Features Review

Dr. Strange (Review)

Standard, 24. 10. 2016, Rocky Balbea, 3 Kommentare

Marvel-Filme sind inzwischen wie so eine schlechte Beziehung. Irgendwie ist alles gewöhnlich geworden, das Gegenüber bemüht sich nicht mehr oder nervt einen richtig ab. Und dann, genau wenn man denkt „Jetzt reicht’s, den Scheiß tu‘ ich mir nicht mehr an“, kommt plötzlich was Nettes. Mit Blümchen und Pralinchen on top. In diesem Sinne ein kleines fuck you Dr. Strange. Ich hätte es fast geschafft Abstand zu nehmen und abzuwinken.

Aber dann kam Steven Strange (Benedict Cumberbatch), über dessen Leben und Background man im Film so gut wie nichts lernt, aber ich kann mir gut vorstellen, dass es kein Sahne schlecken ist, wenn man mit so einem Namen in die Schule muss. Kein Wunder also, dass aus Strange nicht nur der beste Neurochirug der Welt, sondern auch ein formidabel schnöseliges Arschloch geworden ist. So viel Narzissmus und Überkompensation muss man erstmal entwickeln. Da können selbst Batman und Tony Stark noch was lernen. Über die genauen Gründe dieser Persönlichkeitsentwicklung wollen weder ich, noch der Film spekulieren, es ist im Endeffekt auch egal, denn bald trifft Stranges aufgeblasenes Ego auf Tilda Swintons The Ancient One und bekommt ordentlich aufs Maul.

Diese trifft er auf der Suche nach Heilung, denn auch der größte Narzisst ist nicht unzerstörbar. Mit seinem mächtig protzigen Auto rast Strange einen Abhang herab und dank fehlender Knautschzone zertrümmert er seine goldenen Chirugenhände. Sein altes Leben ist in diesem Moment beendet. Die Hände sind stark in Mitleidenschaft gezogen, die Nerven massiv geschädigt. Der Mann kann nicht einmal mehr seinen Namen schreiben oder sich rasieren. Doch Strange würde alles dafür tun sein altes Leben zurückzugewinnen. Als die gesamte westliche Medizin ihm nicht weiterhelfen kann, sucht er in Kathmandu (wo sonst?) den Guru, der angeblich Menschen heilt. The Ancient One heilt allerdings eher Egos, Seelen und den beschränkten westlichen Geist. Das ist wie wie mit der Löffelszene in The Matrix. Nicht der Löffel biegt sich, sondern der Raum darum.

Ist das nun White Washing?

Es wäre fahrlässig an dieser Stelle nicht kurz auf die „White Washing“ Kontroverse um Swinton zu verweisen, die hier eine Rolle spielt, die in den Comics eindeutig asiatisch besetzt ist. Spielt ja auch in Tibet. Und The Ancient One fährt das gesamte Potpourri von asiatischen Kampftechniken, Akupunktur, Meridianen, Chakras, Meditation usw. auf. Hier merkt man aber schon: es sammeln sich viele Ideen und viele Kulturtechniken und im Film selbst viele verschiedene, multinationale Charaktere an dieser Stelle an. Es ist aus Sicht der asiatischen Communities natürlich schade, dass die Chance auf eine gute Rolle für asiatische SchauspielerInnen hier nicht genutzt wurde, allerdings ist die Besetzung Swintons hier keine Ignoranz, sondern Kalkulation. Und das passt gut.

The Ancient One ist wunderbar androgyn und uneinordenbar. Swintons Figur erscheint schon fast außerirdisch und transzendent. Sie passt perfekt an eine Stelle, die, wenn man die zugrundeliegende Philosophie einmal betrachtet, ganzheitlich und ganzweltlich ist.

Story vs. Action

Aber zurück zu Benedict Cumberbatchs überheblichem Strange. Seine Zeit im Ancient Dojo ist eine der permanenten Läuterung. Hier wird ihm quasi zur Besserung der Arsch versohlt und immer wieder gezeigt, dass er nicht der Nabel der Welt ist. Seine Karate Kid meets Harry Potter Anlernphase ist relativ kurz und oberflächlich, was schade ist. Mehr Background hätte hier sehr geholfen und wäre auch sehr spannend gewesen, basiert Dr. Strange ja auch auf bestimmten moralischen Vorstellungen, Lebensansichten, transzendentalen Philosophien und Gedöns wie Spiegel-, Astral und Dunkeldimensionen, die irgendwie alle cool sind aber keiner hat die Zeit das zu erklären. Denn es ist Zeit für die klassische Marvel-Kampfszene.

Und dank Magie und Zaubersprüchen lassen sich hier Raum und Zeit manipulieren. Man kann fast spüren, wie das Special Effects Team hier eine Flasche Schampus geköpft hat und sich erstmal Inception reingezogen hat mit der Prämisse es noch geiler und noch wahnsinniger zu machen. Hier nun findet die erste große Schlacht statt. Mads Mikkelsen darf den Bösen Kaecilius spielen (kriegt man Bonuspunkte, wenn man der Antagonist in Marvel- und Bondfilmen sein darf oder muss man erst noch bei Disney was machen?). An dieser Stelle verliert Dr. Strange aber leider wirklich eine Zeit lang den Ball. Kaecilius Charakter ist so dünn und klischeebeladen, dass es weh tut. Es fällt mir schwer ihn überhaupt ernst zu nehmen.

Das Marvel-Erzählsystem

Ganze zwei Minuten widmet man sich seiner Geschichte, seiner Motivation und erklärt kurz was sein Ziel ist. Ein Ziel, so viel soll verraten werden, dass so offensichtlich bescheuert ist, dass man sich fragt, in welcher Dimension Kaecilius sich den Kopf gestoßen hat. Aber das ist alles egal, denn plötzlich wird gekämpft. In New York á la Inception mit einer Skyline, die mehrfach gefaltet wird und Dimensionen und Zeitmanipulationsgedöns und magischen Relikten. Visuell ist das ein Fest. M. C. Escher hätte Pipi in der Hose gehabt. Super Nebeneffekt: hier macht 3D endlich mal richtig Sinn und gibt einen Mehrwert.

In Sachen Storytelling kommt hier allerdings der Marvel-Klassiker ins Spiel. Denn das System dieser Filme ist immer das Gleiche. Unglaublich viel Geschichte wird in unfassbar wenig Zeit mit sehr wenig Erklärung oder Tiefe auf den Zuschauer geworfen. Und sobald man denkt „Moment mal…?“ drückt jemand den Michael Bay Actionknopf und lenkt ab. Hier funktioniert das ebenfalls sehr gut bedauerlich ist es trotzdem, denn so einige wichtige Dinge gehen verloren.

Was zum Beispiel ist denn genau der Deal mit Mitstreiter Mordo (Chiwetel Ejiofor)? Ja ja, ihr habt alle die Comics gelesen und wisst es wäre wirklich klug gewesen hier mehr Zeit zu investieren, zumal es ja so aussieht, dass diese Figur noch eine wichtigere Rolle spielen wird? Wie hängen die dunklen Dimensionen und die Wächter des Guten zusammen? Was ist das überhaupt für eine Organisation, wo kommt sie her? Und wieso ist Rachel McAdams nicht mehr irritiert von Dr. Strange, wenn er in voller New Age Zaubererklamotte mit einem Bart, der in den 1990ers (und 50ern) mal heiß war, vor ihr steht, nach dem er Monate (oder Jahre?) verschwunden war.

Warum Dr. Strange aber doch was taugt

Aber wie gesagt, diese erzählerischen Schwächen sind nichts Neues, eher Marvel-Tradition. Was Dr. Strange aber von anderen Superheldenverfilmungen aus dem gleichen Haus unterscheidet, ist der Humor, der dem der Iron Man-Filme nicht unähnlich ist, hier aber subtiler und noch intelligenter gespielt wird. Cumberbatch weiß ganz genau, wie er die kleinen Wortspiele am besten platziert. Überhaupt tut es dem Film gut so Größen wie ihn, Swinton und Ejiofor an Bord zu haben, die dem Ganzen eine Schippe mehr Subtilität in Sachen Schauspiel einflößen, als man sonst gewohnt ist. Das funktioniert hier erstaunlich gut, macht riesig Spaß und trägt diesen Film letztendlich als gelungene Comicadaption über die Ziellinie.

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3 Kommentare

  • Reply Paul Klee 29. 10. 2016 at 14:31

    In Summe ist der Film also ok, weil er für ein saures Aufstoßen nicht mangelhaft genug ist. Das ist ein Phänomen sehr vieler Mulit-Millionen-Doller-Unterhaltungsshow-Konzepte, wie z.B. die Assassins-Creed- oder die Call-of-Duty-Reihe aus dem Games-Bereich oder die James Bond Filme. Nicht innovation, nicht besonders in sich selbst stimmig, aber es macht noch immer wumms…so als würde man zum Essen immer wieder den gleichen, mittelmäßigen Italiener um die Ecke aufsuchen, der früher mal ein Geheimtipp war und nun wenigstens der Lebensmittelvergiftung unverdächtig ist.

    Für mich ein Film für einen gemütlichen Pro-7/RTL-Samstag-Abend, bei dem die Werbeunterbrechung durchaus willkommen ist.

  • Reply pauliborn 29. 10. 2016 at 21:49

    Für mich ist die MCU Reihe nix anderes als Game of Thrones, Castle, Brooklyn 99, House of Cards usw usf… Nur das es halt nur 2-3 Folgen pro Jahr gibt, die dafür etwas länger und so hoch produziert das sich die große Leinwand lohnt. Eine Serie eben, bei der man immer das bekommt was man erwartet. Freue mich auf Strange, wird sicher wieder super! 😊

  • Reply Yilmaz 7. 1. 2017 at 18:15

    Wenn dieser genial platzierte versteckte Humor nicht gewesen wäre, würde ich ihn nicht gerade empfehlen, aber diese Subtilität war einfach genial, hätte ihm auch 3,5 gegeben!

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