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Hier noch einmal unsere gesehenen Berlinale-Filme dieses Jahr im Wertungsüberblick. Den Gewinner des Goldenen Bären, “Caesar Must Die” von Paolo & Vittorio Taviani, haben wir allerdings ebenso verpasst wie “Just The Wind” von Bence Fliegauf (Großer Preis der Jury). Aber die hatte auch wirklich niemand als potenzielle Gewinner auf dem Schirm.
 
 
NilzenburgerNILZ N BURGER
 
 

JOVEN & ALOCADA (Young & Wild) (Marialy Rivas)
★★★★☆

WAS BLEIBT (Hans-Christian Schmid)
★★★★☆

BESTIAIRE (Denis Côté)
★★★½☆

AVALON (Axel Petersén)
★★★☆☆

WHAT IS LOVE (Ruth Mader)
★★★☆☆

RENTANEKO (Rent-a-cat) (Naoko Ogigami)
★★★☆☆

TWO LITTLE BOYS (Robert Sarkies)
★★★☆☆

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Originaltitel: The Iron Lady
Herstellungsland: GB 2011
Regie: Phyllida Lloyd
Darsteller: Meryl Streep, Jim Broadbent, Anthony Head, Richard E. Grant, Roger Allam, Olivia Colman, Julian Wadham

½☆☆☆☆

Weil wohl keine Besprechung des Thatcher-Films ohne Worte schäumenden Sprudels über Meryl Streeps ja so, so eindrückliche Verwandlung zur britischen Regierungschefin auskommen darf, sei gleich vorneweg gesagt: Fieberhafteres Acting wird man dieses Jahr sicherlich nicht mehr im Kino zu sehen bekommen. Wahrlich eisern, jaja, tut sie es Habitus und Körpersprache der Iron Lady gleich, am Rande zur Selbstparodie und in der Anmutung zeitweilig wie eine aufgetakelte Drag Queen auf Amphetamin. Folglich zelebriert dieser Film weniger den Thatcherismus der 80er Jahre, als vielmehr den Streepismus des Schauspielgewerbes: Ein Verkaufsargument namens Mimikry.

Und der Film? Das weiß er selbst am allerwenigsten. Mal versucht “The Iron Lady” die Titelfigur auf vollkommen absurde Art zur feministischen Lichtgestalt im von grinsenden Männerfratzen dominierten Madhouse-Parlament zu erklären (bis hin zur Bildebene: während eines Stromausfalls in einer Kabinettssitzung zückt Thatcher die Taschenlampe!), um sich dann wieder auf deren Darstellung als verwirrte alte Witwe konzentrieren zu wollen, die sich ihren verstorbenen Ehemann noch immer Kreuzworträtsel lösend an die Seite denkt. Thatchers Weg von der Vorsitzenden der Conservative Party zur ersten Premierministerin des Vereinigten Königreichs wickelt der Film mittels einer rund fünfminütigen Zeitmontage gleich noch im ersten Drittel ungalant ab, um nachgerade auch die weiteren politischen Stationen ihres Lebens beiläufig streifen und hinter Unwesentlicherem anstellen zu können.

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Originaltitel: Ang Babae sa Septic Tank
Herstellungsland: Philippinen 2011
Regie: Marlon N. Rivera
Darsteller: JM De Guzman, Kean Cipriano, Cai Cortez, Eugene Domingo

★★½☆☆

Er habe nicht Armut thematisieren wollen, sagt Regisseur Marlon Rivera, sondern die Art, wie Armut auf den Philippinen im Kino dargestellt werde. Und dass die meisten philippinischen Filme, die ein internationales Publikum erreichten, immer nur von Armut handelten oder sie zumindest in einer bestimmten Weise darstellten. Rivera spricht von Filmen, die man besonders im Kontext der Festivalverhältnisse mittlerweile unter dem schrammeligen Begriff des Weltkinos subsumiert. Wie Simon Rothöhler einmal anschaulich in der taz beschrieb, seien dies Filme, die eigentlich einen westlichen – im Besonderen europäischen – Festivalmarkt bedienten, und nicht mithilfe staatlicher, sondern transnationaler Förderung entstünden.

Zu Tage treten dabei nicht selten Produktionen, die, inhaltlich um Missstände kreisend, Fremdartiges im Mantel des Gehobenen verkaufen, gern auch verortet im leidigen Slow Cinema, und zu denen die hiesige Kritik dann frohgemut ihre Einlassungen ins Festivalgeschehen hauen kann. Warum also damit nicht gleich die ganz großen Preise abräumen, wenn schon all diese Filme am breiten Publikum in der Regel komplett vorbeigehen? Das zumindest ist der Plan der Protagonisten aus “Woman in the Septic Tank”, einem jungen Filmemacher, seinem Produzenten und der tagträumerischen Assistentin.

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Originaltitel: Extremely Loud & Incredibly Close
Herstellungsland: USA 2011
Regie: Stephen Daldry
Darsteller: Thomas Horn, Tom Hanks, Sandra Bullock, Max von Sydow, John Goodman, Viola Davis, Jeffrey Wright

★★★☆☆

Der 50jährige britische Theaterregisseur Stephen Daldry hat in 12 Jahren bislang nur vier Filme inszeniert. Gleich sein erster, das Coming-of-Age-Drama “Billy Elliot – I Will Dance”, war schon ein weltweiter Publikums- und Kritikerliebling, an dessen Erfolg die darauf folgende Michael-Cunningham-Adaption “The Hours” nahtlos anknüpfen konnte. In diesem Mehrpersonenstück, das Nicole Kidman und ihrer Nasenprothese 2003 alle Preise der Welt einbrachte, zeichnete sich bereits die formalästhetische Nähe zum festivalgewerblichen Award-Kino ab, mit der er zum Lieblingsengländer der Weinsteins gedieh. Obwohl dies im Entwurf noch ein sehr kluger, sogar komplexer Film war, sollte wenig später “Der Vorleser” schließlich die Befürchtungen bestätigen: Im Oscarsystem angekommen, rührte Daldry fortan die Schmalzsoße mit extra viel falschem Sentiment an.

“Extrem laut und unglaublich nah” nach dem gleichnamigen Beststeller von Jonathan Safran Foer, den offenbar jeder gelesen und jeder geliebt hat, ist nun Daldrys vierte Regiearbeit fürs Kino. Und natürlich gehört diese Schnulze ins Hauptprogramm der Berlinale, damit der britische Gefühls-Deliverer und sein frisch oscarnominierter Nebendarsteller Max von Sydow den Roten Teppich entlang spazieren und in der Pressekonferenz für mehr 9/11-Geschichten im Kino einstehen dürfen, obwohl ihr Film ja eigentlich längst durch ist. Und da sein Kritikerecho ein für Daldry-Verhältnisse erstaunlich durchwachsenes war, schaut man die negativen Stimmen nun unweigerlich mit.

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Originaltitel: Hot boy noi loan
Herstellungsland: Vietnam 2011
Regie: Vu Ngoc Dang
Darsteller: Luong Manh Hai, Ho Vinh Khoa, Linh Son, Phuong Thanh, Hieu Hien

★★☆☆☆

Die englische Übersetzung des ausgeschriebenen Originaltitels von “Lost In Paradise” fasst im Wesentlichen zusammen, worum es in diesem Film geht: “Rebellious Hot Boy and the Story of Cười, the Prostitute and the Duck” erzählt von heißen Typen, einer Prostituierten und dem geistig behinderten Cười, der ein Entenei mit sich herum trägt. Eines Tages übrigens schlüpft das Küken und dann spielen die heißen Typen und die Prostituierte erst einmal keine so große Rolle mehr, weil der Film alle Gelegenheiten nutzt, die Mensch-Tier-Freundschaft in herzzerreißende Bilder zu übersetzen. Eigentlich aber geht es schon um die heißen Typen, die Stricher auf den Straßen Saigons, die an Lebens- und Liebesfragen verzweifeln. Aber dann doch auch wieder um die Prostituierte, in die sich der obdachlose Entenmann verliebt.

Man ahnt es schon, die zwei parallelen Handlungsstränge wissen beide nicht recht, wohin mit sich. Ungelenk changiert Regisseur Vu Ngoc Dang zwischen schwuler und heterosexueller Annäherungsgeschichte, die in beiden Fällen den Weg über die emotionale Isolation und soziale Verkümmerung des anonymen Großstadtmolochs hin zum fürsorglichen Miteinander und den ganz großen wahren Gefühlen geht. Die zwei Paarentwürfe sind queer gedacht, interessanterweise folgt die Liebesgeschichte zwischen Stricher und Neuankömmling dabei dem deutlich konventionelleren Verlauf.

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KosslickKintoppDirekt / via

Neuer Film vom deutschen Regiewunderkind der 90er Jahre, Hans-Christian Schmid (Nach Fünf im Urwald, 23 – Nichts ist so wie es scheint, Crazy), der selbstverständlich ebenfalls im Wettbewerb der Berlinale 2012 läuft. “Was bleibt” (englischer Titel: “Home For The Weekend”) vereint Lars Eidinger, Corinna Harfouch und Sebastian Zimmler in einem, dem Trailer nach zu urteilen, bürgerlichen Familiendrama teutonischer Art.

Synopsis aus dem Festival-Programm:

Marko ist Anfang dreißig und lebt seit seinem Studium in Berlin – weit genug entfernt von seinen Eltern Gitte und Günter, mit deren bürgerlichen Lebensentwurf er sich nie recht anfreunden wollte. Ein, zwei Mal im Jahr besucht er die beiden, in erster Linie um ihnen ein paar gemeinsame Tage mit ihrem Enkel, Markos fünfjährigem Sohn Zowie, zu ermöglichen.
Marko hofft auf ein halbwegs ruhiges Wochenende in der Kleinstadt, doch es gibt Neuigkeiten: Gitte, die seit Markos Kindheit manisch-depressiv ist, fühlt sich nach einer homöopathischen Behandlung zum ersten Mal seit langer Zeit wieder gesund. Sie verzichtet auf ihre Medikamente und baut auf einen gemeinsamen Lebensabend an der Seite ihres Mannes, nicht ahnend, dass sie mit ihrer unerwarteten Genesung seine Pläne durchkreuzt. Auch Markos jüngerer Bruder Jakob und dessen Lebensgefährtin Ella stehen an einem Wendepunkt, denn Jakob richtet sich mehr und mehr auf ein Leben in Blicknähe zu seinen Eltern – vor allem zu Gitte – ein, Ella hingegen würde gern ihre beruflichen Pläne erst mal im Ausland weiterverfolgen.
Markos Anwesenheit wirkt wie ein Katalysator, er provoziert die Konfrontation mit den unausgesprochenen Wahrheiten, die Fassade des harmonischen Familienlebens bröckelt.


BarbaraDirekt / via

Heute starten die 62. Internationalen Filmfestspiele Berlin, in deren offiziellem Wettbewerb auch Christian Petzolds neuer Film “Barbara” vertreten ist (wieder einmal mit Nina Hoss in der Hauptrolle). Petzolds letzten Film, seinen Beitrag zum Dreileben-Projekt, fand ich schwer enttäuschend, aber “Barbara” sieht schon verdammt gut aus.

In einem heute in der FAZ erschienenen Interview sinniert der “Wolfsburg”-Regisseur übrigens gemeinsam mit Hans-Christian Schmid und Matthias Glasner über das deutsche Kino. Lesenswert.

Eine cinephile Schatzgrube öffnet die heute bekanntgegebene Retrospektive der Berlinale 2012, die sich dem deutsch-russischen Filmstudio Meschrabpom/Prometheus widmen wird. Gezeigt werden Filme – mit Sicherheit in hervorragenden Kopien – wie “Aelita” (1924), “Konez Sankt Peterburga” (Das Ende von St. Petersburg, 1927), “Dewuschka s korobkoj” (Das Mädchen mit der Hutschachtel, 1927) oder “Potomok Tschingis-Chana” (Sturm über Asien, 1928). Die 62. Internationalen Filmfestspiele finden vom 9.-19. Februar 2012 statt.

[...] Ein russischer Filmprofi aus der Zarenzeit mit Gespür für die richtigen Stoffe und ein deutscher Kommunist, ein “roter Medienunternehmer”: Moisej Alejnikow und Willi Münzenberg taten sich 1922 zusammen, mit pfiffigen Geschäftsideen, politischem Auftrag und unbändiger Lust an neuer filmischer Erzählung. So entstand ein einzigartiges deutsch-russisches Filmunternehmen, das Filmstudio Meschrabpom-Rus (später Meschrabpom-Film) in Moskau, mit einer Zentrale in Berlin. Rund 600 Filme und elf bzw. 14 Jahre später wurde das internationale Experiment von den Diktaturen Hitlers und Stalins gewaltsam beendet. Die Retrospektive der Berlinale 2012 widmet sich unter dem Titel „Die rote Traumfabrik” dieser Wiederentdeckung aus russischen Archiven. [...]

Die von Alexander Schwarz und Günter Agde kuratierte Retrospektive umfasst rund 30 Programme mit über 40 Stumm- und Tonfilmen. Alle Stummfilme des Programms werden mit Live-Musik durch international renommierte Künstler begleitet. Das Programm schließt diverse deutsche Erstaufführungen von Filmen ein, die Gosfilmofond (Moskau) und das Russische Staatliche Archiv für Film- und Fotodokumente Krasnogorsk zur Verfügung stellen. Die Retrospektive entstand in Kooperation mit dem Bundesarchiv/Filmarchiv, der Cinémathèque de Toulouse, dem Filmmuseum im Münchner Stadtmuseum, dem Österreichischen Filmmuseum in Wien und dem Department of Film des Museum of Modern Art. [...]

In enger Verbindung zur Retrospektive steht die gemeinsam mit Arte/ZDF ermöglichte, mit der originalen Musik Edmund Meisels vom Rundfunk-Sinfonieorchester Berlin präsentierte Berlinale-Aufführung von Sergej Eisensteins Meisterwerk “Oktjabr” (Oktober, 1928). Der Film über die Oktoberrevolution von 1917 wird am 10. Februar 2012 im Friedrichstadtpalast gezeigt. [...]

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