Review

My Soul To Take (Review)

Standard, 1. 2. 2011, Jet Strajker, 13 Kommentare

„It’s not okay for everybody to kill each other all the time.“

Originaltitel: My Soul to Take
Herstellungsland: USA 2010
Regie: Wes Craven
Darsteller: Max Thieriot, Frank Grillo, Nick Lashaway, Zena Grey, Denzel Whitaker, Emily Meade, Nicole Patrick, Trevor St. John, Dennis Boutsikaris
[rating:4]

Vor rund 16 Jahren wurde das Provinznest Riverton von einem Serienmörder heimgesucht, ehe der schizophrene, sich seiner Taten unbewusste Ehemann und Vater Abel Plankov eines Nachts gestellt und zur Strecke gebracht werden konnte. Seither glauben die Einwohner der verschlafenen Kleinstadt, dass der Geist des Riverton Rippers dort noch immer sein Unwesen treibt. Der Aberglaube um düstere Flüche und schicksalhafte Reinkarnationen beschäftigt auch die – huch – 16jährigen Teenager des Orts, weshalb diese in jährlichen Ritualen die Seele des Mörders zu vertreiben versuchen. Gleich sieben Kinder wurden in der damaligen Todesnacht geboren, unter ihnen der schüchterne Bug. Als der Ripper tatsächlich zurückzukehren und sein Werk zu vollenden scheint, muss sich der Junge dem schrecklichen Erbe stellen: Er könnte der Sohn des Serienmörders sein.

„My Soul To Take“ ist Wes Cravens erster Film seit über 15 Jahren, den er nicht nur inszeniert, sondern auch selbst geschrieben hat. Es ist ein recht kurioser und teils auch überaus trashiger, vor allem aber ist es hochinteressanter Film, der in den USA bei Publikum und Kritik gnadenlos durchfiel. Wes Craven stellt allerdings eines von Anfang an klar: Dies ist nicht nur ein sehr persönlicher Film, sondern auch eine Art durchgeknalltes Best-of seines Regisseurs. Gleich in der hysterisch überdrehten, geradezu karikaturesk geschnittenen Exposition feiert Craven die Quasi-Wiederauferstehung seiner mediensatirischen Horrorpersiflage „Shocker“, ehe der fatalistische Plot um einen gesichtslosen Teenagerkiller aus der Vergangenheit – über den die Eltern wieder mehr zu wissen scheinen als ihre Kinder – noch einmal sein bizarres Meisterwerk „A Nightmare On Em Street“ Revue passieren lässt.

Da dieses reinste Sammelsurium aus Selbstzitaten und Verweisen aufs eigene Schaffen jede Mühe scheut, eine halbwegs logische Geschichte zu erzählen oder sich zumindest vordergründig als Teen-Horror zu behaupten, zielt es geradewegs am breiten Publikum vorbei. Die Handlung von „My Soul To Take“ erweist sich vielmehr als elliptische Assoziationskette, in der Craven mit einer traumähnlichen Stimmung Motivkonstanten seiner bisherigen Filme verknüpft. Das kann man aufgrund der vielen Auslassungen, des meist völlig zusammenhanglosen Drehbuchs und der konfusen Inszenierung, die gern auch mal ins Religiöse oder Esoterische driftet, als schlecht erzählt empfinden, so wie offenbar die normative (normierte) Filmkritik in den USA. Man kann hinter dem augenscheinlichen Gewirr des Films aber auch ein Konzept vermuten: Immerhin spielte Craven schon in „Shocker“, „New Nightmare“ und „Scream“ mit Erzählebenen, Klischees und der Belastungsfähigkeit des Genres.

Die sinnliche Grobschlächtigkeit des Films ist viel zu reizvoll, um das zumindest narrative Durcheinander als bloßen Dilettantismus abtun zu können. Allein in den Dialogen, die eigenartig zu nennen noch untertrieben wäre („It’s not okay for everybody to kill each other all the time.“), lässt „My Soul To Take“ einen gewissen Unernst erkennen. Auf mal infantile, dann wieder höchst faszinierende Weise variiert Craven zudem Bilder seiner vorherigen Filme, interpretiert sie neu oder führt sie ad absurdum. Die Genreklischees, die in „Scream“ benannt, beackert und natürlich auch bedient wurden, multiplizieren sich hier so unverblümt selbst, dass man manchmal tatsächlich nicht weiß, ob man kichern oder mit dem Kopf schütteln soll. Das kuriose Antiklimax-Finale setzt dieser zwischen bekloppt und genial schwankenden Strategie (?) schließlich die Krone auf: Sorgfältig reiht Wes Craven im Abspann seine Storyboards auf, um allem vermeintlich planlosen Quatsch rückwirkend Struktur zu verleihen.

Und dann muss man eben doch noch einmal genau hinschauen, wie sich hinter all dem scheinbaren Nonsens Themen und Motive verbergen, die Cravens gesamte Karriere durchziehen. Aus einer adoleszenten Figurenperspektive visualisiert er auch hier Fragen nach elterlicher Autorität und jugendlicher Selbstverwirklichung, und wie zuletzt in der Teen-Werwolfsgroteske „Cursed“ kodiert er dabei die hinreichenden Probleme des Erwachsenwerdens: Hilflos ist der junge Protagonist seinem mörderischen Erbe ausgeliefert und bekämpft den allmählichen Realitätsverlust so vehement wie andere Teenager höchstens ihre Pickel. Den genreüblichen Hokus-Pokus einmal abgezogen, erweist sich der Film im Kern – wie auch „A Nightmare On Elm Street“ – als Coming-of-Age-Geschichte, die überdeutlich Cravens Handschrift trägt und wie so oft inmitten des Kleinstadtvorhofs zur Hölle angesiedelt ist.

Auf den ersten ungenauen Blick mag das als handelsüblicher, ungekonnter Slasher mit übernatürlichem Einschlag durchgehen, doch „My Soul To Take“ ist eben vor allem ein Film über seinen Regisseur. Suburbia-Teen-Horror, der die Unter-, Ober- oder was auch immer für Töne aller bisherigen Craven-Arbeiten hemmungslos ausstellt, verdreht und zugegeben auch irgendwie banalisiert. Zwischen kalkuliert-naiv und unbedacht-frivol, zutiefst rätselhaft, aber auch von besonderem Reiz. Subtext wird zum Text und das bereits Umgeschriebene doch noch einmal anders gedeutet – „Scream“ als „Scream“-„Scream“, Meta als Überhöhung. „My Soul To Take“ ist vielleicht das, was Craven sich selbst unter seinem Schaffenswerk vorstellt, die eigene intuitive Rezeption als Nochmal-Film oder auch ausgestellter Jux. Dass er damit die Aufhebung seiner stärksten Filme riskiert, ist ihm womöglich egal. Nach der Postmoderne folgt schließlich die Rückkehr zu den Affekten.

You Might Also Want To Read

Die Nummer 23

2. 4. 2007

Fright Night 2011 (Review)

9. 10. 2011

Omen, The (2006)

27. 7. 2006

13 Kommentare

  • Reply Jet Strajker 1. 2. 2011 at 22:45

    Im Rückblick auf vergangene Reviews schon mal vorweg:

    Kommentare, warum das keine standardisierte Kritik sei, die Darsteller, Kamera, Schnitt und Gewächshäuser herunterreißt, dürfen die Absender behalten.

    PS: Text basiert auf der 2D-Fassung, konvertiertes Billig-3D wird gnadenlos ignoriert.

  • Reply Robin 1. 2. 2011 at 23:13

    Ich freu mich drauf.

    PS: An *Denzel Whitaker* kann ich mich bis heute nicht gewöhnen, das liest sich irgendwie immer falsch oO

  • Reply Jet Strajker 1. 2. 2011 at 23:16

    Besser als *Roger Washington*.

    Ja, der war schlecht.

  • Reply Hitmanski 1. 2. 2011 at 23:30

    „Dies ist nicht nur ein sehr persönlicher Film, sondern auch ein verrücktes Best of seines Regisseurs.“

    Best of von Craven klingt fantastisch; der wird ja sowieso gnadenlos unterschätzt, dabei mag ich ja fast alles von ihm – auch wenn man bei manchen Filmen etwas in Richtung guilty pleasure argumentieren muss :P

  • Reply Kuchenkind 1. 2. 2011 at 23:59

    wie heisstn der film übersetzt ? wenn mans übersetzen
    würde?

    meine seele zum nehmen?

    looololooolloooooooooooolololol

  • Reply Ranor 2. 2. 2011 at 0:31

    Sehr lesenswerte Kritik.

    Und jetzt weiß ich auch sehr sicher das dieser Film absolut nichts für mich ist.

  • Reply Silent Rocco 2. 2. 2011 at 0:44

    Hier zeigt sich mal wieder, dass Personenkult immer ungut ist. Zumindest hab ich den Film als Direct-to-Video-Müll in Erinnerung, bei dem man innerlich ständig überlegt, wieviele Minuten man sich das wirklich noch geben will. Es haut so gar nix hin und heutzutage haben sogar einige Studentenfilme mehr Qualität zu bieten. Hätte das nicht Wes Craven ausgekotzt, würde eh keiner drüber berichten. Aber so sieht der geneigte Fanboy selbst noch in der lächerlichsten Idee, Effektszene oder Schauspielleistung absichtliche Subtilität. Skyline war wohl doch nicht so schlecht.

    Aber da das erst der 2. oder 3. Film meines Lebens ist, bitte ich um Nachsicht der gebildeten Profis.

  • Reply Jet Strajker 2. 2. 2011 at 0:50

    @Hitmanski:

    Klar, der hat auch einige Gurken auf dem Kerbholz, aber selbst DEADLY BLESSING oder SWAMP THING haben ihre Momente. Mittlerweile werden Cravens Filme immer faszinierender. Neben Romero der einzige Genrealtmeister, der immer noch interessante (Ein)Blicke ins eigene Schaffen gibt. SCREAM 4 kann kommen. *sabber*

  • Reply eipi 2. 2. 2011 at 8:36

    Ich habe mich beim lesen der Review ständig gefragt, ob sie jetzt ernst gemeint ist, oder sich mit viel Ironie den Anschuldigungen entgegenstemmt, dass du bei den Kritiken langsam komplett in Metaebenen, Subtexten und Querverweisen versinkst. Aber offenbar soll das tatsächlich ernst gemeint sein! Ich musste die ganze Zeit an die Millionen Gags denken, bei denen ein Kunstkritiker vor einem offensichtlich lächerlichen Werk steht (bzw. manchmal sogar vor harmlosen Gebrauchsgegenständen) und trotzdem eine Kritik verfasst, weshalb dieses Werk höchste künstlerische Anerkennung verdient. Bei dir wird das ganze allerdings zusätzlich noch dadurch ergänzt, dass du der restlichen Kritikerschar, die deine Begeisterung nicht teilt, vorwirfst in normativen Strukturen gefangen zu sein, was ich ausgesprochen dreist finde, da diese Menschen sicherlich gute Argumente haben (die du in der Review ja selbst erwähnst: völlig zusammenhangloses Drehbuch und konfuse Inszenierung).

    Insgesamt gebe ich Silent Rocco recht: Hättest du den Film gesehen, ohne zu wissen, dass Craven ihn gedreht hat, hättest du ihn in der Luft zerfetzt. Und das ist auch gut so und meiner Meinung nach die einzige Art, wie man Filme bewerten sollte: Unvoreingenommen. Das ist sehr schwierig aber nur so kann man „War of the Worlds“ eher mittelmäßig finden obwohl Spielberg soviele Knaller in seiner Liste hat. Regisseure, die es nötig haben ein Spätwerk zu inszenieren, das nur als Retrospektive ihres Schaffens zu verstehen (und zu mögen) ist, sollten sich vielleicht aufs Altenteil zurückziehen.

  • Reply Mein Senf 2. 2. 2011 at 8:39

    Dreieinhalb Sterne – ich war vor dem Lesen geradezu euphorisch, dass dieser flächendeckend verissene Streifen eventuell sowas wie Qualität besitzen könnte. Die Kritik liest sich dann aber leider nach purer Rosinenpickerei – allerdings im umgedrehten Wortsinn.

    Obwohl meine Erwartungshaltung nach dem Review nicht wirklich gestiegen ist, wird der als Teenhorror-Fan aber natürlich trotzdem geguckt.

    Achja, wieso wusste ich eigentlich vorher, das Denzel Whitaker ein Schwarzer ist.

  • Reply Doughnut 4. 2. 2011 at 23:24

    „Da dieses reinste Sammelsurium aus Selbstzitaten und Verweisen aufs eigene Schaffen jede Mühe scheut, eine halbwegs logische Geschichte zu erzählen oder sich zumindest vordergründig als Teen-Horror zu behaupten, zielt es geradewegs am breiten Publikum vorbei.“

    Aha, der Film ist also grottiges, selbstbezügliches, eitles Geschwurbel. Danke, reicht mir als Auskunft, werd mir den nicht antun. ;)

  • Reply Gunther 13. 2. 2011 at 20:18

    Das Review lässt sich in manchen Punkten bestechend einfach anders formulieren: Wes Craven hat nach Ewigkeiten mal wieder versucht, ein Drehbuch zu schreiben. Dabei hat er jedoch mangels Kreativität einfach das Zeug noch einmal verwurstet, das er in seinen besseren Tagen schon einmal geschrieben oder inszeniert hat.

    Man kann ja diese Selbstzitate oder Selbstreferenzen gut finden, aber wenn ein Drehbuch es nicht einmal schafft, einigermaßen fokussiert seine Geschichte zu erzählen, dann ist da gehörig was schiefgelaufen. Noch schlimmer wird es ja noch dadurch, dass Soul to take für einen Slasherfilm einfach unglaublich langweilig ist. Die 08/15-Figuren bleiben schon aufgrund ihrer Masse zwangsläufig blass. Hätten es nicht auch nur zwei bis drei Teens sein können? Es wäre ja auch mal was neues gewesen, nicht schon wieder auf die üblichen Highschool-Teens zu setzen.

    Und was zum Geier ist die „elliptische Assoziationskette, in der Craven mit einer traumähnlichen Stimmung Motivkonstanten seiner bisherigen Filme verknüpft“?

  • Reply Ralph 24. 2. 2011 at 10:05

    Jets Herangehensweise an den Film ist die einzig richtige. Schon nach der völlig wirr montierten Exposition sollte eigentlich klar sein, dass Craven hier gar nicht im Sinne hatte, einen funktionierenden, klassischen Slasher zu fabrizieren, sondern eine selbstreflexive Werkschau betreibt. Dass man das nicht mögen muss, steht auf einem anderen Blatt.

  • Kommentar hinterlassen