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Poltergeist (Review)

Standard, 29. 5. 2015, Batzman (Oliver Lysiak), 4 Kommentare

Poltergeist_2015_poster

Es ist immer etwas ermüdend, nach einem weiteren missglückten Remake zu schreiben, dass es ein weiteres missglücktes Remake ist. Aber was hilft es.

Poltergeist ist leider ein extrem langweiliges, lustloses und vor allem ambitionsloses Remake, das nichtmal im Ansatz versucht dem Thema eine interessante Facette abzugewinnen. Und das ist schade, denn Regisseur Gil Kenan hat mit „Monster Hous“e einen sehr gelungenen, toll animierten und über weite Strecken auch originell, gruseligen Film abgeliefert, der ja durchaus ein ähnliches Thema behandelt.

Und auch Sam Raimi hat ja seine unbestreitbaren Meriten, auch wenn er die letzten Jahre hauptsächlich damit verplempert beschissene Low-Budget-Horror-Remakes zu produzieren.

Was auch eines der Probleme von Poltergeist ist, denn das Original war seinerzeit keine Billigproduktion. Weder was die Schauspieler angeht, noch die Effekte. Doch Raimi, Kenan sind kein Gespann wie Spielberg/Hooper. Hier ergänzt sich nichts, denn wirklich alle Beteiligten wirken, als wollten sie die Chose so schnell es geht hinter sich bringen, weil sie (zurecht) fürchten mit dem Streifen eh keinen Blumentopf zu gewinnen.

Alleine Sam Rockwells Schauspiel grenzt an Arbeitsverweigerung. Ich mag ihn ja wirklich seit Galaxy Quest, aber hier stapft er mit einen derart desinteressiert, angenervten Gesicht durch den Film, dass es für einen Poltergeist allein schon Grund sein müsste auszuziehen.

Doch wenn man sich das uninspirierte Drehbuch von David Lindsay-Abaire (der bisher außer Rise of the Guardians nur Schrott geschrieben hat, zuletzt den furchtbaren Oz-Film mit James Franco) so anschaut, verwundert der fehlende Ethusiasmus der Beteiligten kaum.

Er hat im Endeffekt das alte Drehbuch übernommen, etwas abgestaubt, ein paar neue Referenzen auf Handies, Quadcopter und Flachbildfernseher eingestreut und dafür allen Humor, Gefühl oder Szenen die Stimmung aufbauen entfernt und sich ansonsten an der bekannten Story entlanggehangelt.

Doch das was entfernt wurde, war das Verständnis dafür, warum Poltergeist mal funktionierte. Alle jene Szenen in denen wir die Familie und ihre soziale Dynamik kennenlernen sind weg, weil wir schon noch 12min Skelette haben die aus Teerpfützen greifen und ganze Armeen von Killerclownpuppen, die versuchen den Sohn umzubringen.

Das scheint überhaupt Lindsay-Abaires Strategie sein: Einfach mehr, in der Hoffnung es würde dadurch effektiver. Wenn eine Clownpuppe im Original unheimlich war, dann sind 10 Clownpuppen bestimmt superunheimlich. Wenn ein Geist aus dem Fernseher greift cool war, dann sind 10 Geisterhände bestimmt supercool. Dabei ignoriert er munter, dass die ganze TV- wie auch die Clown/Baumszene damals vom Vorlauf lebte. Doch statt das Vater und Sohn eine Beziehung zueinander aufbauen, der Baum eingeführt wird, muss hier alles im Vorbeigehen erledigt werden. Doch trotz erhöhtem Clownpuppen-Budget ist die Szene halb so spannend wie bei offenem Kühlschrank schlafen, weil sich nie Zeit genommen wird tatsächlich eine Bedrohung zu etablieren. Obwohl das Remake fast sklavisch die Storybeats abarbeitet, haut das Timing nie hin und es stellt sich nach kurzem das Gefühl ein, jemand würde einen wirklichen guten Song furchtbar falsch singen und keinen Ton treffen.

Die elegante Einführung des rauschenden Fernsehers, kleine Reibereien mit den Nachbarn, die Glaubehafte Liebe zwischen den Eltern, die Konfrontation des modernen Vorstadtalltags, der scheinbaren Idylle mit dem Übersinnlichen und Unglaublichen, all das fehlt und gleichzeitig auch jeder Funken von Optimismus.

Denn hier gibt es keinen tonalen Sprung, kein schleichendes Entsetzen durch den Einbruch des Übernatürlichen in den Alltag. Die Stimmung in der Familie ist ja von Anfang an beschissen. In Fernsehfilmbildern lernen wir die Bowens kennen, die just als der Mann arbeitslos wurde und die Frau aus Selbstfindungsgründen nicht arbeiten will, weil sie sich für eine Autorin hält, ein neues Haus kaufen. Die Kinder hassen das Haus und ab der ersten Sekunde des Einzugs rappelt es gewaltig. Und der charismafreie Carol-Anne Ersatz, der aussieht wie ein zu weit gegangenes Amy Winehouse-Cosplay, fängt an mit Wandschränken zu sprechen.

Alle Verspieltheit des Originals, die wunderbare Chemie zwischen Craig T Nelson und JoBeth Williams ist einer mupfigen Egal-Stimmung gewichen. Hier sehen wir keine lebendige Familie, sondern Poltergeist Re-Enacted with Assholes. Die Eltern sind grauenhaft zu den Kindern, die (nur in einer Szene auftauchenden) Nachbarn sind ebenfalls unsympathisch hoch zehn und die Parawissenschaftler entpuppen sich als Crazy Cat Lady und ein paar Slacker mit der Glaubwürdigkeit eines Hütchenspielers.

Alles im neuen Poltergeist wirkt dabei klein. Dabei liegt sein Budget selbst Inflationsbereinigt um zehn Millionen höher als das des Originals. Trotzdem schafft er keine großen, eindrucksvollen Bilder. Dem Film fehlt an allen Ecken und Enden die Gravitas und das typische spielbergsche Stellvertreterstaunen. Denn wenn die Figuren im Film das Paranormale schon eher gelangweilt abtun, wie soll sich dann beim Zuschauer Empathie und Ehrfurcht einstellen. Der teilweise humorvolle Umgang der Freelings im Original ergab sich organisch aus den Charakteren, den Situationen und war als Methode des Umgangs mit Angst und Verzweiflung spürbar. Sam Rockwells Familie hat keine Chemie miteinander, geschweige denn zu den anderen Figuren.

Das mythische Element, die Möglichkeit, dass die Geisterwelt auch eine Gute sein könnte, eine Welt verlorener Seelen die hilflos auf sich aufmerksam machen wollen: Hier ist nichts davon zu spüren. Denn im Kleiderschrank von Amy Winehouse wohnt eine Silent Hill-Gamedemo, das aussieht als wäre es Anfang der Nullerjahre gerendert worden.

Die Macher haben nicht kapiert, das die Furcht vor dem Unbekannten und Angedeuteten viel wirkungsvoller ist. Denn sobald wir wissen, wie die Geisterwelt aussieht verliert sie an Effektivität. Carol-Annes Stimme zu hören die verzerrt aus dem Fernseher dringt, weil sich ihr etwas Unheimliches nähert beflügelt die Phantasie – ein Rendertunnel voller CGI-Skelette – not so much.

Poltergeist fand damals die Balance zwischen Humor, Grusel, Fantasy und Staunen. Er war kein simpler Horrorfilm der mit Jumpscares oder Ekel schocken wollte.Das Remake setzt fast nur auf Jumpscares und kündigt diese dann auch noch so lange vorher an, dass sie wirklich niemanden mehr zusammenzucken lassen.

Die Versuche der Modernisierung sind jämmerlich, wenn einfach die Störungen eines alten Röhrenfernsehers 1:1 auf ein Smartphone übertragen werden. So wie die Macher die Wirkungsweise des Originals nicht begreifen, so begreifen sie auch nicht welche Chancen und Einsatzmöglichkeiten es für die neue Technik gäbe. So wie sie die Enthüllung des Friedhofes unter den Häusern beiläufig wegrotzen, so nuscheln sie alle Ereignisse des Films runter und selbst die männliche Ersatz-Tangina entpuppt sich als Ex-Mann der Crazy Cat Lady, der aus Tanginas Catchphrase einen müden Witz macht.

Es ist schmerzhaft zu sagen: Aber der ebenfalls eher mittelgute Insidious war ein besseres Poltergeist-Rip-Off als dieses offizielle Remake.

Vielleicht ist es ein passender Film für diese Zeit, in der das Publikum Humorlosigkeit mit Tiefgang verwechselt und Staunen für ein Zeichen von Schwäche hält. Eine passende Werbung wäre dann wohl in Anlehnung an das Original: Poltergeist – Er scheißt drauf was dich erschreckt.

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4 Kommentare

  • Reply omegaman 29. 5. 2015 at 22:40

    Nach so einem Verriss frage ich mich ernsthaft, wo du die 1,5 Punkte gefunden hast.

  • Reply Albert 30. 5. 2015 at 14:27

    Gut zu wissen, dass es Zeitverschwendung ist. Ich habe gerade 1,5 h meines Lebens gespart.

  • Reply burns 3. 6. 2015 at 22:25

    Sehr sehr tolle Review.
    Für mich umso toller, weil ich das „Original“ beinahe auswendig kenne und genauso bewerte wie Batz.
    Aber ansonsten nochmal: Wirklich geschrieben vom Feinsten.

  • Reply Die schlechtesten Filme 2015 - Die Fünf Filmfreunde 31. 12. 2015 at 17:47

    […] Poltergeist […]

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