Berlinale-Review: Das schlafende Mädchen (The Sleeping Girl)

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Originaltitel: Das schlafende Mädchen
Herstellungsland: D 2011
Regie: Rainer Kirberg
Darsteller: Jakob Diehl, Natalie Krane, Christoph Bach
★★★★☆

Anfang der 70er Jahre im Umkreis der Düsseldorfer Kunstakademie. Die Jünger der Beuys-Schule wachsen zu autonomen Künstlern heran, unter ihnen auch der Video- und Performance-Artist Hans. Im zeitgenössischen Kontext von Rainer Kirbergs “Das schlafende Mädchen” ist er eine erfundene Figur, die ihr Leben nahezu rund um die Uhr filmt. In der aufkeimenden Videokultur findet Hans die ultimative Ausdrucksform seines ausgeprägten Künstleregos – werde, der du bist – und eine Antwort auf jene Frage, die ihn zwischen Kunsttheorie und Selbstaufgabe selbst noch in Alpträumen heimsucht: Was denn nun wirklich Kunst sei. Der Film, den wir sehen, ist von Hans montiertes Videomaterial. Ein fiktiver Künstlerfilm also, eine Fake-Doku, fingierte Selbstinszenierung.

Hans (Jakob Diehl) lässt die Videokamera überall laufen. Er filmt vor allem sich und sein Porträt, im Park, in der Universität oder vor weißen Wänden, die er zum Beispiel zur Demonstration filmischer Kadrierung nutzt. Eines Tages stößt er auf Ruth (Natalie Krane), eine verloren wirkende junge Frau, die im Stadtpark lebt. Hans nimmt sie mit zu sich, erklärt sie zur Protagonistin seiner Videos und weicht nicht mehr von ihrer Seite. Als Ruth beginnt, sich selbst künstlerisch zu verwirklichen, die Szene aufzusuchen und mit Hans’ bestem Freund Philipp (Christoph Bach) anzubandeln, sperrt er sie und sich selbst in sein Atelier ein. Anders als die Aktbilder von Ruth, die sie in der Akademie hat erstellen lassen und in denen Hans keinerlei Verbindung zwischen Künstler und Modell erkennen kann, möchte er mit seiner Videokunst zeigen, wer die mysteriöse Frau wirklich sei. In einer allmählich wahnsinnigen Atmosphäre drohen sich die Grenzen zwischen Leben und Lebenskunst aufzulösen.

“Das schlafende Mädchen” ist Paraphrase, Parodie und Aufhebung von Kunst zugleich. Er untersucht zunächst weder affirmativ noch pejorativ das wechselseitige Verhältnis zwischen Kunst und Künstler durch die Augen der Kamera eines fiktiven Charakters. Kirberg lässt seine Figuren über Philosophie sinnieren, was ihnen den bewusst komischen Charakter intellektueller Verbalneurotiker verleiht, und sie ihre theoretische Kunst leidenschaftlich in die Praxis umsetzen. Dem Film ist tiefes Verständnis, aber auch ein vage suspektes Gefühl für Kunst eingeschrieben. Kirberg, der selbst an der Akademie Düsseldorf studierte, hat während seiner vielen Filme, Projekte oder Installationen unter anderem mit Amanda Lear und Kenneth Anger zusammengearbeitet. Seine Studienzeit bezeichnet er als durchsetzt von der “Rudolf-Steiner-Ideologie”.

Die Stimme des Regisseurs erhebt sich in “Das schlafende Mädchen” nie unmittelbar, Kirberg lässt seinen Film Hans’ Film sein. Und doch motiviert er den Zuschauer zu einem vorsichtigen Werturteil, zu einem Bewusstsein darüber, was Kunst kann und was sie nicht kann. Und was sie vielleicht nicht sein dürfe. Das Projekt von Hans, die Wahrheit “seiner” Ruth mittels Videodokument zu ergründen, muss scheitern. Kunst kann nicht abbilden, wie das Leben wirklich ist, und sie kann es auch nicht ultimativ erforschen. Als Hans verunsichert und hilflos erkennen muss, dass Ruth nicht der Mensch ist, den er versuchsartig zu entdecken glaubte, bleibt ihm nichts anderes übrig, als sich aus dem Fokus seiner Kamera zu verabschieden. Ist das eine Absage an die Kunst – oder doch erst der Beginn ihrer emotionalen Erfassung? Ein ungemein faszinierender Film.

“Das schlafende Mädchen” läuft im Forum Expanded der 61. Berlinale. Weitere Termine:

18.02. – 13:30 Uhr CineStar 8

In : Review

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Rajko Burchardt mein es gut mit den Menschen. Die Spielwiese des Bayerischen Rundfunks nannte ihn vielleicht auch deshalb "einen der bekanntesten Entertainment-Blogger Deutschlands".

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3 Comments

  1. Dr. Strangelove

    wird vorgemerkt.

  2. Jet Strajker

    Aber Achtung, eventuelle Prätentionsgefahr. :)

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Fünf Facefreunde
Fünf Filmtumblr
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    officialgaygeeks:

    That lightsaber sound lol


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    11/16/14

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    pennyfornasa:

    Putting The Cost Of The ESA’s Rosetta Mission In Perspective

    "So what do we get for our €1.4bn? Rosetta is both an astounding feat of engineering (catapulting a tonne of spacecraft across millions of kilometres of space and ending up in orbit around a comet just 4 km across) and an extraordinary opportunity for science (allowing us to examine the surface of a lump of rock and ice which dates from when the Solar System formed).

    Like a lot of blue-skies science, it’s very hard to put a value on the mission. First, there are the immediate spin-offs like engineering know-how; then, the knowledge accrued, which could inform our understanding of our cosmic origins, amongst other things; and finally, the inspirational value of this audacious feat in which we can all share, including the next generation of scientists.

    Whilst those things are hard to price precisely, in common with other blue-skies scientific projects, Rosetta is cheap. At €1.4bn, developing, building, launching and learning from the mission will cost about the same as 4.2 Airbus A380s—pretty impressive when you consider that it’s an entirely bespoke robotic spacecraft, not a production airliner. On a more everyday scale, it’s cost European citizens somewhere around twenty Euro cents per person per year since the project began in 1996.

    Rosetta has already sent us some stunning images of Comet 67P/Churyumov–Gerasimenko and today’s landing will, with any luck, provide us with our first close-up glimpse of the chaotic surface of this dirty snowball. If you’re a sci-fi fan, then, you might consider the mission to have been worth its price tag just for the pictures. The total cost for the Rosetta mission is about €3.50 per person in Europe; based on the average cinema ticket price in the UK (€8.50), it has cost less than half of what it will cost for you to go to see Interstellar.”

    Via Scienceogram: http://scienceogram.org/blog/2014/11/rosetta-comet-esa-lander-cost/

    Find Out How Budget Cuts Canceled NASA’s Own Comet Landing Mission: http://www.penny4nasa.org/2014/11/11/how-budget-cuts-canceled-nasa-own-rosetta-comet-landing-mission/

    11/15/14

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    meatbicyclevevo:

    i never wanted this to end

    10/20/14

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    iambluedog:

    Life is too short to be holding on to old grudges

    10/20/14

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    10/09/14