Review

Harry Potter and the goblet of fire

29. 7. 2006, Batzman (Oliver Lysiak), 0 Kommentare

„Everything is going to change now, isn’t it? „

Originaltitel: Harry Potter and the Goblet of Fire
Herstellungsland: USA/GB 2005
Regie: Mike Newell
Darsteller: Daniel Radcliffe, Rupert Grint, Emma Watson, Robbie Coltrane, Ralph Fiennes, Michael Gambon

Die Handlung wiederzugeben scheint beinah müssig, angesichts des Verbreitungsgrades der Potter-Bücher, deswegen fasse ich mich kurz. Harrys viertes Jahr in Hogwart startet mit zwei Paukenschlägen. Beim Quidditch-World-Cup, so eine Art magische Fussballweltmeisterschaft wird ein Anschlag verübt, Anhänger des Überbösewichts Lord Voldemort legen die Fanunterkünfte in Schutt und Asche, Harry entkommt nur knapp einem Angriff. Kaum in Hogwarts angekommen, wartet die nächste Überraschung, die Schüler zweier anderer Zauberschulen kommen an um den Tri-Wizard-Contest, einen Wettkampf auszutragen, bei dem es um Leben und Tod geht. Obwohl nur für ältere Schüler vorgesehen landet Harrys Name in der Auslosung und er muß sich dem gefährlichen Wettbewerb stellen… und am Ende überraschend sogar seinem bösen Alter Ego Lord Voldemort.

Ich gebe ja zu, nachdem mir der letzte Film mit dem neuen Regisseur Alfonso Cuarón den Glauben an die Potterfilme wiedergab, den ich durch die quietschbunten, uninspirierten Columbus-Verfilmungen schon verloren wähnte, ich war etwas skeptisch wie sich Mike Newell machen würde, dessen einzig wirkliche bekannte Filme Donnie Brasco und Vier Hochzeiten und ein Todesfall mich keineswegs umgehauen hatten. Sicher es war routinierte Arbeit, aber eben auch sehr weit weg von allem phantastischen. Ob Newell es schaffen würde die düstere Stimmung des Vorgängers beizubehalten? Oder würde er doch wieder in sichere Gefilde driften und den Weg knuffliger Familienunterhaltung beschreiten?

Die Sorge war unbegründet. Wenn auch stilsitisch deutlich anders als Teil 3, so ist der Film doch um keinen Deut harmloser, nein, dies ist kein Kiddie-Film mehr. Aus Harry Potter ist eine grimmige Tour de Force geworden, deren Humor oft genug genauso schwarz ist wie die Grundstimmung der Story. Bemerkenswert ist, wie sehr Newell es schaft die magische Welt zu entzaubern. So bodenständig, so realistisch wirkte Hogwarts nichtmal im Vorgänger. Die Farben bleiben fahlblass, aber der Look des Bildes erinnert zum Teil eher an Ken Loach-Filme, denn an ein Multimillionen-Fantasy-Spektakel. Mal mit der Handkamera, mal mit ausgedehnten Fahrten reißt Newell die beengte Welt Hogwarts auf. Der Horizont wird gespalten, wenn im Kampf gegen den Drachen oder beim Überflug der Beobachtungstümre im See endlich einmal Größe und Weite spürbar ist. Nicht nur das Hogwarts der Geschichte öffnett seine Tore, um andere Schulen Willkommen zu heißen; auch die Bilder lassen spüren wie riesig diese Welt doch ist, die zuvor immer auf das Kammerspiel im Internat beschränkt blieb.

Dem Rechnung trägt auch der merkliche größere Raum, den der Film den Nebenrollen einräumt. Mußten sich das Lehrpersonal in den Vorgängern bisweilen als reine Stichwortgeber abspeisen lassen, so erhält hier jeder seine Szene. Besonders Michael Gambon als Dumbledore kann hier zeigen um wieviel nuancenreicher er die Figur anlegt, wieviel Weisheit, Menschlichkeit und Witz dieser Schuldirektor besitzt. Rons Brüder bekommen einige herrlich skurrile Auftritte, Neville darf diesmal ausserhalb seiner Trottelrolle Punkten und selbst Rupert Grint als Ron zeigt, das er zu mehr fähig ist als zu ulkigen Grimassen. Seine Eifersüchteleien mit Harry, seine Blicke drücken diesmal echte Verletztheit, Unsicherheit, Verlegenheit aus. Überragend wie immer ist auch Emma Watson als Hermione, sie ist wie immer für einige trockene Kommentare, wie auch für eine der rührensten Szenen des Films verantwortlich. Wenn sie angesichts Rons unsensibler Begriffsstutzigkeit in Tränen ausbricht und die Jungen in die Flucht schlägt, wird aus dem Effektspektakel mit einem Mal ganz großes Gefühlskino. Sie verleiht dem Dreigespann Harry, Ron Hermione erst die emotionale tiefe die es braucht um einen zu berühren.
Kein Licht allerdings ohne Schatten, festzustellen bleibt, das sich am mimischen Minimalismus des Hauptdarstellers nichts geändert hat. Dank einer starken Inszenierung und eines großartigen Supporting-Cast kann man darüber hinwegsehen, aber eine schauspielerische Offenbarung ist Daniel Radcliffe leider immer noch nicht. Genaugenommen ist er nichtmal guter Durchschnitt. Das man ihm überhaupt Emotionen abnimmt, Leid, Trauer, Angst bedarf es dem Großeinsatz von Dreck, Kunstschweiß, Blut und Schrammen. Wie auch seine Vorgänger hat Newell erkannt, das man Radcliffe schon ordentlich in die Jauche tunken muß, um ihn wenigstens ein bißchen verwegen wirken zu lassen.
Dazukommt das sich bei ihm besonders das vorranschreitende Alter bemerkbar macht. Aus dem Dauergrinsenden Kindchen ist ein hunkiger Teenager geworden, dem man schon jetzt den schüchternen 14jr kaum mehr abnimmt. Was die Produzenten damals ritt diese uncharismatische Grinsebacke zum Star des Film zu machen, wird wohl ewig ein Rätsel bleiben. Zweiter kleiner Wermutstropfen ist die Musik, die nach dem verspielten und fantasievollen John-Williams-Score zum dritten Teil, diesmal wieder in den Bereich „Dienst nach Vorschrift“ abgleitet. Patrick Doyle, der unter anderem einige Brannagh-Shakespeare-Filme vertonte macht einen soliden Job, ohne wirkliche Überraschungen. Der Score passt zu den Szenen, seine Halbwertzeit darüber hinaus dürfte allerdings nicht sehr hoch sein. Überraschend das es diesmal erstmals ein Popsong im Film vertreten ist: Jarvis Cocker und seine Combo geben in einem Cameo eine Softrocknummer zum Besten. Stört nicht, aber ohne wärs auch gegangen.

Diese Manko trüben den Genuß des Films jedoch keinesfalls. Bewundernswert bleibt, wie lebendig dieses neue Hogwarts wirkt, wie gut es Newell gelang echte Internatsatmosphäre aufkommen zu lassen. Die Figuren, die allesamt schluffiger, langhaariger und erwachsener daher kommen, als in den Vorgängern, geben einem diesmal wirklich das Gefühl eine Schule zu erleben. Kleine Frotzeleien, eingespielte Rituale, sexuelle Andeutungen, hochkochende Emotionen – Pubertät in Motion, auch wenn die Gesichter der Jungdarsteller digital Pickelbereinigt wurde, die brodelnden Hormone, die adoleszenten Stimmungsschwankungen geben ein sehr vitales Bild ganz normaler Heranwachsender. Der Humor, der nur noch sehr reduziert und wenig plakativ vorkommt ist subtiler und mehr in die Story eingebunden als zuvor.
Das der Film erdiger, dreckiger und realistischer ist, schadet der magischen Stimmung jedoch keinesfalls. Da die Figuren realer wirken, nimmt man auch die Bedrohungen denen sie ausgesetzt ist viel ernster. Vorbei sind die Zeiten verspielter Trolle und dreiköpfiger Knuddelhunde. Hat man sich im dritten Teil mit dem Werwolf noch zurückgehalten und ist einen kindertauglichen Mittelweg gegangen, geht es diesmal richtig zur Sache. Diese Drachen meinen es ernst… und wenn Lord Voldemort (Ralph Fiennes)aufs ekligste aus einem schleimigen Fötus neu entsteht, Harry am Ende überwältigt und zu töten droht, glaubt man ihm jedes Wort.

Bleibt noch ein Anmerkung zum Erzähltempo. Nachdem Alfonso Cuarón überzeugend vorgemacht hatte, wie man allen überflüssigen Tand über Bord werfend aus einem 400 Seiten Schmöcker einen rasanten Zweistünder zaubern kann, legte auch Newell sämtliche Zweifel ab und kürzte die verzweigte Handlung der Buchvorlage rigoros auf ihre Essenz. Und wie Cuarón zuvor gelang es ihm dadurch der düsteren Stimmung der Vorlage näher zu kommen, als die sklavischen faden Seite-für-Seite-Versionen die Columbus abgeliefert hatte. Für Nichtkenner der Bücher mag es an einigen Stellen etwas holperig zugehen, wenn die ersten 150 Seiten der Story mal eben in 15 Minuten runtergerasselt werden. Einmal in Hogwarts angekommen, vermisst man aber kaum die eingedampften Nebenhandlungen. So nett im Buch die Eskapaden mit Hauselfen, Klatschreporterin Rita Skeeter, Zauberstunden und dem Gewerbe der Weasly-Brüder zu lesen sind – im Film würden sie den Fluß bremsen und weniger Zeit lassen auf die Gefahren des Tri-Wiz-Contest einzugehen, die Zerrissenheit der Hauptfigurne zu zeigen.
630 Seiten in 160 Minuten – man kommt nicht umhin die Geschichte zu simplifizieren und Newell und Drehbuchautor Steven Kloves haben einen guten Job gemacht. Zwar wäre in der Anfangsszene und zum Schluß zwecks besserer Verständlichkeit durchaus das eine oder andere Element zu ergänzen, die letzte Prüfung in Labyrinth kommt etwas überstürzt und so ganz klar wird auch dem buchvertrauten Leser nicht, was dort genau passiert und was eigentlich die Aufgabe ist, aber darüber darf man hinwegsehen, denn das dramatische Finale, einschließlich einer herzzerreißenden Szene als der völlig geschockte Harry den Leichnam seines Schulkameraden in die jubelschwangere Wettkampfarena zurückbringt, entschädigen für die kleinen Schwächen des Films.

Man darf gespannt sein, welchen Weg der neue Regisseur David Yates, bisher eher durch raubauzige Dramen, Polizeiserien und Dokumentation bekannt, mit dem kommenden Potter-Film beschreiten wird, er hat die schwierige Aufgabe aus einem schwächeren Buch einen besseren Film zu machen. Bis im nächsten Jahr also.

„Difficult times lie ahead, Harry.“