Berlinale-Review: The Woman in the Septic Tank

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Originaltitel: Ang Babae sa Septic Tank
Herstellungsland: Philippinen 2011
Regie: Marlon N. Rivera
Darsteller: JM De Guzman, Kean Cipriano, Cai Cortez, Eugene Domingo

★★½☆☆

Er habe nicht Armut thematisieren wollen, sagt Regisseur Marlon Rivera, sondern die Art, wie Armut auf den Philippinen im Kino dargestellt werde. Und dass die meisten philippinischen Filme, die ein internationales Publikum erreichten, immer nur von Armut handelten oder sie zumindest in einer bestimmten Weise darstellten. Rivera spricht von Filmen, die man besonders im Kontext der Festivalverhältnisse mittlerweile unter dem schrammeligen Begriff des Weltkinos subsumiert. Wie Simon Rothöhler einmal anschaulich in der taz beschrieb, seien dies Filme, die eigentlich einen westlichen – im Besonderen europäischen – Festivalmarkt bedienten, und nicht mithilfe staatlicher, sondern transnationaler Förderung entstünden.

Zu Tage treten dabei nicht selten Produktionen, die, inhaltlich um Missstände kreisend, Fremdartiges im Mantel des Gehobenen verkaufen, gern auch verortet im leidigen Slow Cinema, und zu denen die hiesige Kritik dann frohgemut ihre Einlassungen ins Festivalgeschehen hauen kann. Warum also damit nicht gleich die ganz großen Preise abräumen, wenn schon all diese Filme am breiten Publikum in der Regel komplett vorbeigehen? Das zumindest ist der Plan der Protagonisten aus “Woman in the Septic Tank”, einem jungen Filmemacher, seinem Produzenten und der tagträumerischen Assistentin.

Laufend diskutieren sie ihr Drehbuch, welche kommerziellen Abwägungen es zu machen gilt und wie man eben am allerbesten einen Oscar gewinnen könne. Wir Zuschauer bekommen nun zahlreiche Varianten vorgeführt, welch Gestalt eben dieser geplante Film am Ende theoretisch annehmen würde. Vom tristen Realismusdrama in langen Einstellungen bis hin zum bunten Colorgrading-Musical ist alles vertreten. Dem Film geht es hierbei nicht unbedingt darum, das eigene Kino zu vergackeiern, sondern eher die Rezeption desselbigen außerhalb der Philippinen. Die erwartete Parodie auf die Filme von Lav Diaz und Co. präsentiert Rivera also nicht unbedingt.

Die Idee von “Woman in the Septic Tank” ist großartig, und wo könnte sie schon besser aufgehoben sein, als im Programm eines A-Festivals (oder B oder C, einstweilen) wie der Berlinale. Bedenkt man zudem, dass hinter dem Export des Films die Cinemalaya Foundation steckt, welche auch die bekrittelten “Poverty Porns” unterstützt, verleiht sich die ironische Kino- und Produktionsreflexion des Films fast noch einen subversiven Nimbus. Nur: Die Idee ist besser als der eigentliche Film. Dessen Albernheiten sind zwar immer sympathisch (und Eugene Domingo in einer Nebenrolle entzückend komisch), aber weder allzu clever noch weitschweifig. Manch Witz sogar ist schlicht dümmlich.

Dennoch sei angemerkt: Ich habe in vielen Jahren Berlinale noch keinen Film gesehen, bei dem sich das Publikum während der Vorführung so derart enthusiastisch zeigte wie hier. Schallendes Gelächter, Szenenapplaus, fast irritierend. Da nehmen die Zahlen einen auch nicht mehr wunder: “Woman in the Septic Tank” ist der erfolgreichste philippinische Independentfilm aller Zeiten. Er brach diverse inländische Box-Office-Rekorde, wurde vielfach ins Ausland verkauft und sogar für den Oscar als Bester fremdsprachiger Film eingereicht! Wie war das noch mal mit der Subversion?

“Woman in the Septic Tank” läuft im Forum der 62. Berlinale. Weitere Vorführungen:

14.02. – 15:00 Uhr Arsenal 1
17.02. – 22:30 Uhr Cubix 9

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Rajko Burchardt mein es gut mit den Menschen. Die Spielwiese des Bayerischen Rundfunks nannte ihn vielleicht auch deshalb "einen der bekanntesten Entertainment-Blogger Deutschlands".

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2 Comments

  1. luzifus

    “Ich habe in vielen Jahren Berlinale noch keinen Film gesehen, bei dem sich das Publikum während der Vorführung so derart enthusiastisch zeigte wie hier. Schallendes Gelächter, Szenenapplaus, fast irritierend.”

    Dann solltest du dir dringend “Don – The King is Back” anschauen. Dort gab es des Öfteren ähnliche Reaktionen während der Vorstellung.

  2. Berlinale-Review: Captive - Die Fünf Filmfreunde

    […] europäischen Festival-Cinéphilie und selbstverständlich auch des so genannten Weltkinos (siehe “The Woman in the Septic Tank”). Das Kernthema seines letzten Films greift Mendoza nun erneut auf: Wie schon “Kinatay” […]

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    officialgaygeeks:

    That lightsaber sound lol


    Get the My Neighbor Groot shirt http://buff.ly/1EFUcA2 http://ift.tt/1BEBgm8

    11/16/14

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    pennyfornasa:

    Putting The Cost Of The ESA’s Rosetta Mission In Perspective

    "So what do we get for our €1.4bn? Rosetta is both an astounding feat of engineering (catapulting a tonne of spacecraft across millions of kilometres of space and ending up in orbit around a comet just 4 km across) and an extraordinary opportunity for science (allowing us to examine the surface of a lump of rock and ice which dates from when the Solar System formed).

    Like a lot of blue-skies science, it’s very hard to put a value on the mission. First, there are the immediate spin-offs like engineering know-how; then, the knowledge accrued, which could inform our understanding of our cosmic origins, amongst other things; and finally, the inspirational value of this audacious feat in which we can all share, including the next generation of scientists.

    Whilst those things are hard to price precisely, in common with other blue-skies scientific projects, Rosetta is cheap. At €1.4bn, developing, building, launching and learning from the mission will cost about the same as 4.2 Airbus A380s—pretty impressive when you consider that it’s an entirely bespoke robotic spacecraft, not a production airliner. On a more everyday scale, it’s cost European citizens somewhere around twenty Euro cents per person per year since the project began in 1996.

    Rosetta has already sent us some stunning images of Comet 67P/Churyumov–Gerasimenko and today’s landing will, with any luck, provide us with our first close-up glimpse of the chaotic surface of this dirty snowball. If you’re a sci-fi fan, then, you might consider the mission to have been worth its price tag just for the pictures. The total cost for the Rosetta mission is about €3.50 per person in Europe; based on the average cinema ticket price in the UK (€8.50), it has cost less than half of what it will cost for you to go to see Interstellar.”

    Via Scienceogram: http://scienceogram.org/blog/2014/11/rosetta-comet-esa-lander-cost/

    Find Out How Budget Cuts Canceled NASA’s Own Comet Landing Mission: http://www.penny4nasa.org/2014/11/11/how-budget-cuts-canceled-nasa-own-rosetta-comet-landing-mission/

    11/15/14

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    meatbicyclevevo:

    i never wanted this to end

    10/20/14

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    iambluedog:

    Life is too short to be holding on to old grudges

    10/20/14

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    10/09/14