Ich hatte dieses Review auf Nerdcore bereits letzte Woche nach dem Leak (der Pilot war rund zwei Wochen vor der Premiere im Netz aufgetaucht) gepostet, ich habe mir die erste Folge nun nochmal in der ausgestrahlten Version angesehen und keine Unterschiede festgestellt, deshalb hier nochmal mein Review, in dem ich die Folge ziemlich detailiert beschreibe und einzelne Frames mit dem Comic vergleiche. Spoilerwarnung erübrigt sich: Das hier ist ein einziger, großer, dicker Spoiler und eher für Kenner des Stoffs gedacht.

Die Serie öffnet mit Rick, der einen verstaubten Polizeiwagen an einer Straße anhält, um an einer Tanke nach Benzin zu suchen, alles ist voller liegengebliebener Schrottautos. Er entdeckt ein kleines Mädchen, die einen Teddybären aufhebt, Rick ruft ihr zu, er sei Polizist – als sie sich umdreht ist sie freilich ein ziemlich frischer Untoter, der sofort beginnt, Rick auf die Speisekarte zu setzen. Rick jagt ihr eine Kugel in den Kopf.
Frank Darabont etabliert mit dieser Eröffnungsszene gleich zwei Dinge: 1.) Seine eigene Interpretation des Stoffs, er hält sich nicht sklavisch an die Vorlage – die Szene existiert so nie in den Comics, dort fährt Rick seinen Polizeiwagen nur für sehr kurze Zeit in der Eröffnung des zweiten Bandes und das Kind kommt nicht vor. 2.) Das Grauen macht auch vor den Kids nicht halt, auch die Serie wird hier – wie der Comic – keine Kompromisse eingehen. Hierfür hat Romero in Night sich eine Stunde lang Zeit gelassen, in Dawn kamen die Kids schon früher. TWD eröffnet gleich mit einem Kleine-Blonde-Mädchen-Headshot. Sweet!
Die nun folgende Intro-Animation zur Serie ist unspektakulär, spielt vor allem mit apokalyptischen, leeren Szenen und Motiven aus den Anfängen von TWD, ist dafür aber auch angenehm kurz. Kann man so machen und ist auf Dauer auch die bessere Lösung, als die bei Serienmarathons nervenden, ausufernden, aufwändigen Intros a la True Blood.


Im nächsten Shot wird Shane als Figur eingeführt, Rick und er sitzen sitzen im Polizeiwagen und futtern Burger, lockeres Gespräch unter Kollegen über Frauen, wir erfahren von Ricks Frau Lori und seinem Sohn Carl. Die zwei werden zum Einsatz gerufen, was zur Eröffnungsszene des Comics führt. Die Szene ist so gut wie 1:1 umgesetzt, wurde natürlich um der Dramatik Willen mit ein paar Details und Krachbummaction angereichert, aber das ist dem Medium geschuldet und gut so.


Nachdem Rick ins Koma fällt, folgt eine etwas unpassend wirkende Sequenz, in der sich Rick schemenhaft an einen Krankenbesuch Shanes erinnert und rumfantasiert. Die Szene soll das Aufwachen Ricks aus dem Koma bebildern, hier wäre ein harter Schnitt wie im Comic unter Umständen besser gewesen, denke ich.
Die folgenen Szenen im Krankenhaus sind nahezu identisch zur Vorlage, bis auf einen, dafür aber grundlegenden Unterschied: Während Rick im Comic bereits hier auf Zombies trifft und von einem Untoten angegriffen wird, sieht er hier lediglich die abgeschlossene Tür und den Spruch „Don’t open – Dead inside“, ein Motiv aus Band 8. Hier zeigt sich, wie Darabont bei TWD arbeitet: Er verarbeitet Bilder aus der kompletten Serie, bringt sie allerdings in eine andere Reihenfolge, lässt beispielsweise den Hubschrauber, den die Überlebenden erst in Band 25 bzw. 26 sehen, bereits in der ersten Folge auftauchen.
Die folgende kurze Sequenz, die Rick beim Verlassen des Krankenhauses zeigt, ist aus zwei Gründen hervorragend: 1.) zeigt sie dem Zuschauer das Ausmaß der Katastrophe in einem Bild: Zusammengeschnürte, in weiße Laken verhüllte Tote liegen auf einem Parkplatz des Krankenhauses stapelweise herum – die Seuche ist allumfassend und hat die komplette Infrastruktur bereits in den Zentren der Gesellschaft (Krankenverpflegung, every shit is dead, including doctors) erreicht und 2.) ist dies natürlich eine Anspielung auf das Totenlager in der Anfangssequenz von Dawn of the Dead. Sehr schön und atmosphärisch sehr stimmig.


Schließlich trifft Rick auf Bicycle Girl, in der Serie sieht er hier zum ersten mal einen Zombie aus der Nähe und dann gleich so eine hübsche Ausgabe davon: Der enorm verweste, lebende Kadaver des Torsos einer Dame liegt vor einem Fahrrad und macht, was Zombies eben so machen. Hier sieht man (abgesehen von der ebenfalls sehr schön geschminkten Kinderleiche am Anfang) das ziemlich grandiose Makeup der Serie. Die Haut von Bicycle Girl wirkt ledrig, faltig, die Löcher wirken wie Löcher, vielleicht die verwesteste lebende Leiche, die im Fernsehen jemals zu sehen war.
Im Folgenden ändert Darabont wieder leicht die Abfolge der Ereignisse: Während Rick im Comic während des Treffens mit dem Bike-Chick die Tragweite des Zombie-Outbreaks bewusst wird, einen Nervenzusammenbruch erleidet und schließlich weitermacht, wartet Darabont mit seiner Hauptfigur, bis sie ihr Haus erreicht hat und seine Familie nicht vorfindet. Hier dreht Rick in der Serie durch und erfasst die Dimension des Geschehens („This is real!“). Schließlich landet Rick bei Morgan und Duane, der ihn zunächst niederschlägt.


Hier hat Darabont am meisten geändert und hinzugefügt, er gibt den Figuren von Morgan und Duane viel mehr Raum, fügt ihnen eine ganze eigene Storyline um die tote Frau bzw. Mutter hinzu. Im Comic wird die ganze Sequenz, in dem Morgan Rick vom Ausbruch der Seuche erzählt bis zu dem Punkt, an dem sich die drei in Ricks Polizeiwache Ausrüstung besorgen auf vier Seiten abgehandelt. Darabont erzählt diese vier Seiten in einer knappen Viertelstunde und gibt den Figuren so viel mehr Tiefe, sie wirken viel lebendiger. Hier zeigt sich auch, wie viel Kirkman im Laufe der Zeit als Geschichtenerzähler gelernt hat, die erste Ausgabe von TWD wirkt, gemessen an den späteren Nummern und auch diesem Serienpiloten hier, doch recht hölzern.

Rick führt Morgan und Duane zu seiner ehemaligen Polizeiwache, wo sie Ausrüstung und Waffen besorgen, was man eben so braucht für einen vernünftigen Headshot. Hier finden sich auch jede Menge hinzugefügte Details, die Figuren wirken lebendig, haben Tiefe. Auch zeigt Darabont nach der Szene in der Polizeiwache eine ganze Parallelmontage, in der Rick zu Bicycle Girl zurückkehrt und Morgan seine lebende tote Frau anlockt. Darabonts Händchen für Dramatik, die er auch in sehr ruhigen Bildern packen kann, ist ein völliger Glücksgriff für die Serie. Was das Comic an Erzählkunst zu Beginn noch fehlt, macht er hier allemal wett und grade diese Sequenz zählt zu den besten des Piloten, denn es geht um die Figuren und ihre Motive und hierfür ist Darabont genau der richtige Regisseur. Hoffen wir, dass diese Charakterzeichnung auch in den nachkommenden Folgen so ausfällt.

Ab hier entwickelt sich der Pilot recht rasant – wir sind mittlerweile bei Comic-Ausgabe #2 – und führt über einen (leicht billigen) Kniff die Figuren der restlichen Überlebenden ein: Rick setzt über Funk einen Notruf ab, während er nach Atlanta fährt, der von Shane und den anderen empfangen wird. Der Kontakt bricht jedoch ab. Auch erfährt man bereits hier von der Liaison zwischen Shane und Lori. Diese Szenen sind komplett neu und im Comic nicht vorhanden.


Rick geht schließlich das Benzin aus und er findet auf einer Weide ein Pferd, mit dem er in die Stadt reitet. In dieser Szene zeigt sich zum ersten mal sowas wie ein leises komödiantisches Element in der Serie, ein Zug, der dem Comic komplett fehlt, der allerdings auch nicht ausgebaut wird, mal abgesehen vom 90s-Mainstream-Pop der über der abschließenden Gore-Szene liegt.

Rick erreicht die Stadt, sieht den oben bereits erwähnten Helikopter (ein Fingerzeig auf den Gouvernor, ich bezweifle aber, dass wir den schon in der ersten Staffel, die nur sechs Folgen umfasst, sehen werden), will diesem Folgen und reitet frontal in eine Masse Zombies, vor der er sich in einen Panzer flüchtet. Hier fängt er schließlich einen Funkruf auf: „Hey you, dumbass, hey you in that tank… cozy in there?“ Wir sehen die Pferdegore-Szene und die Zombiemasse aus der Vogelperspektive, dem Schluß der ersten Folge.

Fazit: Schöne erste Folge mit leichten Schwächen, nicht der ganz große Wurf, was allerdings der Vorlage geschuldet ist, die zu Beginn noch hölzern wirkt und erst auf langer Strecke so grandios wird, wie sie heute ist. Frank Darabont ist für die Serie ein Glücksgriff, er gibt den Figuren Tiefe und macht sie lebendig, seine Dramaturgie, die sich die Motive des Comics schnappt und in eine filmisch adäquate Form bringt, fügt dem Stoff die nötige Dichte hinzu.
Eine gelungene Umsetzung, die passt und der Vorlage angemessen ist. Kein neues Breaking Bad, dann aber doch besser, als das flatterhafte True Blood.
- Renington Steele •
- November 1st, 2010 •
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- Schlagwörter: Horror, Review, Series, The Walking Dead, Zombies










































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