Review

Tim Burtons ‚Hansel and Gretel‘ in voller Länge online!

Standard, 19. 6. 2014, Jet Strajker, 4 Kommentare

Obgleich unlängst auf einigen Filmseiten das Gegenteil behauptet steht, galt Tim Burtons Disney-TV-Special „Hansel and Gretel“ nie als verschollen, sondern wurde lediglich vom Regisseur selbst unter Verschluss gehalten. Erst für dessen populäre Ausstellungen im MOMA bzw. der Cinémathèque Française gab er jenes kuriose Frühwerk frei, das nach seiner einzigen Ausstrahlung an Halloween 1983 ausschließlich in filmwissenschaftlichen Kontexten (und damit so gut wie gar nicht) verfügbar war. Eine kleine Sensation ist die nun in Umlauf gebrachte VHS-Aufnahme der selbstverständlich sehr sonderbaren Grimm-Adaption aber dennoch – und mich hat die Nachricht auch regelrecht vom Stuhl gehauen, so ich damals einzig für diese 35 Minuten gar einen Trip nach Paris in Erwägung zog (ja ja, ein wahrer Fan hätte das wohl getan, usw.usf.). Die Sichtung habe ich jetzt tatsächlich mehrere Tage lang vor mir her geschoben, einerseits aus Ehrfurcht, andererseits dem wohligen Gefühl, sich einen Burton-Film einfach auch aufheben zu können – wenn man ihn braucht, ist er nun da. Und geht nicht mehr weg.

„Hansel and Gretel“ markiert in vielerlei Hinsicht einen Meilenstein in Tim Burtons Karriere. Es war seine bis dato längste Produktion ebenso wie der erste Film, für den der einstmalige Disney-Zeichner und Animationsregisseur mit Schauspielern arbeitete. Vielleicht im Wissen, mit ebendiesen ohnehin nicht konventionell umgehen zu können, zumindest aber dergestalt zu verfahren, wie es das Disney-Network wohl von ihm erwartet haben mag, entschied er sich für eine merklich bizarre Yarō-Kabuki-Interpretation des Märchens: Die bekannte Geschichte „nach verschiedenen Erzählungen aus Hessen“ besetzte er ausschließlich mit japanischen Darstellern, von denen Michael Yama sowohl Hänsels und Gretels Stiefmutter als auch die böse Hexe (mit Zuckerstangen als Nase und Krückstock!) mimte. Es ist erstaunlich zu sehen, wie Burton schon anno dazumal queere Konzepte an manierliche Familienunterhaltung zu binden verstand, und auch Gepflogenheiten eines Konzerns (hier: Disney) zu unterwandern, ohne sie dabei zwangsläufig radikal zu destabilisieren – was ja eben bereits auf die viel zitierte „Subversion im Mainstream“ verweist, die Burton später als eine Art auteuresken Schlüssel zum Erfolg nutzen wird.

Das TV-Special selbst verbleibt als ulkige Persiflage klassischer Kindergeschichten natürlich als das, was es ist: eine Fingerübung, eine Aneignung visueller Gestaltungswerkzeuge (Stop-Motion im Realfilm, On-Set-Tricks, Dekorverfremdung), eine erste Probe aufs Exempel, mit bereits allen ästhetischen Erkennungszeichen, von eigensinnigen Spiral- und Schachmustern bis zu langen Schatten, die hier von hageren Studiobäumen ohne Ast und Laub geworfen werden. Im orgiastischen Finale, das mit richtungslos umher geschmissenen Farbbeuteln, einer Kung-Fu-Einlage (die Hexe wirft essbare Ninja-Sterne und kämpft mit einem Nunchaku) sowie Unmengen an Glibberschleim herrlichsten Nonsens auffährt, scheint Tim Burton, der seinerzeit so unzufriedene Disney-Zeichner, erstmals ganz zu sich selbst zu finden. Und dass das nun endlich auch für jedermann einseh- und nachvollziehbar ist, stimmt mich höchst zufrieden:

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4 Kommentare

  • Reply burns 21. 6. 2014 at 8:12

    „…von denen Michael Yama sowohl Hänsels und Gretels Stiefmutter als auch
    die böse Hexe (mit Zuckerstangen als Nase und Krückstock!) mimte. Es ist
    erstaunlich zu sehen, wie Burton schon anno dazumal queere Konzepte an
    manierliche Familienunterhaltung zu binden verstand…“
    Ich finde diesen frühen Burton ebenfalls bemerkenswert. Das vermeintlich queere Hexenkonzept ist aber schon über hundert Jahre alt:
    In der berühmten Märchenoper „Hänsel und Gretel“ von Humperdinck werden entweder Mutter und Hexe von der gleichen Sängerin dargestellt oder die Hexe mit einem Tenor besetzt; Letzteres hat dabei mit queerem Denken gar nichts zu tun, sondern ist eher ein Besetzungscoup um des Effekts willen. Burton kannte ohne Frage die Oper und hat hier einfach weitergedacht. Mit einem queeren Ansatz hat das – meiner Meinung nach – nichts zu tun.

    • Reply JetStrajker 22. 6. 2014 at 19:45

      Da bezieht sich Burton nicht auf die Oper, sondern das Kabuki-Theater, in dem Männer nicht gemeinsam mit Fauen spielen durften. Dass das dennoch einen queeren Effekt haben kann, schließt eine solche Referenz doch gar nicht aus. Burtons Kino ist extrem queer.

      • Reply burns 24. 6. 2014 at 9:25

        Hmmm… Findest Du? Ich finde auf jeden Fall sein Männerbild sehr offen, was sich nicht nur in den Drehbüchern, sondern sicher auch in der Besetzung seiner männlichen Muse Depp äußert. Das ist für mich aber schon längst abgespielt: Spätestens seit dem Hutmacher hat sich das selbst überholt: Obwohl der Hutmacher die wahrscheinlich queerste Figur der letzten Jahre ist (und auch die schlechteste, sorry, ich konnte Alice nicht ausstehen), braucht die am Schluss noch Alice als Love interest. Da schreibt Burton eigentlich schon gegen sein eigenes Kino. Burton ist für mich als Filmemacher leider schon seit mindestens 10 Jahren kapott. Leider. Alles vorher war ganz großes Kino.
        Wo sähest Du denn die queeren Elemente in seinem Filmemachen?

        • Reply Caliban 23. 7. 2014 at 14:05

          Muss ich recht geben… ich sehe bei Burton eigentlich wenig queeres.
          Außer man denkt sich jede seiner Außenseiterfiguren so… aber das finde ich etwas weit hergeholt.

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