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Arrival (Review)

Standard, 2. 12. 2016, Batzman (Oliver Lysiak), 9 Kommentare

arrivallarge

Stanley Kubricks 2001 ist einer der unbestrittenen Meilensteine des Genres. Er ist auch einer der offensichtlichen Benchmarks deren Wert ich anerkenne, dessen Faszination sich mir über das rein optische hinaus aber nicht erschließen mag, egal wie oft ich ihn mir ansehe. Doch über die Jahre habe ich ihn respektieren gelernt und wann immer mal wieder ein vermeintlich zerebraler SciFi-Film herauskommt, weiß ich doch was ich an 2001 habe. Neben den vielen technischen Errungenschaften und beeindruckenden Bildern bietet er eben keine simplen, sentimentalen und letztlich unerquicklich belanglosen Antworten. Er zeigt Dinge die zur Assoziation und Interpretation einladen ohne alle Antworten zu liefern und auszusprechen und ohne den Verdacht nahe zu legen, dass die Macher Clarke und Kubrick selbst keine Ahnung hatten.

Wenn wir heutzutage philosophisch in die Tiefen des Weltraums eindringen, dann bleibt meist nichts unausgesprochen und die Erlösung findet sich immer im persönlich banalen. Love conquers all bei Interstellar oder eben eine fatalistische, semi-religiöse Akzeptanz des Laufs der Dinge wie sie uns in Arrival serviert wird.

SOME SPOILERS AHEAD

Doch der Reihe nach: Denn eigentlich fängt Dennis Villeneuves Film über 12 Alienschiffe die weltweit landen und eine Amy Adams die deren Sprache herausbekommen soll doch ganz interessant an. Adams spielt eine Linguistin die schon mal für die Regierung gearbeitet hat und deswegen ran geholt wird als Eierförmige Riesenraumschiffe die Welt durch herumschweben überraschen. Um ihren guten Willen zu zeigen, machen die Aliens auch alle paar Stunden den Schalter auf und lassen Erdlinge zum Tresen kommen und Kommunikationsversuche unternehme. Amy, die zusammen mit dem Wissenschaftler gespielt von Jeremy Renner an den Tresen tritt, findet schon bald heraus, dass die Aliens mit in Tintenwolken gespritzten Kringeln kommunizieren, die ungefähr so aussehen wie die Unterlage im Büro, auf der immer die Kaffeebecher abgestellt werden. Oder wahlweise die Frisurenauswahl, aus einem South Park Figurengenerator.

Diese Symbole sind jedoch keine klassische Schrift die von vorne nach hinten gelesen wird, sondern nonlinear, was bedeutet, dass die Aliens Zeit nicht chronologisch, sondern gleichzeitig erleben. Und während Amy und Jeremy noch an der Syntax tüfteln, dreht die Menschheit natürlich durch. Die Börse geht in den Keller, die Menschen randalieren und China und diverse andere Staaten drohen damit die Aliens wegzusprengen, weil sie einen der Kringel als „Waffe“ übersetzen. Aber China will ja eigentlich nur die Menschheit retten (richtig böse dürfen im Film nur die Russen sein), denn wie die meisten neuen Hollywood-Filme will Arrival auch in China ins Kino kommen, deswegen wird die freundliche Diktatur als wichtige, stolze Weltmacht mit ganz ehrenwerten Generalen dargestellt.

Ach ja, natürlich rettet Amy die Welt, die Aliens und alles, weil sie als einzige die „there is no time“-Botschaft der Außerirdischen kapiert und durch Händchen halten mit einem Alien die non-lineare Weltsicht versteht und deswegen praktischerweise Informationen aus der Zukunft nutzen kann, um den Krieg der Welten in der Gegenwart zu verhindern. Ganz nebenbei lernt sie auch ihr Schicksal zu akzeptieren, auch wenn sie weiß, dass die Ehe mit Jeremy nicht halten wird und ihre Tochter an Krebs stirbt. Sie genießt das Leben ganz spontan, wenn sie kann. Sie ist so frei, Nescafe ist dabei. Oder so ähnlich.

Ja Arrival fängt gut an. Ja die erste Stunde ist atmosphärisch und hat so eine Menge starke Momente, auch wenn optisch wie musikalisch immer wieder 2001-Stimmung emuliert wird, sobald es ins Raumschiff geht. Ja Amy Adams macht ihre Sache als trauernde Mutter und Superlinguistin ganz gut. Ja die erste Begegnung mit den Aliens ist schön inszeniert. Ja die Aliens sind zum Glück keine Humanoiden, sondern Tintenfische oder riesige Hände. Ja die Dröhn-Musik erzeugt anfänglich sowas wie Ehrfurcht und Erhabenheit und nochmals ja, die ersten Kommunikationsversuche sind sehr schön umgesetzt.

Aber warum tritt der auf einer Kurzgeschichte basierende Film so oft auf der Stelle. Warum entwickelt er seine Charaktere nicht, zeigt uns wie sich Amy und Renner annähern, wie sowas wie Chemie entsteht. Wie sie sich streiten und flirten? Warum spielt Renner im Grunde fast gar keine Rolle bis auf seinen einen Heureka Moment und als Twist-Device am Ende? Warum wurde Jeremy Renner besetzt, dessen Interpretation eines Wissenschaftlers darin besteht, dass er eine Brille trägt und onkelhaft grinst. Warum spielen die Aliens im Endeffekt keine wirkliche Rolle. Warum ist ihr komplettes Erscheinen und Verschwinden am Ende nur ein Katalysator, damit Amy mit ihrem Leben klarkommt. Warum wird das ganze Konzept nonlinearen Lebens so simplifiziert und reizlos dargestellt? Und warum verkommen alle anderen Darsteller derart zur Staffage, dass sich die Frage stellt warum man Leute wie Forest Whitaker oder Michael Stuhlbarg überhaupt besetzt, wenn ihre Rollen auch von irgendeinem NAVY CIS-Dutzendgesicht hätten gespielt werden können. Rumsitzen und auf Bildschirme gucken können die nämlich günstiger.

Wie spannend könnte ein Film über Kommunikation sein. Darüber wie schwierig es ist völlig andere Sprachmodelle zu verstehen, denn Sprachmodelle sind auch Denkmodelle und natürlich beeinflusst unsere Sprache unsere Weltsicht. Sprache und Kommunikation erschafft die Welt wie wir sie wahrnehmen. Doch um andere zu verstehen braucht es auch Substanz und die Offenheit sich auf etwas einzulassen, was dem eigenen Denken widerspricht. Die hochgelobte Episode „Darmok“ aus Star Trek The Next Generation arbeitet sich auf interessante Weise an diesem Thema ab und auch das Finale von Spielbergs Close Encounters stellt die Frage, wie wir mit Fremden kommunizieren können, deren Sprache aber auch Denkkonzepte wir nicht kennen. Bei Spielberg löst es sich recht simpel über eine Art Senso-Spiel, bei Star Trek wird immerhin eine grundlegend anderes Sprachkonzept vermittelt. Arrival hätte nun die Chance etwas wirklich spannendes, Neues herauszuarbeiten. Doch so interessant ihre Versuche mit den Tentakelviechern zu reden anfänglich auch sind, der Film entwickelt keine wirklich interessanten Ideen aus diesem Ansatz.

Zwar wird am Ende mit viel TamTam die Welt und das Privatleben von Amy Adams gerettet, doch da sie mindestens so oberflächlich charakterisiert ist wie die Aliens, lässt der Film dann doch relativ unberührt zurück. Das Finale ertrinkt in Geigenmusik und Kitschbildern, die auch aus dem Werbespot einer Versicherung stammen könnten, aber wie nahe gehen einem Figuren, die der Film selbst nicht erforschen mag. Die niedliche, dem Tode geweihte Tochter ist niedlich und dem Tode geweiht. Die Ehe zwischen Amy und Renner wird nicht halten, aber da die beiden eh kaum Chemie miteinander haben oder Szenen die eine tiefe Beziehung rechtfertigen würden, ist das doch im Grunde egal.

Arrival möchte das wir mitfühlen, weil der Film uns sagt, dass es diese tragische Beziehung zwischen den beiden gab/geben wird, dass es das zu frühe Ende der Tochter gab/geben wird – aber er erweckt seine Figuren über die Sentimentalitäten und in warmes Sonnenlicht getauchten Bildern nicht zum Leben. Er bietet uns Werbebilder. Düster, entsättigt und kalt wenn es traurig ist und warm und weichgezeichnet gesättigt, wenn wir die idyllischen Momente spüren sollen. Das täuscht vielleicht Tiefe an, bleibt dann aber doch irgendwo zwischen Lifetime-Special und Sanostol-Commercial hängen. Da hilft auch die Musik von Jóhann Jóhannsson nicht, die uns jede Emotion mit der Subtilität einer Tretmine in die Ohren schreit. Geigen, Chöre, mehr Geigen, mehr Chöre und wenn es spannend wird, dann wird irgendwas Elektronisches gewummert was klingt wie Walgesänge durch den Vocoder gejagt.

Einerseits ist es ja schön, wenn sich Science-Fiction auch abseits reinen Effektspektakels im Kino wiederfindet und Erfolg hat. Ob Man from Earth, The Quiet Earth oder jüngst Ex Machina – immer wieder gibt es faszinierende Beispiele für Science-Fiction-Filme die in erster Linie durch interessante Konzepte überzeugen und zum Nachdenken und diskutieren anregen. Und für viele Menschen, die Arrival wahlweise als Allegorie auf die Weltlage, als intime Metapher auf Trauerverarbeitung oder als subtiles Plädoyer für die Pro-Life Bewegung (Amy entschließt sich schließlich ihr Kind zu bekommen obwohl sie weiß, dass es sterben wird) ansehen, ist der Film ganz sicher ein sehenswerter Genrebeitrag.

Mir verursacht die positive Darstellung dieser Deterministischen Welt allerdings Magenschmerzen, denn was am Ende als Akzeptieren und das Leben annehmen geschildert wird, könnte genauso auch als Absage an das Konzept des freien Willens gesehen werden. Denn laut Arrival bedeutet nonlineares Leben auch eine Absage an das Multiversum, an ein Universum in dem jede Entscheidung die wir fällen neue Zeitlinien erschafft und in dem wir letztlich Entscheidungen fällen können. In der wir uns Wissen nicht aus der Zukunft herausfischen und in der wir selbst festlegen, ob wir denn einen Langweiler wie Jeremy Renner heiraten müssen.

Aber ich bewahre sicherheitshalber mal meinen Kaffeeuntersetzer auf. Wer weiß was die Aliens mir noch sagen wollen.

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9 Kommentare

  • Reply hapa76 3. 12. 2016 at 13:32

    keine sterne-bewertung mehr?!

  • Reply Jan 4. 12. 2016 at 9:01

    Äh, bist Du sicher, Amy Adams persönliche Verstrickung und das Tochter-Krebs-Ding richtig verstanden zu haben??
    Für mich bestand der Twist darin, dass Flashbacks zur toten Tochter irgendwann zu Flash-Forwards (!) wurden, nämlich zur neuen Tochter mit Hawkeye. Wegen der Aliens und deren non-linearem Lifestyle halt…

    • Reply Phil 7. 12. 2016 at 10:57

      Steht doch genau so im Text.

  • Reply Hans Müller 5. 12. 2016 at 0:44

    Ja, es sieht so aus als ob Batzmann tatsächlich das Ende nicht verstanden hätte. Obwohl der Twist doch eigentlich gar nicht sooo kompliziert ist. Und auch erklärt, warum der Vater sich auf einmal von der Mutter getrennt hat und seitdem die Tochter immer mit anderen Augen angesehen hat.

    Der Film geht eben NICHT in erster Linie um die Außerirdischen oder wie man den ersten Kontakt herstellt. Er geht um die persönliche Geschichte des Hauptcharakters.

  • Reply Baum 5. 12. 2016 at 20:41

    Komm frisch aus dem Kino und hab mir das Review für danach aufgehoben.
    Ja Jan, mir kommt es bei lesen auch so vor, als hätte Oliver da was massiv nonlinear fehlinterpretiert.
    Allein das spricht schon für den Film und meine innere Wertung legt einen Stern extra drauf.
    Aber wo sind die eigentlichen Sterne, ich kann sie auf der Seite nicht sehen?
    Mit der pathetischen Geige muss ich ihm recht geben.
    Und dass der Film mehr oder weniger ganz nett, aber egal ist.
    Leider :.(

  • Reply Zonk 7. 12. 2016 at 13:42

    Das mit den Flashbacks/Flashforwards hat der Oliver schon richtig verstanden, schreibt er ja foch, dass sie das Kind trotzdem zur Welt bringt/bringen wird, obwohl sie weiß, dass es stirbt/sterben wird. Streng genommen, sind die Flashbacks/Flashforwards ja auch auch nicht chronologisch, wenn man das Konzept der Nonlinearität genau verfolgt. Dass Amy eine krebskranke Tochter hat, ist Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, oder nichts von all dem, weil nonlinear.

    In diesem Sinne würde ich mich der Gruppe anschließen, die den Film als eine Metaphor für Amys Privatleben sehen. Wie auch in David Lynch Filmen, passiert ihrem Charakter in einer scheinbaren perfekten Welt (das schicke, moderne Haus am See mit riesigem Grundstück; ihr beruflicher Erfolg) etwas traumatisches wie die Erkrankung eines Kindes, und alles driftet in die Fantasiewelt ab, wo das Unterbewusstsein herrscht und – Stichwort: Nonlinearität – es keine Zeiten gibt. In dieser Fantasiewelt passiert nun alles mögliche und der Schluss des Filmes ist, dass sie nun mit sich selbst und ihrem Leben im Reinen ist.

    Natürlich ähnelt der Film weder stilitisch noch konzeptuell einem Lynch (kann dem sicher nicht annähernd das Wasser reichen), aber die Idee sieht man in vielen Filmen und Lynch hat sie hat perfektioniert. Deswegen ist der Film für mich so unglaublich banal, weil ich tatsächlich an SciFi interessiert bin, und mir in diesem Film ausser dem bisschen Suspense am Anfang und dem Design des Schiffes/der Aliens nichts in dieser Hinsicht geboten wurde. Das Konzept der Nonlinearität, das laut Amys Charakter alles verändern wird, wie wir unser Leben leben, wird nicht angewendet. Okay, sie schreibt Bücher darüber und verdient einen Haufen Kohle und Anerkennung, aber das verstehe ich nicht als das große Geschenk, das die Aliens den Menschen schenken wollen, um das Menschenleben grundlegend zu verändern.

    Letztendlich ist es auch vielleicht bewusst weniger radikal, denn der Film suggeriert, dass das Wissen um die Nonlinearität schön und gut ist, und man da sich auch als Intellektuelle aufschwingen darf, aber die Figur, die das meiste Wissen darüber verfügt, verzichtet auf die Anwendung, und somit auf die Möglichkeit, ihr Leben selbst zu bestimmen.

    Letzter Punkt: Der ganze Film scheint auf die schwammige Theorie aufgebaut zu sein, dass Sprachen Denkmodelle gleichen/bestimmen, mit denen wir die Welt um uns wahrnehmen und verstehen. Deswegen kann im Film Amy die Welt retten, weil sie die Aliensprache am besten kann und deswegen die Nonlinearität kapiert usw. Leider ist diese Theorie aber nicht so gedacht, das Lernen der eigenen Muttersprache prägt unser Denken, weil Eltern neben Sprache nun mal auch Werte und Vorstellungen vermitteln. Wenn jemand aber nun eine neue Sprache lernt, sind diese Wertevorstellungen und Weltwahrnehmungen schon so verankert, dass wir die neue Sprache nur mehr noch durch unseren Filter lernen können. Die einizige linguistische Grundlage, die mit einem Satz in 10sec erwähnt, aber aufgeblasene Tragweiten im Film hat, ist somit futsch.

    • Reply Hans Müller 18. 12. 2016 at 12:34

      Der Text wurde anscheinend kommentarlos geändert/ergänzt. Das ist natürlich nicht die feine Art und lässt jetzt die Kommentatoren doof dastehen.
      Nachträgliche Änderungen sollten schon transparent gemacht werden!

  • Reply Bommel 15. 12. 2016 at 0:35

    Mich hat der Film nicht 100%ig gepackt, zu kühl und ungefährlich war die Begegnung mit den Aliens. Dennoch ist dieser höhnische Verriss hier total übertrieben. Die Kritikpunkte Farben, Kitsch, CSI-Gesichter, Geigenmusik können so pauschal-doof auf JEDEN Film angewandt werden – wenn man es nur möchte.
    Villeneuve schafft in all seinen Filmen eine tolle Atmosphäre. Amy Adams hat mir sehr gut gefallen. Whitaker, ein Militärangehöriger, der mal nicht so tumb ist. Und ein netter Twist am Ende, der zu komplexem Denksport anregt. Wie man hier Magenschmerzen bekommen kann, aber gleichzeitig jeden Marvel-Nonsense abfeiert, erschließt sich mir nicht.

  • Reply Nigg Nagg 26. 12. 2016 at 13:13

    Geil, sehe ich alles haar genauso… danke!

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