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Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind (Review)

Standard, 17. 11. 2016, Batzman (Oliver Lysiak), 4 Kommentare

phantastische tierwesen poster

Phantastische Tierwesen und wo sie zu finden sind – Die Marketing-Abteilung von Warner hätte sich wahrscheinlich einen griffigeren Titel zum Vermarkten gewünscht, denn nach Harry Potter holpert der neue Serientitel doch nicht unerheblich und scheint auch thematisch unnötig enge Grenzen zu setzen. Doch das sind eben die Zugeständnisse beim Versuch , J.K. Rowlings Magizoologische Antwort auf Brehms Tierleben als Grundlage für eine neue epische Kinosaga mit nicht weniger als fünf Teilen zu verwenden. Was als Idee erstmal nach einem weiteren Hobbit-Debakel im Wartestand klang.

Doch auch wenn hier zum zweiten Mal eine sehr kurze Vorlage auf Serienlänge gestreckt werden soll, ist das Ergebnis dieses Mal deutlich gelungener. Was vielleicht daran liegt, dass J.K. Rowling selbst die Stories schreibt und tatsächlich die Buchvorlage nur als Skizze für eine erstaunlich gelungene und stimmungsvolle Geschichte nimmt. Und obwohl die grundsätzliche Zauberwelt der Potter-Filme und Bücher präsent ist, begnügt sich Phantastische Tierwesen nicht damit, Fanservice und die Variation bekannter „Chosen One“-Tropen abzuliefern.

Newton Artemis Fido „Newt“ Scamander erweist sich in der Version von Eddie Redmayne als angenehm sperriger Held. Ein Protagonist, dem durch seine Art, und zu Beginn undurchsichtigen Ambitionen, nicht automatisch die Herzen zufliegen, wie das beim armen Waisenjungen Potter der Fall war. Es braucht ein wenig Zeit, um mit Newt warm zu werden. Denn gleichwohl wir es mit einem Effektfilm zu tun haben, liegt der Fokus doch auf den Figuren, die sich Phantastische Tierwesen ausführlich Zeit nimmt vorzustellen. Newts neurotische Art ergibt im Zusammenspiel mit der ähnlich linkischen Porpentina (Kathrin Waterston) eine interessante Pärchendynamik, wenn sich die beiden über die Laufzeit des Films als Team zusammenraufen müssen, um die magischen Vorfälle, die New York in Atem halten, aufzuklären.

Collin Farrell hat sichtlich Spaß an seinem etwas eindimensionalen Bösewicht Percival Graves, und Ezra Miller liefert ein souveränes Portrait eines misshandelten jungen Mannes, der mit seinem Schicksal und seiner angestauten Wut völlig überfordert ist. Doch das Herz des Films ist eindeutig Kowalski gespielt von Dan Fogler, der John Candys Dell Griffin aus „Ticket für Zwei“ zu channeln scheint. Er ist derart liebenswert und knuffig, dass es leicht fällt die Merkwürdigkeiten der magischen Welt durch seine Augen zu erleben. Und so unwahrscheinlich seine Lovestory mit der von Alison Sudol gespielten Gedankenleserin Queenie auch erscheinen mag, spätestens am Ende verstehen wir, warum sie sich in ihn verliebt hat.

Regisseur David Yates knüpft vom Look nahtlos an seine Potter-Filme an, lässt die Welt des New York der 20er Jahre nostalgisch und ein bisschen verklärt wirken, nicht unähnlich der Stadt, die Peter Jackson für sein King Kong Remake erschuf. Die Zeiten sind hart, aber die große Depression steht noch bevor. Der neue Voldemort heißt Gellert Grindelwald und treibt in Phantastische Tierwesen im Hintergrund sein Unwesen, wird in den Sequels aber absehbar eine wichtige Rolle spielen. Er ist, wenn wir J.K. Rowling glauben dürfen, ja die erste große Liebe von Albus Dumbledore, auch wenn sie nie verraten hat, ob diese Liebe erwidert wurde. Unmöglich erscheint es nicht, immerhin wird Grindelwald von Johnny Depp gespielt, der ja zu Pirates-Zeiten mal erklärte, alle seine Charaktere wären schwul. Und nach dem Ende des Films, dürften auch einige Szenen die wir zuvor gesehen haben vielleicht einen zweideutigeren Kontext bekommen, wenn wir uns die Szenen zwischen Graves und Credence genauer ansehen. Und dann wäre natürlich noch zu überlegen, ob ein Obscurus vielleicht eine Metapher für die zerstörerischen Kräften der Selbstverleugnung ist. Wenn erfahrene Unterdrückung und Selbsthass irgendwann explodieren und tödliche Folgen nach innen und außen nach sich ziehen.

Für Phantastische Tierwesen ist es jedoch ganz gut, dass wir mit dem verhältnismäßig kleinen Drama der entkommenen Tierwesen beschäftigt werden, während die Welt sich im Hintergrund auf die aufziehenden Diktaturen vorbereitet und sektiererische Inquisitoren ihr Unwesen treiben. Rowlings Misstrauen gegenüber religiösen Fanatikern, politischen Agitatoren, aber auch bürokratischen Behörden werden hier noch deutlicher angesprochen, als in den Potter-Filmen. Was den Film davor bewahrt zu düster und freudlos zu werden, sind aber eben jene Phantastischen Tierwesen, die ihre digitale Herkunft zwar nicht verhehlen können und unterschiedlich gut getrickst wurden, die aber gleichzeitig für einige der unterhaltsamsten Szenen des Films sorgen. Sei es Newts Tierpark, den er in seinem magischen Koffer umherschleppt, der Amoklauf eines notgeilen Meganilpferds oder der, eindeutig mit Blick aufs Merchandise designte, goldfixierte Schnabeltier-Maulwurf Niffler.

Phantastische Tierwesen sind zumindest in diesem ersten Teil also ausreichend vertreten und rechtfertigen den Titel, und sie fügen sich erstaunlich gut in diese Geschichte ein, die etwas Zeit braucht bis sie in Schwung kommt. Es dauert bis wir verstehen, wer hier wer ist, wie diese Welt funktioniert und worum es im Kern eigentlich gehen wird. Es braucht Geduld, in diese anfänglich recht unfokussierte Story einzutauchen und es hilft eindeutig, wenn die Zuschauer die Potter-Filme mochten. Denn J.K. Rowling tastet sich langsam an ein etwas erwachseneres Zauber-Universum heran. Eines in dem nicht nur Zauberschulen und Teenagerprobleme im Mittelpunkt stehen, sondern erwachsene Menschen mit all ihren weltlichen Problemen. Es gibt schmierige Bars mit weird-sexualisierten Elfen-Sängerinnen und Ron Perlman als fiesem Goblin-Gangster Gnarlak, und es gibt Midlife-Crisis und Misshandlungen. Potter-Fans werden ihren Spaß haben, doch Rowling und Yates wissen, dass sie nicht mehr für kleine Kinder schreiben und nicht mehr alles simpel schwarz oder weiß sein muss. Sie erwähnen Hogwarts und Dumbledore, das Hedwig Theme klingt im Vorspann an, doch Newt Scamanders Welt ruht sich nicht darauf aus, Potter nur zu zitieren. Es ist eine fantasievolle und überaus kuschlige Erweiterung der Welt, die genug eigenständige Ideen präsentiert um das Potential für die weiteren Filme erkennen zu lassen.

Was ich an den Potter-Filmen (trotz einiger Schwächen und Probleme) immer mochte, war die Liebe zur Vorlage und ein erkennbares Bemühen, sowohl handwerklich wie erzählerisch respektvoll mit der Geschichte umzugehen. Die Phantastische Tierwesen-Filme haben jetzt das Glück, nicht mehr eine umfangreiche Vorlage auf Kinoformat kondensieren zu müssen. Sie können ihre eigene Welt ausfüllen und auserzählen, und es bleibt alleine Rowlings Phantasie überlassen, wie sie die Geschichte von Newt und seinen Freunden vor dem Hintergrund der aufziehenden Grindelwald-Diktatur und des Zweiten Weltkriegs erzählen wird. Johnny Depp, der hier nur einen Gastauftritt hat, könnte einen charismatischen Gegner abgeben, doch die Frage wird sein wie es gelingt, die titelgebenden Tierwesen so in die sicher düsterer werdenden Stories zu integrieren, dass sie nicht irgendwann wie nervige Pflichtauftritte wirken.

Für den Auftakt bleibt jedoch ein überaus unterhaltsamer, von guten Schauspielern getragener, eskapistischer Effektfilm, der Warner nach vielen eher mäßigen Franchise-Versuchen wieder eine sicher Bank für die kommenden Jahre bauen dürfte. Und die Gewissheit, dass Fantasy auch abseits apokalyptischer Young Adult-Chosen-One-Stories erzählt werden kann.

Und jetzt möchte ich einen Niffler.

+++ +++

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4 Kommentare

  • Reply Iggy 18. 11. 2016 at 9:48

    Tolle Kritik. Da bekomme ich richtig Lust, schon bald ins Kino zu gehen. Ich hab leider nicht so die Ader für diese Vorkriegszeit und Mafiafilmanspielungen mag ich eigentlich gar nicht. Das hat mir persönlich schon Zoomania verdorben. (Von Shakira mal ganz zu schweigen.) Ich hätte ein paar Fragen, falls das nicht zu aufdringlich ist. Würde so ungern ins Kino gehen und nicht vorher über ein paar Dinge Bescheid wissen.

    Wie intensiv ist die Gewichtung auf die Zeit, in der die Geschichte spielt? Ist die womöglich teils zeitgenössische Musik langanhaltend klischeehaft oder gar anstrengend? Ist die audiovisuelle Präsentation eher dröge, flott oder neutral? Sind die Anspielungen, wie z.B. der Gangstergoblin, irgendwie ein wenig deplatziert oder aufgesetzt? Wieso sollte ein Goblin sich an die Gepflogenheiten der Menschen halten und einen auf Gangster machen? Ist das sinnvoll integriert, oder nur ambitioniertes Lockmittel, um älteres Publikum zufriedenzustellen? Würde mich wahrscheinlich stören, wenn das künstlich rüberkäme und sich nicht nach Fantasygenre anfühlen würde. Ist sicher Ansichtssache, aber ich bin da etwas streng und deshalb frage ich lieber mal nach.

    Ist es etwas störend, dass es im Kern nun plötzlich um so viele erwachsene Charaktere geht? Wird es dadurch manchmal etwas kalt und schwermütig? Bekommt der Film diesbezüglich die Kurve und kann man mit den Charakteren ein wenig mitfühlen? Wie ist es um die Identifikationswerte bestellt. Freilich immer ein Individualfaktor und dennoch frage ich mich, wie weit weg das vom klassischen HP-Feeling ist.

    Ich hoffe, dass meine individuellen Bedenken vorab irgendwie verständlich rüberkommen. Kannst du mir dazu etwas sagen Batzman? :) Würde mich über Antwort freuen. Lieben Gruß.

  • Reply pauliborn 18. 11. 2016 at 12:47

    Schönes Review. Bin gespannt auf den Film und freue mich, auch über die Entscheidung der Drölf Filme, denn magische Phantasiegeschichten im Kino gehören für mich zur Weihnachtszeit dazu. Ich beschwere mich nicht wenn auf dem Weihnachtsmarkt der Glühwein und das Schmalzgebäck, jeder auf seine Art, breit machen und auch nicht wenn mir das Kino generische Phantasiewelten vorlegt. Wenn die Filme dann sogar über diesen Tellerrand hinweg schauen ist das natürlich besonders toll.

    Zu der Aufteilung von Tierwesen in die 5 Filme… Muss ja nicht einmal sein, vielleicht werden auch die ersten 2 Filme Thema Tierwesen, wenn überhaupt. Die folgenden Filme könnten auch anders heißen, Teile der Newt Filmreihe sein. Die „Vorlage“ ist ja als solche keine, sondern ein Lehrbuch das von der Hauptfigur verfasst wurde. Hier haben Rowling und Co. also alle Freiheiten der Welt. Bekannt ist nur das Newt das Lehrbuch verfasst hat über magische Wesen. Was ihm wie in seinem Leben passiert ist ist ja völlig offen, den Pfad kann man also auch verlassen.

  • Reply Paul Klee 23. 11. 2016 at 22:49

    Sehr guter Film – die Herry Potter Filme kenne ich wenig, nur einzelne Szenen, die mich nie besonders angezogen haben, aber dieser Film hier war super: Tolle, liebevolle Charaktere, eine facettenreiche Handlung mit Überraschungen und eine glaubhafte Fantasywelt.

  • Reply Lyonesse 24. 11. 2016 at 11:18

    Wunderbare Review, die ich uneingeschränkt teilen kann. Das neue Setting um den etwas eigenbrödlerischen Magizoologen ist eine Erweiterung des Harry Potter Universums, die einfach Spaß macht. Neue Zeit, neuer Kontinent, neue Figuren und einen Niffler – was will man mehr.

    @Iggy – Wenn du mit den wilden Zwanzigern so überhaupt gar nichts anfangen kannst oder bei Serien wie “Boardwalk Empire“ sofort dicht machst, dann könnte das ein kleines Problem sein. Der Film spielt halt nun mal im New York von 1926 und dieses New York wird phantastisch bombastisch aufgezogen – ist quasi auch ein eigener Hauptdarsteller.
    Ansonsten ist die Musik aus der Zeit schon andeutungsweise vorhanden, aber auf keinen Fall aufdringlich oder störend. Der Soundtrack besteht also keinesfalls nur aus Charleston oder Ragtime Musik im Gegenteil.
    Der Goblingangster kommt überzeugend rüber und wirkt eher wie ein böser Bruder von Rick aus dem Film “Casablanca“, um den würde ich mir auch keine Sorgen machen.
    Also einfach dem Film eine Chance geben, ist Blockbuster Kino im besten Sinne des Wortes und keine Gesellschaftsstudie der 20er.

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