Review

Shortbus

18. 10. 2006, Batzman (Oliver Lysiak), 5 Kommentare

„Voyeurism is participation“

Originaltitel: Shortbus
Herstellungsland:USA 2006
Regie: John Cameron Mitchell
Darsteller: Raphael Barker, Lindsay Beamish, Justin Bond, Jay Brannan, Paul Dawson

Shortbus

New York 2006, Millionen Menschen, viele Lebensgeschichten, ein spezieller Ort. Shortbus heißt jener Club, jene Oase der Selbstfindung, einer Mischung aus Variete, Disco, Loung und Swingerclub in der die Hauptfiguren des Films umeinanderdriften. Die Paartherapeutin mit ihrem Freund, dem sie nicht anvertrauen mag, daß sie noch nie einen Orgasmus hatte. Das schwule Paar, das versucht die existenzielle Krise des einen durch die Öffnung der Partnerschaft und Einbeziehung eines Dritten zu beheben, der kontaktgestörte Spanner, der seit Jahren eine Beziehung mitlebt, die er nur durch sein Fernrohr kennt, die einsame Domina, die am liebsten etwas ganz anderes machen würde.

Sie alle laufen sich im Shortbus über den Weg, auf dem der Zuschauer sie ein Stück begleiten darf. Sexuelle Wünsche, emotionales Vakuum, Verklemmtheit, Ängste, Unsicherheiten. Verschiedene Episoden vermischen sich zu einem Gesamtbild, einer Topographie sexueller und politischer, intimer wie öffentlicher Befindlichkeiten.

Der zweite echte Spielfilm von John Cameron Mitchell, dessen „Hedwig and the angry inch“ ebenso interessant wie anstrengend zu schauen war, verblüfft zunächst einmal durch zwei Dinge. Er ist ausgesprochen schön fotografiert, sieht durchweg aus wie ein echter Spielfilm und er geht mit einer Deutlichkeit zu Werke die selbst einen Larry Clark alt aussehen lässt. Ja jetzt ist es raus, der Punkt der wohl in jedem Review des Films genannt wird.

Der Punkt, der Short Bus zum einen kontrovers erscheinen lässt und zum anderem wohl einem breiteren Publikum verwehren wird: Er enthält sehr deutliche Sexszenen inkl. all jener Momente die im Spielfilm normalerweise ausgespart werden. Money-Shots, nennt man das in der Pornosprache.

Nun bin ich kein großer Fan von Klöppelszenen in Spielfilmen, wie ich gerne zugebe. Nicht weil ich sie für geschmacklos halte oder bedenklich, sondern weil sie in der Regel inhaltlich nicht gerechtfertigt sind und man sie dramaturgisch auch prima als Pinkelpause nutzen kann. Dabei ist es mir ehrlich gesagt ziemlich egal, ob das Rumgerutsche nur angedeutet oder explizit in Szene gesetzt wird, ich hab kein Probleme damit irgendwelche Genitalien zu besichtigen, finde es in narrativen Filmen aber zumeist wirklich stinkend langweilig.

Auf die oft beschworenen erotischen Momente, kann ich, wenn ich ehrlich bin, meist auch gut verzichten, weswegen ich auch den Reiz von Softcore-Erotik a la Emanuelle nie ganz verstanden hab. Wenn es der Stimulation dienen soll, warum das ganze unnötig aufplustern und verbrämen, warum nicht gleich einen anständigen Porno gucken, ein Handtuch bereithalten und mit dem Rest des Abends etwas sinnvolles anfangen und einen wirklich guten Film schauen.

Ab und zu, sehr selten jedoch, kommt ein Film wie „Im Reich der Sinne„, „La Luna“ oder eben „Shortbus„, bei denen die Sexszenen tatsächlich wichtiger und fester Bestandteil der Handlung sind und ohne jedes effektheischerische Moment, integraler Bestandteil der Figuren werden, von denen erzählt wird.

Regisseur Mitchell, der die Charaktere an einem Grund-Story entlang, zusammen mit seinen Darstellern aus Improvisationen heraus entwickelt hat, schafft es bei aller vorhandenen Dramatik, eine sehr leichtfüssige, verspielte und im besten Sinne zärtliche Geschichte zu erzählen, bei der die Sexszenen dazu dienen das Innenleben der Figuren und deren Probleme näher zu beleuchten.
Man mag ihm vorwerfen, das er dabei zum Teil nicht tief genug geht und man nicht sehr viel über das Vorleben der Figuren erfährt, dennoch hatte ich das Gefühl, das es existiert, das die Charaktere mehr sind als reine intellektuelle Konstrukte.

Überdies geht Mitchell mit sehr viel Witz und Charme vor. Die scharfzüngigen Dialoge, die Chemie zwischen den Darstellern erinnern bisweilen an Altman oder Woody Allen-Filme. Da gibts es Situationskomik und absurde Momente, vibrierende Eier und vergeigte Masturbationen, platte Kalauer und hintergründige Spitzen. Mühelos wechselt der Film mittels stilisiert animierter Rundflüge über New York zwischen einzelnen Episoden hin und her, die sich nach und nach zu einem Gesamtbild formen.

Die Dialoge der Figuren spannen einen weiten Bogen, wechseln schnell vom vermeintlichen Privaten zu Fragen der nationalen Befindlichkeit, dem veränderten Lebensgefühl nach 9/11, das die Menschen zurück in kleine Communities führt, und grade in die Stadt zieht die für die Katastophe, aber auch für authentisches Leben steht. Nicht zuletzt ist Shortbus auch eine verklausulierte Liebeserklärung an diese Stadt, die wie keine zweite alles symbolisiert, was Amerika spannend macht.

„Was soll ich machen, wenn ich nicht mehr genug verdiene und es mir nicht mehr leisten kann, in New York zu leben?“
, sagt eine Darstellerin und aus ihren Worten spricht echte Verzweiflung, die Frage wie man ausserhalb dieser Stadt in einer Welt die als tot und engstirnig wahrgenommen wird überleben soll. Denn selbst in N.Y. ist die Subkultur, das was die Stadt ausmacht und lebendig hält, bedroht vom Kommerz der die Mieten und Lebenshaltungskosten in perverse Höhen treibt.

„It’s like the Sixties, only with less hope…“

Urbane Ängste, persönliche Unsicherheit, der Wunsch nach Nähe, Geborgenheit, universelle Sehnsüchte prallen unverkrampft und unterhaltsam aufeinander, kulminieren in einem surrealen, liebevollen Finale, das den Zuschauer bewegt und ein klein wenig zuversichtlicher in die Welt entlässt.

Shortbus wurde mit dem Prädikat „Besonders wertvoll“ ausgezeichnet und läuft ab 19.10.2006 in ausgewählten Programmkinos.

Bei Iklipz.com kann man den unzensierten Trailer für den Film sehen.

  • der toby 25. 10. 2006 an 9:06

    Einer der wenigen ehrlichen Filme. Das merkt man auch deinem Review an.

    Man hätte sich ihn mir gern mit dir angesehen.

  • burnster 26. 10. 2006 an 1:59

    Ein grauenvoller Film mit allen New York und Sexual Identity Klischees, die man sich nur vorstellen kann. Zudem sind mir die schwulen Sexszenen als Hetero ein wenig zu heftig. Ultrasorry, aber das war mein schlimmster Kinobesuch 2006.

  • Batzman 26. 10. 2006 an 2:15

    Derselbe Satz umgekehrt, würde wohl merkwürdiger erscheinen.

    „Waren mir als Schwuppe die Heterosexszenen einfach zu heftig…“

    Ich glaub ich werd diese Panik nie verstehen. Zumal der Film ja nun nicht als Porno der sexuellen Stimulanz dient, sondern eine Geschichte erzählt. Die muß man nicht mögen, aber dieses zurückschrecken nur weil mal ein Dödel gezeigt wird, find ich immer wieder sehr bizarr. Wenn ich mich bei jeder Abbildung einer nackten Frau so anstellen würde…

  • jennifer 1. 11. 2006 an 18:48

    natürlich & direkt. Das ist eine knappe Beschreibung. Ansonsten geht es um die Suche nach Erfüllung, und tiefe Sehnsüchte.
    Sexuelle Tabus gibt es keine.
    Paul Dawson und PJ DeBoy die beiden Hauptdarsteller waren bei der Deutschland Premiere (Filmfest Hamburg) anwesend und haben davon erzählt das es keinerlei feste Regie Anweisungen u.ä. gab. eher im Gegenteil ;-) Das liegt nicht zuletzt daran, dass Regisseur und Darsteller die Story und Figuren gemeinsam erarbeitet haben.

    Und zu den Leuten die im Kino aufstehen / aufgestanden sind weil Sie mit Ihrer eigenen Körperlichkeit ein Problem haben… was soll man noch gross sagen? Halltet für einen Moment die Augen zu und wartet bis zur nächsten Szene? Es geht nicht ums reine F**** in dem Film. Egal in welcher Konstellation. A bisserl mehr steckt schon dahinter.
    Holt Euch den Film noch mal auf DVD und pult de Szenen vor – Hört Euch die Dialoge an.

  • Mr. Vincent Vega 15. 11. 2006 an 23:14

    Der Film ist bemüht, das Seelenleben der Figuren greifbar werden zu lassen, doch heuchelt sein Interesse an eben diesen nur vor. Selten penetrierte mich so viel Oberflächlichkeit von der Leinwand herab. Das Finale soll als doppelbödiger „Orgasmus“ Katharsis und Kontextherstellung mit 9/11 zugleich funktionieren, es ist meiner Meinung nach jedoch hochgradig albern und eindimensional.

  • F5 - Die Fünf Filmfreunde 21. 11. 2006 an 19:26

    […] […]