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Berlinale 2015, Tag 5: THE DIARY OF A TEENAGE GIRL & ALS WIR TRÄUMTEN

Standard, 10. 2. 2015, Sebastian, 0 Kommentare

Hier ein Berlinale-Pro-Tipp: Wer sich nicht mühsam durch das ganze Programm arbeiten und zu jedem Film recherchieren will, aber dennoch Filme sucht, die aus dem typischen Berlinale-Programm hervorstechen, ist gut damit beraten, möglichst viele Filme aus der Sektion „Generation“ (die Filme für jugendliche Zuschauer zeigt) zu schauen. Zumindest habe ich diese Theorie nach der letztjährigen Berlinale aufgestellt, und der erste Generation-Film, den ich dieses Jahr sah, ist ein weiteres Indiz: THE DIARY OF A TEENAGE GIRL ist einer der besten Filme, die ich im Rahmen des diesjährigen Festivals gesehen habe.

Der Film war in diesem Jahr einer der Lieblinge des Sundance-Festivals, und viel mehr außer dieser Tatsache und der Prämisse – die 15jährige Minnie (großartig: Bel Powley) erlebt ihr erstes Mal mit Monroe, dem Freund (Alexander Skarsgard) ihrer Mutter (Kristen Wiig) – wusste ich im Vorfeld eigentlich nicht über diesen Film. Erwartet hatte ich entsprechend einen typischen „Sundance-Film“, eine fluffige Coming-of-Age-Komödie, von der ich mir mehr eine Erholung vom restlichen Berlinale-Programm als ein tatsächliches Highlight versprach. Doch Marielle Hellers DIARY OF A TEENAGE GIRL will viel mehr: Die Story entwickelt sich ganz anders, weitaus komplizierter als erwartet, es bleibt nicht bei einem Mal für Minnie und Monroe, sondern es entwickelt sich eine Beziehung zwischen den beiden, die ambivalent und komplex ist und sich auch am Ende des Films nicht so richtig einordnen lässt. Auch bei allen anderen Beziehungen, die in Minnies Leben eine Rolle spielen, verzichtet der Film auf Labels und größtenteils – trotz des Voice-Overs in Form von Auszügen aus dem namensgebenden „Diary“ – auch darauf, Minnie direkt aussprechen zu lassen, was sie bewegt, beschäftigt und belastet. Minnie redet explizit größtenteils über Sex und manchmal über Liebe,  zwischen den Zeilen allerdings geht es auch um Selbsthass, die Beziehung zum eigenen Körper und vieles mehr. Der Film macht es sich weniger einfach als typische Coming-of-Age-Filme, er ist so chaotisch und komplex und widersprüchlich wie die Lebensphase, von der er erzählt, und er macht dabei auch noch eine ganze Menge Spaß.

Nachdem man so einen Film gesehen hat, steht der vorher gezeigte ALS WIR TRÄUMTEN von Andreas Dresen noch einmal etwas schlechter da. Der Film über eine Jungsclique im Leipzig kurz nach der Wende hat mich beim Schauen durchaus irgendwie unterhalten, aber das liegt in erster Linie daran, dass Coming-of-Age ein Genre ist, in dem es recht einfach ist, Identifikationspotential für den Zuschauer zu schaffen, machen wir doch in der Adoleszenz im Grunde alle dieselbe Entwicklung durch. Doch der Film hat keinen einzigen eigenen Einfall, nicht eine originelle Einstellung auf den ganzen zwei Stunden Länge. Es gibt Party-Szenen im Stroboskop-Licht, die genauso aussehen, wie alle Party-Szenen im Stroboskop-Licht, es gibt Autofahrszenen, in denen die Jungs sich aus dem Fenster lehnen (get it?) und „Wir sind die Größten!“ rufen, kurz: Es findet sich jedes einzelne Klischee-Bild besonders deutscher Coming-of-Age-Streifen wieder. Und nachdem man erlebt hat, wie DIARY OF A TEENAGE GIRL eine Hauptfigur geschaffen hat, die abseits der gezeigten Zeit zu existieren scheint, die ein erkennbares Innenleben hat, die wir tatsächlich kennenlernen, fällt noch einmal deutlicher auf, wie austauschbar die Figuren in ALS WIR TRÄUMTEN sind (ich konnte auch in den letzten Szenen den Protagonisten und seinen drogenabhängigen Freund nicht voneinander unterscheiden). Vielleicht hätte Dresen besser auf die Rückblenden in die DDR-Kindheit der Protagonisten verzichten sollen, deren Zweck im Grunde nur ist, vorzutäuschen, als würde der Film auch von einer bestimmten Zeit in der deutschen Geschichte erzählen (jedes zweite Wort in diesen Rückblenden ist „Sozialismus“), und sich stattdessen mehr Zeit nehmen sollen, seine Protagonisten zu entwickeln, dem Zuschauer ein Bild davon zu geben, wer diese Jungs sind, was sie außer ihrem Alter ausmacht. Oh, und die Einstellung, wenn zwei beste Freunde kurz nach der Wende die neue Mikrowelle ausprobieren und einem rohen Ei dabei zusehen, wie es sich langsam in der Mikrowelle im Kreis dreht, bis es zerspringt, verliert das Rennen um den Preis für die plumpeste visuelle Metapher des Festivals nur knapp gegen die Geburtsszene aus NOBODY WANTS THE NIGHT.

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