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Vaiana – Das Paradies hat einen Haken – Die Kritik

Standard, 22. 12. 2016, Batzman (Oliver Lysiak), 2 Kommentare
Vaiana Das Paradies hat einen Haken

Vaiana Moana das Poster zum Film

Es wird Zeit für eine neue Disney-Prinzession und das Model dieses Jahre heißt Vaiana. Disney Animation hat sich in den vergangenen Jahren zur größten Konkurrenz für Pixar entwickelt. Denn auch wenn die Ice Ages und Minions dieser Welt die Massen zuverlässig ins Kino locken: Qualitativ spielen wenige Filme in der derselben Liga wie die Urväter des digitalen Animationsfilms.

Dreamworks wagt nur alle paar Jahre mal anspruchsvollere Werke wie die How to train your Dragon-Filme, Blue Ice und Sony haben es sich im Kindersegment gemütlich gemacht und Illumination bespielt das routinierte Family-Segment. Innovation ist von ihnen meist weder technisch noch erzählerisch zu erwarten, jetzt nachdem CGI-Animation einen hohen Durchschnitts-Standard erreicht hat. Bestenfalls die Stop-Motion Außenseiter wie Aardman und vor allem Laika wagen noch ungewöhnliche Bilder oder neue Erzählansätze.

Im Wesentlichen liefern sich allerdings Disneys zwei große Animationshäuser, die beide denselben Boss haben einen Wettstreit, der für beide Seiten förderlich ist. Denn ohne die beständig steigende Qualität der Werke von Disney Animation, wäre Pixar wohl versucht sich nur noch mit dem Recyceln erfolgreicher Franchise zu begnügen. Dank der schwesterlichen Konkurrenz und Filmen wie Frozen und Wrecked Ralph oder Zootopia muss sich Pixar anstrengen.

Ein Werk wie Inside Out im vergangenen Jahr, lässt verschmerzen, dass sie dieses Jahr mit Finding Dory nur ein sehr gutes Sequel ablieferten. Ich mag den Wettstreit der beiden Studios und im Grunde haben sie dieses Jahr beide schon abgeliefert.

Deswegen nehme ich es auch lockerer, dass mich Moana oder Vaiana wie er in Europa heißt (weil Disney wohl den Vergleich zu einem italienischen Pornostar vermeiden will) nur gut unterhielt, aber nicht völlig umgehauen hat.

Dabei finde ich es ja sehr sympathisch das Disneys klassische Trickfilm-Regisseure Ron Clement und John Musker jetzt erstmals völlig der Computeranimation zuwenden, auch wenn man ihnen, wenn sie darüber erzählen anmerkt, wie ungewohnt und schwierig diese Umgewöhnung für sie teilweise war.

Aber nachdem schon bei Tangled auf die Erfahrung klassischer Zeichentrickanimatoren zurückgegriffen wurde, ist auch Moana anzumerken, welche andere Ästhetik die beiden ihren CGI-Kollegen beibringen konnten. Besonders die Animationen der Körper, die weichen, fließenden Bewegungen der Figuren sehen erfrischend anders aus, als das was wir bei CGI-Figuren sonst gewohnt sind. Und auch die Inseln mit ihrer üppigen Vegetation kommen in einen stilisierten Look daher, der eben nicht versucht fotorealistisch und hyperdetailliert zu sein.

Und ihre Liebe zum Zeichentrick bricht sich auch in den animierten Tattoos Bahn, die am Körper des von Dwayne Johnson gesprochenen Halbgotts Maui als quasi griechischer Chor-Kommentar dienen. Ja man merkt, dass hier die Regisseure am Werk sind die neben Aladdin auch Hercules geschaffen haben.

Ebenfalls schön ist zusehen, dass Disney mal wieder eine Nicht -Weiße zur Heldin macht und mit dem polynesischen Setting Figuren einführt, die zumindest ein bisschen weniger nach den magersüchtigen üblichen Disney-Prinzessinnen aussehen. Wobei natürlich weiterhin gilt, dass Nicht-Weiße Figuren nur dort vorkommen, wo es das Setting explizit verlangt und es für die Story relevant ist. Es bleibt zu hoffen, dass Disney auch in klassischen Settings zukünftig etwas mehr Diversity einbringt.

Vaiana / Moana kann ab davon natürlich mit vielen schönen Bildern, toller Animation und einer erfreulich hohen Frauenquote punkten. Was die Story angeht… nun ja. Von der ursprünglichen Emanzipationsstory die Taika Waititi – der erste Drehbuchautor – sich ausgedacht hatte, ist wenig übriggeblieben. Stattdessen folgt Vaiana einmal mehr der bewährten „Glaub an dich selbst, finde deinen Weg“- Linie, die zwar okay ist, aber gerade bei Disney schon zu oft erzählt wurde. Und die vor allem schon interessanter erzählt wurde. Frozen und Wrecked Ralph, aber auch Zootopia machten mehr aus dieser Vorlage und boten ein paar mehr Ecken und Kanten.

Vaiana die starköpfige Häuptlingstochter, die von ihrer Großmutter ermutigt wird zur See zu fahren und sich ins Abenteuer zu stürzen um ihre Insel zu retten, ist deutlich konventioneller gestrickt. Rebellische Großmütter sind keine sehr originelle neue Idee und auch, dass eine Tochter sich gegen den Willen der Eltern zu etwas durchsetzen musst ist gut abgehangener Stoff.

Dabei kommt der Film auch ein wenig inhomogen daher in manchen Bereichen. Denn Disney versucht eindeutig der lästigen Konkurrenz mit ihren Minions und Scrats etwas entgegen zu setzen. Vaiana hat deswegen gleich zwei lustige Sidekick-Charaktere, von denen eines nach kurzer Zeit im erzählerischen Nichts verschwindet und das andere ein One Trick Hähnchen ist, dass zwar lustig anzugucken ist, aber zur Story wirklich nichts beiträgt. Anders als Olaf oder Sven, die in Frozen zumindest irgendeine Rolle erfüllten bleiben Schwein und Hähnchen (das immerhin von Alan Tudyk gesprochen wird) hier sehr nutz- und charakterlos.

Und auch wenn ich die eindeutige Mad Max Anspielung mit den Kakamora-Kokosnuss Piraten ganz witzig fand, beschlich mich die böse Befürchtung, dass Disney versuchen könnte die süß-doofen Kreaturen zu ihren Minions zu machen, die dann in Kurzfilmen für massentauglichen Slapstick sorgen.

Und wenn wir gerade bei Popkultur-Referenzen sind: Selten fand ich sie so störend wie bei Vaiana. Ob Maui irgendeinen Twitter-Witz macht oder plötzlich die vierte Wand durchbrochen wird, wenn er bemerkt sie wäre eine Prinzessin, weil sei eine Königstochter mit Sidekick sei – das mag in Dreamworks-Filmen passen oder in eher ironischen Disney-Filmen wie Hercules und Emperors New Groove – aber bei der ansonsten ernsthaft-epischen Stimmung Vaianas wirken sie aufgesetzt und leicht deplatziert.

Und leider empfand ich das auch bei der Musik so. Zumindest in Teilen. Ja ich weiß man hat mit dem Hamilton-Komponisten Lin-Manuel Miranda und lokalen Künstlern zusammengearbeitet und die Instrumental-Stücke und Titel wie „We know the way“ passen auch… aber insgesamt empfand ich den Soundtrack deutlich weniger beeindruckend als bei Frozen und anderen Disney-Klassikern.

Ähnlich wie bei Tangled, wurde hier wieder versucht poppiger daherzukommen und nicht zu sehr nach großem Musical zu klingen, was für mich dazu führte, dass die Songs oft eher zum Film gespielt werden, als dass ich das Gefühl hatte hier würde wirklich gesungen. Und klar Auli’i Cravalho macht als Stimme von Vaiana einen guten Job, aber sie klingt trotzdem sehr glatt und ein wenig austauschbar.

Wirklich im Ohr blieben mir von den Songs nur Mauis You’re welcome, eine Swing-Nummer die der Figur auf den Leib geschrieben ist und die Dwayne Johnson überraschend witzig interpretiert und der Song der Monsterkrabbe Tamatoa, die von Jermaine Clement gesprochen eine Glam-Rock Nummer hinlegt die irgendwo zwischen Bowie und der Sugerhill Gang angesiedelt ist. Letzterer fühlt sich allerdings auch wie ein Fremdkörper im ansonsten eher Pathosgetragenen Soundtrack von Moana an.

Für einige – vor allem diejenigen die Let it Go schon lange nicht mehr hören können und die generell keine Fans klassischer Musicals sind – ist die Musik von Vaiana vermutlich genau das richtige und natürlich das das schon sehr Geschmackssache – aber mich ließen die Songs diesmal deutlich kälter als dies bei Disney normalerweise der Fall ist.

Leichter Spoiler Voraus

Gespalten bin ich auch was die grundsätzliche Story angeht. Denn mir erschien Vaianas Reise nicht so wahnsinnig Ereignisreich und ihr persönliches Wachstum wird im Grunde in einer schnellen Montage abgehandelt. Und so cool animiert und witzig Maoi ist – ich halte ihn für einen sehr problematischen Charakter, weil er sich wirklich den kompletten Film als ziemlich asozialer Typ geriert, der mehrfach versucht Vaiana umzubringen oder sterben zu lassen, der im Endeffekt für das Ganze Problem des Films und die Erschaffung des Endgegners verantwortlich ist – und der am Ende Dank erfährt und dem mit einem leichten Klaps auf die Finger ohne weitere Diskussion verziehen wird, weil er sich einmal nicht wie ein Arschloch verhält und Vaina im Finale unterstützt, nachdem er zunächst geflohen ist.

Gebrochene Helden sind ja durchaus spannend und die Erlösung des Antihelden, wenn er sich rehabilitiert und vergangenes Unrecht wett macht ist eine klassische Erzähltrope – aber hier wird sie leider so gar nicht thematisiert. Wir sollen Maoi mögen und witzig finden und darüber lachen, wenn er einmal mehr versucht Vaiana zu ertränken oder achselzuckend ihren vermeintlichen Tod in der (übrigens fantastisch designten) Monsterwelt hinnimmt.

Auf der anderen Seite ist auch die Message von Vaiana schon sehr schlicht gestrickt und lässt die Ambivalenzen der letzten Filme vermissen. Ich bin ja sehr für coole weibliche Figuren und fand die Absage an den Traumprinzen in Frozen ebenso cool wie die Geschäftsfrau Attitüde von Tiana in Princess and the Frog – aber in Moana ist alles wieder eine Spur simpler. Alles Weibliche wie Vaiana, ihre Großmutter und die Inselgöttin Te Fiti steht für das Gute und die Kraft der Natur, die Vaiana am Ende wieder versöhnt und in Einklang bringt, nachdem ein männlicher Halbgott sich selbst überschätzte und mittels Technik (sein Powerhaken) die Natur aus dem Gleichgewicht brachte und damit Umweltzerstörung und Leid heraufbeschwor.

Wenn aus dem Feuerdämon am Ende die gütige Göttin Te Fiti wird, die alles Grünen und blühen lässt, dann erinnert das in seiner wohltemperierten Kuschligkeit leider ein bisschen an einen Waschmittelspot für frühlingsfrischen Duft.

Ja Vaiana wird nicht mein neuer Lieblingsfilm von Disney, aber trotzdem ist er nicht schlecht und alleine die Tatsache, dass viele POC-Kinder und Erwachsene mit diesem Film endlich mal wieder einen großen Disnefilm haben in dem sie sich repräsentiert sehen und wiederfinden und in dem jemand der wie sie aussieht die Heldin sein darf, zeigt wie wichtig Vaiana trotz allem ist.

Und verglichen mit der Konkurrenz, mit den Pets und Ice Ages dieser Welt ist Vaiana in jedem Fall den Kinobesuch wert.

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2 Kommentare

  • Reply El Nico 5. 1. 2017 at 12:27

    Wreck-It Ralph, nicht Wrecked Ralph…und du hast die Review dazu damals selbst geschrieben, Batz.. ;)

  • Reply mimimiminion 18. 1. 2017 at 15:53

    Erm. Kann mal wer die Fehler im Text korrigieren? Ohnehin nicht ganz einfach mal eben weggelesen, aber das macht’s nicht einfacher. Blog hin, Internet her, aber das geht besser.

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