JULIETTE LEWIS & CRISPIN GLOVER. Heute um 23:55 Uhr bei arte. Habe die Folge noch nicht gesehen, gehe aber davon aus, dass sie genauso sehenswert ist wie eigentlich jede Ausgabe dieses fantastischen Formats.
In jungen Jahren große Erfolge in Hollywood gefeiert und dann vom rechten Weg abgekommen – diesen Stempel wollen Kritiker den Schauspielern Juliette Lewis und Crispin Glover gerne aufdrücken. Aber was tun, wenn einem der eingeschlagene Weg einfach nicht mehr gefällt? Nimmt man Drogen und wird Mitglied einer Sekte? Nutzt man den Ruhm, um sich in einem anderen Bereich zu verwirklichen? Als sie sich 1992 bei den Dreharbeiten von Lasse Hallströms „Gilbert Grape“ kennen lernten, erkannten sich Juliette Lewis und Crispin Glover sofort als zwei gleichermaßen Unangepasste. Achtzehn Jahre später treffen sie sich erneut, in Prag, wo Lewis einen Auftritt hat – sie verdient schließlich ihren Lebensunterhalt mittlerweile als Rockstar.
Der Abend beginnt in einem kleinen Dorf in der Nähe von Prag. Hier hat Crispin Glover mit dem in Hollywood verdienten Geld ein Schloss erworben, in dem er sich ganz seinen experimentellen Kunstfilmen widmet. Wie ein eifriger Schuljunge führt er seinen Gast durch Dutzende von Zimmern, über einen Hof mit Schafen und Gänsen bis zu einem ehemaligen Pferdestall, den er zu einem Filmstudio umbauen will. Die Einsamkeit als einziger Amerikaner weit und breit, noch dazu mit bescheidenen Tschechisch-Kenntnissen: Kein Problem für Crispin Glover. Verstehen kann Juliette Lewis seine Begeisterung nicht wirklich, aber sie bewundert ihren Freund für sein Durchhaltevermögen.
Beim Abendessen mit Blick auf die Karlsbrücke wird eines klar: Obwohl sie kaum unterschiedlicher sein könnten, verbindet Lewis und Glover ihr komplexes Verhältnis zum Showbusiness. Beide sind Kinder von Schauspielern und haben bereits in der frühen Pubertät mit Fernsehrollen begonnen. Lewis gesteht, sie sei durch die Sitcoms so frustriert gewesen, dass sie die Schauspielerei ganz an den Nagel hängen wollte. Aber dann wurde sie von Martin Scorsese für „Kap der Angst“ gecastet. Offen erzählt sie von Selbstzweifeln und Perfektionismus, die sie auf der Höhe ihrer Karriere schier in den Wahnsinn trieben. Nach Rollen in aufsehenerregenden Filmen wie „Natural Born Killers“ und „From Dusk Till Dawn“ verabschiedete Lewis sich aus dem Filmbusiness und gründete ihre Band „The Licks“. Glover, der mit „Zurück in die Zukunft“ zum Star geworden war, begann schon in den frühen 90er Jahren mit der Arbeit an seinen Experimentalfilmen. Um möglichst unabhängig zu sein, agiert er als Regisseur, Schauspieler, Cutter, Produzent und Verleiher in Personalunion. Letztes Jahr brachte Glover seinen zweiten langen Film „It’s fine! Everything is fine.“ heraus, und Juliette Lewis nahm mit einer neuen Band ihr mittlerweile viertes Album „Terra Incognita“ auf.
In den „Barrandov Studios“, dem größten Filmstudio Europas, werden sie euphorisch begrüßt. Juliette Lewis fühlt sich von ihrem Gastgeber, der unermüdlich für das 1931 von Vaclav Havels Vater gegründete Studio wirbt, an Hollywood erinnert: „Wie die Warner Brothers, nur andere Brüder.“ Sie reden über frühere Weggefährten wie Woody Harrelson und Johnny Depp, die sie selbst geblieben sind, obwohl sie seit über 20 Jahren in der Öffentlichkeit stehen. Mittlerweile haben sich auch Lewis und Glover mit der Traumfabrik versöhnt und spielen wieder in großen Kinofilmen – Glover bei Jim Jarmusch oder Tim Burton, aber auch in Blockbustern wie „3 Engel für Charlie“.
Diese innige Begegnung zeigt zwei Schauspieler, die mit der berufsbedingten Extrovertiertheit kämpfen, die sich selbst im Showbusiness treu bleiben wollen und dabei auch die Vorzüge des Rampenlichts für sich zu nutzen wissen.
- Jet Strajker •
- Oktober 5th, 2010 •
- 17 Kommentare
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