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La La Land (Kritik)

Standard, 12. 1. 2017, Batzman (Oliver Lysiak), 8 Kommentare

Girl meets Boy in a Meet Cute, welcome to La La Land.

Sie lieben sich, sie streiten sich, sie singen ab und zu. Das ist nicht die schlechteste Grundlage für ein Musical, auch wenn das Genre natürlich in der Lage ist andere Geschichten als eine typische RomCom zu erzählen. Regisseur Damien Chazelle, der mit Whiplash ein energiegeladenes, eindrucksvoll gespieltes Guantanamo-Bay Remake von Fame abgeliefert hat, ist eindeutig ein Fan der klassischen Hollywood-Musicals.

Es ist ihm hoch anzurechnen, dass er gegen den Trend eine Hommage an die großen Zeiten des Musicals inszeniert, wenn viele Studios heute derartige Angst vor dem Publikum haben, dass sie es kaum wagen ihre Filme als solche zu bewerben und Trailer gerne mal so schneiden, dass unbedarfte Naturen nicht auf die Idee kämen in ein Musical zu gehen.

Ungezählt sind die empörten Zuschauer, die sich in „Sweeney Todd“ oder „Into the Woods“ wiederfanden, im Glauben einen düsteren Fantasy-Horror zu sehen und dann feststellten: „Wie die singen da jetzt?“. Denn irgendwie sind Musicals ja gerade dem männlichen Publikum fremd, dem Hollywood über mehrere Jahrzehnte eingeredet hat, dass die einzige Art Stories die erzählt werden können die eines toughen, irgendwie leidenden Einzelgängers ohne Humor sind.

Und Musicals sind nun mal stilisierte Werke, die automatisch in einer überhöhten, surrealen Welt spielen, in der Gefühle und Empfindungen auf 11 gedreht sind und sich die Gesetze der Logik dem ironischen Pathos anpassen. Musicals waren immer das ganze große Gefühl, Lebensfreude und überhöhtes Drama aber auch Ironie und Humor. Also alles was Zuschauer spätestens nach 9/11 nicht mehr sehen wollten, nach denen man ihnen einredete lachen wäre unmännlich und gritty und more realistic wäre tatsächlich realistischer und ein Zeichen von Qualität.

Natürlich gibt es sie die erfolgreichen Musicals, aber zumeist waren das Adaptionen von Werken die sich zunächst auf der Bühne ihre Lorbeeren erspielt hatten, ehe sie dann als Film adaptiert wurden. Mama Mia, The Producers, Rock of Ages, Rent, Les Miserables, Chicago, Jersey Boys, Hairspray, Into the Woods, Phantom of the Opera, Dreamgirls – alles Bühnenadaptionen. Eigenständige Werke erschienen fast ausschließlich als Animationsfilme, TV-Filme für Teenie-Girls oder Musicals die sich schämten Musicals zu sein, wie Pitch Perfect die immer eine Ausrede brauchen, warum die Darsteller gerade singen.

Und jetzt kommt Damien Chazelle und erzählt eine Story mit erwachsenen Darstellern, eine etwas generische Story aber eine die zuvor noch nicht 1000x auf der Bühne bewiesen hat, dass sie erfolgreich ist. Besetzt mit zwei großen Stars und angelegt als Meta-Musical, als Blick hinter die Kulissen von Tinseltown, wie es einst „Singing in the Rain“ getan hat.

Und Chazelle hat sich seine Vorbilder gründlich angeschaut, denn immer wieder erinnern Szenen an die bekannten Filme der goldenen Ära. Schon der Anfang, wenn sich das Bild von der alten Academy-Ratio auf Cinemascope erweitert und alleine damit deutlich macht, in welche Welt wir hier mitgenommen werden sollen. Dann folgt das Opening, die vielleicht interessanteste Szene des Films, der seine Handkamera-Optik nutzt um die erste Musiknummer im Stau im Stile der vor zehn Jahren beliebten University-LipDubs zu inszenieren. Eine (Fake)-Plansequenz mit dutzenden Protagonisten, die dem Film einen zeitgenössischen Anstrich verpasst. Leider ist die Kamerarbeit im Folgenden oftmals weniger dynamisch und es dominieren Halbnah und Nahaufnahmen – selten mal wirklich Totale oder Panoramashots, was angesichts des Cinemascope-Formats etwas schade ist.

Vielleicht ist es einer der großen Fehler, dass La La Land ständig mit den ganz Großen kokettiert. Singing in the Rain wird nicht zu Unrecht oft als das beste Musical aller Zeiten bezeichnet – und auch wenn man den Film, der sich selbst freimütig bei früheren Hits bediente, natürlich zitieren und referenzieren kann, setzt man sich damit natürlich immer einem Vergleich aus.

Den La La Land natürlich verlieren muss. Egal wie ähnlich das Meet Cute inszeniert ist, egal wie sehr Ryan Gosling versucht elegant um eine Straßenlaterne zu schwingen und egal wie sehr das Finale sich an Broadway Melody aus Singing in the Rain anlehnt: Es bleibt auf jeder Ebene ein schwacher Abglanz.
Natürlich ist es beeindruckend wie sehr Ryan Gosling und Emma Stone trainiert haben um die Tanznummern einzustudieren und egal wie bemüht sie sind: Man spürt die fehlende Leichtigkeit, man spürt wie sie im Kopf die Schrittfolgen abzählen um bloß keinen Fehler zu machen.

Das wirklich magische an den großen Hollywood-Musicals und den Stars damals war ja, dass sie es schafften komplexesten Tanzchoreographien die Illusion der Mühelosigkeit, der Leichtigkeit zu vermitteln. Gene Kelly war ein technischer Meister der nicht umsonst auch Co-Regisseur von Singing in the Rain war, Donald O’Connor ein Slapstick-Tanzgenie dessen Make Em Laugh schwer zu kopieren bleibt (auch wenn Joseph Gordon Levitt bei SNL einen sehr ehrenwerten Versuch machte). Fred Astaire war schwerelose Eleganz, ja selbst John Travolta, Patrick Swayze und zuletzt Channing Tatum im ansonsten eher mäßigen „Hail Caesar!“ schafften es den Tanz als natürliche Verlängerung ihres Spiels wirken zu lassen. Von Tanzgenies wie Michael Jackson mal ganz zu schweigen.

Ryan Gosling und Emma Stone wirken ernsthaft bemüht. Sie haben ihre Hausaufgaben gemacht, sie haben lange trainiert, sie haben die Choreographien eingeübt und geben alles um sie gut abzuliefern. Aber sie verkörpern damit ein Problem das La La Land als Ganzes betrifft: Er will alles richtigmachen. Chazelle scheint besessen davon, das Musical zu rehabilitieren. So wie Goslings Sebastian Emma Stones Mia vom Jazz überzeugen will, will der Film das Musical entwöhnte Publikum wieder für das große Sing und Tanzspektakel begeistern.

Was ihm im Bemühen alles richtig zu machen abgeht ist die Lockerheit, die Verspieltheit und der Mut tatsächlich mehr als eine Zitatensammlung zu werden. Was zum einen daran liegt, dass unsere beiden Hauptfiguren wenig Charisma haben und als Figuren extrem blass bleiben. Ihnen fehlt, was Musicals ausmacht: Lebenslust, Leidenschaft. Wir bekommen gesagt, dass sie beide für ihren Traum brennen, aber was wir sehen sind LED-Teelichter.

Sebastian ist irgendwie eine Moody-Type der von Second-Hand Nostalgie lebt. Und Mia ist nach allem was wir vom Film wissen eine nicht so wahnsinnig gute Schauspielerin. La La Land zeigt uns das Talent der beiden weniger, als dass er es behauptet. Wir sollen glauben, dass Mia eine tolle Schauspielerin ist, aber wir sehen keine einzige Szene, keinen einzigen Moment in dem sie wirklich mal eindrucksvoll schauspielern würde. Wenn sie ihre One-Woman Show performed bekommen wir nichts davon mit, sehen nur die Reaktionen des Publikums.

Und so sehr ich Jazz mag und ganz sicher nichts gegen eingängige Musik habe: Für einen Film der szenenlang den Geist des Jazz beschwört und sich über die Dudelsender mit der Fahrstuhl-Musik lustig macht, ist es schon erschreckend wie unmutig die Musikauswahl ist die wir von Sebastian serviert bekommen. Da mag ihn J.K. Simmons als Clubbesitzer noch so böse anraunzen, er solle doch bitte nicht wieder mit seinem Freejazz-Scheiß anfangen: Was Sebastian spielt ist durch die Bank massenkompatibler Kuscheljazz der auch auf einem Starbucks-Sampler gut aufgehoben wäre und der sicher mit ein Grund dafür ist, dass sich der Soundtrack von La La Land so gut verkauft. Selbst massenkompatibler Jazz von Miles Davis, Harry Connick Jr oder Bradford Marsalis wirkt schon sperrig gegen die harmlosen Klimpereien die Gosling ins Piano tänzelt.

Chazelle spricht in einem der Dialoge sogar explizit den musealen Charakter von Sebastians Jazz-Begeisterung an, doch letztlich ist der Film wie Sebastian: Er stellt die Klassiker in die Vitrine und lässt sie nicht atmen, macht nichts Neues daraus.

Keines der Musik-Stücke ist wirklich schlecht. Es ist keine Musik die man hassen kann. Selbst wenn weder Stone noch Goslings Stimmen jeden Ton treffen oder sonderlich beeindruckend sind, was sie machen ist schon ganz gut. Aber eben nur das. In seiner Gefallsucht ist La La Land oftmals einfach aggressiv mittelmäßig. Er wirkt wie ein Kind auf dem Schulkonzert, dass stets ängstliche Blicke zur Lehrerin und den Eltern wirft, ob es auch alles richtigmacht und vergisst dabei sich wirklich frei zu spielen.

Es ist verständlich warum der Film so ist wie er ist. Chazelle will ja möglichst viele Leute ins Boot holen. Will zeigen: Hey, komm her so schlimm ist Musical gar nicht. Und sein Plan scheint ja auch aufzugehen, wie die hymnischen Kritiken und die zu erwartenden Preislawine zeigt. Insofern verstehe ich den Ansatz des Films, er schafft es dennoch nicht mich emotional abzuholen. Mia bleibt halt eine etwas egozentrierte Aktrice, die von Emma Stone viel zu oft mit Jammermiene dargestellt wird. Und auch Gosling ist kein Gene Kelly, der Charme einfach nur anzuknipsen braucht (und vielleicht wäre ein schwieriges Gesicht wie der zunächst geplante Miles Teller tatsächlich die interessantere Besetzung für den Film gewesen).

Eine der unterhaltsamsten und besten Szenen des Films ist ihr Zusammentreffen auf einer Party, wenn Sebastian im schrillen Anzug in einer 80s Coverband spielt. Und natürlich macht Mia sich über ihn lustig, wie Debbie Reynolds es einst mit Gene Kelly tat. Das ist witzig anzusehen, doch ein Film der wie La La Land ausschließlich vom Inhalieren alter Musical-Filme lebt sollte sich vielleicht nicht über 80s-Coverbands lustig machen. Zumal die Pop-Hits die dort gespielt werden durchaus eingängiger sind als die Eigenkompositionen die La La Land zu bieten hat. Und wäre es sp schwer gewesen den Figuren über ihr Pastiche hinaus etwas mehr Charakter zu geben? Wir erfahren in der kurzen Eröffnungsszene von Singing in the Rain mehr über Don Lockwood, als wir über Sebastian im ganzen Film erfahren.

Ich gönne und wünsche dem La La Land seinen Erfolg, aber gleichzeitig vermisse ich den kompromisslosen Ansatz eines Baz Luhrmann, der Musical auch innig liebt, der aber seine Vision umsetzt. Und zwar als dezidiert filmisches Werk, mit allem was das Medium hergibt und ganz bewusst im Wissen, dass er polarisieren wird. Luhrmanns Werke mit ihrer Überwältigungsoptik und ihrem Hyperkitsch erzeugen in der Regel eine deutliche Reaktion beim Publikum: Begeisterung oder Ablehnung. Lauwarmes „Ganz Okay“, wäre ihm sicher zuwider. Ähnliches gilt für die 70er Jahre als Ken Russel dem Musical mit Tommy und Lisztomania neue Aufmerksamkeit verschaffte. Musical hat immer etwas mit Extremen, mit Exzess mit dem Mut zum Überlebensgroßen zu tun. Das ist vielleicht ein Grund, warum es in Deutschland keine Musicals gibt, unsere Versuche des Musikfilms endeten ja meist in biederen Graf Bobby-Filmen und Schlagerklamotten.

La La Land möchte niemanden verprellen. Es zeigt uns aseptische Stars in einer gefälligen Story ohne Ecken und Kanten, mit einem Hauch Tragik, aber von allem nicht zu viel. Wie sein zentraler Song „City of Stars“ ist er ein bisschen wehmütig, ein bisschen verliebt und ein bisschen eingängig ohne wirklich eine bestimmte Emotion zu transportieren oder dauerhaft hängen zu bleiben.

Die Faszination von Whiplash war das extrem. Die comichafte Überhöhung mit der J.K. Simmons seinen Musiklehrer zum Monster machte. La La Land bleibt immer brav. Die gepredigte Leidenschaft, die Rebellion, der Willen zum Risiko – das ist Rebellion für Familienväter mit Bausparvertrag, die auf dem Motorrad manchmal Brian Adams hören und die zusehen, dass sie pünktlich zum Essen wieder zuhause sind.

Sebastian wird den Jazz nicht retten, er konserviert nur Loungemusik für betuchte Ehepaare. Und Mia wird konsequent nicht in ihrer Kunst gezeigt, sondern im Familienleben. Die sanfte Lüge die uns der Film verkaufen möchte ist: Zusammen wären sie besser gewesen, aber wir wissen: Sie waren auch zusammen ganz schön langweilig. La La Land ist Samba-Tapas.

Dennoch wird er hoffentlich sein Publikum finden und die Leute die er jetzt als etwas neues, Originelles erreicht dazu bringen sich für Musicals zu öffnen und vielleicht nochmal Thats Entertainment oder einen anderen Zusammenschnitt der Goldenen MGM-Jahre anzuschauen, als die Gefühle noch leinwandfüllend sein durften und tanzen noch wahre Magie versprühte.

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8 Kommentare

  • Reply mein senf 12. 1. 2017 at 10:04

    Interessanterweise sprüht dein Review vor genau jener nostalgischen Verklärung, die du dem Film ankreidest. Die fehlende Leichtigkeit habe ich persönlich ganz und gar nicht gespürt, eventuell fehlt mir hier aber auch der Vergleich mit den Klassikern.

    • Reply Batz 12. 1. 2017 at 12:28

      Ich glaube tatsächlich, dass man den Film besser findet, je weniger Musicals man kennt. Und ich verkläre die alten Musicals nicht, ich anerkenne aber ihr handwerkliches Niveau. Channing Tatum ist da tänzerisch eben deutlich näher dran als Gosling.

  • Reply Snacktopus 12. 1. 2017 at 10:10

    Bester Verriss seit Transformers. An Batzman kommt keiner vorbei.

    • Reply Batzman (Oliver Lysiak) 12. 1. 2017 at 16:39

      Ich würde das trotz der Kritik ungern als Verriss gewertet wissem. Ich hasse den Film nicht und ich glaube er ist für das was er will und für die Zielgruppe die er im Auge hat genau richtig. Ich fürchte ich bin eben nicht die Zielgruppe, denn ich muß nicht davon überzeugt werden, dass Musicals toll sein können.

  • Reply Urban Beyer 17. 1. 2017 at 11:27

    Die Kritik spricht mir aus der Seele – hab bei all den Lobeshymnen schon befürchtet, mit mir wäre irgendetwas nicht in Ordnung. Aber jetzt weiß ich zumindest, dass ich nicht alleine bin :-)

  • Reply Jan 24. 1. 2017 at 18:25

    Alter, Batz 7 Globes und 13 potenzielle Oscars, aber nur 3 piefige Sternchen von Dir; WAS STIMMT DENN DA BEI DIR NICHT?!

  • Reply Philipp 28. 2. 2017 at 17:02

    Jawoll, so kann man es auch ausdrücken. :-)

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