DVD Review

Camp

29. 7. 2006, Batzman (Oliver Lysiak), 3 Kommentare

"We don't get many like you here…"

Camp-PosterOriginaltitel: Camp
Herstellungsland: USA 2003
Regie: Todd Graff
Darsteller: Daniel Letterle Brittany Pollack Joanna Chilcoat Robin de Jesus Steven Cutts

Camp Ovation ist ein Sommercamp, aber kein typisches. Statt irgendwelcher Geländespiele oder vor maskierten Axtmördern wegzulaufen wird hier Schauspiel, Gesang und Tanz gelehrt. Und das im Akkord, alle zwei wochen müssen die Jugendlichen eine neue Musical-Show auf die Bühne bringen, zum Ende des Camps sogar eine große Benefitz-Show.  Das bedeutet Hardcore-Stepunterricht, Singen bis der Kehlkopf quietscht und dem Sportleherer ausweichen, der doch tatsächlich gluabt irgendjemand würde sich für Mannschaftsport interessieren.
Bert Hanley, ein ehmals erfolgreicher Bühnenautor, dessen größter Erfolg "Der Kinderkreuzug" auch schon Jahre zurückliegt, hat sich widerwillig bereit erklärt im Camp als Lehrer zu arbeiten. Nach eigenen erfolglosen Jahren glaubt er im Endeffekt aber, daß die Kinder hier nur ihre Zeit vertrödeln und sich Illusionen hingeben.
Das Campleben wird ziemlich durcheinander gebracht als der heterosexuelle Superschnuffel Vlad ankommt, der sowohl von den Mädchen als auch von den überwiegend schwulen Jungen angehimmelt wird. Er versucht das Selbstbewusstsein aller ein wenig aufzupolieren, greift dabei aber mehr als einmal daneben.

Camp-Filme haben in den USA Tradition. Seit Ivan Reitmanns "Meatballs " mit Bill Murray, über "Poison Ivy" mit Michael J. Fox oder "Camp Cuckamonga " und teilweise auch "Addams Family Values " hat sich ein Minigenre etabliert, dessen Erfolg hier in Deutschland kaum nachzuvollziehen ist, haben Sommercamps hierzulande doch kaum den Stellenwert den sie in den USA genießen. Kein Wunder, daß der Film hier nur auf DVD erschien.

Camp weiß um seine Tradition und zitiert sie genüßlich. Der Film, den man am besten als Mischung aus FAME und Meatballs beschreiben kann, weiß in welchem Gefolge er antritt, die Figuren kennen ihre Geschichte. So muß sich der Steplehrer nach seiner Eröffnungsrede von seinen Eleven auich anmaulen lassen: "Jaja ist okay, wir haben alle den Anfang von Fame und Chorus Line gesehen!"

Ungewöhnlich für die Figurenkonstellation einer Mainstream-Dramödie ist das in diesem Film heterosexuelle Jungs in der Minderzahl sind. Vlad, der als Hetero in diese Domäne aus Musical-begeisterten Schwuppen und Fag-Hags einbricht, ist zwar selbstbewusst und kokettiert nach allen Seiten mit seinem guten Aussehen, weißt aber andererseits geavierende Bildungslücken auf. Das Bild des Tanztheater-Gottes Stephen Sondheim, welches sein Zimmergenosse Michael auf dem Nachttisch stehen hat, hält er dann auch prompt für ein Bild von Michaels Vater.

Regisseur Todd Graff weiß anscheinend worüber er erzählt, hat er doch jahrelang in einem ähnlichen Camp
gearbeitet und dort unter anderem den Jugendlichen Robert Downey Jr. betreut. Er schafft es seine Geschichte zwischen Komödie und Drama ballancieren zu lassen, scheut auch trashige Momente und Schmalz nicht, wobei er immer mit einer Portion Humor und Ironie zu Werke geht. Immer wenn es am schönsten ist und man sich fast in einem seelig-singenden Disneyfilm wähnt, bricht eine harsche Realität ins Leben der Jugendlichen ein. Etwa wenn mittem gemeinsamen Proben Lehrer Bert Hanley halb angetrunken reinplatzt und sie zurechtweist:

"Wer seit ihr eigentlich Leute? Von welchem Planeten kommt ihr? Ernsthaft, wenn ich euch eine Sache beibringen kann, was ja angeblich mein Job ist, dann wäre es: Geht alle nach Hause! Michael Beard ist tot, Bob Fossey ist tot! Der Time-Square ist ein Vergnügungspark! Ich bin wirklich nicht gern der Miesepeter hier, aber was hier abläuft ist nicht normal! Irgendjemand muß euch doch warnen! Aus Tennie-Schwulenmuttis werden erwachsene Schwulenmuttis!
Heterojungs bleiben Hetero, du kannst sie nicht ändern, nur weil du geliebt werden willst! Die Grundlagen die ihr hier lernt, werden euch draussen in der wirklichen Welt kein Stück helfen! Es führt euch zu Kellnerjobs, Verbitterung und einer Fixierung  auf halb-vergessene, nicht mehr verlegte Musical-Originalmitschnitte!"

Camp bedeutet ihm englischen ja auch "trashig", "tuntig", "schrill" – genau jene Art von Humor mit dem Schwuppen Musicals gleichzeitig vergöttern und veralbern können. Das Stephen Sondheim am Ende des Films persönlich Auftritt, gibt dem ganzen eine besondere Note, die zeigt das auch der große alte Mann des Musicals Sinn für Humor hat.

Letztlich gibts natürlich sowas wie ein Happy-End, aber auch dort werden die Klippen des völlig ernsthaften Kitschs knapp umfahren. Die Musik, die zum Teil aus bekannten Musical-Songs und einigen neuen Kompositionen besteht, geht ins Ohr und wird von der jungen Cast mit viel Talent und Engagement vorgetragen. Da kann sich das Gros der deutschen "Superstars" hinter verstecken und einsargen lassen.

Ein Feelgood-Movie im klassischen Sinne, für all jene die mit Musicals, Ironie und Camp etwas anfangen können.

Und wie kann man einen Film nicht mögen, bei dem im Abspann zwei 14jr den Anfang von "Wer hat Angst vor Virginia Woolf" nachspielen?

Die DVD gibts auch auf Deutsch, leider unter dem dämlich Titel "Star Camp", der eher an Teenieklamotten wie "Natürlich Blond" gemahnt.

Hier der Trailer des Films:

  • Nilz N Burger 29. 7. 2006 an 19:23

    waaaaas? ein moderner musicalfilm den ich nicht kenne?!? scheisse, jetzt haben gleich die läden zu…

    btw: naja, „natürlich blond“ ist ja jetzt nicht DIE teenieklamotte per se, oder?

  • Batzman 29. 7. 2006 an 19:27

    Natürlich Blond war schon ziemlich schlecht… wenn auch nicht ganz sone Grott-Kanone wie die Kuchenficker-Filme mit 30jr Teeniedarstellern. Ich nenne „Legally blonde“ ja intern immer „Ally McClueless“ :)

  • Renington Steele 29. 7. 2006 an 20:24

    Musicals… Pfff…