“Don’t believe everything you read. Especially The Mirror.”
Originaltitel: Imaginarium of Doctor Parnassus, The
Herstellungsland: Frankreich, UK, Kanada 2009
Regie: Terry Gilliam
Drehbuch: Terry Gilliam & Charles McKeown
Darsteller: Christopher Plummer, Heath Ledger, Lily Cole, Andrew Garfield, Johnny Depp, Colin Farrell, Jude Law, Tom Waits, Verne Troyer





Der uralte Schausteller Doktor Parnassus (Christopher Plummer) vollführt mit seiner fahrenden Truppe, bestehend aus seiner Tochter Valentina (Lily Cole), dem kleinwüchsigen Percy (Verne Troyer) und dem Jungen Anton (Andrew Garfield), eine gar wundersame Zaubershow.
Für einen kleinen Preis darf eine Person aus dem Publikum durch den Zauber-Spiegel hindurch in das Imaginarium eintreten und dort eine magische Welt erleben, die für jede Person anders aussieht.
Doch nicht alles ist so harmlos wie es ausschaut. Denn der zwielichtige Mr. Nick (Tom Waits) drängt Parnassus zu einer weiteren Wette. Als schließlich der kurz vor dem Erhängen gerettete Tony (Heath Ledger, Collin Fareel, Jude Law, Johnny Depp) zu der Truppe stößt spitzen sich die Dinge zu und ein Verwirrspiel um Lug und Trug, Wirklichkeit und Phantasmagorie beginnt…
Es fällt schwer die widrigen Produktionsbedingungen für einen Moment zu ignorieren, denn wieder einmal war Gilliam mit einem gewaltigen Problem konfrontiert, das die Fertigstellung dieses Films kurzfristig zu verhindern drohte. Es hat ja beinah Tradition. Wenn er sich nicht mit den Produzenten überwirft, Unwetter den Dreh verhindern oder ihm sein eigenes Ego ein Bein stellt, muss ihm einer der Darsteller wegsterben – dummerweise auch noch das Zugpferd das ihm überhaupt erst die Produktion ermöglicht hat.
Doch wie sein Alter Ego Münchhausen, hat sich Gilliam wieder einmal – mit Hilfe vieler Freunde – am eigenen Haar aus dem Sumpf gezogen und einen Film abgeliefert, dessen Trick mit den drei verschiedenen Schauspielern, die den verstorbenen Heath Ledger ersetzen, nie als Hilfslösung auffallen würde, wüsste man nicht um die Ereignisse die dazu führten.
Das ist Gleichzeitig Kompliment wie Kritik, denn Parnassus ist, wie oft bei Gilliam ein an Phantasie überbordender Film, dessen dramaturgische Zügel mehrfach zu entgleiten drohen. Es dauert bis die Geschichte in Gang kommt, bis sich dieses Ensemblestück rund um Christopher Plummer als den titelgebenden Doktor erschließt. Nicht zuletzt gilt es für all jene Zuschauer, die nur kamen um die letzte Arbeit des posthum zum Genie ausgerufenen Ledger zu sehen, zu begreifen, das Ledger hier keineswegs die Hauptrolle und noch viel weniger ein sympathischer Charakter ist.
Noch wird diese Rolle, so gut er sie auch spielt, als seine letzte Meisterleistung in Erinnerung bleiben, denn diese Ehre gebührt weiter seinem Joker aus “The Dark Knight”. Hier fügt sich Ledger brav ins Ensemble und spielt seinen Part, den zwielichtigen Tony mit Unterstützung der für ihn eingesprungenen Kollegen Depp, Law und Farrell mit angenehmer Zurückhaltung und unterschwelliger Ambivalenz (zum Glück erteilte Gilliam Tom Cruise eine Absage, der unbedingt auch als Ledger-Ersatz auftreten wollte – eine gruselige Vorstellung).
Depp channelt, obwohl er nur einen Drehtag hatte, die Persönlichkeit Ledgers dabei am Besten und würzt sie dann so langsam mit seinen eigenen Manierismen, das diese erste Verwandlung ohne jeden Bombast und fast selbstverständlich geschieht. Das Notbesetzung insgesamt nie unangenehm auffällt, ja im Kontext der Geschichte sogar plausibel wirkt, das Tony bei jedem Gang durch den Spiegel die Erscheinung wechselt, ist dem engagierten Spiel aller Darsteller, aber auch Gilliams verschrobener Regie zu verdanken, der das ursprüngliche reale Londoner-Setting immer mehr in eine mythisch, verschobene Welt abgleiten lässt in der selbst normale Dinge wie Einkaufszentren und die Londoner Skyline surreal überhöht wirken.
Das ist typisch Gilliam und erinnert an “König der Fischer” oder “Fear and Loathing in Las Vegas”, mit einer guten Portion “Münchhausen”, “Time Bandits” und selbst “Monty Python” findet sich als optisches Zitat wieder, wenn Tony plötzlich in einem knuffigen Paradies landet, dessen Bäume und Hügel aussehen wie einem von Gilliams frühen Cartoons des fliegenden Zirkus entsprungen. Da passt es dann auch, wenn unvermutet tanzende Polizisten im Minirock und explodierende russische Mütterchen auftauchen. Wäre nicht der bisweilen arg digitale Look, der immer wieder etwas mit den Miniaturen und wunderschönen schrabbelig-kollossalen Studiosets kollidiert, gäbe es optisch gar nichts zu bemängeln.
Schwieriger wird es da schon bei der Geschichte, die immer mal wieder Durchhänger hat und sich nie so recht auf eine Figur fokussieren mag. Etwas blass und funktionell bleibt Valentina, die eher Objekt der Handlung als wirklich greifbare Figur ist. Sie wechselt ihr Verhalten spontan, vom mädchenhaften Hüpfer zur schlagkräftigen Amazone, zur lasziven Verführerin – ohne das sich daraus am Ende ein völlig runder Charakter formt.
Anton – den der schon in der UK-Serie “Red Riding” und dem großartigen “Boy A” positiv aufgefallene Andrew Garfield spielt – ist noch am ehesten als Herz des Films anzusehen, denn seine Figur bleibt am konsistensten und reinsten in ihrer Liebe zu Valentina. Der Doktor selbst pendelt zwischen bemitleidenswert und ein wenig langweilig, er wirkt zu passiv und rollt eher mit den Wellen, als das er selbst die Segel setzt, den Kurs vorgibt. Ohne Verne Troyer, der hier mit Percy endlich mal wieder eine anständige Rolle bekommen hat, wäre er ziemlich verloren.
Wenn sich bisweilen der Eindruck einschleicht “this is a beautiful mess” ist das sicher nicht ganz von der Hand zu weisen. Gilliam schwelgt in Rückblenden, in aufwendigen Sets voller liebevoller Details, inspirierten optischen Ideen, von Riesenquallen bis zu Schlaraffenländern, endlosen Wüsten und abgewrackten Landschaften. Die Schwierigkeit das alles unter einen Hut zu bekommen wird an einigen Stellen spürbar, aber zum Ende hin nimmt der Film zum Glück noch einmal spürbar an Fahrt auf, die Story wird deutlicher, die Zusammenhänge klarer und Collin Farrell darf als letzte Inkarnation des Tony noch einmal seinen gesamten Charme aber auch gewalttätige Proletenhaftigkeit Gassi führen.
Über allem thront Tom Waits, der als teuflischer Mr. Nick einen Besetzungscoup darstellt und eine sehr unterhaltsame, vielschichtige Variante des Leibhaftigen abgibt. Seine genuschelten, ebenso ironischen wie verspielt-mitfühlenden Sätze beleben die Story dort, wo Plummers Rolle die Energie fehlt.
Das Imaginarium selbst bleibt ein rätselhafter Ort, halb psychedelischer Mind-Trip in die eigene Psyche, halb Wunderland carrol’scher Prägung – weniger intellektuell konstruiert, als Vehikel zur Erklärung der phantastischen Ausflüge die Gilliam im Sinn hatte. Wie in einem Gedicht – Parnassus gilt ja häufig als Heimstädte der Lyrik und Literatur – sind die Bilder hier eher traumhaft assoziativ, denn wirklich bis aufs Letzte durchdacht. Hinter den von vielen verschiedenen Künstlern beeinflussten Panels, steht die Idee der Welt als Narration, der Geschichte als lebendiges Wesen, das die Welt erschafft und beeinflusst. Nicht unähnlich dem Gedankenkonstrukt das u.a. auch Terry Pratchett in seinen Discworld-Romanen gerne entwirft, formt die Welt von Parnassus die Geschichten und die Geschichten formen die Welt.
In Interviews identifizierte sich Gilliam oft selbst mit Parnassus, als altem Geschichtenerzähler an dem die Welt vorbeigeht und ihr doch noch so viele altmodische Wunder zu eröffnen hätte, wenn sie ihm doch nur zuhören würde.
Zum Glück ist Gilliam nicht so passiv wie seine tattrige Titelfigur, mehr alt gewordener Junge als greiser Tingeltangel-Opa, schafft er das Wunder einen sehr persönlichen, fehlerhaften, undisziplinierten, liebenswerten und letztlich doch befriedigenden Film abzuliefern, dessen altmodische Leidenschaft und die (in Interviews von allen Beteiligten geäußerte) unbedingte Hingabe an Heath Ledger, hilft ihn dann doch zu mögen. Warzen und alles.
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And it’s memories, that I’m stealing…
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PS: Wer hat sich eigentlich diese sauhässlichen deutschen Poster ausgedacht, die den Film aussehen lassen wie “Der Polarexpress” oder sonen Schrott? Wollen Sie den Film wirklich krampfhaft als Love Story verkaufen?
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- Januar 8th, 2010 •
- 24 Kommentare
- Schlagwörter: Fantasy, Heath Ledger, Review, Terry Gilliam, The Imaginarium of Doctor Parnassus










































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