Originaltitel: Extremely Loud & Incredibly Close
Herstellungsland: USA 2011
Regie: Stephen Daldry
Darsteller: Thomas Horn, Tom Hanks, Sandra Bullock, Max von Sydow, John Goodman, Viola Davis, Jeffrey Wright





Der 50jährige britische Theaterregisseur Stephen Daldry hat in 12 Jahren bislang nur vier Filme inszeniert. Gleich sein erster, das Coming-of-Age-Drama “Billy Elliot – I Will Dance”, war schon ein weltweiter Publikums- und Kritikerliebling, an dessen Erfolg die darauf folgende Michael-Cunningham-Adaption “The Hours” nahtlos anknüpfen konnte. In diesem Mehrpersonenstück, das Nicole Kidman und ihrer Nasenprothese 2003 alle Preise der Welt einbrachte, zeichnete sich bereits die formalästhetische Nähe zum festivalgewerblichen Award-Kino ab, mit der er zum Lieblingsengländer der Weinsteins gedieh. Obwohl dies im Entwurf noch ein sehr kluger, sogar komplexer Film war, sollte wenig später “Der Vorleser” schließlich die Befürchtungen bestätigen: Im Oscarsystem angekommen, rührte Daldry fortan die Schmalzsoße mit extra viel falschem Sentiment an.
“Extrem laut und unglaublich nah” nach dem gleichnamigen Beststeller von Jonathan Safran Foer, den offenbar jeder gelesen und jeder geliebt hat, ist nun Daldrys vierte Regiearbeit fürs Kino. Und natürlich gehört diese Schnulze ins Hauptprogramm der Berlinale, damit der britische Gefühls-Deliverer und sein frisch oscarnominierter Nebendarsteller Max von Sydow den Roten Teppich entlang spazieren und in der Pressekonferenz für mehr 9/11-Geschichten im Kino einstehen dürfen, obwohl ihr Film ja eigentlich längst durch ist. Und da sein Kritikerecho ein für Daldry-Verhältnisse erstaunlich durchwachsenes war, schaut man die negativen Stimmen nun unweigerlich mit.
Vielleicht ist das einer der Gründe, warum mir “Extrem laut und unglaublich nah” besser gefallen hat als erwartet. Warum er, wenn schon nicht intellektuell, so doch zumindest emotional für mich funktionierte. Der Film erzählt die Geschichte des kleinen Jungen Oskar, der nach dem Tod seines Vaters bei den Anschlägen auf das World Trade Center in dessen Kleiderschrank einen Schlüssel findet, zu dem er fortan in abenteuerlicher Weise das passende Schloss sucht. Mit dieser eigenwilligen Expedition verspricht sich der Junge insgeheim, wieder einen Weg zu seinem Vater finden zu können, der ihm so unerwartet entrissen wurde. Erfindungsreichtum als Schicksalsbewältigung also, das Entdecken des Phantastischen im Alltag, die Fantasie verborgen in der ständigen Umgebung. Purer Eskapismus.
Den Schlüssel zur Geschichte wiederum findet der Film klar in seinem kindlichen Protagonisten. Oskar, der vermutlich am Asperger-Syndrom leidet, ist altklug, geschwätzig und vorlaut, sprich ein ganz normaler Junge. Das Tamburin trägt er wie sein – gewiss nicht zufälliger – Namensvetter einst die Blechtrommel, und wie klingelnde Cymbals in seiner Hand bleibt auch die enorm dynamische, kraftvolle Inszenierung Daldrys ganz bei seiner aufregenden, wissbegierigen Entdeckerlust. Dem Film wurde vorgeworfen, der Regisseur versteige sich zu sehr in die Perspektive Oskars, doch sind nicht gerade die meisten Kinderfilme davon betroffen, den Blick ihrer jungen Helden nur vorzugeben, statt ihn auch zu teilen?
Die Schwächen des Films sind dahingegen so offensichtlich wie bedauerlich. Insbesondere der Einsatz des Musikscores von Alexandre Desplat, nicht die Komposition als solche, ist nur schwer erträglich in der steten Zementierung jedes noch so kleinen Gefühls. Der wenig diffizile Umgang mit den wohl unumgänglichen Gestaltungsmitteln des Tränendrüsenkinos verstellt damit leider einen Film, der geistvoller hätte sein können. “Extrem laut und unglaublich nah” ist sehr kitschig, sehr amerikanisch und immer ein wenig zu viel. Und damit aber auch eben die ganz hollywoodtypische Bewältigung des nationalen Traumas, so rundheraus legitim wie nachvollziehbar. Kein schlechter Film.
“Extrem laut und unglaublich nah” läuft im Wettbewerb der 62. Berlinale außer Konkurrenz. Weitere Vorführungen:
13.02. – 23:15 Uhr Friedrichstadt-Palast
19.02. – 12:45 Uhr Berlinale Palast
- Jet Strajker •
- Februar 12th, 2012 •
- 15 Kommentare
- Schlagwörter: Berlinale 2012, Extremely Loud and Incredibly Close, Stephen Daldry
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