DVD Review

Ausweitung der Kampfzone

22. 9. 2006, Batzman (Oliver Lysiak), 3 Kommentare

„Die Schwierigkeit ist, dass es nicht genügt, wenn Sie genau den Regeln entsprechend leben. Es gelingt Ihnen ja (wenn auch oft nur ganz knapp, aber alles in allem schaffen Sie es doch), den Regeln entsprechend zu leben. Ihre Steuererklärung ist in Ordnung. Die Rechnungen werden pünktlich bezahlt. Sie gehen nie ohne Personalausweis aus dem Haus (nicht zu vergessen: das kleine Etui für die Scheckkarte…). trotzdem haben sie keine Freunde.“


Originaltitel: Extension du domaine de la lutte
Herstellungsland: Frankreich 1999
Regie: Philippe Harel
Darsteller: Philippe Harel, José Garcia, Catherine Mouchet, Cécile Reigher

Asuweitung der Kampfzone

Wir bekommen die Geschichte unseres „Helden“ erzählt. Einmal von ihm selbst, einmal von einem unbekannten OFF-Sprecher. Unser Held lebt sein durchschnittlich -nicht nur sexuell- unerfülltes Leben, als Softwarespezialiste einer mittelgroßen Pariser Firma, erfüllt seine Routinen und verfällt dabei immer weiter in Depressionen, die noch verstärkt werden als er mit einem Kollegen namens Tisserand mal wieder auf Dienstreise in die Provinz geschickt wird, um dort Softwareseminare abzuhalten.

In Tisserand, der ebenfalls daran leidet als unattraktiver Mann, ein mittelmässiges Leben ohne Liebe zu führen, erkennt sich unser Held selbst wieder, was ihn nur noch weiter dem Abgrund entgegentreibt. Die verzweifelte Hatz nach Zuneigung, nach einer Chance auf Glück, treibt ihn zu absonderlichen Gedankenspielen und Handlungen. Nach einer Herzklappenentzündung und einigen Tagen im Krankenhaus, einem einsamen, unerfüllten Weihnachten, versucht er Tisserand zu einem Mord anzustiften, im Versuch ein wenig Macht, ein wenig Erhabenheit ins Leben zu bringen.

Im Zuge der Houellebecq-Verfilmung „Elementarteilchen“, die auf der diesjährigen Berlinale vorgestellt wurde und recht erfolgreich im Kino lief, erfährt nun auch die Adaption von Houellebecq bahnbrechendem Debutroman seine DVD-Wiederveröffentlichung.

In enger Zusammenarbeit mit dem Autoren und mit sich selbst in der Hauptrolle verfilmt Philippe Harel, die depressive Zivilisationsmediation in schweren, elegischen Bildern, die ein perfekter Spiegel des freudlosen Alltags des namenlosen Helden abgeben.

Keine Kamerasperenzchen, kein Stakkatoschnitt. Sehr ruhig, in entsättigten Farben treiben die Figuren des Buches durch den Film, angetrieben von zwei sehr unterschiedlichen Off-Erzählern. Nach einer Weile gerät man in diesem Erzählsog, der mit sehr feiner Ironie, den langsamen Zusammenbruch des Helden schildert, der an der allgemeinen Lieblosigkeit, die die Welt für unattraktive und durchschnittliche Menschen bereithält langsam zu Grunde geht.

Ihm als Gegenpol, der Kollege Tisserant, der die gleichen Probleme hat, sie aber offensiver angeht. Der nie aufhört zu kämpfen, egal wie hoffnungslos seine Suche nach menschlicher Nähe auch sein mag.

Vieles von der Sprachgewalt, den messerscharfen Anaylsen die das Buch auszeichnen, finden sich dank der ausgedehnten Off-Erzähler auch im Film wieder, streckenweise wirken die Bilder eher als eine Art Ergänzung des Tones, als umgekehrt. So einlullend ist die unspektakuläre Welt des Helden, daß einige überdeutliche sexuelle, ja pornografische Szenen den gewünschten Verstörungseffekt haben, heben sie sich doch sehr deutlich vom Rest des Filmes ab, karikieren sich aber auch gleichzeitig, weil sie trotz Hardcore-Qualitäten jeden erotischen Reiz vermissen lassen, Sex auf reine Mechanik reduzieren.

„In einem Wirtschaftssystem, in dem Entlassungen verboten sind, findet ein jeder recht oder schlecht seinen Platz. In einem sexuellen System, in dem Ehebruch verboten ist, findet jeder recht oder schlecht seinen Bettgenossen. In einem völlig liberalen Wirtschaftssystem häufen einige wenige beträchtliche Reichtümer an; andere verkommen in der Arbeitslosigkeit und im Elend. In einem völlig liberalen Sexualsystem haben einige ein abwechslungsreiches und erregendes Sexualleben; andere sind auf Masturbation und Einsamkeit beschränkt. Der Wirtschaftsliberalismus ist die erweiterte Kampfzone, das heißt, er gilt für alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen. Ebenso bedeutet der sexuelle Liberalismus die Ausweitung der Kampfzone, ihre Ausdehnung auf alle Altersstufen und Gesellschaftsklassen.“

Ausweitung der Kampfzone“ ist in keiner seiner Umsetzungen leichte Kost. Als Buch, als Theaterstück, Hörspiel oder Film, seine bittere Ironie, die harten Beschreibungen menschlichen Alltags, der Vergleich kapitalistischer und sexueller Systeme ist nicht für einen netten Unterhaltungsabend. Das gilt auch für den Film. Wer sich jedoch auf Houellebecq Erzählstil einlässt, findet in dieser Verfilmung eine gelungene Umsetzung.

DVD-Bewertung

Bild und Ton gehen in Ordnung, auch wenn man auf Grund der Thematik wenig Sperenzchen, weder visueller noch akustischer Art erwarten sollte. Die deutsche Synchro ist recht gelungen und hält sich in weiten Teilen an die deutsche Buchausgabe.

Einziges echtes Extra ist ein etwas schwerfällig erzählter, aber informativer Audiokommentar des Regisseurs zusammen mit Michelle Houellebecq, der sowohl auf die Hintergründe des Romans, als auch auf die Verfilmung eingeht und die Wahl der Stilmittel erklärt. Der Kommentar ist lobenswerter Weise deutsch untertitelt und somit auch von jenen zu verstehen, deren französisch etwas eingerostet ist.

Trau dich an die „Ausweitung der Kampfzone“ als DVD heran

Oder lies den Roman!

  • Nilz N Burger 25. 9. 2006 an 10:44

    ich bin vielleicht nicht bekannt für holzhammerkritik, aber auch nicht für ausgesprochen subtile art und weise der rezension. dennoch muss ich bei diesem film etwas reduziert und vereinfacht auf den punkt bringen: turbomegasuperstinkelangweilig und doof. wie ein hörbuch mit dias. halber stern. diese franzosen immer…nenene.

  • Batzman 25. 9. 2006 an 17:31

    Auch wenn ich deinen Eindruck des Hörbuchs mit Dias nicht ganz entkräften mag, denn tatsächlich spielt der Ton hier eine wesentlich größere Rolle als das Bild, finde ich den Film dennoch sehenswert, was aber wohl auch dran liegt, daß ich den Roman sehr gern mag. Der Film ist eine gelungene Umsetzung des Buches, wenn man mit Houellebecq aber eh nicht soviel anfangen kann und seinen Schreibstil als anstrengend empfindet, wird man sich in der Tat auch mit dem Film sehr schwertun. Was zum „weggucken“ ist das ganze zugegeben nicht.

  • Nilz N Burger 30. 9. 2006 an 13:13

    sicher nichts zum „weggucken“, aber zum „abgewöhnen“….:)