»There’s something wrong with Andrew.«
Originaltitel: Chronicle
Herstellungsland: USA/GB 2012
Regie: Josh Trank
Darsteller: Dane DeHaan, Alex Russell, Michael B. Jordan, Michael Kelly, Ashley Hinshaw, Bo Petersen, Anna Wood
Kinostart: 19. April 2012




Jet Strajker




Batzman
Jetzt nun endlich hat auch der Superheldenfilm seinen Found-Footage-Eintrag. Obwohl es die Heldenhaftigkeit der “Chronicle”-Protagonisten erst einmal zu diskutieren gilt: Zufällig nämlich finden die drei High-School-Schüler Andrew (Dane DeHaan), Steve (Michael B. Jordan) und Matt (Alex Russell) zu übernatürlichen Kräften, nachdem sie in einer Waldgrube auf ein seltsam schimmerndes Objekt stießen. Und die spontan erlangten Fähigkeiten werden von den drei ungleichen Jungs zuallererst in Jackass-Manier unter Beweis gestellt. Da ahnt man schon: Es kann nur eine Frage der Zeit sein, bis das Spiel mit der adoleszenten Omnipotenz in ein dramatisches (Super)Kräftemessen umschlägt.
Die Frage der Verhältnismäßigkeit, des sinnvollen Gebrauchs besonderer Fähigkeiten, wirft ein solcher Stoff immer wieder auf. An ihr zeigt sich, wer Superheld und wer nur Superschurke ist. “With great power comes great responsibility.”, lautet die berühmte programmatische Tagline des ersten “Spider-Man”-Films. Die Verantwortung der Superkraft steht dann auch im Zentrum von “Chronicle”: Wozu Held spielen, wenn man sich mit ihr auch gegen die Schikanen der High-School-Jerks zur Wehr setzen, sich als allmächtig behaupten könnte. Wenn sie es dem Unterdrückten ermöglicht, selbst zum Peiniger zu werden.
“Chronicle” ist ein Fake-Found-Footage-Film, präsentiert sich also in von den Protagonisten angeblich selbst hergestellten Videobildern, als Produkt einer ständig überall mitlaufenden Kamera. Seit dem “Blair Witch Project”, wenn auch mit einiger Verzögerung, haben sich immer wieder die unterschiedlichsten Filme mit diesem kostengünstigen stilistischen Kniff zum Erfolg gewackelt. Man neigt für gewöhnlich dazu, sie deshalb auf ihre Plausibilität hin zu untersuchen, ganz genau zu schauen nach Bruchstellen im Konzept, die ihre Inszenierung nicht zu legitimieren drohen. Dieser Art Filmerlebnis, in der sich ja immer auch ein wenig die Bescheidwisserei des Publikums spiegelt, stellt sich “Chronicle” mit einigen sehr cleveren Entscheidungen in der Wahl seiner Mittel.
Die Perspektive eines schwer labilen, ja, regelrecht abgründigen Jugendlichen, der sich und sein Umfeld nur noch mittels jener Videobilder zu ertragen scheint, die ihm eine eigene, eine verzerrte Wahrnehmung der Realität ermöglichen, bildet einen der bislang schlüssigsten Ansätze des Found-Footage-Kinos. Als eine Art Tagebuchfilm, in dem sich die Coming-of-Age-Motive konkreter, unverstellter konzentrieren, als bei einem formal herkömmlichen Spielfilm, gerade auch, weil sich ihre Fiktivität aufgrund der vermeintlichen Authentizität ästhetisch deutlicher verschleiert. Am Interessantesten aber ist, wie “Chronicle” die bisherigen Gestaltungsgrenzen des FF-Stils aufbricht.
Sein Superhelden-Sujet nutzt er, um auch die eng abgesteckten Erzähl- und Darstellungsmöglichkeiten der Kamera zu lockern. So lässt Andrew diese eben schlicht Kraft seiner telekinetischen Fähigkeiten im Raum schweben, um so natürlich nicht nur seinen, sondern auch den unsrigen Blick zu erweitern, das Geschehen zu strukturieren und damit vielleicht den ersten subjektiv perspektivisierten Genrefilm in Heimvideoästhetik zu drehen, der auch auktorial zu Bildern findet. Dieses mindestens so spannende wie effektive Konzept erreicht im Schlussakt einen Höhepunkt, der die Abläufe durch alle verfügbaren Aufnahmemedien filtert – und damit ein (vermeintlich) rekonstruiertes Mosaik dokumentierter Superheldenereignisse formt. “Chronicle” ist der interessanteste Versuch eines alternativen Superheldenfilms seit M. Night Shyamalans “Unbreakable”.
Batzman meint:





Die lange erwartete positive Überraschung im Found-Footage-Bereich. Das Genre, das in den letzten Jahren genervt hat wie kein anderes, bekommt jetzt endlich mal wieder einen ansehbaren Beitrag. Chronicle, mit einem Mikrobudget gedreht (zumindest für Hollywood-Verhältnisse), bietet gute Schauspieler, ordentliche Dialoge und eine ausgewogene Mischung aus Witz und Drama. Der Showdown lässt es ordentlich krachen und bietet originellere Bilder als so mancher Big-Budget-Film, die Tricks sind effektiv und zielgerichtet – es gibt vieles, was an Chronicle überzeugt und Spaß macht.
Natürlich holpert die Logik und die Story an ein paar Stellen und auch wenn er der beste Found-Footage-Film seit langem ist, plagt ihn sein eigenes Gimmick nach dem ersten Drittel schon ganz gewaltig. Größter Haken des Films ist, dass einen immer wieder das Gefühl befällt, die Macher suchen ständig Loopholes um die “Found Footage”-Prämisse zu umgehen. Da werden unnötige Bloggerfreundinnen eingeführt, die wahllos alles mitdrehen um Gegenschüsse zu bekommen, der Hauptdarsteller lässt die Kamera fliegen um kinogerechte Fahrten zu rechtfertigen und für die Multiperspektive im Finale wird einfach jede verfügbare Kamera irgendwie in die Story gebogen. Dass das Bildmaterial qualitativ selten mit der verwendeten Kamera korrespondiert und es nie wirklich plausibel gemacht wird, warum die Hauptfigur überhaupt alles mitfilmt (er scheint nicht wirklich vorzuhaben mit dem Material irgendetwas anzufangen) und die YouTube-Kultur auch nicht verstanden wurde, versteht sich da fast von selbst.
Das ruiniert nicht den Spaß an diesem kurzweiligen Film mit seinen sympathischen Hauptdarstellern, stellt aber die Frage, warum sich die Macher selbst das Leben so schwer machen. Denn diese männliche Version von Carrie hätte auch ohne die ganzen Found-Footage-Sperenzchen genug zu bieten, um wirklich gut zu unterhalten. Und würde er vor dem aufgezwungenen Epilog enden, wäre er wirklich super.
Trotzdem angucken: Denn einen besseren Film um ambivalente Nachwuchs-Superhelden, der ganz zurecht die Frage stellt, ob die Kräfte nicht in erster Linie für selbstsüchtige Zwecke benutzt würden, werdet ihr vor den Avengers nicht zu sehen bekommen.
- Jet Strajker •
- April 18th, 2012 •
- 9 Kommentare
- Schlagwörter: Chronicle, Dane DeHaan, Josh Tank
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