Features Review

Guardians of the Galaxy Vol.2 (Kritik)

Standard, 28. 4. 2017, Batzman (Oliver Lysiak), 2 Kommentare

Ich liebe James Gunn. Ich habe es ernsthaft gefeiert, als Marvel sich damals getraut hat ihn als Regisseur für Guardians 1 zu besetzen.

Denn auch wenn große Studios ja gerne mal kleine Indie-Regisseure auf ihre großen Blockbuster loslassen war Gunn schon ein gewagter Schritt für Marvel und Disney. Gunn hat seine Karriere bei Mega-Horror-Trash-Kult-Produzent Lloyd Kaufman und seinen Troma Films mit Streifen wie Tromeo and Juliet begonnen.

Auf YouTube produzierte er die Serie PG-Porn und sein erster aufwendigerer Streifen war der Retro-Horrorfilm Slithers mit ekligen Alienwürmern, die Menschen übernehmen, um uns danach im extrem deprimierenden SUPER das Heldengenre so richtig zu sezieren. Also nicht gerade die erste Wahl für einen Studio-Film. und doch genau die richtige Wahl für den ersten Guardians der den Marvel-Filmen eine neue Richtung eröffnete. Ich fand Guardians 1 wirklich richtig gut. er stellte das Team vor, er schaffte es, dass wir uns für einen Loser, eine grüne Frau, einen Wrestler, einen Waschbär und einen wandelnden Baum interessieren – und er war witzig ohne lächerlich zu sein. Mal ganz abgesehen davon, dass er endlich mal wieder ein Weltraum-Abenteuer erzählte – was vor den neuen Star Wars Folgen noch rar im Kino war.

Und vieles was den ersten Film geil machte, findet sich natürlich auch im zweiten Teil wieder. Die Sprüche und das rumgestottere und ungeschickte Geflirrte von Star Lord. Drax der einen Witz nicht kapiert, Rocket der aggro reagiert und natürlich Groot. der im Abspann von Teil 1 als Baby Groot alle Herzen eroberte.


Wie immer, für diejenigen die lieber hören als lesen. Hier die Videofassung des Reviews.

Warum bin ich dann trotzdem eher ernüchtert aus dem Kino gekommen? Und warum ging es vielen Kollegen mit denen ich in der Pressevorführung war auch so? Das Problem von Guardians ist ein bisschen das, was auch Avengers Age of Ultron zu einem problematischen Film macht. Er wirkt leider an vielen Stellen kalkuliert. Der erste war ein Schuss ins Blaue, ein wildes Experimentieren mit neuen Figuren an die keiner Erwartungen hatte, weil sie fast niemand kannte außer ein paar Comic-Fans.

Volume 2 dagegen lebt mit der Bürde den Vorgänger toppen zu wollen. und er wirkt immer wieder, als habe man sich akribisch eine Liste von den Dingen gemacht die beim Publikum gut ankamen um dann spezifisch Szenen zu schreiben, die genau das Wiederholen.

Ihr mochtet den verrückten Gefängnisausbruch mit der Schwerelosigkeit in Teil1 mit viel Gezicke zwischen den Figuren? Wir machen einen noch längeren Ausbruch aus einer Zelle mit viel Gezicke und schwerelos wirkenden Gegnern. Ihr fandet den durch Gedanken Kontrolle gesteuerten Todespfeil von Yondu cool? Wir bauen dreimal so viele Szenen mit dem Pfeil ein, der diesmal hunderte Leute brutal tötet. Ihr mochtet die Szenen in denen Drax was total unpassend-taktloses sagt und dann superlaut lacht? Wir bauen 20 Szenen ein in denen das passiert. Und ihr mochtet den Clash zwischen Gamora und Nebula die sich einen Schwestern-Zickenclash liefern… wir haben eine doppelt so lange Szene mit den beiden. Und natürlich… ihr habt Baby Groot geliebt am Ende? Wir lassen Baby Groot im Intro-5min am Stück tanzen und pflastern den ganzen Film mit lustigen, total niedlichen Baby-Groot Szenen das er am Ende mehr Gags hat als Die Minions.

Und ja Baby Groot ist auf dem Besten Weg der Scrat oder die Minions von Guardians zu werden. Niedliche, kleine Figuren die erwachsenen Dinge tun und dabei ständig Scheisse bauen, weil sie ein bisschen dumm sind. Und Baby Groot ist genau das. Ihr kennt vielleicht die Button-Szene die schon ziemlich lang ist… aber das ist nur eine von vielen Szenen mit ihm. Und leider nervt das. Das sage ich: Jemand der sofort nach Teil 1 gegoogelt hat ob und wann man den Dancing Baby Groot als Spielzeug kaufen kann. Aber was als Abschlussgag in Teil 1 super war… ist hier wie viele andere Szenen oft einfach nervig.

Was hauptsächlich daran liegt, dass Guardians 2 zwar eine Menge Szenen hat die für sich lustig sind, dass er aber als Film mit durchgängiger Handlung ziemlich durchhängt, weil es wirklich ewig dauert, bis mal irgendwas wie eine Handlung erkennbar wird. Ja wir wissen es aus dem Trailer und der Werbung: Star Lord trifft seinen Daddy wieder, den Kurt Russel spielt und der eigentlich der lebende Planet Ego ist.

Das Problem ist – mal abgesehen davon, dass Marvel jetzt anscheinend in jedem Film eine digital verjüngte Figur einbauen muss und das der digital junge Kurt Russel deutlich creepiger aussieht der junge Tony Stark oder der junge Michael Douglas in Ant-Man – das Problem ist: Es passiert nix. Star Lord trifft seinen Papa – und man reist auf seinen paradiesischen Planeten
– aber außer das sich alle Figuren abwechselnd anzicken oder ihre Gefühle gestehen passiert nix.

Ja ich mag die ganzen Charaktere. Ich mag diese Bande wirklich und die Schauspieler und ich sehe sie wirklich gerne zusammen, aber es wäre schon schön, wenn es im irgendwas ginge. Der erste Teil hatte ein wunderbares Tempo, es fühlte sich so an als würden uns mühelos die einzelnen Teammitglieder vorgestellt – ihre Beziehungen zueinander und ihre Probleme erzählt und gleichzeitig ging es um die größere Handlung die letztlich zum Finale und dem Heldenhaften Schlusskampf führte. Der Film hatte Tempo, Bewegung, Motivation.

Guardians 2 fühlt sich über weite Strecken eher wie mehrere Folgen einer TV-Serie an. Es gibt keinen übergeordneten Drive der die Figuren antreibt, der die Handlung in Gang hält. Ja es ist lustig zu sehen was Rocket mit Yandu erlebt – und die beiden haben eine wirklich schöne emotionale Szene zusammen. Und Kurt Russell als Ego ist auch okay… das Problem ist als Zuschauer haben wir dieses Setup schon Millionen Mal gesehen.

Ein langer verschollener Elternteil taucht wieder auf und die Helden sind überglücklich und alles scheint plötzlich in einer perfekten Welt zu sein. Wie oft haben wir das erlebt? Wie viele Doctor Who, Star Trek, Futurama und andere SciFi-Stories haben diese Prämisse des Falschen Utopia… und selbst die Filmfiguren wissen wie abgenudelt das Setup ist. Direkt zu Anfang des Films sagt Gamora zu Star Lord: Hey lern deinen Vater doch kennen und wenn er sich als böse entpuppt bringen wir ihn um.

D.h. James Gunn weiß um die Probleme dieser Storyline aber trotzdem macht er nichts draus. Spontan fallen einem als jemand mit ein paar Jahren Filmerfahrung dutzende Varianten ein, wie man diese Geschichte etwas abwechslungsreicher und befriedigender erzählen kann. Doch in Guardians 2 passiert nicht nur sehr wenig, es passiert auch leider absolut nichts Überraschendes. Und schlimmer: Obwohl es haufenweise Szenen gibt die von total klamaukig-albern zu sehr sentimental-gefühlig wechseln – bringen sie die Figuren nicht weiter. Egal ob Star Lord oder Rocket, Gamora oder Drax oder sogar Yandu der vielleicht sogar die besten Szenen des Films bekommt, wir erfahren nicht mehr über die Helden als Charakter als wir in Teil 1 schon erfahren haben. Klar, es wird deutlicher ausgesprochen und länger ausgewalzt aber es bleibt letztlich nur Zeug das wir schon wissen.

Das wäre nicht so schlimm, wären das Nebenhandlungen die den Film bereichern während die Haupthandlung die Story vorantreibt. Aber Guardians hat leider keine Haupthandlung, sein kompletter Aufbau besteht aus Einzelszenen, aus diesen Nebenhandlungen in denen Leute ihre Beziehungsprobleme diskutieren und Witze reißen. Das sind manchmal gute Witze. Manchmal absehbare und manchmal nervt es, wenn Drax zum hundertsten Mal für dieselbe Pointe gebraucht wird und David Bautistas Lachen wie ein kaputter Lachsack zu klingen droht.
Und ganz oft lässt er einfach Chancen verstreichen, wenn es offensichtlich scheint, wie man die Handlung interessanter und spannender hätte machen können. Wer hätte gedacht, dass man aus dem Konzept lebender Planet mal so wirklich gar nichts machen würde?

Dazu kommt auch ein Mangel an wirklich coolen Bildern. Teil 1 hat immer mal wieder überrascht und sein quietschiger Look war eine willkommene Abwechslung zu den anderen Filmen von Marvel. Volume 2 ist… routiniert… aber teilweise schleicht sich wieder diese gewisse Langweiligkeit ein, die Marvel-Filme oft etwas beliebig aussehen lässt. Ob Egos Planet der wirkt wie ein altes Star Trek Matte Painting und der die Darsteller sehr offensichtlich vor Green Screen gefilmt wirken lässt oder ein Flug durch ein Asteroidenfeld der über Nahaufnahmen und Dialoge gelöst wird – und bei dem man sich verzweifelt nach der Action aus Galaxy Quest oder Das Imperium schlägt zurücksehnt.

Selbst das Finale ist optisch relativ langweilig – gerade auch im Vergleich mit dem Ende von Doctor Strange, das ja optisch tatsächlich mal einige originelle Ideen zu bieten hatte. Hier ist es wieder eher Dienst nach Vorschrift gespickt mit viel zu viel Kalauern und einer wirklich schlimmen Pop-Kultur-Referenz die mich für Sekunden in Adam Sandlers Pixels zurückversetze. Und wenn wir gerade beim Humor sind: Ich verstehe nicht wie James Gunn den zuvor so wunderbar balancieren konnte, wie organisch sich die Gags aus den Figuren ergaben und wie schön beiläufig die Popkultur-Gags in Teil 1 waren – und wie holzhammermässig es hier teilweise auftritt. Und dabei ist das offensichtliche Stan Lee Cameo, dass natürlich die beliebteste Fantheorie zu Lee aufgreift – noch nicht mal das plakativste. Ich habe wirklich mitgefühlt, wenn Rocket im ersten Teil plötzlich emotional wurde und etwas von sich preisgab, weil die Szenen stimmig waren und ich sie geglaubt habe. In Teil 2 schwanken die Figuren ständig zwischen Klamauk und total emotional und oft gibt es keinen vernünftigen Übergang – und viele Gags wirken aufgedrückt.

Natürlich ist Guardians Vol 2 kein schlechter Film. Er wird viele unterhalten, er drückt genau die Knöpfe derer die von Baby Groot nicht genug bekommen können und er ist vermutlich super geeignet um ihn nebenbei zu gucken, wenn man etwas abgelenkt ist. Er liefert ab, er bringt einem Publikum genau das was es erwartet und dient als Füller und Setup für Infinity War und kommende Filme. Hallo Silvester Stallone, Hallo Gold-Futzis, Hallo andere Figuren die eigentlich für die Handlung ziemlich egal sind.

Was er nicht tut ist überraschen und einem dieses schöne Gefühl zu geben, das man nicht weiß wohin die Reise geht… und das Gefühl hier hätte ein Regisseur statt dem Marketing-Department seine Vision umgesetzt.

Guardians ist wieder ein solider Film. Mehr aber leider nicht.

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2 Kommentare

  • Reply FrankN.Stein 28. 4. 2017 at 18:21

    “ Baby Groot ist auf dem Besten Weg der Scrat oder die Minions von Guardians zu werden. “
    Da er im nächsten Film offensichtlich kein Baby mehr ist, wohl eher nicht.

  • Reply miberius 29. 4. 2017 at 8:33

    War am Donnerstag drin, habe Tränen gelacht, mit den Charakteren mitgefühlt-fiebert, kann die Kritik deshalb nur bedingt nachvollziehen. Ich habe im Vorfeld gerade mal den Teaser gesehen und ging deshalb relativ unbefleckt rein und wurde (vielleicht dadurch?) durchaus überrascht und war auch von den Bildern sehr angetan. Guardians 2 ist mehr noch als der erste Teil vor allem in Sachen Optik und Storymotiven ein auf Hochglanz poliertes SciFi-Groschenheft aus den 80ern und hat sich damit eine schöne retro-ige Nische in der modernen Blockbuster-Landschaft geschaffen. Teil 3 kann kommen.

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