Review

Madagascar (2005)

29. 7. 2006, Batzman (Oliver Lysiak), 1 Kommentar

An American Were-Lion in Lord of the Flies

Madagascar

Originaltitel: Madagascar
Herstellungsland: USA 2005
Regie: Eric Darnell, Tom McGrath
Darsteller: Ben Stiller, Chris Rock, David Schwimmer, Jada Pinket Smith, Andy Richter

Ein Löwe, Nilpferd, Giraffe und ein Zebra türmen aus dem New Yorker Zoo, über einige Umwege landen sie auf einer verwilderten Insel, dort erwachen im Löwen seine Urinstinkte, die er in Gefangenschaft bei regelmässiger Fütterung verdrängt hat. Er wird für seine Freunde zur Gefahr… Wird die Freundschaft über den Trieb siegen?

Einmal ist immer das erste Mal. Es mußte kommen, klar. Doch irgendwie schmerzt es von PDI /Dreamworks Animation einen so mittelprächtigen Film vorgesetzt zu bekommen.
Sicher die Voice-Cast, die immer die Stärke von PDI-Filmen war, ist auch diesmal ansehnlich. Ben Stiller und Chris Rock geben sich redlich Mühe die Figuren mit Leben zu füllen, aber irgendwie ließ mich das ganze Spektakel seltsam kalt.
Löwe, Zebra, Giraffe und Nilpferd verschlägt es nach einem versehentlichen Ausbruch, vom New Yorker Zoo in den Dschungel von Madagascar (wobei es eigentlich egal ist -der Filmtitel hat keinerlei tiefere Bedeutung wie man vielleicht anfänglich noch vermuten könnte). Eine typische Fisch aus dem Wasser Story, deren Handvoll gelungene Gags allesamt im Trailer verbraten wurden. Im Dschungel werden sie von einer Horde Lemuren als Retter vor einer Horde böser Wutze gefeiert, doch oh trügerische Idylle: Wie wir es aus Herr der Fliegen kennen, der Zivilisationsmensch ist nur eine warme Mahlzeit von einer mörderischen Bestie entfernt. Steakfresser Alex, der Löwe schiebt Kohldampf und droht schon bald alle seine Freunde zu versnacken. Wie weiland Student David, der American Werewolf in London, kämpft auch Alex mit der inneren Bestie, die ihn zwingen will seinen besten Kumpel zu fressen. Diese tiefe Lebenskrise, inkl. Zweifeln und Selbsteinsperrung dauert etwa zehn Minuten ehe er dann doch merkt das Freundschaft richtig dolle wichtig ist. Am Ende kommen nochmal die psychopathischen Pinguine (anscheind inspiriert von – um nicht zu sagen dreist geklaut bei – Wallace and Gromit) und retten den Tag.

Was war mit PDI denn bitte los, als dieser Film konzipiert wurde? Vier Drehbuchautoren zeichnen für diese „Story“ verantwortlich. Vermutlich hat in den vier Jahren Produktionszeit jeder zwei Absätze am Tag geschrieben und ansonsten viel Zeit im Rheumasprudelbad und mit Kamillentee trinken verbacht. Wo sonst jedes Bild, jeder Satz in Dreamworks-Animation-Filmen eine an Simpsons-Detailfreude gemahnende Ansammlung von visuellen wie verbalen Pointen und Zitaten ist, da plätschert Madagascar müde und irgendwie uninspiriert dahin, wie eine gelangweilte Durchschnittsfolge eines Disney Direct-for-TV-Cartoons. Kein Spannungsbogen, keine Wendungen. Selbst die sonst bei PDI, bestechende Musikauswahl bleibt schal und erschöpft sich in einem Pophit und einem ausgelutschten „Hawaii-Five-0“-Zitat. Dafür viel kindertauglicher Slapstick dessen Timing zu wünschen übrig lässt. Die Animation an sich wirkt altbacken, langweilig und eigentlich gibt es keinen Grund warum dieser Film Computeranimiert sein muß. Der Retro-Charme der Figuren nutzt sich schnell ab und man hat nach einer Weile das Gefühl eine aseptische Folge der Augsburger Puppenkiste zu sehen. Alles plätschert, alles fließt… und wären da nicht die bei Nick Parks geborgten Pinguine, die ab und an etwas Drive und Sarkasmus in den Film brächten, würde man wohl ganz einnicken. Die Fish-out-of-water-Gags hat man schon woanders besser gesehen, die Panik des Großstädters vor der Natur ist bis zum Erbrechen filmisch ausgelotet worden und wird nicht witziger dadurch das man die abgedroschenen Gags nun von Ben Stiller im Löwenleibchen hört. Der Werwolf/Die-Bestie-in-dir-Plot der dem ganzen vielleicht etwas Spannung hätte geben können, ist viel zu kurz und wird dramaturgisch nicht ausgenutzt, da man zu keinem Zeitpunkt glaubt, das Alex wirklich seine Freunde verletzten könnte. Dazu ist dieser Löwe wie der ganze Filme viel zu zahm und zahnlos. PDI fährt die ganze Zeit über mit angezogener Handbremse. Die Animation ist bieder, die Story lahmt und die meisten Gags zünden nicht oder sind banal.

Auf irgendeine Form innerer Logik wurde gleich ganz verzichtet. Sicher ist es ein Cartoonfilm, aber ein bißchen Kontinuität hätte dieser Welt ganz gut getan. Warum können die Tiere im Zoo scheinbar frei herumlaufen, lösen in der Stadt aber dann Panik aus? Was ist aus dem ganzen Ausbruchs-Plot geworden, der im Trailer und diversen Szenenfotos noch zu sehen ist? Wie ist das Zebra eigentlich entkommen? Wieso kann jedes Tier scheinbar nach Gusto den Zoo verlassen? Wieso werden Pinguine nach Afrika verschifft? Wieso werden die Tiere überhaupt verschifft, seit wann hört irgendjemand auf das Geschrei des Mobs? Wieso scheint durch die Packkiste des Nilpferds Sonne von oben herein, wenn doch deutlich erkennbar zwei andere Kisten darüber gestapelt stehen? Wieso wird die gesamte New York-Geschichte, die noch das unterhaltsamste am Film ist im ersten Drittel abgehandelt, wenn die Drehbuchautoren doch offensichtlich keine Idee haben, was sie mit den Viechern anfangen sollen, nachdem diese in Madagascar gestrandet sind? Was machen die Affen in dem Film? Sie haben einen einzigen guten Gag und ansonsten keinerlei Funktion? The list goes ever on…

Der Film wirkt fragmentarisch. Wie eine Handvoll Ideen die zusammengeschrieben wurden, ohne das sich jemand die Mühe gemacht hätte, sie in einen dramaturgischen Zusammenhang zu bringen. Skizzen ohne Zusammenhalt.

Dabei hätte die Story ja Potential gehabt. Aber dazu müßte etwas mehr Fokus auf die Figuren gelegt werden. Wir müssten nachfühlen können, warum das Zebra sich weit weg träumt. Warum nicht ihm einen Floh ins Ohr setzen? Warum ihn nicht durch irgendeine Art, zB durch ein neu hinzugekommes Tier oder ein Werbe-Video für einen Wildlife-Park neugierig machen auf „Madagascar“. Das wäre ein Traum, den es sich ausschmücken könnte, eine Sehnsucht die in seinem Kopf riesig wird und die ihm sein jetziges Leben als trist und freudlos erscheinen ließe. Wie wäre es, ihn dann langsam die anderen überzeugen zu lassen, ihnen das fiktive Madagascar schmackhaft machen, bis schließlich alle drei zustimmen… und einen Fluchtplan schmieden. Warum nicht ein paar Referenzen auf Gefängnisausbruchsfilme einbauen und einen wirklich originellen geplanten Ausbruch aus dem Zoo inszenieren, gefolgt von einer Odyssee durch New York, dem Einschleichen in ein FLugzeug o.ä. das dann abstürzt… warum nicht die Reise nach Madagascar als Roadtrip inszenieren, mit verschiedenen Wendungen? Warum die Ankunft dort dann nich zur Enttäuschung werden lassen, weil das echte Madagascar mit dem Traum nichts zu tun hat? Warum keinen dramatischen Streit der die Gruppe auseinanderbrchen lässt einfügen? Warum Alex nicht wirklich „wild“ werden lassen und sich einer Gruppe von wilden Raubtieren anschließen lassen, die eine echte Bedrohung darstellen? Warum sollen seine Freunde keinen tollkühnen Rettungsplan austüfteln, um ihn aus dieser Gruppe zu retten und den alten Alex zurückholen? Warum, warum, warum…

Die Möglichkeiten und Wendungen die der Grundplot bietet sind unzählig und böten viele Chancen auf abwechslunsgreiche Mainstreamunterhaltung, indem gängige Abenteuer und Road-Movie Klischees veralbert würden… Aber ach, Madagascar nutzt keine davon.

Die Handvoll Referenzen von denen die cleverste noch die sehr subtile Anspielung auf Ben Stillers Zoolander sein dürfte, neben Cast Away, Planet of the Apes, American Beauty und natürlich auf den wesentlich besseren Lion King wirken fast deplaziert in einem ansonsten so beschaulich-biederen Film, der anscheinend wirklich keine weitergehenden Ambitionen hat als beim Kindergeburtstag nebenher geguckt zu werden. Aber wenns um Kinderfilme geht… wozu dann noch PDI? Da sind die lieben Kleinen dann doch mit der Konurrenz bei PIXAR besser bedient.

Die kürzliche Meldung, das Dreamworks pleite ist und an NBC verscherbelt wird und sowohl Geffen als auch Spielberg aussteigen wollen, verwundert nach diesem FIlm dann auch nicht mehr.

Schade drum. Bleibt zu hoffen, das PDI in Zukunft von dieser Art der Kinderkacke die Pfoten lässt und sich auf ihre bisherigen Stärken besinnt und wieder Animations-Filme für die Altersklasse 14+ produziert.

Madagscar trotzdem bei Amazon kaufen? Für die Kleinen, hm?

  • F5 - Die Fünf Filmfreunde 6. 11. 2006 an 1:04

    […] Der erste Animationsfilm aus dem Hause Sony ist ein durchwachsenes Vergnügen, vor allem für erwachsene Zuschauer. Zunächst mal die positive Seite: Er sieht schick aus und der Comiclook der Figuren hebt sich wohltuend von denen der Konkurrenz ab. Keine obskurer Retro-Optik wie bei Madagascar, noch die überniedliche Kuscheligkeit von Disneys “The Wild“. […]

  • BatzLog - Noch etwas Salz? » Letztes Lichtspiel: Open Season - Jagdfieber 7. 11. 2006 an 22:12

    […] Der erste Animationsfilm aus dem Hause Sony ist ein durchwachsenes Vergnügen, vor allem für erwachsene Zuschauer. Zunächst mal die positive Seite: Er sieht schick aus und der Comiclook der Figuren hebt sich wohltuend von denen der Konkurrenz ab. Keine obskurer Retro-Optik wie bei Madagascar, noch die überniedliche Kuscheligkeit von Disneys “The Wild“. […]

  • F5 - Die Fünf Filmfreunde 28. 12. 2006 an 2:25

    […] Wer also darüber hinwegsieht und sich auf die Story einlässt, dem wird ein wirklich witziger, smarter und sehr unterhaltsamer Film serviert, der mir deutlich mehr Spaß gemacht hat als Madagascar, Nemo, Open Season und The Wild zusammen. […]

  • BatzLog - Noch etwas Salz? » Letztes Lichtspiel: Hoodwinked 28. 12. 2006 an 12:49

    […] Wer also darüber hinwegsieht und sich auf die Story einlässt, dem wird ein wirklich witziger, smarter und sehr unterhaltsamer Film serviert, der mir deutlich mehr Spaß gemacht hat als Madagascar, Nemo, Open Season und The Wild zusammen. […]

  • F5 - Die Fünf Filmfreunde 30. 12. 2006 an 1:46

    […] Ich hoffe, ich habe nicht zuviel gespoilert. Aber was einem dieser Film an Informationen um die Ohren haut, ist doch mehr als erstaunlich. In letzter Zeit muss ja jedes Studio, das was auf sich hält, in Animation machen. Und die Ergebnisse sind nicht zwingend genial oder tiefsinnig und erst recht fast nie beides gleichzeitig. Ich sage nur Ice Age (1 und 2!) oder Madagaskar. Letzterer ist noch recht kurzweilig, aber die Geschichte und der Erzählfluss eine einzige Katastrophe. Nun ja. Zurück zu “Happy Feet”. […]

  • Dittsche 12. 8. 2007 an 9:02

    „Wieso scheint durch die Packkiste des Nilpferds Sonne von oben herein, wenn doch deutlich erkennbar zwei andere Kisten darüber gestapelt stehen?“ http://dieseher.de/filmnk.php?filmid=916