PornFilmFestival: Des Wahnsinns hotte Beute

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Wie letzte Woche angekündigt, habe ich mich in geiler Mission auf das sechste Pornfilmfestival in Berlin begeben und mir dort zum ersten Mal Eindrücke vom Flutschfilm-Dauerbetrieb und seinem Publikum verschafft. Klares Fazit nach fünf Tagen: Alles sexy.

Als aufgeschlossene Versammlung, die den Pornographie-Begriff von seinen negativen Konnotationen, ideologischen Fesseln und abgehangenen Klischees zu befreien versucht, hält das Pornfilmfestival dem Abgleich von Zielsetzung und Durchführung vorbildlich stand: Aus aller Welt kommen hier die Filmschaffenden, die Produzenten, Regisseure und Schauspieler, und mit ihnen ein neugieriges Publikum, das sich vom notgeilen Sexmief vergleichbarer öffentlicher Veranstaltungen kaum stärker unterscheiden könnte.

Vom bildungsbürgerlichen Rentnerpärchen bis zur aufgetakelten Prosecco-Schwuppe, von der halbnackten Butch-Lesbe bis zum cinephilen Filmstudenten – wahrgenommen habe zumindest ich dort Zuschauer aller Couleur. Ihnen geht es um Sex in Filmen, die interessantere Ansätze wählen als der fabrikfertige Porno aus der Videothek um die Ecke, und natürlich auch um Meinungsaustausch, um Kontakte, ums Feiern. Selbstverständlich nämlich ist das Pornfilmfestival auch ein sehr buntes Vergnügen auf den vom Kino ausgelagerten Parties rund um den Festivalbetrieb.

Mit einem Programm, das vom zweieinhalbstündigen Mainstream-Porno mit Sasha Grey bis zum No-Budget-Experimentalkurzfilm reicht, mit Menschen, die Pornographie nicht zuerst in heterosexuell, schwul-lesbisch oder Transgender unterteilen, und mit diskussionsfreudiger Leidenschaft zum Diskurs über Sex im Film empfiehlt sich das Pornfilmfestival als unbedingte Alternative zu Venus und Konsorten. Zu guter Letzt noch ein ganz unbefangenes Lob an die Veranstalter und Mithelfer im Allgemeinen, die sich beispiellos für ihre Besucher und Gäste engagiert haben, und an Jochen Werner im Besonderen.

Minireviews zu einigen von mir gesehenen Filmen:

Man at Bath (F 2010, Christophe Honoré)
★★★☆☆

Eröffnungsfilm des sechsten Pornfilmfestivals Berlin von Autor und Regisseur Christophe Honoré, der einem größeren Publikum spätestens seit seiner umwerfenden Jacques-Demy-Hommage “Les chansons d’amour” (Chanson der Liebe) bekannt sein dürfte. Honoré inszeniert in “Homme au bain” (Man at Bath) das Ende einer schwulen Liebesbeziehung als parallele Bewältigungsphase, in der zwei Männer den Verlust des jeweils anderen zu verarbeiten suchen. Ohne konkrete Anhaltspunkte zu geben, konzentriert sich der Film fragmentarisch auf bestimmte Situationen aus Gegenwart und Vergangenheit, die Raum für Spekulationen sowohl über seine Figuren, als auch die Spuren einer vergangenen Liebe schaffen. Diese ganz spezifische Beschreibung eines Zustands der Trennung ist teils entzückend wirklich, und manchmal auch arg profan. Am Interessantesten wird Honorés Film dann, wenn Hauptdarsteller und Porno-Superstar François Sagat augenzwinkernd, aber auch bitterernst sein nahezu unnatürlich maskulines Image reflektiert. In einer der eindrucksvollsten Szenen heißt es, sein Körper sei wie Kunst, “schlechte Kunst” jedoch. So nackt wie in diesem Moment hat man François Sagat noch nie gesehen.

Blackmail Boys (USA 2011, The Shumanski Brothers)
★½☆☆☆

Knapp zwei Jahre nach ihrem Debütfilm “Wrecked” melden sich die Shumanski-Brüder mit einem weiteren Coming-of-Age-Drama zurück. Die Mischung aus queerer Romanze und Thriller trifft zunächst ein paar hübsche Töne, ehe sich balladeske Stimmung und reinster Schwachsinn die Klinke in die Hand geben. “Blackmail Boys” versteht es geradezu verblüffend, eine an und für sich interessante Geschichte – Boyfriend A stiftet seinen als Stricher arbeitenden Boyfriend B an, dessen prominenten Freier mit einem Sexvideo zu erpressen – auf die konsequent uninteressanteste Art zu erzählen. Am Umstand, dass ebenjener Freier ein fundamentalistischer Christ ist, der in Büchern und Radioshows gegen Schwule wettert, zeigt der Film nur in Hinblick auf seine Titelprämisse Interesse. Am Ende verheizen die Shumanskis ihre Figuren auf beispiellose Art, während sich der in ganz nettem DV-Ambiente präsentierte Schmu mit gleich dreifachem Voice-Over auf der Bild- und Tonebene direkt ins eigene Aus kleistert. Einziger Lichtblick: Das blankziehende Mumblecore-Aushängeschild Joe Swanberg in der Rolle einer unangenehmen Schrankschwuchtel, die sich als Autor von Büchern wie “Accept Jesus’ Friend Request” selbst verleugnet. Zu schade, dass der Film nichts mit ihm anzufangen weiß.

Madame X (RI 2010, Lucky Kuswandi)
★★★★☆

Ein indonesischer Transvestiten-Superheldenfilm über einen Drag-Friseur, der im Lady-Gaga-Outfit, mit gezielten Dance Moves und magischen Wurfmessern bewaffnet, einer homophoben militanten Untergrundorganisation den Garaus macht. Was nach handelsüblichem Indonesia-Trash vergangener Tage klingt, ist der wohl spielerischste und amüsanteste Film des diesjährigen Pornfilmfestivals – eine bis ins Mark queere, anarchistische und obendrein entzückend liebenswürdige Komödie voller Camp und Pomp. Mit “Madame X” erweitert Regisseur Lucky Kuswandi die Reihe der unbeholfenen Normalo-Superhelden der Neuzeit um eine durchgeknallte Drag-Queen. Als Quasi-Ergänzung des momentan angesagten Trends superkräfteloser Superhelden erweitert der Film die jüngeren Blickrichtungen innerhalb der “neuen” Comicästhetik nicht nur um eine queere Perspektive, sondern setzt natürlich auch stechende Duftmarken mit seinen Verweisen auf ganz reale gesellschaftspolitische Entwicklungen in Indonesien. Und wie Kuswandi auf sympathischste Art im Interview erzählte, habe man den Film nur deshalb durch die strenge Zensur bekommen (und einen landesweiten Kinostart erzielen können), weil die zahlreichen der schwulen Szene entsprungenen Insiderwitze und englischen Dialogfetzen dort gar nicht verstanden worden seien. “Madame X” ist also nicht nur irrsinnig komisch, sondern sogar ein bisschen subversiv. Geheimtipp!

Blind Love (J 2005, Daisuke Gotô)
★★½☆☆

Sympathische Pink-Eiga-Komödie von Daisuke Gotô (“A Lonely Cow Weeps at Dawn”) mit freilich recht zweckdienlichen Sexeinlagen und einem wunderbar skurrilen Plot, der reich ist an aberwitzigen Situationen und ulkigen Figuren. Im Mittelpunkt von “Blind Love” (OT: Waisetsu sutêji: Nando mo tsukkonde), der in Japan bereits 2005 veröffentlicht wurde, steht eine widerwillige Dreiecksbeziehung zwischen zwei Männern und einer blinden Frau, die keinen Schimmer davon hat, dass die Stimme ihres Geliebten gar nicht zu dessen Körper gehört. Diese Konstellation generiert einigen amüsanten Slapstick, für den man natürlich am offensichtlichen Quatsch eher vorbeischmunzeln muss. Gewöhnungsbedürftig und mit Sicherheit nicht jedermanns Geschmack dürfte da schon vielmehr die teils arg schräge Kombination aus melancholischen Anklängen und hemmungslosem Klamauk sein, die innerhalb einer einzigen Szene zu heftigen Brüchen in der Tonlage führt. Unterm Strich ein vergnüglicher und Pink-typisch knapper Spaß mit ebenso kurzer Lauf- wie Halbwertszeit.

Fucking Different XXX (D 2011, Diverse)
★★☆☆☆

Weiterführung des bisher streng auf einzelne Metropolen beschränkten “Fucking Different”-Projekts, das erotische Kurzfilmepisoden von Regisseuren aus einer jeweils gleichen Stadt kombinierte (Berlin, New York und Tel Aviv). “Fucking Different XXX” nun versammelt erstmals acht international bekannte Szene-FilmemacherInnen, die ganz persönliche Beiträge von einem Ort ihrer Wahl beisteuern. Die Konzepterweiterung sieht außerdem – der Titel kündigt es an – ausgedehnten Hardcore vor, gefilmt aus der Perspektive des anderen Geschlechts. So begleitet zum Beispiel Todd Verow (“Frisk”) Lesben-Cruising in Paris, während Maria Beatty (“Post Apocalyptic Cowgirls”) ihre Camp-Version von Abel und Kain in einem New Yorker Schwulenclub inszeniert. Die insgesamt acht Beiträge schwanken von amüsant bis unansehnlich, von einfallsreich bis erschreckend lustlos – und in der Summe ermüden die überwiegend schnell herunter gekurbelten Episoden in ihrer leider handelsüblichen Pornoeintönigkeit mehr, als dass sie halbwegs unterhalten. Interessantes Konzept, enttäuschende Ausführung.

The Terrorists (T 2011, Thunska Pansittivorakul)
★★★★☆

Rothemden, Gelbhemden, Fische im Wasser – ein Filmessay von Thunska Pansittivorakul. “One man’s terrorist is another man’s freedom fighter.”, und dann wird quer geschnitten durch das Antlitz des Terrors nach dem Massaker in Bangkok. Als Bestandsaufnahme kollektiven Leids, als unsichere Suche nach Zusammenhängen, als schlichter Ausdruck von Machtlosigkeit und Trauer ist “Poo kor karn rai” (The Terrorists) nichts außer be- und erdrückend, im steten Aphorismus seiner Bilder aber auch unendlich beeindruckend. Vom Politischen ins Private und vom Begrifflichen ins Anschauliche schillert Pansittivorakul zwischen dokumentarischer Abbildung und experimenteller Inszenierung im Strom gegensätzlicher Szenen, Orte und Eindrücke. Fragmentarisch bleiben die Bilder, lose die Verbindungen. Wenn Pansittivorakul in Off-Texten die Wunden einer traumatisierten Gesellschaft an die Hinwendung zum Körper bindet und Verbrechen der Obrigkeit mit erigierten Schwänzen verknüpft, übermitteln seine Anblicke radikal wie nachhaltig jenes Gefühl von Zwiespalt, das den Verlust von Einflussnahme und Übersicht mit dem einfachen Bedürfnis nach Empfindsamkeit beantwortet. Schwierig, diskutabel und alles, was Film nur ausdrücken kann. Fische im Wasser, der Letzte macht das Licht aus.

Die Jungs vom Bahnhof Zoo (D 2011, Rosa von Praunheim)
★★★½☆

Rosa von Praunheim, einst Regisseur zahlreichen schwulen Ulks, Mediendiva über Gebühr und öffentlicher Outing-Nötiger, gehört ja nun schon seit einiger Zeit zu den interessantesten Dokumentarfilmern Deutschlands. Seine Milieustudien und teils auch hochpersönlichen Arbeiten laufen längst nicht mehr nur pflichtschuldig, sondern wegen ihrer großen Sorgfalt in der Erstellung von Einblicken in Subkulturen, Szenenischen und Zwischenräume des Alltags auf sämtlichen hiesigen Festivals. “Die Jungs vom Bahnhof Zoo”, co-produziert vom NDR und rbb, schildert die Entwicklung von Strichern und Callboys in Berlin seit dem Fall der Mauer. Fünf von ihnen begleitet Praunheim, lauscht ihren unterschiedlichen Geschichten und lässt außerdem Freier, Barkeeper und Sozialarbeiter zu Wort kommen. Mit größter Zurückhaltung und fast teilnahmslos dokumentiert der Film Schicksale – selten fragt Praunheim in den Gesprächen nach, nie bohrt er in der Vergangenheit seiner Protagonisten. Gewohnt souverän gelingt es ihm damit, durch Zusammenführung und Montage mehr über die von ihm interviewten Menschen zu zeigen, als diese in den Gesprächen artikulieren wollen und vielleicht auch können. Dank der besonderen Unterschiedlichkeit aller Protagonisten in ihren Lebenswegen, Motivationen und Schlussfolgerungen entwirft der Film ein vielfältiges und komplexes Bild über ein Thema, das anderswo nach wie vor von viel zu vielen Klischees bestimmt wird.

In : Features, Thema

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Rajko Burchardt mein es gut mit den Menschen. Die Spielwiese des Bayerischen Rundfunks nannte ihn vielleicht auch deshalb "einen der bekanntesten Entertainment-Blogger Deutschlands".

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8 Comments

  1. sodomedia

    ja, war wirklich ein tolles festival. nur schade das einige tolle leute wegen krankheit nicht persönlich kommen konnten

  2. invincible warrior

    War am Samstag mit Freunden in Gandu, einen indischen Film. War schon interessant anzuschauen und mit überraschend wenig Sex. Dafür hatte der Film aber andere interessante Aspekte wie zB die Durchbrechung der vierten Wand in der Mitte, weil die vom Filmteam scheinbar keinen Peil hatten, die Geschichte sonst weiterzuführen. Kann man sich schon mal antun, wenn man auf Experimentalfilme steht.

  3. .Tagesspiegel 02.11.11 « monstropolis

    […] Estate aufgetaucht Schäuble froh: 8 Milliarden Euro in Handtuchspender von Pleitebank gefunden PornFilmFestival: Des Wahnsinns hotte Beute Ende der Sommerzeit: Griechenland stellt Schuldenstand eine Stunde zurück An Halloween im […]

  4. Theresa

    spannend, bis auf madame x haben wir komplett unterschiedliche filme gesehen. indietro war übrigens auch sehr sehenswert

  5. burns

    Danke für die Kritiken und die Berichterstattung, Jet. Von dem Genre und “solchen Filmen” würde ich sonst garantiert nie etwas mitkriegen.
    Gut zu wissen und sehr spannend, merci.

  6. Atzenventskalender: Türchen 10 | Chris87.de

    […] auch echte Perlen dabei die sich auch etwas vom eigentlichen Thema Film entfernen, wie der Bericht PornFilmFestival: Des Wahnsinns hotte Beute oder Dieser Film macht schwul… meint die FSK Dieser Beitrag gehoert zur Kategorie […]

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    11/16/14

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    pennyfornasa:

    Putting The Cost Of The ESA’s Rosetta Mission In Perspective

    "So what do we get for our €1.4bn? Rosetta is both an astounding feat of engineering (catapulting a tonne of spacecraft across millions of kilometres of space and ending up in orbit around a comet just 4 km across) and an extraordinary opportunity for science (allowing us to examine the surface of a lump of rock and ice which dates from when the Solar System formed).

    Like a lot of blue-skies science, it’s very hard to put a value on the mission. First, there are the immediate spin-offs like engineering know-how; then, the knowledge accrued, which could inform our understanding of our cosmic origins, amongst other things; and finally, the inspirational value of this audacious feat in which we can all share, including the next generation of scientists.

    Whilst those things are hard to price precisely, in common with other blue-skies scientific projects, Rosetta is cheap. At €1.4bn, developing, building, launching and learning from the mission will cost about the same as 4.2 Airbus A380s—pretty impressive when you consider that it’s an entirely bespoke robotic spacecraft, not a production airliner. On a more everyday scale, it’s cost European citizens somewhere around twenty Euro cents per person per year since the project began in 1996.

    Rosetta has already sent us some stunning images of Comet 67P/Churyumov–Gerasimenko and today’s landing will, with any luck, provide us with our first close-up glimpse of the chaotic surface of this dirty snowball. If you’re a sci-fi fan, then, you might consider the mission to have been worth its price tag just for the pictures. The total cost for the Rosetta mission is about €3.50 per person in Europe; based on the average cinema ticket price in the UK (€8.50), it has cost less than half of what it will cost for you to go to see Interstellar.”

    Via Scienceogram: http://scienceogram.org/blog/2014/11/rosetta-comet-esa-lander-cost/

    Find Out How Budget Cuts Canceled NASA’s Own Comet Landing Mission: http://www.penny4nasa.org/2014/11/11/how-budget-cuts-canceled-nasa-own-rosetta-comet-landing-mission/

    11/15/14

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    meatbicyclevevo:

    i never wanted this to end

    10/20/14

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    iambluedog:

    Life is too short to be holding on to old grudges

    10/20/14

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    10/09/14