“Nimm in Einfachheit alles hin, was dir widerfährt.”
Originaltitel: A Serious Man
Herstellungsland: USA/GB/F 2009
Regie: Ethan Coen, Joel Coen
Darsteller: Michael Stuhlbarg, Simon Helberg, Richard Kind, Adam Arkin, George Wyner, Fyvush Finkel, Katherine Borowitz, Steve Park, Amy Landecker




Jet Strajker




Batzman
Mit jedem neuen Film bestätigt sich in der Regel meine Kritik am Œuvre der Brüder Joel und Ethan Coen, an deren immer wieder erstaunlichen Kenntnis darüber, wie Film und Filme funktionieren, und wie zwei so begabte Handwerker ihr Talent lediglich für ein selbstgefälliges Demonstrieren eben dieser Kenntnis bemühen. Die Filme der Coens, bei aller Raffinesse, kranken zu einem großen Teil am steten Ausstellen studierter Filmgeschichte und dramaturgischer Tricks, ohne dass sie ihre skurrilen, aberwitzigen, detaillierten Figuren für mehr als nur den immer wiederkehrenden Witz über sich selbst nutzen – ein Film der Gebrüder Coen darf nie Gefahr laufen, allzu ernst genommen zu werden. Und trotz der enormen Kino-Versiertheit der Regisseure, der zweifellos hervorragenden Filmemacher, ist es doch stets nur ein ganz bestimmtes Kino, das sie ehren, plündern, bedienen: Ein nerdiger Eintopf, der nie über den Tellerrand schwappt.
Doch die Coens haben ihre Kino- jetzt um eine Weltsicht ergänzt. Endlich. “A Serious Man” ist nicht nur ein persönlicher Coen-Film, der erste vermutlich, der persönlichste gleich obendrein, es ist auch ein zurückgeschraubter, vorsichtiger, verhaltener Film ohne besondere ostentative Effekte, ohne zwanghafte Flüchte ins Komische und ohne irgendwelchen Stars in den Haupt- oder Nebenrollen. Er erzählt eine autobiographisch eingefärbte Geschichte in einer jüdischen US-Siedlung in den späten 60er Jahren. Und die Coens haben, vor allem zwischen dem Text, endlich einmal etwas zu erzählen über Menschen, Lebensweisen, Anschauungen – ohne dass sie dabei auf die lieb gewonnenen Stilmittel verzichten müssten. Denn “A Serious Man” ist genauso brillant inszeniert, genauso gerissen geschrieben und auch genauso komisch-lakonisch wie die anderen besseren Arbeiten des Regiegespanns.
Besonders schön ist, dass es dem Film gelingt, die herkömmliche Coensche Filmsprache mit einer authentischen, anrührenden und liebevollen Geschichte zu vereinbaren. Diese dreht sich um Larry Gopnik, einen sympathischen Lehrer, Ehemann und Vater. Einen, es ist leider so, totalen Loser. Denn über Larry ist eine Pechwolke gezogen, die nicht mehr verschwinden möchte. Es beginnt mit Scheidung, es endet mit dem Tod. Vermutlich zumindest. So genau weiß man das nicht. Das ist auch nicht wichtig. Gemeinsam mit Larry erkundet der Zuschauer nämlich eine skurrile jüdische Subkultur, die nach Gesetzen (zweifellos überhöhter) Eigenheiten und bitterböser Absurditäten funktioniert. Eine in jiddisch gedrehte irrwitzige Exposition (die keine ist) veranschaulicht das gleich zu Beginn – hier gibt es einiges zu lernen. Vor allem über die Selbstironie der Coens, über die Sicht auf sich selbst, ihre Kultur, ihre Herkunft und ihre Erziehung.
Warum Larry, dem “Serious Man”, im Laufe der Handlung so konsequent viel Unheil widerfährt, das weiß man nicht. Das erfährt man auch nicht. Denn, hier dürfen die Coen-Brüder ganz die alten sein, spinnen sie Zusammenhänge nach der ihnen eigenen Logik: In freien Parallelmontagen erzeugen sie kuriose Spannungsverhältnisse, während sie die eigentliche Erzählung gern für ausschweifende Intermezzi verlassen. Das ergibt hier indes einen Gesamtsinn, denn man erfährt viel über die Figuren und die kleine seltsame Welt, in der dieser Film verortet ist. Das hat einen ganz eigenwilligen Charme und ist trotz seiner gelegentlichen Zähheit und Coen-typischen Humordialektik um einiges interessanter als die rein filmtechnischen Spielereien Marke “No Country for Old Men”.
Batzman meint:
Vielleicht ist es mit den Coens ein wenig wie mit der ehemaligen Lieblingsband, die man sich irgendwann einfach mal übergehört hat. Das bedeutet nicht unbedingt, das sie schlechter geworden ist, aber vielleicht das sie es nicht mehr so richtig schafft einen zu überraschen.
Die süffige, aber letztlich inhaltslose Fingerübung “Burn after reading” hat mich schon nicht mehr nachhaltig beeindrucken können und auch “A serious man” ließ mich eher ernüchtert zurück. Es bleibt skurril und auch wenn der allgegenwärtige Humor anderer Werke fehlt, bleibt die Distanz zu den Figuren gewahrt der alle Coen-Filme auszeichnet. Da hilft auch die vielfache Wiederholung nicht, dies sei ein sehr persönlicher Film, denn selbst wenn die Coens hier eigene Erfahrungen verarbeiten, bleiben diese seltsam fremd. Die Figuren sind keine liebevollen Karikaturen, sondern kalte Skizzen von Versagern und anderen Unsympathen. Larry Gopnik, der hier als moderner Hiob durch die Gegen irrt, ist niemand dessen Schicksal wirklich Anteil nehmen lässt. Ob ihn nur Hashem-Fluch ereilt, weil Gott sauer ist, wegen einer lange zurückliegenden Missetat von Larrys Vorfahren oder es einfach nur das alltägliche Leben ist, das ihn auf dem Kieker hat und alles immer schlimmer und schlimmer werden lässt: Who cares? Larrys erträgt alles, wehrt sich nie und mäandert durch den Film und irgendwie ging es mir mit dem Film, wie Larry mit der sinnlosen Geschichte um eine geheime Botschaft die ein Zahnarzt in einem Zahnabdruck entdeckt, die ihm einer der Rabbi erzählt: Warum erzählen Sie mir das?
Wenn Woody Allen auf Sinnsuche ging, tat er das auch mit Sprachwitz, schwarzem Humor und ironischer Distanz – aber gleichzeitig auch mit viel Zuneigung zu seinen filmischen Alter Egos. Die Sinnsuche Larrys lässt aber weder viel Mitgefühl noch wirkliches Interesse an ihm erkennen. Den Coens scheint alles Spielerei und Zurschaustellung ihrer Fertigkeiten zu sein und natürlich haben sie es filmisch drauf. Aber irgendwie bleibt diese Glaubenshaderei trotz allem seltsam leer und herzlos.
Und trotz des üblichen drögen Witz und der skurrillen Momente – irgendwie ist mir Larry dann doch zu egal, um mich wirklich für sein Leben zu interessieren.
Seriously.
- Jet Strajker •
- Januar 20th, 2010 •
- 24 Kommentare
- Schlagwörter: A Serious Man, Coen Brothers, Review









































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