Review

Napola

28. 7. 2006, Batzman (Oliver Lysiak), 0 Kommentare

„Heil Hitler“ – „Ja passt schoa“

Originaltitel: Napola – Elite für den Führer
Herstellungsland: Deutschland 2004
Regie: Dennis Gansel
Darsteller: Max Riemelt, Michael Schenk, Tom Schilling


Erzählt wird die Geschichte des 16jr Friederich (Max "Mädchen Mädchen" Riemelt), der durch sein Boxtalent 1942 die Chance erhält in ein Eliteinternat der Nationalsozialisten, ein sog. Napola aufgenommen zu werden. Da die Ausbildung dort exzellente Karrierechancen verspricht, zögert er nicht lange und geht gegen den Willen der Eltern dorthin. Die Ausbildung ist hart und umfasst neben politischer Indoktrination und Sport auch die Ausbildung an Waffen. Die Nappis sollen schließlich mal die Führungspositionen in aller Welt übernehmen. Friederich freundet sich bald mit Albrecht (Tom "Verschwende deine Jugend" Schilling) dem Sohn eines Gauleiters an.
Albrecht ist der Gegenpol zum etwas naiv-tumben Friederich. Wo dieser wenig reflektiert und hinterfragt und sich im wesentlich für seinen Sport interessiert, gibt Albrecht den nachdenklichen, belesenen Part und moralische Instanz. Erst durch ihn lernt Friedrich das Ausbildungssystem mit seiner "Schlag zu wenn der Gegener schon am Boden liegt"-Mentalität in Frage zu stellen.
Albrechts Vater, Gauleiter Stein (routiniert widerlich verkörpert von Das Experiment-Bösewicht Justus von Dohnanyi) kann seinem verweichlichten, gedichteschreibenden Sohn allerdings wenig postive Seiten abgwinnen. Als sich dieser nach einem Einsatz gegen unbewaffnete Russen gegen seinen Vater stellt, eskaliert die Situation…

Napola lässt einen mit durchwachsenen Gefühlen zurück. Auf der technischen Seite hat er zweifellos einiges zu bieten: Atmosphärische Bilder, in gefälligem Lokalkolorit mit ironischen Riefenstahl-Zitaten. Musik u.a. von Twin Peaks-Komponist Angelo Badalamenti, die stimmungsvoll Internatsleben und Landschaftsaufnahmen umwabert. Ein unsichtbarere Schnitt, der einen ohne Längen durch die Story führt… und natürlich hervorragende Schauspieler. Riemelt und Schilling füllen ihre Figuren mit Leben und schaffen es nuanciert zu spielen, wenn das Buch ihnen dazu Gelegenheit lässt. Dohnanyi ist mal wieder "the man you love to hate", selbstgefällig schmierige Arroganz, geparrt mit jovialer Ignoranz.

Michael Schenk gibt den Sportlehrer Peiner, als größenwahnsinniges Rumpelstilzchen irgendwo zwischen Ekel Alfred, Tilo Prückner und Hitler himself. Einige seiner entlarvensten Momente entstehen grad dadurch, das der schmächtige, kleingewachsene, völlig unarische Peiner, ausgerechnet so ein eine lächerliche Karikatur wie Hitler selbst es war, die Jungen ausbilden zu und zur deutschen Elite heranbilden soll. Er der im Angesicht einer scharfen Handgranate als erster die Flucht ergreift und in seinem herrischen Zettern mehr Witzfigur als Respektsperson ist.

Blössen gibt sich der Film hauptsächlich durch die Umsetzung seiner Handlung. Zweifelos steckt in den Napolas tatsächlich eine starke Geschichte – nur leider wahrscheinlich eine völlig andere als die die Regisseur / Drehbuchautor Dennis Gansel hier erzählt. Im Endeffekt bietet ihm das nationalsozialistische Eliteinternat lediglich den Hintergrund für eine archetypische Geschichte um Jungen-Freundschaft, Moral und Kritik an autoritätren Systemen. Hör auf das was dein Herz dir sagt. Handle menschlich und moralisch. Führ nicht blind Befehle aus.
Allesamt keine wirklichen neuen Erkenntnisse die im Kern sicher richtig sind. Das Problem hier ist, das sie nicht wirklich spezifisch etwas mit dem Setting zu tun haben.

Tumbes gehorchen ist doof, Selbständig denken, lesen und Gedichteschreiben ist gut – fein fein, aber das wußten wir allerallerspätestens seit dem Club der toten Dichter.
Die Charaktere des Films sind zwar sympathisch, aber leider auch relativ simpel gezeichnet. Friederich ist der etwas einfache Muskelberg mit dem "Herz am rechten Fleck", Albrecht ist der "nachdenkliche, stille Typ, der sich Gedanken über moralische Fragen macht". Mehr gibt es leider über die Figuren nicht zu sagen, weil sie keine wirkliche Entwicklung durchmachen. Um den Reiz den das dritte Reich auf Jugendliche ausübte spürbar zu machen, wäre es hilfreich gewesen die begeisterung deutlich zu zeigen, die Faszination der "Abenteuerspiele", die viele blendete und zu begeisterten Hitlerjungen und Nappis machte. Friederich ist nie überzeugter Nazi, nie wird deutlich das er sich in die Ideologie reinsteigert, einzig das Boxen und die Freundschaft zu Albrecht scheint ihn zu interessieren. Aber Drama entsteht aus der Fallhöhe und die ist für Friederich einfach nicht hoch genug. Es gibt kein schmerzliches Erwachen und Erkennen, wie sinnlos und menschenverachtend das alles ist, weil nie plausibel gezeigt wurde, das die Jungen wirklich überzeugte Nationalsozialisten sind. Im wesentlichen benehmen sie sich wie Jungen sich eben in einem Internat benehmen – das Nazi-Geschwurbel ist zwar plakativ allgegenwärtig, aber nie Teil der Unterhaltung, nie Gegenstand der Reflektion. Der 1942 voll im Gange befindliche Krieg findet in Nebensätzen Platz. Das Internat wirkt wie eine Insel der Seeligen, weitab der damaligen Realität,
Auch Albrecht durchlebt keine echte Charakterentwicklung, er ist von Anfang an der intellektuellere der beiden Jungen, mit festen moralischen Ansichten. Dies bleibt er bis zum Schluss. Eine langsamere Entwicklung in Richtung Erkenntnis hätte den Konflikt mit seinem Vater dramatischer gestaltet, so nimmt man ihn als unvermeidlich hin und fragt sich höchstens warum es bei den Beiden nicht viel früher gekracht hat.

Die Faszination die von Uniformen, vom Gemeinschaftsgefühl, von dem Gefühl der Macht ausgeht wurde in Filmen wie "Der Unhold" oder selbst dem sehr hollywoodesken "Swing Kids" besser auf den Punkt gebracht. Ebenso der Moment der Erkenntnis, der für die Protagonisten dort wesentlich schmerzvoller und fataler ist. Friederich verbringt einige Zeit im Internat, er kommt und geht ohne das man das Gefühl hätte, das er ein Anderer geworden wäre oder einen tiefgreifenden Reifeprozess durchlebt hätte. Er war nie in der Versuchung des Bösen, darum fehlt das Gefühhl des Entkommens. Das wahre Grauen der Internate, die beim Angriff der Allierten verlustreichen Widerstand leisteten wird ausgepart und nur im Nachspann erzählt. Napola könnt überall spielen. In einer Miltärakademie, in einer kirchlichen Einrichtung, in einem brittischen Internat zur Jahrhundertwende. Nichts an der Geschichte ist wirklich zwingend und so ertappt man sich dabei,sich zu fragen warum der Film nun ausgerechnet im Dritten Reich spielt. Offenkundig Neues dazu, hat er einem nicht mitzuteilen und besonders akurat scheint seine Beschreibung der Nazi-Internate ja auch nicht zu sein, wenn man die Kommentare eines echten Napola-Schülers liest. Sollte es also doch nur um einen spektakulären Hintergrund gehen, so wie Knut Cameron das Unglück der Titanic mißbrauchte, um eine sülzige Liebesgeschichte zu erzählen?
Vielleicht wäre das zuviel an Unterstellung, auch wenn der Film mit "Elite für den Führer" einen recht reißerischen Untertitel trägt. Zurück bleibt dennoch ein zwispältiges Gefühl, das man trotz unzweifelhaftem Talent was Technik und Schauspieler angeht, doch irgendwie wieder mit "Nazi light" oder besser "I can't believe its not Hitler" abgespeist wurde.
Geschichten aus dem Märchenland.

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  • F5 — Die Welle 11. 3. 2008 an 18:17

    […] ihm leider wie schon bei Napola nicht so liegt ist Figuren zu entwerfen, die über ihre Klischeefunktion hinausgehen, die ein […]

  • BatzLog - Noch etwas Salz? » Letztes Lichtspiel: Die Welle 12. 3. 2008 an 1:11

    […] ihm leider wie schon bei Napola nicht so liegt ist Figuren zu entwerfen, die über ihre Klischeefunktion hinausgehen, die ein […]