Features Review

Mad Max Fury Road (Review)

Standard, 18. 5. 2015, Batzman (Oliver Lysiak), 13 Kommentare

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Warum ein Siebzigjähriger Regisseur mit einem 72jr Kameramann kommen muß um den heutigen Regisseuren zu zeigen wie man richtiges Actionkino macht, werde ich wohl nicht mehr verstehen. Aber letztlich ist es egal, dann als Filmfan bin ich sehr froh, dass George Miller nach Jahren im Schweine- und Pinguin-Exil doch nochmal einen Mad Max-Film abgeliefert hat. Sollte es sein letzter Film sein, dann hat er sich damit tasächlich ein Denkmal gesetzt. Mad Max Fury Road ist nicht nur ein respektables Comeback, nicht nur ein guter Actionfilm, er ist der bisher beste Mad Max Film und ein Testament dessen, was man in Bildern erzählen kann.

Ach ja: Und es ist wohl der feminstischte und coolste Blockbusterstreifen den ich in letzen Jahren gesehen haben. Sein Titelcharakter Max ist noch mehr als in den Vorgängern weniger aktiver Actionheld, als Mittel zum Zweck uns durch die Story zu führen. Wäre der Titel repräsentativ müsste der Film Furiose heißen, denn Charlize Theron ist die eigentliche Hauptfigur des Film. Wie sie die als Gebärmaschinen mißbrauchten Frauen des quasi Königs Immortan Joe in die Freiheit führt und dabei die kompletten postapokalyptischen Zitadellenstadt demontiert ist eine der rasantesten, optisch opulentesten und unterhaltsamsten Non-Stop-Verfolgungsjagden die wir in langer Zeit im Kino erleben durften.

Kontinuität zu den früheren Filmen ist Miller dabei ebenso egal, wie die physische Logik seiner Set-Pieces. Denn Mad Max ist reines Kinetik-Kino, eine nicht enden wollende Bewegung bei der die Richtung und das Ziel weniger zählen, als die Bewegung an sich. Und doch überrascht Miller damit, wie gut es ihm gelingt innerhalb der pausenlosen Action seine Charaktere vorzustellen und zu entwickeln. Max, der über weite Strecken passiver, getriebener und wortkarger Beobachter ist. Kein Macher, keiner der die Handlung wilentlich weitertreibt, sondern wie die besten Actionhelden reagiert und improvisiert. Ein dackelgesichtiger Tom Hardy, der die meiste Zeit entschuldigend aus der Wäsche schaut und aus der Not heraus macht was eben gemacht werden muß. Ein vom Verlust der Familie traumatisierter Mann, der weniger knallharter Rächer als geschundener Überlebender ist. Seine Geschichte erfahren wir fast beiläufig, genau wie die von Furiosa, die der Bräute und von Nux, dem verblendeten Warboy den Nicholas Hoult mit manischer Unschuld spielt.

Ihr Stories entstehen aus kleinen Gesten, kurzen Informationen und knappen Dialogen, die neben endlosen Fahrt im War Rig aufblitzen. Sie reichen aus um uns die Figuren vertraut zu machen, ihnen genug Charakter zu geben, dass wir uns als Zuschauer mit ihnen identifizieren und mitleiden können. Ohne jemals auf geschwätzige Expositionsszenen zurückzugreifen entwickelt Mad Max Fury Road seine Welt, seine Figuren und fesselt damit mehr, als die aufwendigsten Effekt-Blockbuster die normalerweise das Sommerkino beherrschen. Was nicht bedeutet der Filme wäre arm an Effekten. Vom konsequenten (und hier absolut zu Unrecht gescholtenen) Teal & Orange Look, über die ersetzten Wolkenhimmel und andere digitale Spielereien ist Mad Max Fury Road ein hochstilisierter Film, dessen Postproduktion wahrscheinlich mehr Zeit als der Dreh benötigt hat. Dennoch fühlt er sich auf gesunde Art greifbar und lebendig an. Ihm fehlt der sterile Look der typischen CGI-Actionszenen, was sicherlich an der fantastischen Kameraarbeit von John Seale liegt und den spektakulären Stunt/Fahrzeug-Choreographien von Guy Norris-Team, der mit 54 hier seine letzten Stunts hinter dem Steuer abgeliefert hat. Gute Actionszenen brauchen diesen Hauch von Glaubwürdigkeit, der sie in der Realität verankert egal wie surreal und abgefahren die Story auch sein mag. Und davon bietet der Filme eine beeindruckende Menge, die trotz alledem nie zum Selbstzweck gerinnen sondern immer Teil der Geschichte sind.

Gerade deswegen funktioniert hier vieles, was eigentlich nicht funktionieren sollte. Action, dramatische Szenen, trockener Humor und WTF-Ideen wie den Coma-Doof Warrior, der als lebender Soundtrack mit einer Rhythmus-Sektion und Lautsprecherfront plus Flammenwerfer-Gitarre die Armada der Verfolger verstärkt und mit seinem Schlachten-Soundtrack sogar Wagner alt aussehen lässt. Miller kreiert ein absurdes, aber in sich absolut stimmiges Endzeit-Universum, dessen Regeln, Kasten und Mythologien sich hauptsächlich über ausdruckstarke Bilder und die gelungene Austattung kommunizieren. Jedes Fahrzeug, jede Actionszene und jeder bizarre Name ergänzt die Vorstellung einer Welt die keinen Sinn macht, aber in sich wunderbar funktioniert.

Waren schon in Mad Max 2: The Road Warrior Millers Hang zu schwulem Fetisch-Schick aufgefallen, so bleibt er auch diesmal dem freakigen Apokalypsen-Look inkl. Mutanten, Albinoarmeen und Glamrock treu. Welcome to the Fury Dome.

Und bei alle dem wirkt der Film nie überladen, konzentriert sich immer auf das Wesentliche und schafft es ganz nebenher durchweg Frauenfiguren zu zeigen, die für ihre Interessen kämpfen, sich durchsetzen können und trotzdem keine plakativen Amazonen sind. Furiosa ist kein Abziehbild, sondern eine wahrlich faszinierende Action-Heroine, mit Stärken, Schwächen und ihrem eigenen trockenen Humor. Ihre Beziehung zu Mad Max entwickelt sich folgerichtig auch eher wie eine typische Buddy-Beziehung, ohne die üblichen romantischen Untertöne. Die Zuneigung und der Respekt, der sich zwischen ihr und Max entwickelt sind platonischer Natur und wirken dadurch wesentlich emotionaler, während die ungelenke Romanze zwischen Nox und Capable in ihrer Unschuld etwas durchaus rührendes hat.

Doch über allem steht die perpetuelle Bewegung, hin zum versprochenen grünen Land und später zurück zur Citadelle. Die mitreißenden und in ihrer Art einzigartigen Kämpfe mit, auf und um die Fahrzeuge herum. Ob explodierende Wurfstöcke, Stabhochsprung-Kämpfer, Duelle auf Anhängern – die Macher finden immer wieder überraschende Wege Furiosas Truppe mit Immortan Joes Kämpfern in den Clinch zu schicken. Und hier ist Mad Max Fury Road Kino in Reinform, das rein über Bilder, Montage und Rasanz funktioniert.

Es mag langweilig sein in den Chorus aller bisherigen Lobeshymnen einzustimmen, aber dieser Film ist tatsächlich ein rarer Meilenstein des Genres, der auf seine Art ebenso konsequent umgesetzt ist wie Camerons Terminator 2. Und der wohltuend zeigt, dass unter einem wirklich visionären Regisseur elementarste Storyfragmente zu einem äußerst befriedigenden Ganzen werden können.

Einziger Nachteil: Vermutlich werden uns alle kommenden Action-Filme der nächsten Monate zwangsläufig enttäuschen müssen. Vielleicht sollten wir einfach mehr Siebzigjährige hinter die Kamera lassen und die Bays, Liebesmans und Snyders einfach in die Ecke zum Heulen schicken.

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13 Kommentare

  • Reply Moviesteve 18. 5. 2015 at 17:19

    Wo darf ich unterschreiben?
    Bzw. ist hiermit ja getan. Auf den Punkt, danke.

  • Reply Chris 18. 5. 2015 at 17:32

    Nur überflogen. MANN HAB ICH BOCK. Jetzt. Geiler Mist, ich wusste das wird was!

  • Reply Ryo666 18. 5. 2015 at 19:37

    „Mad Max Fury Road ist der beste Actionfilm der letzten fünf Jahre.“

    Glaub ich ungesehen.
    Was mich dann doch interessiert: welcher Film vor 5 Jahren rangiert denn ähnlich hoch in deiner Rangliste?
    Mir persönlich hat The Raid und Dredd recht gut gefallen. Ersterer überzeugt mit unglaublich gut inszenierten Kampfszenen, Dredd war einfach insgesammt sehr stimmig, obwohl beide Filme mit ihrer Brutalität mein zartes Wesen fast überstrapaziert haben.

  • Reply Silent Rocco 18. 5. 2015 at 20:25

    Schönes Review. Ich war schon 2 Mal im Kino, IMAX hat mich weggeblasen, nur das mittelmäßige und unnötige Post-3D hat da genervt. Schön, dass ihn die Yorck-Gruppe in Berlin auch im Original zeigt!

    Für mich aktuell der beste Actionfilm aller Zeiten. Ich fall innerlich auf die Knie vor einer so genialen Inszenierung. Dermaßen intensiv. Zuletzt kam ich nach Matrix so aufgeregt aus dem Kino, und selbst der sieht mittlerweile leider oft ziemlich billo aus. Fury Road wird die Computergeneration locker überleben.

  • Reply Koprolalist 19. 5. 2015 at 12:05

    „Waren schon in Mad Max 2: The Road Warrior Millers Hang zu schwulem Fetisch-Schick aufgefallen“

    Bubba Zanetti? Das zieht sich durch alle Filme.

  • Reply batarang 20. 5. 2015 at 1:13

    ich glaube ich habe noch nie einen film gesehen, in dem action und zerstörung so wundervoll aussah!!!! so wunderbar choreografiert, so ein genialer soundtrack, so perfekt fotografiert. jede einstellung ist wie ein gemälde. und jede auch noch so kleine requisite ist bis ins kleinste durchgestyled. man müsste den film in zeitlupe anschauen um die ganzen liebevollen details zu entdecken. Ich bin aus dem kino gewackelt wie ein bekiffter zombi, weil ich gar nicht glauben konnte was ich da soeben erleben durfte….. nach all den jahren halbgarer, überteuerter, massenkompatibler blockbusterkacke. so sehen filme von menschen aus, die ihre arbeit von ganzem herzen lieben müssen! danke, danke! kniefall! encore! tränen!

  • Reply Daniel Danzer 20. 5. 2015 at 8:02

    Schöne Review. Hier mein Kommentar zum Film – der (natürlich) ähnlich ist, aber ein paar Aspekte nochmal anders heraushebt:
    https://www.facebook.com/photo.php?fbid=897771676931691

  • Reply Tonimaroni 22. 5. 2015 at 10:12

    Ich war gestern mit einem Kumpel in Mad Max Fury Road. Als alte Fans der Mad Max Trilogie hatten wir uns viel (vielleicht auch zuviel) erwartet.
    Und ich muss gestehen, wir waren beide froh als der Film endlich vorbei war. Es waren 2 h pure Ohren- und Hirnvergewaltung.
    Der Film war einfach nur laut, gehetzt und die Geschichte hätte locker auf einer Serviette Platz gefunden. Der Film nimmt sich für nichts Zeit, weder für den vermeintlichen Bösewicht, noch für die übrigen Protagonisten und vor allem nicht für Max. Mad Cars Fury Road hätte als Titel wesentlich besser gepasst. Max verkommt hier eher zum wortlosen Statisten.
    Und ja, man weiß, was einen erwartet, wenn man Fury Road ließt, aber müssen es deswegen 1 h 50 min/2h in, auf, unter oder um einen rasenden Truck spielen? Ich weiß es nicht.
    Die Bilder sind natürlich beeindrucked, die Endzeitatmosphäre herrlich überzeichnet (auch wenn man gezwungen wird erhebliche Logiklöcher auszuklammern), die Stunts und die Action handgemacht und wirklich sehenswert, die Kamera einfach super eingesetzt….
    Optisch ist der Film ein Knaller, aber für mich nicht mehr als eine Fotoschönheit.
    Man macht nicht viel falsch, sich den Film mal anzusehen, aber man macht noch mehr richtig, wenn man es sich spart.

  • Reply burns 5. 6. 2015 at 22:29

    Kann Batzman nur in jedem Satz zustimmen und freue mich persönlich grade schon auf mein zweites Mal…

  • Reply Mad Max: Fury Road | roninarts.de 23. 6. 2015 at 20:11

    […] Klar! Mittlerweile überall schon besprochen, zb. bei den Fünfilmfreunden und im „the Gurdian, deswegen nur kurz: Nicht viel erwartet, zwar super Trailer, aber […]

  • Reply Die besten Filme 2015 - Die Fünf Filmfreunde 29. 12. 2015 at 2:58

    […] Mad Max: Fury Road […]

  • Reply tobe 23. 3. 2016 at 11:38

    Bäääääng! Batzman bringt im Review alles auf den Punkt! Schön wäre es vielleicht auch einmal etwas zur Bild- und Ton-Qualität des Films auf Bluray Disk zu erfahren, denn Mad Max Fury Road bietet ja eine Dolby Atmos Tonspur.

  • Reply Tremor 17. 4. 2017 at 19:42

    Also meiner Meinung nach hätte der (sehr hochgejubelte) Film viel mehr Dramtik, Spannung und Wucht, würde der Oberbösewicht auch mal irgendwas Böses tun.

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