Berlinale-Kurzreviews: Toast & Twenty Cigarettes & Eine Serie von Gedanken

5 Comments

Toast
(GB 2010, S.J. Clarkson)
★★☆☆☆

Filme, die gern lieb gehabt werden wollen. “Toast” erzählt die “wahre” Geschichte von Nigel Slater, der als Kind (Oscar Kennedy) im Großbritannien der 60er Jahre das Kochen für sich entdeckte und später (Freddie Highmore) zu einem der beliebtesten Köche des Landes avancierte. Der Film zeigt Nigel als jungen Außenseiter mit besonderer Mutterliebe und entsprechend problematischem Verhältnis zum Vater (Ken Stott), welcher nach dem Tod seiner Ehefrau noch einmal heiratet (Helena Bonham Carter) und seinem Sohn damit das Leben zur Hölle macht. Zuflucht findet Nigel deshalb besonders im Kuchenbacken, Fischbraten und Pastetenformen, aber auch der Liebe zu Männern. Jetzt müsste man eigentlich noch schreiben, dass der schüchterne Junge sich irgendwann aus den konservativen bürgerlichen Fesseln befreit und nach London aufbricht, so wie es im Programmheft steht, aber das enthält einem der Film im Grunde vor. Er ist zu Ende, wenn die Geschichte überhaupt erst in Fahrt kommt. The teenage years of Nigel Slater – und weiter?

“Toast” ist eine britische Fernsehproduktion, die sogar schon in der BBC lief, es aber aufgrund ihrer Thematik und wohl auch mangels Alternativen irgendwie noch zur Berlinale-Sektion “Kulinarisches Kino” geschafft hat. Damit ist im Wesentlichen bereits alles gesagt. Die Geschichte ist zwar ganz schön und niedlich, wird aber von einer abwechselnd klebrigen und recht ideenlosen Inszenierung begleitet, die sich vor allem auf hübsch zubereitetes Essen konzentriert und gegen die auch die solide Besetzung kaum anspielen kann. Sämtliche Liebenswürdigkeiten der Geschichte werden leider mindestens drei Lagen zu dick aufgetragen, dazu Piano hier und Piano da, und ein Voice-Over darf auch nicht fehlen. Die tränendrüsige Baukastendramaturgie hätte “Toast” sicherlich nicht gebraucht. Und wer hat eigentlich irgendwann mal beschlossen, dass Kindheit und Jugend in gediegenen Qualitätsfilmen (oder Biopics) immer als pastellfarbene Feel-Good-Nostalgie verkauft werden müssen? In Erinnerung bleiben daher einzig die wunderbare Titelsequenz und das neu entdeckte Jungtalent Oscar Kennedy.

Twenty Cigarettes
(USA 2011, James Benning)
★★★☆☆

Nach Zügen, Seen oder Industriegebieten beobachtet James Benning, Meister der einen Einstellung, nun Menschen. 20 Raucher, 20 Zigaretten, 20 Schnitte, vor statischer Kamera, die stets auf nah gestellt ist. Quer durch alle Bevölkerungsschichten hat der Regisseur seine Protagonisten ausgewählt, Frauen und Männer jeden Alters und jeder Hautfarbe. Eine Einstellung dauert in der Regel eine Zigarettenlänge, mal zwanzig kommt der Film damit auf ca. 90 Minuten Laufzeit. “Twenty Cigarettes” ist Reduktion auf hohem Niveau, aber leider ohne besondere Konsequenz. In der unglaublichen Ruhe der gefilmten Situationen – kein Off-Kommentar, keine Musik, nur das stille Brennen der Zigarettenglut und diffuse Hintergrundgeräusche sind zu hören – kann man sich schön verlieren, einmal ganz für sich sein und illustre Zusammenhänge darüber spinnen, was einem die Bilder geben oder nicht geben, in welcher Beziehung sie zueinander stehen und was sie einem so über das Rauchen, Menschen, Individualität oder filmische Einheiten erzählen.

Konsequenz geht dem Film ab, weil Benning nicht auf Einmischungen verzichtet. “Twenty Cigarettes” ist sehr langweilig und sehr interessant, aber noch interessanter hätte er sein können, wenn sich die Personen (Probanden) freier vor der Kamera bewegen würden. Es gibt keine wirkliche Distanz und dadurch auch keinen wirklichen Beobachtungsraum. Einige Menschen rauchen angesichts der Kamera vor ihnen derart verunsichert und andere wiederum so kontrolliert, dass die Situationen zu Versuchen verkommen, in denen das Dokumentarische dem Inszenierten zu weichen droht. Das ist weder avantgardistisch noch experimentell, sondern nur halblauter Rock ‘n’ Roll. So spannend es sein kann, ein Ereignis minutenlang aus einer einzigen unbeweglichen Einstellung heraus zu ergründen: Der Blick sollte möglichst ungetrübt und unverfälscht, oder eben wiederum deutlich verfremdet und inszeniert sein. Sonst hält das Interesse gerade mal eine halbe Zigarettenschachtel lang.

Eine Serie von Gedanken
(D 2011, Heinz Emigholz)
½☆☆☆☆

Ein Film, vier Segmente. In “El Greco in Toledo” verbindet Regisseur Heinz Emigholz intime Blicke auf ein Gemälde, das das Begräbnis des Grafen Orgaz zeigt, mit Eindrücken der Stadt Toledo, kanalisiert durch einen Off-Kommentar von Hanns Zischler. “Leonardos Tränen” montiert sich kreisförmig wiederholende Bilder eines brasilianischen Fußballspielers während der WM 1998, über die Emigholz Texte seiner eigenen Publikation “Der Begnadete Meier” legt. In der dritten Episode, “An Bord der USS Ticonderoga”, fährt die Kamera über ein Photo von Wayne Miller, das Soldaten eines Flugzeugträgers während des Pazifikkrieges abbildet. Eine Stimme aus dem Off analysiert die Blicke der Männer, ihre Position zueinander – “Gaze” lautet das zentrale Wort aller Segmente. “Ein Museumsbau in Essen” schließlich zeigt eine Reihe kombinierter statischer Einstellungen des Museums Folkwang, von außen, von innen, und schließlich wieder von außen. Ein Museumsbesuch, der Zeit für eigene Eindrücke lässt.

“Eine Serie von Gedanken” ist die Vermengung der strukturformalistischen Emigholz-Leitthemen, wie er sie in Ansammlungen von Texten, Zeichnungen oder Hörspielen entwickelte, zu Film – “Photographie und jenseits” heißt der entsprechende serielle Zyklus. Das dichotomische Bilderdenken, Justieren filmischer Räume und Konstruieren von Zusammenhängen zwischen diametralem Bild- und Tonmaterial bildet die formale Experimentiergewohnheit des Films und seines Regisseurs. Widersprüche werden aufgelöst, Verknüpfungen hergestellt, Ästhetiken erweitert. Aus Reduktion wird Oxidation, das Filmerlebnis zur selbständigen Wahrnehmungsbildung zwischen Denotation und Konnotation. Der schulische Erbauungsduktus und die leidenschaftliche Antidetermination von Filmsprache machen die Arbeiten von Emigholz zu reichhaltigen Gedankensammlungen, in denen Film und Rezeption auf faszinierende Art theoretisiert und schließlich unlösbar vereint werden. Im Anschluss zur Vorführung von “Eine Serie von Gedanken” eröffnete Emigholz das Berlinale-Q&A mit den Worten: “Inspiriert wurde ich von einem Bob-Dylan-Song”.

Mich zwang es umgehend in die Waschräume, um mich einer dicken langen, aus dem Rückgrat gepressten Nougatstange zu entledigen. Ich habe meine Kamera laufen lassen und das Material mit von mir selbst eingesprochenen Kunstgeschichtsessays vertont, um es für das Forum Expanded 2012 einzureichen. Berlinale 2012, ich komme.

In : Review

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Rajko Burchardt mein es gut mit den Menschen. Die Spielwiese des Bayerischen Rundfunks nannte ihn vielleicht auch deshalb "einen der bekanntesten Entertainment-Blogger Deutschlands".

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5 Comments

  1. Chris

    Als die Avantgarde erstickt wurde bzw. das filmische Abführmittel… :D
    Die Besprechung von “Eine Serie von Gedanken” dürfte eine schöne Versöhnung mit all denen darstellen, die sich vorher über einen hochtrabenden Sprachstil aufgeregt haben…

  2. Doughnut

    Einfach herrlich, der Emigholz-Review!

    “Ästhetiken erweitert”
    gg
    “Aus Reduktion wird Oxidation”
    OMG!
    Das Lamm schreit HUUURZ!
    “das Filmerlebnis zur selbständigen Wahrnehmungsbildung zwischen Denotation und Konnotation”
    Unfassbar! Wie ist dir das gelungen, diesen Text zu schreiben? Musstest du vorher was einwerfen oder hat der Film gereicht als Inspirationsquelle? XD
    “Inspiriert wurde ich von einem Bob-Dylan-Song”
    Herrlich!

    Danke Jet, lange nicht mehr so gelacht. :thumbsup:

  3. Mein Senf

    Danke – Ich hab grad gut gelacht bei “Eine Serie von Gedanken”.

  4. Anmerkungsmann

    Hier mal meine Top 3 Berlinale Tipps zum DVD- Nachholen:

    – Derniere Etage Gauche Gauche (Top Floor Left Wing), französisch mit schwarzem Humor – gesellschaftskritisch und sehr lässig
    – Tomboy, französischer herzerwärmender Kinder- Film (Bindestrich beachten)
    – Tambien la Lluvia (Even the Rain), spanische Globalisierungskritik in Hollywoodgröße (auch deren Oscar- Kandidat gewesen, warum der nicht im Wettbewerb lief…?)

    Alles Panorama gewesen.

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