Features Review

The Hateful Eight (Review)

Standard, 29. 1. 2016, Batzman (Oliver Lysiak), 5 Kommentare
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Hateful Eight Trailer

Tarantino-Filme sind nicht einfach Filme sondern Ereignisse, denn der cinemanische Regisseur ist auch nach all den Jahren gerne mal für eine Überraschung gut und schätzt Experimente. Und natürlich kann man auch eine Hüttengaudi in epischem 70mm drehen und eindrucksvolle Bilder erschaffen. Und genau das macht Tarantino in seinem zweiten Western nach Django Unchained auch. Es sei mal dahingestellt, ob man wirklich zwingend die Roadshow-Fassung sehen muss, aber wenn man nicht gerade ein Kino mit flackernder 70mm Projektion erwischt ist Hateful Eight schon verdammt schick anzusehen. Egal ob endlose Schneelandschaften zu Beginn oder faszinierende Nahaufnahmen, dass alles sieht schon echt schick aus.

Und es hört sich auch ziemlich fantastisch an, denn Ennio Morricone legt hier einen verspielten, vielschichtigen Soundtrack vor, der weit mehr ist als ein Absatz seiner früheren Western-Scores. Denn sowie sich Tarantino nicht vom Western einengen lässt und aus Hateful Eight streckenweise einen Suspense-Thriller und einen Whodunnit macht, der mehr an Mord im Orient-Express gemahnt, denn an klassischen Italo-Western. Und es gibt viel Schönes zu entdecken: Gut, Samuel L. Jackson spielt den Bad Motherfucker den er auch im Halbschlaf spielen könnte, aber macht das trotzdem wieder sehr gut. Gleiches gilt auch für den Rest des Cast – vielleicht mal mit Ausnahme vom Channing Tatum der unter all den raubauzigen Charaktervisagen doch etwas deplatziert wirkt. Aber Walton Googins als Sheriff, Bruce Dern als alter Südstaaten General, Michael Madsen, Demian Bichir, Zoe Bell – sie alle sind Schauspieler bei denen es einfach Spaß macht ihnen zuzusehen. Unterhaltsam, aber irgendwie auch irritierend ist Tim Roth dem Tarantino offensichtlich gesagt hat: Christoph Waltz hatte keine Zeit, aber spiel deine Rolle des Henkers mal genauso wie die letzten beiden Waltz-Performances nur mit britischem Akzent. Die Breakout-Performance des Films liefert natürlich Jennifer Jason-Leigh – deren Daisy Domergue als wilde-ungebändigte Galgenkandidatin von enormer, roher Präsenz ist. Und immer wieder auch sehr komisch.

Tarantino führt diese Figuren souverän zusammen und für lange Zeit ist es extrem unterhaltsam und spannend ihnen zuzugucken. Wiederkehrende Gags wie die Tür, schleichende Suspense wenn sich Allianzen verschieben und immer wieder auch mal inszenierte Stille, Stimmung, Mimik und Gestik. Die Dialoge sind wie meist bei Tarantino gewitzt und von überhöhter Verspieltheit… und… warum wird dieser Film in einem Ranking bei mir dann doch eher auf einem der hinteren Plätze landen?

SOME SPOILERS AHEAD

The Hateful Eight macht viel Spaß und hat viele Schauwerte. Viele Momente die für sich genommen sehr gelungen sind. Leider fällt er im letzten Akt dann ziemlich abrupt auseinander und leider entwickelt sich Tarantino mit diesem Film nicht weiter, sondern zieht sich recht uninspiriert auf längst erobertes Terrain zurück. Denn für sehr lange Zeit (der Film geht in der Langfassung über drei Stunden) verspricht The Hateful Eight cleverer und interessanter zu sein, als er es letztlich ist. Samuel L. Jacksons Figur, die wir wenn schon nicht als Helden, so doch als Protagonisten wahrnehmen, macht es einfach in diese Geschichte hineinzugleiten. Er ist ein Arschloch, aber irgendwie sind wir ja diesen Bad Motherfucker-Typen gewöhnt. Hat er sich in Django Unchained mal deutlich anders zeigen können, ist Jackson hier wieder ganz im eigenen Klischee angekommen. Was es einfach macht ihn als denjenigen anzusehen, der diese intrigante Bande in der eingeschneiten Schneehütte aufmischen und enthüllen wird, was dort eigentlich vorgeht. Was er auch tut. Wir wissen natürlich, dass in der Hütte wahrscheinlich nichts so ist wie es scheint, aber wie in einem guten Krimi ist der Weg das Ziel und kleine Andeutungen, vermeintliche Indizien und das Katz und Maus-Spiel der Beteiligten ist enorm unterhaltsam. Bis zu dem Moment in dem Tarantino beschließt, dass ihn das alles nicht interessiert und er den Film kurzschlüssig in einer Splatter-Baller-Orgie beendet. Wie in einem Schachspiel, das dadurch abgeschlossen wird, dass mitten im Spiel einer der Kontrahenten aufsteht, die Figuren vom Brett fegt und schreit: „Du bist eine Fotze!“ – endet The Hateful Eight in wenig spannender Comic-Gewalt die einen unangenehm sadistischen Beigeschmack hat.

Natürlich haben wir zu diesem Zeitpunkt schon geahnt, dass alle der Figuren irgendwie unangenehme Arschlöcher sind, aber bis zu diesem Zeitpunkt hatte Tarantino sich Mühe gegeben sie zu differenzieren, ihnen Nuancen zu geben, der unterliegenden Post-Sezessionskriegs-Traumatisierung der Figuren Rechnung zu tragen und sie ambivalent zu halten. Die hassenswerten Acht sind interessant, eben weil sie mehr zu sein scheinen als reine Klischees. Und das Mysterium der Schneehütte scheint mehr zu bieten, als das was man auf den ersten Blick vermutet. Im zweiten Teil des Films springt Tarantino ja sogar selbst als Erzähler ein, der den Zuschauern Hinweise gibt und wie weiland Hitchcock in Alfred Hitchcock presents auf doppelbödige Wendungen verweist, die uns noch erwarten könnten. In den besten Szenen sah ich Jackson als merkwürdige Mischung aus Columbo und Albert Finney, wenn er das Lügengespinst zu entwirren sucht um an die Wahrheit zu gelangen.

Bis Tarantino aufgibt und sagt: Fuck it, meine Fans sind eh blutgeile 16jr die irgendwas Krasses sehen wollen, lass mal alle erschießen. Und das ist verdammt schade, denn er verleugnet dabei seine Figuren die besser sind als ihre Story und auch sein eigenes Talent. Denn spätestens seit Jacky Brown wissen wir, dass er runder erzählen kann, als er es hier tut. Das Ende ist ein überraschender Gag und dann unangenehme und unverdiente Gewalt. Wenn Marvin in Pulp Fiction erschossen wird, dann war das mehr als Gag. Wenn in Reservoir Dogs gefoltert wird, dann war es nicht spaßig sondern bewusst abstoßend. Und wenn die Braut in Kill Bill ästhetisch die Crazy 88 zerschnetzelt passt es zum überhöhten Gesamtkonstrukt des Films. Es dient der Story und ist nicht sinnloses Massaker. Hier erinnert Tarantino leider an jemand der sich durch sein Image eingeengt fühlt und sich nicht traut smarter zu sein. So wie Stephen King einige grandiose Stories verwässerte indem er im letzten Akt noch irgendwas Paranormales einführte, so beschädigt Tarantino The Hateful Eight durch ein lahmes Ende, dass die komplette Vorarbeit des Films entwertet.

Wusste er in Django Unchained recht gut zwischen unangenehmer und spaßiger Gewalt zu trennen, so entgleitet ihm hier bisweilen die Kontrolle, wenn er beides mit Hilfe des perfekten Make-Ups von KNB FX vermischt. Insbesondere Daisy bekommt als Figur am meisten ab und wird deutlich physischer angegangen als die übrigen Charaktere, die zumeist mit wenigen Schüssen erledigt sind. Daisy bekommt hingegen als einzige Frau unter Männern und als körperlich eindeutig unterlegene – ganz egal wie psychopathisch, rassistisch und mörderisch sie ist – den kompletten Film auf die Fresse bis ihre Zähne abbrechen und sie blutet. Was einen unangenehmes Gefühl hinterlässt, denn in vielen Fällen wird die Gewalt gegen sie als komödiantisches Element erzählt. Es wäre dumm Tarantino bewusste Misogynie zu unterstellen. Er ist genauso wenig frauenfeindlich, wie er rassistisch ist – egal wie oft er seine Figuren Nigger brüllen lässt. Er ist aber bisweilen einfach nicht sehr reflektiert und lässt seinen pubertären Impulsen zu lose Zügel. Was nicht bedeutet eine Frau darf keine negative, hassenswerte und brutale Figur spielen und nie der Rezipient körperlicher Gewalt. Aber wenn die einzige relevante Frauenfigur eines Films permanent in einer Weise körperlich misshandelt wird, in einer Weise wie dies mit den männlichen Charakteren nicht passiert, dann hinterlässt es einen unausgewogenen, bitteren Beigeschmack. Wenn sich Männer in nahezu sadistischer Extase daran aufgeilen Daisy aufzuhängen, dann hilft es wenig zu wissen, dass sie ebenfalls kein harmloses Waisenkind war. Zumal in einem Finale das eh von enttäuschender Banalität ist.

Vielleicht sind die Schwächen von The Hateful Eight den Rewrites des Films geschuldet, die Tarantino nach dem Leak des Skripts durchführte, vielleicht hat er sich nicht getraut so smart zu enden, wie er begann und tatsächlich einen Western-Krimi abzuliefern, weil er fürchtet die Fanboys zu verprellen. Am Ende ist The Hateful Eight trotz vieler Stärken kein runder Film und verrät das Potential, welches er sehr eindrucksvoll aufgebaut hat. Natürlich ist er sehenswert. Aber wirklich gelungen ist er nicht.

Hier gehts zum Podcast Review des Films von Sebastian und mir.

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5 Kommentare

  • Reply Peter 29. 1. 2016 at 21:45

    Eine gute 70mm Projektion gibt es in der Lichtburg, in Essen. Da passt auch der Saal zum Film :-)

  • Reply Fritz Kaubong Bong 30. 1. 2016 at 11:05

    Danke. Wir hatten gerade vor ein paar Tagen eine Debatte darüber, dass die Tarantino Filme an Charm verloren haben.

    Seit Kill Bill sind die Filme nur noch blutige Action mit Startbesetzung. Die schönen Tarantino Momente bleiben einfach aus.
    Ohne die Starbesetzung wären es langweilige Splatterfilme ohne Ah-Ha Effekte und würden in der Videothek unter „Kann man mal an einem verregneten Sonntag schauen“ – Regal zu finden. Nicht mehr und nicht weniger.

    Schade. Ich hoffe der Herr bekommt noch die Kurve und macht mal wieder einen richtigen Film.

  • Reply Django 29. 2. 2016 at 17:45

    Inglorious Basterds ist doch der Film, der wohl am meisten dieser „schönen Tarantino Momente“ bietet. Genauso wie auch in Django Unchained das grandiose Finale und in H8ful Eight das wunderbare Setdesign, die spannenden und witzigen Dialoge, die schöne Kamerarbeit etc. Ich weiss wirklich nicht wie man diese Filme alleine schon auf ästhetischer Ebene als weniger gelungen wie der Rest seines Werkes einstufen kann. Das ist doch einfach eine „früher war alles besser“ Einstellung.

  • Reply The Hateful 8 | Marks Filmblog 6. 3. 2016 at 17:02

    […] Die Fünf Filmfreunde 3/5 […]

  • Reply Farhad 11. 4. 2016 at 13:54

    Ich muss auch sagen, das es zu einfach ist The h8ful Eight als simplen Splattermovie zu bezeichnen. Denn der Eindruck entsteht ja nur, weil man nach der Spannungssteigerung durch das Katz- und Mausspiel in der Hütte eine wahnsinnig komplexe Auflösung der Geschehnisse erwartet. Tarantino bietet uns aber eine für ihn charakteristische Auflösung. Die Spannung zerfällt in Gewalt und lässt uns ohne den befriedigenden Aha-Moment zurück. Für mich typisch Taranrino. ästhetisch ist der Film gelungen.

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