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Bud Spencer – eine Erinnerung

Standard, 30. 6. 2016, Nilz N Burger, 9 Kommentare

Bud Spencer ist tot.

Die erste große Bedauernswelle ist abgeklungen, die ersten Spezial-Programmänderungen gelaufen und Bud Spencer ist immer noch tot. Es ist eine merkwürdige Zeit, in der wir leben. Helden gehen. Erste Zeitungen schreiben schon Wehklagen an das bisherige Jahr 2016. Und viele der Tode bislang, haben auch mich berührt. Aber Bud Spencer ist was anderes. Bud Spencer ist viel persönlicher.

Ich glaube, mein erster Bud Spencer Film war auch gleichzeitig sein meiner Meinung nach bester: „Sie nannten ihn Mücke“. Mein heute ältester Freund Waldi ist gerade ins Nachbarhaus gezogen. Bei Waldi hatten sie einen Videorekorder, Video 2000. Das waren Kassetten, die man umdrehen konnte. Und auf diesen ganzen Kassetten, die man umdrehen konnte, waren verschiedene Filme, die, wenn ich mich recht entsinne, ein Onkel immer aufgenommen hatte. Vermutlich Kopien von Videotheken-Filmen. Damals, mitten in den Achtzigern, war Videothekenfilme kopieren eine Kunst für sich. Allerdings war das Ergebnis meist recht verwaschen, leierte oder hatte andauernd Bildstörungen auf dem sowieso schon verwaschenen Bild. Aber das war uns egal. Wenn Waldis Eltern weg waren (oder nicht aufgepasst haben), sassen wir im Wohnzimmer auf dem kalten Boden, direkt vor dem Fernseher und guckten die Kassetten durch. Und neben den unheimlichsten Szenen aus dem zweiten Indiana Jones („Pass auf, pass auf – der nimmt dem jetzt das Herz raus!!!“) war es vor allem „Mücke“ der es uns immer wieder und immer wieder angetan hat. Immer wieder der Kampf in der Kneipe, immer wieder das Lachen über den Army-Trottel, der ins Weinfass geflogen ist.

Immer wieder die Schlacht in der Bäckerei, wo der andere Army-Trottel in die Lampenfassung fliegt und mit Steckdosen-Haaren durch den Laden torkelt. Immer wieder Raimund Harmstorf als superfieser Army-Chef. Immer wieder die Trainingssequenz des aussichtslosen Teams. Ich könnte immer so weiter machen – der Film steckt voll einzigartiger Momente. Ein Rührei mit 20 Eiern. Ein Taschendieb kommt ins Team. Selbst das aufgeben einzelner Teammitglieder und wie sie, Mücke zuliebe, wiederkommen. Mich hat alles an diesem Film begeistert. Die Art, wie Mücke kämpft, war zum schreien komisch. Kein Kind hat das ernst genommen, aber jedes Kind fühlte sich davon ernst genommen – das war der wichtige Unterschied.

Danach hab ich natürlich jeden möglichen Film mit Bud Spencer im Fernsehen geguckt. Und war natürlich auch sofort von Terence Hill begeistert. „Zwei Himmelhunde auf dem Weg zur Hölle“, „Zwei Missionare“, „Zwei sind nicht zu bremsen“, aber auch die Bud Spencer Solofilme um seine Kommissar-Figur Plattfuss oder selbst „Der große Dicke mit seinem ausserirdischen Kleinen“, haben mich begeistert und glückselig vor dem Fernseher sitzen lassen. Meine Eltern hielten das für Quatsch, na klar. Für die war das auch nicht gemacht. Bud Spencer Filme waren kleine Jungen-Fantasien. Komplett asexuelle Welten (höchstens die Filme mit Hill haben manchmal ein kleines Love Interest mitgebracht, aber nie für Spencer), in denen Gut und Böse ganz klar aufgeteilt wurden – und auch die Kämpfe entsprechend gewonnen. Es gab keine Helden, die auch mal größere Schlappen einstecken mussten. Jeder Kampf mit Fäusten wurde von den Guten gewonnen. Alles andere wäre auch unlogisch gewesen – in der Bud Spencer Welt. Die Geräusche der Kämpfe taten ihr übriges: Übertriebene Sounds in einer Zeit, in der Comics wie MAD oder „Clever & Smart“ die Gag-Höhepunkte in deutschen Kinderzimmern waren, die mit Soundworten wie „FLAPPFLAPP!“, „KLA-DONK!“ oder „BA-DUMM!“ begeisterten. Das Geräusch, wenn Bud Spencer mit seiner Faust von oben auf den Kopf seiner Gegner schlug, hat ähnlich funktioniert.

Die Zeit von Bud Spencer war auch die letzte, wirklich große Zeit eines europäischen Kinos, vor allem was Komödien betrifft. Kaum ein Spencer-Film, der nicht mindestens eine Ko-Produktion mit Deutschland war. Dazu das Kino im Land voll mit Filmen von Celentano, Pierre Richard, De Funes oder Dick Maas. Ein großes, europäisches Kino existierte, es zog die Massen in die Säle. Und Bud Spencer war einer seiner größten Profiteure.

Irgendwann, im hohen Alter, kandidierte er für die rechte „Forza Italia“. Es wurde zum Glück nichts draus. Auch seine Freundschaft zu Berlusconi schien nicht allzu wichtig zu sein. Jahre später meinte er, er gehöre keiner Partei an. So wie der größte Halunke nach ein paar Backpfeifen in seinen Filmen wieder zur Besinnung kommen kann, muss man wohl auch diese kleine Episode sehen. Als Ausrutscher. Bud Spencer hat immer viel zu sehr von Europa profitiert, um sich rechtsnationalen Ideen dauerhaft hingeben zu können.

All das Alter, all die Politik, all das geschäftliche und den kommerziellen Erfolg beiseite: Da sass vor vielen Jahren, über dreissig sind es, ein kleiner Junge auf einem Fliesenboden in einem Haus zwischen Köln und Bonn, blickte auf einen Fernseher und staunte nicht schlecht, als er sah, wie ein dicker Typ sich für Gerechtigkeit einsetzte. Ein etwas grummeliger Typ mit dem Herz am rechten Fleck. Und wer doof war, den haute er mit Moves in Grund und Boden, die der Junge so noch nie gesehen hat – und auch von niemand anderem mehr so sehen sollte. Da war einer, der dafür sorgte, dass die Guten gewinnen und sei es auch mal mit etwas unorthodoxen Methoden und grotesk lustiger Gewalt. Ein Typ, den sich jeder zum Freund wünschte. Und der mit seinen zusammengekniffenen Augen einem immer scheinbar zuzwinkerte und damit sagte: „Nimm das hier nicht so ernst, dass ist ein Spaß, aber merk dir: Sei kein Arsch.“ Und das war nicht die schlechteste Lektion fürs Leben.

Danke Bud Spencer. Du warst wirklich toll.

P.S.: Als meine Tochter zehn Jahre alt war, gab es in Berlin in einem Kino eine Bud Spencer Retrospektive und da sah ich an einem Sonntag Vormittag mit ihr eine originale Kinokopie von „Sie nannten ihn Mücke“. Was soll ich sagen: Der Film funktioniert auch heute noch. Als Tipp für alle Eltern da draussen. Scheisst mal bitte auf die Wilden Kerle.

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9 Kommentare

  • Reply Jens 30. 6. 2016 at 19:13

    schöner text zu einem idol (auch) meiner kindheit. danke.

  • Reply Toschi 30. 6. 2016 at 22:56

    Danke. Spricht mir aus der Seele.

  • Reply Sebastian 1. 7. 2016 at 6:52

    Das war der schönste Text den ich bisher gelesen habe. Danke für die nassen Augen.

  • Reply crispin 4. 7. 2016 at 16:05

    „Kein Kind hat das ernst genommen, aber jedes Kind fühlte sich davon ernst genommen – das war der wichtige Unterschied.“

    Tränen in den Augen – so wahr, soooo wahr!!!

  • Reply deraltesack 5. 7. 2016 at 12:33

    genial gut geschrieben, so war es, Respekt

  • Reply Buddy bleibt unvergessen › Station 9.111 7. 7. 2016 at 17:41

    […] So wahr! Buddy bleibt in Erinnerung. […]

  • Reply McMategan 8. 7. 2016 at 16:07

    Danke für den schönen Text ! Genau so war es ! Ich kenne niemanden in meinem Alter, der keinen Bud Spencer Film kennt.
    Viele „Stars“ sind dieses Jahr gestorben. Bedauerlich! Aber Bud Spencer ist wirklich etwas viel persönlicheres!!
    Ich erinnere mich zu gerne an die Sonntagnachmittage zurück, an denen man voller Begeisterung und mit offenem Mund Bud Spencer Filme schaute !!!! Diese Filme waren etwas besonderes !!!!!
    Mach´s gut alter Freund!

  • Reply Die Netzpiloten im "Curation Talk" | detektor.fm 8. 7. 2016 at 21:05

    […] Fuenf-Filmfreunde.de: http://www.fuenf-filmfreunde.de/2016/06/30/bud-spencer-eine-erinnerung/ […]

  • Reply Michael 19. 9. 2016 at 16:33

    Danke! Einer der schönsten Texte, den es bisher bei den Filmfreunden gab – und das muss etwas heissen. Einfach auf den Punkt gebracht. Und dank zweier Jungs, die jetzt genau im richtigen Alter sind, und der grossen Bud Spencer & Terence Hill DVD Box darf ich jetzt auch noch einmal mit auf dem Fussboden vor dem Fernseher sitzen und mit durch die Augen kleiner Jungs Film für Film noch einmal geniessen. Und kann bestätigen: Sie funktionieren immer noch! Vor allem wenn man sie zusammen mit kleinen Jungs ansieht.

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