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Cannes 2014: Lost River Review

Standard, 22. 5. 2014, Rocky Balbea, 3 Kommentare

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Keiner wusste so richtig, was einen erwarten würde bei Ryan Goslings Regiedebüt Lost River. Der Trailer hat wenig Aussage, die Informationen waren kryptisch. Irgendwas mit einer Stadt unter Wasser und Amerika in der Krise. Und trotzdem oder genau deshalb haben sich die Leute dann fast totgetrampelt, um in diesen Film zu kommen. Und als der Film vorbei war, ergoß sich dann eine Welle an Hass und Vitriol ins Internet, wie man es schon lange nicht mehr erlebt hat. Was daran liegen mag, dass es Spaß macht Leute zu bashen, vor allem Schauspieler, die sich aus ihrer kleine Box herauswagen. Aber auch weil Gosling hier einen Film hingelegt hat, der ein unterirdisch schlechtes Drehbuch (ebenfalls von Gosling) als Vorlage hat, welches in einem ästhetisch überbordenden Eintopf aus Trillionen Ideen, Bildern und Musikstücken ersäuft. Und die sind alle leider nicht von ihm.

 Irgendwo am Arsch der Welt in Amerika, in einer Geisterstadt namens Lost River, in der kaum noch Menschen leben, hausen Billy (Christina Hendricks) und ihre zwei Söhne Bones (Iain De Caestecker) und der kleine Franky in einer Bruchbude. Ihnen gegenüber wohnt die schöne Rat (Saoirse Ronan) mit ihrer verrückten Großmutter (die wunderbare Barbara Steel in einer fast katatonischen Rolle). Billy ist mit den Raten fürs Haus im Rückstand, weshalb ihr der neue Bankmanager einen Job in einer Art cabaret bizarre versorgt. Dort werden jede Nacht makabere Morde auf der Bühne aufgeführt, tonnenweise unechtes Blut inklusive. Billys fast erwachsener Sohn Bones geht derweil tagsüber auf Suche nach Kupferrohren, die er in den verlassenen Häusern findet, um ein wenig Geld zu verdienen. Leider tritt er dabei dem lokalen Rowdie auf die Füße. Der heißt, nur damit man es auch kapiert: Bully (Matt Smith) und schneidet gerne Leuten, die ihn nerven die Lippen mit einer Nagelschere ab. Nun ja, jedem das Seine. Achso und dann findet Bones eine Straße, die direkt in einen See führt und findet dort eine untergegangene Stadt. Und deswegen heißt die Stadt auch Lost River. Verstehste? Subtil ist nicht des Filmes Stärke.

Die Geschichte ist überall und nirgends und macht meist keinerlei Sinn, da hilft es auch nicht, dass Gosling hier die „Mystery“-Karte zieht. Er ist halt nicht Lynch, versucht es aber eindeutig in diese Richtung zu drängen. So sehr, dass dieser mit einer Zeile aus Blue Velvet zitiert wird. Und was sich im Drehbuch schon klar herauskristallisiert, wird in den Bildern noch klarer. Lost River ist ein Kanalisieren großer Regisseure, es ist eine Art tumblr oder für die älteren unter euch eine PowerPoint-Präsentation von folgenden Filmen und Regisseuren (Liste unvollständig und wahrscheinlich beliebig erweiterbar):

David Lynch (Blue Velvet, Lost Highway, Twin Peaks und Mulholland Drive) is Sachen Set Design, Stimmung und Drehbuch,

Nicolas Winding-Refn (Drive, Only God Forgives) in Sachen Farbgebung, Habitus der Figuren, Neonbeleuchtung und Musik, sowohl kleine und mittelgroße Anleihen von

Leos Carax (Holy Motors),

Harmony Korine (Gummo),

Dario Argento,

Beasts of the Southern Wild, Southland Tales und meiner Mutter.

So gesehen ist Lost River ein wunderbarer, wenn auch etwas verwurschtelter Trip durch einen Teil der Filmgeschichte und eine Fingerübung in Sachen Filmästhetik. Nur was ist daran jetzt Gosling? Ich weiß es nicht, ich hab nichts gefunden, außer, dass er den Eintopf ordentlich umgerührt hat. Aber ich finde man muss den Film (und auch den Gosling) deshalb nicht gleich verdammen. Klar ist immerhin, dass er nicht völlig dumm und talentlos ist, wie es einige der Kritiker ihm gerade bescheinigt haben. Die massive Klatsche, der in Cannes bekommen hat, könnte durchaus helfen ihn auf den richtigen Weg zu bringen. Da geht vielleicht noch was, mal sehen. Und auch der Film ist jetzt nicht nur der totale Quatsch. Wenn man ihn sich als Hommage an geniale andere Regisseure betrachtet und wenn man diese Mischung aus Mystery, Thriller, Sumpfigkeit und einem audiovisuellen Nerdorgasmus zu schätzen weiß, wird man hier durchaus Gefallen finden. Aber ich weiß jetzt schon, dass der Nilz N Burger Lost River wahrscheinlich hassen wird. Auch gut, am schlimmsten sind ja die Filme, die einem völlig Wurst sind. Der hier gehört wenigstens nicht zu dieser Fraktion.

3 Punkte gibt es daher vor allem für die wunderbaren Erinnerungen an fantastische andere Filme, den wirklichen großartigen Soundtrack und den visuellen Spaß.

 

 

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3 Kommentare

  • Reply bert 23. 5. 2014 at 20:25

    Komisch, bei so ’nem Schrott jizzt ihr euch doch normalerweise in die Pants?!

  • Reply Rocky Balbea 27. 5. 2014 at 18:19

    Ich fürchte ich kann mir nicht in die pants jizzn. :)

  • Reply franziska-t 16. 6. 2015 at 23:57

    Ich habe die acht Minuten kürzere Version von LOST RIVER gesehen und so ganz schlau wird man aus diesem Film nicht. Klar, es sind schöne Bilder und auch ein toller Soundtrack, aber die Story ist so verquer, dass man irgendwann nichts mehr blickt. Die acht Minuten mehr oder weniger reißen es da nicht raus.

    Hier meine Review: https://filmkompass.wordpress.com/2015/05/09/lost-river-omu-2014/

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