Review

The Ghostwriter (Review)

Standard, 27. 2. 2010, Mal Sehen (Malcolm Bunge), 9 Kommentare

Vielen Dank an Fabian Soethof, verantwortlicher Redakteur des Vertical Networks Brash.de und Gast-Filmfreund, für dieses Review!

„It was on the internet!“

Originaltitel: The Ghostwriter
Herstellungsland: F/D/GB 2010
Regie: Roman Polanski
Darsteller: Pierce Brosnan, Ewan McGregor, Olivia Williams, Kim Catrall, James Belushi u.a.
[rating:3]

Man will sich die Genese von „Der Ghostwriter“, der nur eine Woche vorm offiziellen Kinostart auf der 60. Berlinale vorgestellt wurde und obendrein den Silbernen Bären für die Beste Regie einheimste, selbst so gemütlich und offensichtlich vorstellen: Da saßen einst Robert Harris, Bestseller-Autor, und Roman Polanski, Regisseurlegende, beim Tee und sponnen ein gemeinsames Projekt aus (mit Harris‘ „Pompeij“ hatte es bislang nicht geklappt). Der Eine: ein alter Kumpel des einstigen britischen Premierministers Tony Blair, mit dem er sich nach dessen überbordender USA-Hörigkeit zur Kriegspolitik in Nahost verworfen hatte; der Andere ein von den USA verfolgter Straftäter auf der Flucht, dem schon in seinem ersten Exil London die Auslieferung drohte. „Sie wollen in ein Land, in dem Menschenrechtskonventionen und Den Haag keine große Rolle spielen? Versuchen Sie Irak, China, Indonesien, oder manche Länder in Afrika!“, heißt es einmal in „The Ghostwriter“, Roman Polanskis Romanadaption von Robert Harris‘ „The Ghost“, gegenüber dem Tony Blair so ähnlichen Adam Lang (Pierce Brosnan). In Wahrheit aber ist, ganz wie im Film, natürlich alles anders als man denkt.

Robert Harris, Autor vom hochgradig fiktiven „Fatherland“ („Was wäre, wenn Hitler den Krieg gewonnen hätte?“), veröffentlichte seinen Roman „The Ghost“ tatsächlich nur wenige Monate nach Blairs letzter Amtszeit, im September 2007. Die Dreharbeiten zu „Der Ghostwriter“ aber fanden zwischen Januar und März 2009 statt, zu einer Zeit also, als Polanski noch nicht in seinem Ferienhäuschen in Gstaad festsaß und diese eigene Misere nicht hätte filmisch aufgreifen können, wie man bei „Der Ghostwriter“ meinen möchte: In seiner Ferienfestung auf der nahe Massachusetts gelegenen Atlantikinsel Martha’s Vineyard verschanzt sich der eigentlich politblasse britische Ex-Premier Adam Lang. Er wird beschuldigt, Folter veranlasst und somit internationale Menschenrechtskonventionen übergangen zu haben. Diese Presse tut ihm nicht gut und kommt doch sehr gelegen: Seine Memoiren sind bereits geschrieben und bedürfen nur noch einer Generalüberarbeitung. Eines Nachts wird sein Biograf leider tot an Land gespült und der namenlose und doch so smarte Allerwelts-Ghostwriter (blendend: Ewan McGregor) engagiert. Eine prestige- und finanzträchtige Auftragsarbeit – bis dieser „Ghost“ Unregelmäßigkeiten in Langs Biografie findet, die irgendwann in CIA-Verstrickungen auf hoher Ebene – Waffenlobby, Ölkrise, undsoweiter – münden.

Der Plot von „Der Ghostwriter“ allein würde für mehr als 90-minütige Samstagabendunterhaltung nicht reichen. Es ist vielmehr die immer am absurden kratzende Dramaturgie und die Art, wie Polanski McGregor und Brosnan inszeniert: Der Eine ein fähiger Auftragsschreiber, dem zum Durchbruch als „richtiger“ Schriftsteller schon immer der nötige Ehrgeiz und ein Quäntchen mehr Talent fehlte und der sich während seiner Nachforschungen am meisten über sich selbst wundert; der Andere ein schlagfertiger Politiker, der eigentlich gar keiner ist. Da treffen Biografien, Egos und Selbstzweifel aufeinander, da braucht es eine nur scheinbar labile Frau (in der heimlichen Hauptrolle: Olivia Williams als Ruth Lang), um dem Gefüge mächtig einzuheizen. Dazu untergekühlte und immer dunkle Bühnenbilder, gebaut und gedreht in den Filmstudios Potsdam-Babelsberg und auf der Nordseeinsel Sylt – fertig ist ein Verschwörungsthriller Marke Dan Brown, dessen Anspielungen im Plot auf die Regierung Blairs bisweilen an Plakativität grenzen und der trotzdem oder gerade deswegen bis zur letzten Sekunde spannend ist. Und einen Seitenhieb auf die Presse sparen sich Harris und Polanski, die trotz räumlicher, nun ja, Diskrepanzen bis zum Schluss eng zusammenarbeiteten, auch nicht, wenn McGregor als Ghostwriter, eigentlich kein investigativer Journalist, seine Quellen auf den Tisch haut, um einen Skandal aufzudecken: „It was on the internet!“

Fabian Soethof

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9 Kommentare

  • Reply MadMax 27. 2. 2010 at 15:27

    Warum nur drei Sterne, wenn du den Film eig. sehr gut findest?

  • Reply pascal 28. 2. 2010 at 7:05

    Olivia Williams, „the british one“ aus Dollhouse, in der „eigentlichen Hauptrolle“? Das wiegt ja fast Polanski wieder auf. Werde mir den Film also wohl nur aus Faulheit nicht anschauen, und ihn nicht mehr aktiv boykottieren…

  • Reply fabian. 28. 2. 2010 at 20:56

    gut, ja, auf seine art und weise auch sehr gut. nachhaltig beschäftigt aber hat er mich nicht gerade. sagen wir: sehr gute und intelligente samstag abend-unterhaltung! wie definieren denn die filmfreunde selbst ihr punktesystem?

  • Reply GunGrave 2. 3. 2010 at 15:16

    … liest sich auch gut – sollte ins Team aufgenommen werden! ^_~
    Vielleicht insgesamt zu „schwer“ – aber das ist wohl dem Film geschuldet.

  • Reply Martin 5. 3. 2010 at 14:50

    Mein persönlicher Kracher (Highlight) der letzten drei Monate. Obgleich typisch Polanski (und zu vergleichen mit „Chinatown“) – sprüht er vor Witz und Spannung. Sehr schön auch, dass er mit wenig Orten auskommt und endlich mal wieder eine interessante Geschihte erzählt wird, die nah an der Wirklichkeit zu laufen scheint. Allein die Szene am Strand, in der im Hintergrund ein hilfloser Bodyguard sich andauernd umdreht, obwohl es in den nächsten 50 km keine Menschenseele gibt, ist absolut köstlich!

  • Reply Nachos and Wine 22. 4. 2010 at 15:09

    Es war schade, dass einige Szenen als aufdringliche BMW-Werbung missbraucht wurden. Der Spannungsaufbau war genial und insgesamt hat mir The Ghostwriter gut gefallen. Schöne Review!

    Gruß

  • Reply Fabian Soethof (Beta) » “Es stand im Internet!” 26. 4. 2010 at 11:49

    […] auf: http://www.fuenf-filmfreunde.de, 27. Februar 2010) Hide Sites $$('div.d602').each( function(e) { […]

  • Reply Okarola 20. 7. 2010 at 1:51

    Hab ihn gerade eben gesehen. Der Film ist perfekt, schon die ersten zwei Minuten sind so dermaßen meisterhaft inszeniert, wei man es nur ganz, ganz selten sieht und das zieht sich 2 Stunden so durch. Galant, charmant, spannend. …und das Ende hätte man besser nicht machen können. Wie gesagt, perfekt.

  • Reply projekt2501 19. 12. 2010 at 4:48

    Und als Lang über den Fernseher erfährt, dass er, würde er nach London zurückkehren, in Handschellen abgeführt würde, lässt Polanski ihn sagen: I go where people want me! Und kaum war abgedreht ist er in die Schweiz…

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