“I can eat the biscuits, but God made tigers carnivorous, so I must learn to catch fish. If I don’t, I’m afraid his last meal would be a skinny vegetarian boy.”
Originaltitel: Life of Pi
Herstellungsland: USA 2012
Regie: Ang Lee
Buch: David Magee
Darsteller: Suraj Sharma, Irrfan Khan, Ayush Tandon, Gérard Depardieu, Rafe Spall





Der Junge Pi, eigentlich Piscine, ist auf dem Weg mit seiner Familie von Indien nach Kanada auszuwandern. Seine Familie besaß einen Zoo und nimmt deswegen alle Tiere mit um sie in Kanada zu verkaufen. Doch das Schiff geht in einem Sturm unter und Pi kann in letzter Sekunde in ein Rettungsboot springen und sich als einziger retten. Soweit so schlecht, doch es gibt noch ein Problem: Der bengalische Tiger Richard Parker hat es ebenfalls ins Boot geschafft und Pi muss sich irgendwie mit ihm arrangieren …
Oh bitte, nicht noch so ein Lavalampen-Film, nicht noch ein Tree of Life, nicht noch ein Streifen, der irgendwie fernöstliche Weisheit, Spiritualität und Glauben propagieren will. Und nicht noch ein CGI-Film… und nicht- okay das waren so ungefähr meine Gedanken, als ich die grobe Synopsis des Buches Life of Pi las. Einzig der Regisseur ließ mich hoffen, dass hier kein verquaster Quark kommen würde, denn auch wenn ich kein Fan von Brokeback Mountain und vom Hulk bin, konnten mich Ang Lees andere Filme durchaus begeistern. Im Besten Fall verströmen sie wie “Taking Woodstock” eine harmlose Feelgood-Fluffigkeit, die sie einfach sehr angenehm anzuschauen macht. Und Life of Pi hat mich dann doch sehr positiv überrascht. Es ist ein extrem flauschiger Film, der dennoch seine Ecken und Kanten hat. Er ist im Grunde genommen eine Verfilmung von Calvin & Hobbes, bis hin zu seinem Schlusstwist. Er sieht fantastisch aus und bietet surreale Bilder, deren Reiz ausnahmsweise durch das 3D unterstützt wird. Ich würde nicht sagen, dass es zwingend ist, den Film in 3D zu sehen, aber er gehört zu den wenigen Filmen, die die Räumlichkeit tatsächlich mal effektiv nutzen und damit neben Dredd wohl die beste 3D-Kameraführung des Jahres bieten.
Warnung: Spoilers Ahead
Lee inszeniert auf Schönheit und auf Eleganz und das wirkt stellenweise irritierend, wenn sich beispielsweise fliegende Fische über das Rettungsboot ergießen, absurd elegante Himmelsspiegelungen das Meer verzaubern und Quallen und Neonwale nur knapp am Kitsch vorbeispringen. Doch der Film kommt damit durch, denn Pi und der Tiger (der zum Großteil und das meist sehr überzeugend aus dem Rechner stammt) bringen immer wieder einen gewissen filmischen Realismus ins Spiel – ganz einfach, weil es spannend ist, den Macht- und Überlebenskampf der beiden zu verfolgen und der Film auf diesem simplen Abenteuerlevel sehr gut funktioniert. Doch das Ende des Films schafft es sogar in einem tatsächlichen überraschenden (wenn auch zu holzhammermässig erklärten) Schlusstwist die ganze Irrealität des bisher gesehenen zu rechtfertigen. Wobei zugegeben die Klammerteile des Films, in denen der alte Pi (sehr gut: irrfahn Khan) einem Schriftsteller (egal: Rafe Spall) seine Geschichte erzählt, die schwächsten Stellen des Films sind. Dennoch macht es Spaß, wenn die Handlung im letzten Akt dann derartig auf den Kopf gestellt wird und viele der Sachen, die einem unbewusst als unrealistisch und seltsam erschienen plötzlich neuen Sinn machen.
Natürlich hat der Film seine Schwächen: Er braucht eine Weile, bis er in Gang kommt, bis Pi endlich im Rettungsboot ist. Aber auch wenn sich seine Vorgeschichte etwas zieht, ist sie nicht unwichtig, denn um seinen Verlust zu verstehen, muss man seine Familie kennenlernen und um ihn zu verstehen, muss man seine offene Weltsicht und seinen Humor erleben, ehe es ins große Drama geht. Das ruckelt zwar tonal ein bisschen, funktioniert im Gesamtkontext dann aber dennoch leidlich gut, da zwar die Exposition oftmals etwas platt ist, die sympathischen Schauspieler das Ganze aber irgendwie dann doch erträglich machen. Und Lee schafft es auch die religiösen Motive, die Glaubensmetaphern so in die Geschichte einzubinden das sie zwar deutlich, aber nicht anstrengend sind und gerade mit Blick auf das Ende nie unangenehm missionierend wirken. Er stellt Fragen und gibt Ideen, lässt sie aber den Film nicht dominieren, der trotz seines phantastischen Settings überraschend simpel und unprätentiös daherkommt. Hier wird nicht groß geschwurbelt oder gepredigt, sondern in erster Linie extrem fluffig erzählt, in einer Haltung, die nahelegt, dass der Film sich nicht mehr vornimmt und nicht wichtiger daherkommt, als er es letztlich ist. Ist Gott tatsächlich nur “Die bessere Story” – darüber kann, aber muss nicht zwingend diskutiert werden, um Life of Pi genießen zu können. Er stösst nicht vor den Kopf, er will nichts erzwingen und er behauptet nichtmal zwingend Recht zu haben und das macht ihn, neben seinen anderen Qualitäten, sehr sympathisch.
Ein Glücksfall ist neben den wirklich sehr gut animierten Tiger (der es locker mit Gollum aufnehmen kann, was seinen Realismus und Ausdrucksfähigkeit angeht), vor allem Suraj Sharma, der hier seine erste Rolle spielt und auf dessen Schultern der Großteil des Filmes lastet. Er macht Pi glaubwürdig vor allem, wenn man bedenkt, dass er nicht nur Schauspielnovize ist, sondern obendrein für den Großteil des Films auf Luft reagieren musste und weite Teile des Films im Wasser herumdümpelt. Pi bleibt dabei immer sympathisch, menschlich, humorvoll und interessant und hilft auch über die unglaubwürdigsten Wendungen hinweg, und wenn der Film mal wieder zu einer Fototapete eines Jungmädchenzimmers mutiert, weil einfach alles zu magisch aussieht und zu schön ist, dann erdet er die Story und erinnert daran, dass es es immer noch um einen Überlebenskampf geht.
Wenn wir am Ende die wahre Geschichte erfahren, wir wissen, wer der Tiger ist, warum Depardieu überhaupt im Film war und was mit den anderen Tieren passiert ist, dann erhöht dies noch den Reiz, denn bei aller zuckerwattigen Flauschigkeit, die die Story ansonsten ummantelt, durchzieht sie doch ein düsterer Unterton von nicht zu unterschätzender Grausamkeit. Die Kollegen von Slashfilm brachten eine interessante Idee ins Spiel und meinten, dass das Ende noch stärker wäre, wenn es einen Hinweis darauf gäbe, dass der Tiger Pi nie ganz verlassen hat und immer nur unter der Oberfläche darauf lauert zurückzukehren. Das Ende funktioniert auch so, aber in der Tat hätte ein kurzer Hinweis darauf, dass der Tiger immer noch in Pi schlummert, das Ganze durchaus noch reizvoller gemacht und der narrativen Klammer eine wichtigere Rolle verliehen.
Nichtsdestotrotz: Der Film versöhnt zum Ende nochmal gewaltig mit dem Filmjahr 2012 und genau das richtige für die Weihnachtszeit.
- Batzman (Oliver Lysiak) •
- Dezember 20th, 2012 •
- 16 Kommentare
- Schlagwörter: Ang Lee, Life of Pi, Tiger Team










































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