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Assassins Creed – Die Kritik

Standard, 23. 12. 2016, Batzman (Oliver Lysiak), 0 Kommentare
Asssasssins Creed Film
Assasssins Creed - Angriff der Kapuzeneumel

Assassins Creed – Schlechtgelaunt im Bademantel: Michael Fassbender

Es ist schade, dass niemand Michael Fassbender und Marion Cotillard gesagt hat, in welch einer Art Film sie sind. Oder besser: dass sie nicht in einem Film sind, sondern in einer besonders langen Cutszene, die sich leider nicht überspringen lässt, egal wie oft man die Skip-Taste drückt.
Die Assassins Creed Gamesreihe hat es geschafft sowas wie ihr eigenes Genre zu erschaffen. Bislang neun Spiele hat die Hauptreihe hervorgebracht, da sind die ganzen Ableger für Nintendo und Mobile noch nicht eingerechnet. Seit 2007 vergeht gefühlt kein Quartal ohne mindestens ein Assassins Creed Game.


Das Videoreview für Lesefaule

In einer Zeit, in der es Lara Croft und Uncharted auf 3-5 Games bringen und Jahre in jeden einzelnen Titel stecken, scheinen bei Ubisoft ganze Armeen nur mit dem Nachbau historischer Städte und Landstriche beschäftigt zu sein, welche dann nach und nach in Spielen als Hintergrund für Stories rund um diverse Helden verwendet werden, die mittels Animus die Erlebnisse ihrer Vorfahren nacherleben dürfen. Und die meisten dieser Vorfahren waren anscheinend sowas wie Forrest Gump, denn sie laufen alle fünf Meter historischen Figuren über den Weg und waren oftmals nicht nur dabei, wenn Geschichte geschrieben wurde, sie waren meist sogar der Auslöser dafür.

Bei einer derartigen Flut von Games wundert es nicht, dass sie von unterschiedlicher Qualität sind und nicht selten von Glitches und Bugs geplagt werden. Dennoch: es hat durchaus seinen Reiz, die oftmals sehr liebevoll gestalteten Städte und Landschaften zu durchstreifen. Und auch wenn die Figuren, was Mimik und Animation angeht, nicht ganz vorne mitspielen entfaltet die Reihe durch ihre Kombination aus futuristischer Rahmenhandlung und historischem Prunk immer wieder ihren Reiz.

Auch wenn wir in den Games theoretisch nur „Erinnerungen“ nacherleben, haben wir genug Steuerungsfreiräume um Spaß daran zu haben, wenn wir mit den Assassinen gegen die Templer zu Felde ziehen, stealthen und meucheln und die oftmals etwas dümmliche Story vergessen und überspringen können.

Denn während viele Videogames der letzten Jahre gerade im narrativen Bereich neue Maßstäbe setzten, spannende Stories und emotionale Charaktere erschufen, bleibt Assassins Creeds Rahmenhandlung immer eher übersichtlich und holzschnittartig. Ist aber auch egal, es geht ja um den Spaß am Spiel.

Und nun haben wir den Film. Mit einer Topbesetzung. Einem ambitionierten Regisseur, der zuletzt mit ähnlicher Besetzung MacBeth düsteres Leben einhauchte und der mit dem unerträglich guten, aber zutiefst deprimierenden Snowtown bekannt wurde.

Die Besetzung scheint sich ja nicht nur den Scheck abgeholt zu haben. Michael Fassbender produziert das Ganze immerhin. Was den Film leider nicht besser macht. Ob Fassbender, der noch vor einem Jahr erzählte, er habe keines der Games wirklich gespielt, nicht wusste worauf er sich einließ oder ob die ganze Chose auf dem Papier deutlich besser klang: es bleibt ein Rätsel, was ihn außer der Gage wirklich gelockt hat mitzuspielen. Bei Jeremy Irons wissen wir ja, dass er nicht eben wählerisch ist und neben wirklich coolen Rollen auch gerne mal Schrott spielt, wenn’s denn die Miete zahlt. Es tut trotzdem weh ihn so verschwendet zu sehen. Gleiches gilt für Charlotte Rampling als Anführerin der bösen Templer und den großartige Brendan Gleeson, der wirkt als wäre nach dem Aufstehen für eine halbe Stunde ans Set gekommen, hätte seine kurze Szene gedreht und sich danach vermutlich betrunken. Am meisten Spaß schien noch Denis Ménochet als Chef der Abstergo Security zu haben. Menochet sieht ein bisschen aus wie Mike Stoklasa von RedLetterMedia und ich wünschte mir jede Minute, dass deren Team reinkommen und das lächerliche Ganze gehörig auseinandernehmen würde.

Das Problem von Assassins Creed: Regisseur Justin Kurzel versucht ihn grimmig, düster und dramatisch zu inszenieren. Er versucht großes Drama aus jeder der vielen Dialogszenen zu pressen und Fassbender spielt sich einen Wolf, als gelte es wieder Shakespeare mit Leben zu füllen. Doch die Dialoge sind leider strunzdoof und dümmer als in einigen der Games. Und der Film hat tatsächlich keine wirkliche Story. Es gibt keinen dramaturgischen Bogen, keine Entwicklung für Callum Lynch, der neu erfundene Held, der einmal mehr unser missverstandener, geschundener weißer Mann ist, den wir seit Jahren immer wieder und wieder sehen. Helden, die sich selbst wahnsinnig leidtun und deren Leid kein anderer wirklich nachvollziehen kann. Callum wird in der ersten Szene nach dem Prolog hingerichtet, verbringt den Rest des Films in der Abstergo-Facility und redet mit Marion Cotillard, die eine Templar-Wissenschaftlerin spielt, die die menschliche Gewalttätigkeit auslöschen will.

Schon im Intro erfahren wir alles was wir über Templer und Assassinen wissen müssen. Der Film geht zwar mit der Verteidigung des freien Willens als wichtigem Wert hausieren, zeigt aber keinerlei Interesse, sich über die Plattitüde damit auseinander zu setzen. Assassins Creed ist kein Clockwork Orange, auch wenn der Film tut, als hätte er irgendwas zu sagen.

Was er ja gar nicht muss. Die Games sind ja auch ein bisschen doof, retten sich aber über den Spielspaß und die Abwechslung der Missionen und Actionszenen. Und wäre der Film einfach ein spaßiger Actionfilm, der Logik zugunsten von rasanter Inszenierung ignoriert, wäre es auch gar nicht so schlimm. Doch Justin Kurzel scheint wenig Spaß an Action zu haben. Pflichtschuldig wird Callum Lynch dazu gezwungen im Animus die Erinnerungen seines Vorfahren nachzuerleben, doch da wir ja wissen, dass wir quasi Aufzeichnungen sehen und auch keinerlei Bezug zur blassen Hauptfigur noch zu seinem Vorfahren aus der Zeit der spanischen Inquisition haben, ist es alles ziemlich egal.

Die Action erschöpft sich in endlosem Nachstellen ikonischer Game-Szenen und Rumgepose und ist dabei nicht mal besonders interessant anzusehen. Egal wie viel Arbeit in Stuntszenen geflossen ist: sie wirken nicht, wenn sie unter CGI-Backgrounds verschwinden oder wenn der Cutter auf die Idee kommt mitten in einem spektakulären Sprung während eines Wagenrennens einfach wegzuschneiden. Assassins Creed hat sehr edle Bilder und gleichzeitig einen der schlimmsten Action-Schnitte, die ich dieses Jahr im Kino gesehen habe. Dass wir das, was in den Spielen der Mittelpunkt ist, hier nur als kurze Replays erleben, ist schlimm genug. Dass es so langweilig und spannungsfrei inszeniert ist und man ständig merkt, dass Kurzel eigentlich lieber wieder diesige Dialogszenen im Astergo-Komplex inszenieren will, macht es noch schlimmer.

Denn egal was die Macher glauben: die Apple of Eden-Story wird nicht besser, wenn man sie wieder und weiter ausführt. Genetische Erinnerungen werden nicht glaubhafter je länger man drüber nachdenkt. Und warum der Animus im Film seinen Nutzer herumschleudern und das Risiko körperlicher Verletzung eingehen muss, während er in den Games nachvollziehbarer einfach eine Elektropritsche ist – bleibt das Geheimnis der Filmemacher. Ubisoft findet die Idee ja angeblich so super, dass sie sie in künftige Spiele übernehmen will.

Doch nur weil sich das Ding bewegt und den halbnackten Fassbender herumwirbelt, macht es das nicht zu einem cinematischen Element. Das ständige hin- und her gecutte zwischen realem Animus und den Memorys nimmt auch noch das letzte bisschen Spannung aus den Actionszenen und nervt fast so sehr wie der von Blenden-Adler getaufte Raubvogel, der ständig von einer Szene in die nächste gleitet und damit eine Idee, die einmal sehr schön gewesen wäre, vollständig totreitet.

Es ist bitter zu sehen, dass Ambition hinter dem Film steht. Kurzel will, dass es cool aussieht, er flutet jede Szene mit so viel Nebel und stylisher Beleuchtung, dass es manchmal wirkt, als wäre im Game die Visibility runtergeschraubt worden. Aber er findet keinen Zugang, keinen Weg, die extrem simple Story wirklich zu erzählen und sich von den Games zu lösen, um wirklich zum Film zu werden. Würde Callum feststellen, dass er die Vergangenheit nicht nur passiv nachspielen, sondern irgendwann verändern kann… könnte das ein interessanter Twist sein. Oder würde den Nachforschungen per Animus ein echter Wettlauf zum Versteck des Apfels folgen, mit Actionszenen in der Gegenwart… auch das könnte spannend sein. So versucht uns der Film das Cameo von Christoph Columbus als interessant anzudrehen (auch wenn wir das in dem Moment erahnen als das Jahr 1492 eingeblendet wird) weil ansonsten nichts passiert. Der Showdown des Films ist so ziemlich das Langweiligste, was wir in den letzten Jahren zu sehen bekamen, mit einem Helden der wirklich so gar keine Herausforderung zu bestehen hat. Selbst die einzige Actionsequenz in der Realität bezieht ihn eher am Rande ein und ist durch keinerlei Storynotwendigkeit geprägt.

Und hier wird, wie im Rest des Films , auch nochmal deutlich, wie albern es ist einen Assassins Creed Film, einen Film über skrupellose Auftragskiller im Namen des Guten, zu drehen, der ob seines PG13 Ratings absolut blutleer bleiben muss. Und selbst für PG13 ist er extrem zahm und lässt Rogue One im Vergleich wie Freitag der 13. aussehen.

Am Ende bleibt ein erstauntes: „Das war‘s jetzt?“ und Verblüffung darüber, dass ein Film mit so viel talentierten Leuten so vor die Wand gefahren werden kann. Es reicht nicht, nur darauf zu setzen, dass die Fans es abfeiern wenn sie Bilder aus den Games wiedererkennen. Film ist kein aktives Medium, in dem sich miese Stories hinter gutem Gameplay verstecken können. Film braucht zumindest interessante Charaktere. Lynch und alle anderen bleiben Nullfiguren ohne echten Charakter und nur von elegischem Style kann ein Film nicht leben.

Blenden-Adler… bring mich weg von hier.

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