“Pfeif!”
Die Tribute von Panem (The Hunger Games) – USA 2012






In einem dystopischen Zukunftsstaat namens Panem (die früheren USA) werden alljährlich zur Disziplinierung der renitenten Distrikte tödliche Spiele ausgetragen, zu denen jeder Distrikt zwei Teilnehmer entsenden muss, die dann in einer virtuellen Wald-Arena gegeneinander antreten. Die junge Katniss springt für ihre kleine Schwester freiwillig ein und darf in der Reality-Show um ihr Leben kämpfen…
Den Hype mal beiseite lassend, hat der Film leider nicht so richtig viel zu bieten. Was nicht unbedingt an der ausgenudelten Story liegt, denn Todesduelle und Überlebenskampf sind ewige Themen, die durchaus in Variation immer wieder und wieder erzählt werden können. Und vielleicht ist es mit Panem ja wie mit den Potter-Filmen, die man auch nur wirklich verstand, wenn man die fehlenden Elemente aus Kenntnis der Romanvorlage ergänzt. Das will ich nicht ausschliessen, als reiner Film hat dieser erste Teil der Hunger Games für mich jedoch so gar nicht funktionieren wollen.
Some Spoilers ahead. Beware.
Die Kamera wackelt in der Art wie in schlechten Found Footage-Filmen Realismus angetäuscht werden soll und die Action (so sie denn vorkommt) wird in hektische Schnitte und Closen aufgelöst, die mehr verbergen als erhellen. Willkommen in PG13-Country in dem die Grundprämisse eines Kids bringen sich gegenseitig um nicht wirklich thematisiert wird. Wie sovieles andere auch. Als reine Filmfigur bleibt Hauptdarstellerin Katniss (gespielt von Jennifer Lawrence die im Grunde mit dem gleichen Muffelgesichtsausdruck den kompletten Film relativ emotionsfrei durchspielt) herzlich eindimensional. Weder erfahren wir wer sie ist, wie sie denkt, ob sie denkt – noch offenbart sie über das Retten ihrer Schwester hinaus irgendwelche Qualitäten die sie menschlich interessant machen. Sie redet kaum, sie wirkt beständig angenervt und solange ihr nicht irgendwer sagt was sie tun soll (“zieh dich fesch an, begeister das Publikum, spiel eine Romanze, beeindrucke die Jury, Schmeiss das Wespennest runter”) kommt sie auch nicht wirklich aus dem Quark. Das die Chemie zwischen ihr und Peeta-Darsteller Josh Hutcherson sich unter der µ-Grenze befindet, mag im Zeichen ihrer gespielten Liebe beabsichtigt sein, ändert sich aber den kompletten Film nicht und lässt den Charakter des Jungen schon ehe er sich mit Tarnborke bepinselt so blass erscheinen, dass er fast mit dem Hintergrund verschwimmt. Von charmlosen Testosteron-Bolzen Liam Hemsworth der eh nur 5min Screeentome hat ganz zu schweigen – er ist mindestens so fade wie sein Bruder Thor.
Dabei hätte die Story ja Potential. Die Nebenrollen sind durch die Bank interessant und vielversprechend besetzt. Woody Harrelson mag nicht so versifft und versoffen sein wie im Buch, spielt durch pure Präsenz aber die Jungdarsteller in jeder Szene komplett an die Wand. Lenny Kravitz macht das Beste aus seiner kleinen Rolle als Modeschwuppe und Sutherland, Bently und Toby Jones sind gebau wie Stanley Tucci und Elisabeth Banks schillernde Figuren, über die man gerne mehr erfahren würde. Und auch wenn die ersten 45min des Films inhaltlich eher fades Geplänkel sind, das wirkt wie die Glamour-Berichte die bei exklusiv und EXTRA über DSDS zu sehen sind (viel Home-Story und kein Singen), unterhalten sie immer noch besser als die eigentlichen Hunger Games. Denn Kids die durch den Wald rennen sind leider nicht wirklich spannend – und ohne die tolle Supporting-Cast setzt noch schneller das große Gähnen ein, wenn sich wieder mal die Frage stellt: Wofür braucht dieser Film für sowenig Handlung so wahnsinnig viel Zeit? Viel Zeit in der nachgedacht werden kann und sich zumindest dem buchunkundigen Zuschauer Fragen aufdrängen. Wie zum Beispiel: Was ist das ganze für ein bescheuertes Weltkonzept? Neben dem Konstrukt der Hunger Games wirkt sogar Death Race und Running Man noch plausibel und wohldurchdacht. Was sollen die Spiele? Wieso halten sie Distrikte von der Rebellion ab? Warum muss das ganze wie American Idol präsentiert werden, wenn jeder weiß das es Zwang ist? Warum lässt der Tod von dutzenden Kids die Distrikte scheinbar kalt und warum flippen sie aus und machen Bürgerkrieg, nur weil das kleine Mädchen stirbt das mit Katniss ca. 4min Screentime hatte, nachdem Katniss sie beerdigt und die Drei Bier Bitte-Geste macht?
Und warum soll ich als Zuschauer länger um einen Charakter trauern, als dieser tatsächlich auf der Leinwand zu sehen war, geschweige denn, dass er außer Kulleraugen irgendeine Tiefe bekommen hätte. Und warum gibts angeblich Nahrungsmangel in einer Welt die aus grünen Wäldern und Feldern besteht? Und wieso ist man auf so primitive Distrikte im Steinzeitlook angewiesen, wenn man die Technologie besitzt ein gigantisches Game-Holodeck zu bauen. Und wieso besteht das Finale aus dreimal hin und her-rennen und digitalen Hütehunden die Katniss und Peeta aufs Dach einer Trailer-Park-Burg jagen? Und letztlich… why should I care?
Gary Ross ist zweilfelsfrei ein sympathischer Typ und echter Fan der Romane – aber sein Film ist schaumgebremstes Langweilerkino mit flachen Figuren, die an keiner Stelle zum mitfiebern oder mitleiden motivieren. Technisch ist es bis auf die furchtbare Wackelkamera durchschnittlich bis solide, wenn man vom CGI-Matte-Look von Kapitol-City absieht. Die Innendekos sind durchaus schick anzusehen und Kostüme, wie Make-Up und Frisurendesigns neckisch bis sehenswert. Panem fühlt sich nicht hingeschludert an, es ist kein runtergekurbelter Film. Aber wie Twilight bleibt es letztlich recht formalhaftes Kinderkino ohne Eier.. und schlimmer ohne echte Seele. Denn ohne eine glaubhafte, funktionierende Welt wird nie klar wofür es sich zu kämpfen lohnt. Das zusammengeklaute Motiv-Stückwerk das die Welt von Panem darstellt, ist einfach zu unschlüssig in seiner Vision, zu wischi-waschi um bleibenden Eindruck zu hinterlassen. Und wer Daniel Radcliff mangelndes Talent vorwirft, der hat die blassen Hauptdarsteller dieses Films noch nicht gesehen.
“Everything will be all right in the end… if it’s not all right then it’s not the end.”
Best Exotic Marigold Hotel – UK 2011






Sieben Rentner verschlägt es aus unterschiedlichsten Gründen in das als Alters-Paradies angepriesene indische Best Exotic Marigold Hotel, dass der junge Sonny mit dem Mut der Verzweiflung zu einem Erfolg machen möchte. Doch das Hotel ist mindestens so alt und baufällig wie seine neuen Gäste, die sich den Lebensabend dann doch etwas geruhsamer vorgestellt hatten. Jeder von ihnen muss sich nun auf seine eigene Art mit dem fremden Land und dem neuen Lebensabschnitt arrangieren…
Filme kommen kaum Feelgoodiger daher als dieser Streifen vom “Shakespeare in Love”-Regisseur John Madden. Er setzt auf den Slumdog-Millionär-Location-Charme, spart die finsteren Seiten Indiens aber dabei wohlwollend aus. Es bleibt freundliches Gewusel, skurriler Lärm, liebenswertes Lächeln und fantastische Bilder. Und das ist für die märchenhafte Art in der diese Story erzählt wird, auch völlig in Ordnung, denn auch wenn es an der Oberfläche um Indien und seine Kultur geht, ist der Film letztlich doch urbritisch und lebt vom Aufeinandertreffen seine exzentrisch-liebenswerten Charakte.
Und neben den optischen Schauwerten des Landes sind es die schauspielerischen Schauwerte, die den Film funktionieren lassen. Wann hat man schonmal die Chance so viele ehrenwerte alte Humpel auf der Leinwand genießen zu dürfen. Maggie Smith, Judi Dench, der göttliche Bill Nighy, Tom Wilkinson, Penelope Wilton, Celia Imrie und Ronald Pickup sind einfach eine Freude anzusehen. In ihren zerfurchten Gesichter spiegelt sich soviel Leben, Witz, Power und Emotion, dass es manchmal ausreicht sie nur zu beobachten um das Gefühl zu haben, etwas über ihre Figuren zu erfahren.
Dev Patel als Jung-Hotelmanager der sich seiner Familie beweisen will, darf hier endlich wieder seine komischen Talente ausleben und ist wie gewohnt liebenswert und im Zusammenspiel mit dem rüstigen Renten-Ensemble sehr unterhaltsam. Seine dahingestammelten Sätze, die furchtbare Ereignisse in unglaubliche Euphemismen hüllen sind sprachakrobatische Kleinode. Und Bill Nighy muss eigentlich nur etwas anschauen und ist schon extrem komisch dabei. Seine Love-Story zu Judi Dench, Wilkinsons verschollene Romanze, Neuanfang, Tod, Sex und Freundschaft – das ist alles nicht brüllend originell und klassisches Futter eines Ensemble-Films. Es lebt weil es gut getimed und gespielt ist und die Figuren einfach auf ihre Weise unglaublich sympathisch sind – selbst Penelope Wilton als dauernörgelnde Frau Nighys, wird nie zur Karikatur sondern bleibt menschlich und in gewisser Weise auch von der warmherzigen, melancholischen Tragik durchzogen, die den Film letztlich erdet.
Das einige Konflikte zu simpel aufgelöst werden (gerade am Ende wenn Sonny seine Mutter umstimmt) oder das der schwule Charakter des Films praktischerweise wegstirbt, nachdem sein Erzählstrang zuende ist – das sind kleine Lässlichkeiten, die den Film genau wie seine durchgängige Knuffigkeit davor bewahren ganz groß und perfekt zu sein. Doch für das was er sein möchte, fluffig-herzliches Wohlfühlkino, macht er seine Sache extrem gut. Und beweist vor allem: Das gute Schauspieler oft der beste Special-Effect sind.
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- März 23rd, 2012 •
- 24 Kommentare
- Schlagwörter: The Best Exotic Marigold Hotel, The Hunger Games, tribute von panem









































Pingback: schön formuliert (73): die tribute von panem « blubberfisch
Pingback: Hunger Games / Die Tribute von Panem: Alle Ausgaben im Überblick