Thrillmomente auskommt. Es ist eher das Psychogram einer Therapiegruppe, die versucht miteinander klar zu kommen. Klare Schuldzuweisungen fehlen genauso, wie klare Botschaften.
Fraglich ist, ob Kinder einen Zugang zu dieser Sichtweise finden, die letztlich ein erwachsener und sehr analytischer Blick auf die Kindheit und kindliches Verhalten ist. Ob Kinder sich nicht idealisierter sehen wollen, so wie sie es gelernt haben. Max Records wirkt sehr alt am Ende, wenn nach seinen Abenteuern den Monstern den Rücken kehrt und sich für sein Zuhause, für das Erwachsenwerden und die Weiterentwicklung entscheidet. Wenn der Monster und damit auch einen Teil seiner Kindheit zurücklässt. Spike Jonze liebt seine Monster und all ihre Neurosen und Ängste.
Doch irgendwann muß jeder runter von der Couch und lernen sich dem Leben zu stellen.
Bis dahin sind die Wilden Kerle aber alle mal einen Besuch wert.
Mal Sehen meint: Das ist jetzt tatsächlich das erste Mal, dass ich ernsthaft fünf Sterne für einen Film gebe. Jahrelang habe ich SLC Punk als Maßstab genommen. Ab heute führt ein neuer Film meine Top 10 an.
Batzman hat eigentlich alles gesagt, was man wissen muss, aber eines sollte nochmal betont werden: Ich würde keine Eltern raten mit ihren Kindern in diesen Film zu gehen. Die kleinen Würmer um mich herum langweilten sich zum Teil, oder versteckten sich hinter die Sitze. Ich glaube der Trailer hat bei vielen Eltern wohlmöglich einen falschen Eindruck erweckt. Während meien Kleine fest davon überzeugt ist, dass es absolut nichts für Kinder unter 16 ist, würde ich sagen, dass eine Altersfreigabe ab 12 ok wäre. Darunter auf keinen Fall.
Ich habe mich übrigens so sehr auf den Film gefreut, dass ich sogar eine kleine Sünde begangen habe: In einer kleinen Buchhandlung bin ich über das “Buch zum Film zum Buch” gestoßen. Normalerweise widern mich solche Bücher an, aber als ich sah, dass niemand geringeres, als Dave Eggers verantwortlich für die Geschichte ist, griff ich zu. Im Grunde ist es eigentlich auch nicht so wirklich das Buch zum Film, sondern das Buch, das irgendwie vor dem Film da war, was beides zusammen von dem Bilderbuch inspiriert wurde. Soweit klar? (Bei den wilden Kerlen: Roman: Nach dem Kinderbuch )
Im Grunde ist es egal, ob man sich das Buch vor dem Film oder danach holt. Für jeden Freund der Wilden Kerle ist das Buch aufjedenfall Pflicht. Obwohl das Buch ausführlicher ist, als der Film (was sich ja von selber versteht), bleibt der Eindruck hängen, dass zwischen dem Buch und dem Film eine Entwicklung in Richtung Film stattgefunden hat. Ich wurde beim Lesen den Eindruck nicht los, dass Eggers noch nicht fertig war. Vielleicht wurde der Eindruck auch nur erweckt, weil es immerhin ein Buch zum Film ist und man das Gefühl nicht los wurde, dass sich das Buch an dem Film entlang hangeln musste. So ist es aber definitiv nicht. Stattdessen hat man das Gefühl, dass Eggers seine eigene Geschichte schrieb und sie mit Spike Jonze und Maurice Sendak absprach. Ein paar Ereignisse sind (natürlich) aus dem Film gestrichen worden, aber Alexander hat zum Beispiel eine interessante Metamorphose durchgemacht. Im Buch noch gemeiner und misstraurischer, als Judith, verkörpert Alexander im Film die Person, die ständig überhört wird.
ACHTUNG, SPOILER VORAUS!
Teilweise hat man das Gefühl, dass der Film die stellenweise Brutalität aus dem Buch abfangen wollte, was aber nur bedingt gelungen ist. Der abgerissene Arm von Douglas erschrak mich aber dann doch, denn immerhin saß neben mir ein höchstens vier Jahre altes Mädchen und neben der Kleinen versteckte sich eine Zehnjährige. Als der Schreck nachließ, konnte ich mir ein schadenfrohes Grinsen in Richtung der Eltern nicht verkniefen. Dieser Film war für mich gemacht und nicht für kleine Hosenscheißer!
Fazit: Wer diesen Film verpasst oder gar doof findet, kneift auch Baby-Hasen in die Hoden.
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- Dezember 17th, 2009 •
- 22 Kommentare
- Schlagwörter: Fantasy, Review, Spike Jonze, Where The Wild Things Are










































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