Review

American Psycho

21. 8. 2006, Dog Hollywood, 12 Kommentare

„Mein Schmerz ist gleichbleibend und heftig und ich hoffe für niemanden auf eine bessere Welt. Ich möchte sogar, dass mein Schmerz auch anderen zugefügt wird. Ich will, dass niemand davonkommt.“

Originaltitel: American Psycho
Herstellungland: USA 2000
Regie: Mary Harron
Darsteller: Christian Bale, Jared Leto, Willem Dafoe, Reese Witherspoon, Chloë Sevigny

batemanDachtet ihr jemals daran eurem ärgsten Konkurrenten eine frischpolierte Axt mitten zwischen die Augen zu schlagen, nur weil er euch tierisch auf die Nerven geht? Habt ihr schon mal das Verlangen gespürt einem Obdachlosen ein Messer tief in die Seite zu rammen, nachdem euer Tag mies gelaufen war und der nächste nicht viel besser aussehen wird? – Ich auch nicht, aber Patrick Bateman kommen diese Gedanken wieder und wieder.

American Psycho“ erzählt die Geschichte des jungen, gutaussehenden Wallstreet-Brokers Patrick Bateman (Christian Bale), der mehr und mehr in seine blutrünstigen und abartigen Phantasien abdriftet. Tagsüber lebt er ein Leben voller Oberflächlichkeiten, in der nur das zählt was man hat und das am besten Bündelweise. Geld regiert offensichtlich die Welt des arroganten, aalglatten Yuppies, doch tief in seinem innersten lodert ein Feuer, genährt von Unzufriedenheit, Neid und Angst, das immer öfter wie eine Stichflamme aus ihm herausbricht und alles niederbrennt, das Bateman gegen den Strich läuft. Dann sucht er sich ein Opfer, vorzugsweise ihm deutlich unterlegen und sei es nur aus materieller Sicht, um Angst und Schmerzen zu bereiten, die ihm wiederum Erleichterung verschaffen.
Seine mörderischen Streifzüge bleiben natürlich nicht unerkannt. Detective Kimball (Willem Dafoe) wird bald auf ihn aufmerksam und versucht zu ergründen was hinter der scheinbar makellosen Fassade des Yuppies steckt.

Christian Bale als amerikanischer Psychopath überzeugt in voller Länge. Seine unsympathische, überhebliche Darstellungsweise weckt Antipathie und man hofft, dass ihm sehr bald das Handwerk gelegt wird!
Bales Widersacher Willem Dafoe spielt ausnahmsweise einen „Gutewicht“. Er agiert mehr im Hintergrund, aber nie in zweiter Reihe. Dafoe ist ebenso wichtig wie tragend für die Geschichte, als auch Chloë Sevigny, die als junge Jean (Batemans Sekretärin) erstmals die Seele des Serienkillers berührt.
„American Psycho“ beginnt langsam und baut kontinuierlich eine Spannung auf, die meines Erachtens durchgängig gehalten wird und in einem Finale gipfelt, das es in sich hat. Die wiederkehrenden Monologe des Hauptdarstellers, die im Film in narrativer Form wie Gedankenfetzen aufliegen, verleihen dem ganzen eine nachdenkliche Tiefe, die einem eindringliche Blicke in die Psyche des Mörders gewähren.

Mary Harrons verzichtet in ihrem Werk absichtlich auf übertrieben inszenierte Splatterorgien und setzt viel mehr auf die satierischen Einflüsse der Buchvorlage. Daraus folgt ein intelligentes und zum Nachdenken anregendes, wie auch stellenweise amüsantes Katz und Maus-Spiel zwischen Christian Bale und dem Rest der Welt, das stellenweise an „Falling Down“ erinnert. Nur geht Patrick Bateman weitaus gezielter und überlegter vor – bis der Vorhang fällt.

In der aktuellen TV MOVIE 17/06 liegt der Film auf DVD bei und ist für nur 3,30 Euro zu haben. Ein Kauf lohnt sich auf jeden Fall, wobei sich die Beilage auf den Hauptfilm ohne englischer Originaltonspur, ein paar Hintergrundinfos in Schrift und Bild und diversen Trailern beschränkt.
CONCORDE bietet die DVD in einer zufriedenstellenderen Version für wenig Geld an, welche neben dem Hauptfilm auch jede Menge Extras bereithält. Dazu zählen ca. 60 Minuten Bonusmaterial, „Behind The Scenes“-Featurette, Interviews mit den Darstellern und der Regisseurin, filmische Goofs, eine fotogalerie, Produktionsnotizen und vieles mehr.

Interessant mag auch das Buch von Bret Easton Ellis sein, doch egal ob in Schrift oder bewegten Bildern (wobei ich bisher nur den Film gesehen habe), „American Psycho“ begeistert mich noch heute – deswegen 4 blutige Sterne.

René meint:

Also das kann man ja nicht so stehen lassen, da muss was zu gesagt werden. Der Film ist ein Nichts im Gegensatz zum Buch, man hat sich sichtlich bemüht, das wortgewaltige Blut und Knochen-Epos von Ellis einigermaßen auf die Leinwand zu bannen, kann jedoch bei einer solchen Vorlage nur kläglich scheitern. Würde man dem Buch gerecht werden, müsste man tatsächlich einen Hardcore-Porno drehen, der noch dazu die heftigsten Gewaltszenen jenseits der brutalsten Splatterstreifen beinhaltet. DANN wäre der Film aber unguckbar, genau wie das Buch fast unlesbar ist und sogar ich musste es stellenweise weglegen, weil es mir zu heftig wurde. Als Film alleine gesehen ist der Streifen in Ordnung, aber nicht mehr.

  • wolfgang 21. 8. 2006 an 11:14

    mir hat das buch nicht wegen der brutalen beschreibungen nicht gefallen, sondern eher wegen der ellenlangen epischen beschreibungen des herrn bateman. es ist ja schön und gut, einen charackter zu beschreiben, aber dass ging mir zu weit. nach 1ner seite spiegel monolog hab ich das buch bis jetzt nicht mehr angerührt…

    den film fand ich jut :)

  • wolfgang 21. 8. 2006 an 11:15

    ich würde mal gerne etwas über American Psycho II lesen? worauf basiert der?

  • Dog Hollywood 21. 8. 2006 an 11:20

    >>Würde man dem Buch gerecht werden, müsste man tatsächlich einen Hardcore-Porno drehen, der noch dazu die heftigsten Gewaltszenen jenseits der brutalsten Splatterstreifen drehen.<< Muss man ein Buch stets 1:1 umsetzen? Vielleicht bin ich so begeistert, weil ich das Buch nicht gelesen habe, aber so wie der Film abläuft und in Szene gesetzt wurde, funktioniert er und das sogar sehr gut, wie ich finde.

  • Renington Steele 21. 8. 2006 an 11:34

    Klar, ein Buch muss man nicht 1:1 umsetzen und der funktioniert ja auch der Film, aber so toll fand ich ihn eben auch nicht und im Vergleich zum Buch ist er eben ein Nichts. Du musst das echt mal lesen, obwohl dir das wohl zu heftig sein wird…

    @ Wolfgang: AP2 habe ich nicht gesehen, dürfte aber auf dem Vorgänger beruhen ;-)

    Die epischen Beschreibungen des Herrn Bateman sind aber nötig um einen Kontrast zu den Gewalt und Sexorigien zu installieren, ohne die seitenlangen Monologe und Aufzählungen von Markennamen wäre das Buch ja tatsächlich nur ein banaler Gewaltporno, so bettet ihn Ellis aber in eine Gesellschaftskritik ein. Brillant!

  • Alpha-Hasi 21. 8. 2006 an 15:26

    @1/@4:

    Die ellenlangen Beschreibungen *sind* das Buch. Es ist ganz wesentlich im Erzählstil Ellis‘, dass er in aller Ausführlichkeit jedes Produkt, das der „Held“ konsumiert, detailiert beschreibt. Es geht um diesen Konsum, der komplett abgekoppelt ist von Inhalten, von „Leben“, „Moral“ oder „Gefühl“. Bateman konsumiert ohne wirkliche Erfüllung. Und es ist völlig egal, ob er Rasierschaum beschreibt, CDs, Videos auf MTV, Drogen, das Vergewaltigen, das Aufschlitzen von Körpern oder die brutalstmögliche Kombination aus allem: es gibt keinen „Kontrast“!

    Diese gnadenlose Brutalität wirkt deshalb so hart, weil sie auf reine Beschreibung, auf einen banalen moralfreien Konsum zurückgestuft wird. Ein Menschenleben, übelste Folter, eine Vistenkarte – alles ist Mittel zum Zweck, eine Währung, in der Befriedigung versucht wird zu messen, was mißlingt, weil es nichts mehr gibt, das Zufriedenheit auslöst, allenfalls Betäubung. Und das gilt nicht nur für Bateman, das gilt für alle Protagonisten Auch wenn sie nicht so weit gehen wie er – interessiert sind sie allenfalls am Nachrichtenwert eines Opfers.

    Diese Gleichgültigkeit, diese Monotonie kann das Buch vermitteln. Der Leser ist gezwungen die seitenlangen Werbeaufzählungen genauso zu lesen wie später die seitenlangen detailreichen Abschlachtungen (man hat sich an das konsumorientierte Lesen gewöhnt). Die Brutalität entsteht im Kopf, wenn der Leser noch Moral empfinden kann, wenn er merkt, dass er selbst dieses Morden „runterliest“ und sich fragen muss, was für ihn noch legitimer Konsum ist, wie weit Moral gerechtfertigt ist, ob die Gleichsetzung Produkt(Objekt) = Mensch legitim sein kann. Ist Leben wirklich ein besonderer Wert? Was ist Leben? Gefühl?

    Das funtioniert als Film nicht. Man kann diese Wiederholungen, diese Monotonie nicht erleben. Man ist nicht „drin“, weder im Körper des sich stylenden Geschäftsmannes noch im Körper der brutalen Bestie (des normalen frei von aller Konvention handelnden echten Menschen?), man sieht nur jemandem zu. Der Film bringt die Morde allenfalls noch als Extravaganz eines einzelnen Irren rüber. Die einzige Szene in dieser Produktion, die wirklich den Geist des Buches hundertprozentig trifft, ist für mich die Szene, in der Bateman seine Visitenkarte mit denen seiner Kollegen vergleicht und einen Heulkrampf bekommt.

    Der Film ist ganz hübsch gedreht, er zeigt Leben in den 80ern einer „gehobenen“ drogenkonsumierenden Gesellschaft, die sich nichts mehr zu sagen hat, das wars dann aber auch. Mit dem Buch hat es ausgesprochen wenig zu tun.

  • Marcus 21. 8. 2006 an 17:47

    Als Leser des Buchs war ich vom Film maßlos enttäuscht und man hätte es einfach bleiben lassen sollen oder einen anderen Film drehen. Andererseits wäre ich wohl schockiert gewesen, wenn man das Buch 1:1 verfilmt hätte.

    Mir ist es auch zum ersten Mal in meinem Leben passiert, dass ich beim Lesen eines Buches, mal kurz innehalten musste, das Buch kurz weglegen, den Kopf schütteln und mich fragen, wie krank Ellis eigentlich sein muss (der ja schon in anderen Büchern seinen Stil der unterkühlten Gewaltdarstellungen praktiziert hat). Stephen King ist dagegen ein Kindergartenonkel.

    Das Buch ist schlichtweg unverfilmbar.

  • SirDregan 21. 8. 2006 an 18:22

    „Das Buch ist schlichtweg unverfilmbar“

    so ist es, aber seht doch den Film mal etwas losgelöster von dem Buch. Ich nehme an das das Buch den Film nur inspiriert hat und man sich klar war, da man das nicht richtig umsetzen kann. Für sich allein genommen ist der Film zwar kein Meisterwerk, aber doch mehr als nur irgendein Film über einen kranken Irren.

  • Renington Steele 21. 8. 2006 an 18:58

    @ Alpha-Hasi: Danke für die sehr treffende Analyse! Super!

    @ Sir Dregan: Hast schon recht, deshalb auch eine 3, das ist angemessen. Denn viel mehr als ein Film um einen kranken Irren mit einer tollen Visitenkartenszene ist er nämlich nicht, finde ich.

  • Dog Hollywood 21. 8. 2006 an 19:00

    Ketzer – 4 Sterne! ;)

  • SirDregan 21. 8. 2006 an 19:39

    right, 4 Sterne :P

  • Kat 22. 8. 2006 an 20:39

    Ich fand das Buch damals zwar grausam, aber in seinen Mittel und der Wirkung auf den Leser hochinteressant, leider bringt der Film das Ganze wie schon gesagt einfach nicht rüber. Anstatt an der Gesellschaft und stellenweise an sich selbst zu zweifeln (man gewöhnt sich erstaunlich schnell an die minutiöse Beschreibung der blutigen Details), hat man einen netten kleinen Thriller vor sich, den ich, selbst wenn ich das Buch außenvor lasse, nicht besonders spannend fand…
    Für eine Literaturverfilmung ist der Film dürftig, denn man sollte doch wenigstens erwarten dürfen, dass der Regisseur sich bemüht die Mittel des Buches in filmische Maßstäbe zu bringen und sich nicht einfach nur die Handlung klaut. Da kann man schon fast den Versuch Profit aus dem Erfolg und Ruf des Buches zu schlagen unterstellen…

  • Art Vandelay 20. 7. 2010 an 16:55

    Super Verfilmung! Bringt das Wesentliche des Buches auf den Punkt und versucht gar nicht erst eine 1:1-Kopie zu werden. Wäre ja auch langweilig. Wer Buchverfilmungen nicht allzu kleinlich gegenübersteht und wem der Humor der Vorlage gefallen hat, dem könnte der Film durchaus gefallen.