Review

Borat: Cultural Learnings…

24. 10. 2006, Batzman (Oliver Lysiak), 17 Kommentare

„What weapon you would say is best to defend against a jew?“
„That would be a .44mm then…“

Originaltitel: Borat: Cultural Learnings of America for Make Benefit Glorious Nation of Kazakhstan
Herstellungsland:USA 2006
Regie: Larry Charles
Darsteller: Sacha Baron Cohen, Rakefet Abergel, Ken Davitian, Pamela Anderson

Borat

Der kasachische Reporter Borat Sagdiyev (Sacha Baron Cohen), ein naiver, Rassist und Macho, reist zusammen mit seinem Produzenten (Ken Davitian) und einem TV-Team in die USA. Er soll dort über die kulturellen Errungenschaften des Landes berichten, damit diese der kasachischen Nation als Vorbild dienen können. Leider verläuft die Reise nicht ganz wie geplant, als Borat sich in Pamela Anderson verguckt und seinen Produzenten überredet statt in New York alle Interviews zu machen, durchs ganze Land nach Kalifornien zu reisen, um Anderson zu treffen und zu heiraten.

Auf seinem Weg durch die vereinigten Staaten lernt Borat viel über Ansichten und Gebräuche seines Gastlandes: Rassistische Rodeo-Veranstalter, fröhliche Strassenfest (die sich im Nachinein als Gay-Pride entpuppen), tumbe frauenfeindliche Macho-Studenten, ignorante Benimmexperten und durchgeknallte Christen – Die US of A sind wesentlich bizarrer als es sich Borat erträumt hatte.

„This film is offensive… NOT!“

Diese Docu-Mockumentary dürfte einer der witzigsten Filme sein, die ich dieses Jahr gesehen habe. Die schiere Chuzpe mit der Cohen seine Figur in den improvisierten Passagen des Films spielt agieren lässt und mit der er seinen Interviewpartnern entlarvendes entlockt, ist bemerkenswert. Denn ein Großteil des Films besteht aus mit offener und versteckter Kamera gedrehtem Material, in dem Cohen als Borat auftritt und seine Spielpartner im Glauben lässt, sie hätten es tatsächlich mit einem kasachischen Reporter zu tun.

Zuviel zu erzählen hieße in diesem Fall wirklich zuviel vom Film vorwegzunehmen, also belasse ich es dabei, das es einige Szenen gibt, die einen aus verschiedenen Gründen nur ungläubig auf die Leinwand starren lassen. Wie selbstverständlich viele seiner Interviewpartner mit seinen extrem frauenfeindlichen und antisemtischen Äusserungen umgehen, wie selbstverständlich seine Ignoranz und seine absurden, angeblich kasachischen Gebräuche unwidersprochen für bare Münze genommen werden, das alles lässt tief blicken.

Wenn Cohen bei einem Rodeo annonciert: „I support your war of terror“ und ihm die Menge zujubelt, nur um Minuten später hasserfüllt zu buhen, weil Borat es wagt die US-Nationalhymne mit dem Text der kasachischen zu singen, sagt das viel über die Zuschauer aus und die Mentalität der Rodeobesucher.

Selbst wenn er nur unglaubliche Aktionen hinlegt, wie nackt in einen Wirtschaftskongress zu platzen, hat seine Art der Subversion immer eine satirische Lesart, die ihn über den reinen Shockvalue von „Jackass“ und ähnlichen Filmen hinaushebt, denn der Film ist trotz seiner episodenhaftigkeit keine reine Nummernrevue. Er verfolgt seine Themen und fügt sie letztlich zu einem dramaturgischen Ganzen.

Technisch ist das ganze wie zu erwarten eher durchwachsen. Vieles wurde mit versteckter Kamera gedreht und ist dementsprechen griselig und verwackelt und auch der Rest hat eben jenen Dokulook. Hochglanzkino sollte man also nicht erwarten, zumal das Material auch bewusst im Aussehen an die eher rustikale Qualität ostdeutscher TV-Produktionen angepasst wurde, was die sehr ungewohnte aber schwungvolle Musikauswahl perfekt unterstützt.

Ein Problem mag wohl die Mischform aus inszenierten Momenten und In-Character-Interviews sein, wenn man sich dabei ertappt sich zu fragen, ob die aktelle Szene wohl inszeniert oder improvisiert ist, ob die Mitspieler eingeweiht waren oder nichts wussten. Um den Film zu genießen muss man sich allerdings davon freimachen und ihn einfach als Gesamtwerk akzeptieren, dessen Aussagen stimmig sind, egal ob die Szenen nun „echt“ oder „fake“ sind.

Dennoch hilft das Wissen, das wohl mehr echt ist als man glauben möchte, wie aus einem Artikel der NEWSWEEK hervorgeht, in dem einige der übertölpelten „Opfer“ Cohens erzählen wie es zu den Drehs kam, wie abenteuerlich und einfallsreich die Planung der Interviews ablief. Mit falschen Namen („Lawrence Wenngrodd“), Handynummern und Emails wurde geschickt dafür gesorgt, das die Interviewten tatsächlich glaubten einer Ko-Produktion eines weißrussischen TV-Senders zu helfen.

Spätestens wenn die DVD rauskommt, wird man wohl auch mehr über die sicher spannenden Vorbereitungen und Dreharbeiten des Films erfahren. Und es bleibt abzuwarten, wie lange es im klagefreudigen Amerika dauert, bis Borat das erste mal vor Gericht gezerrt wird.

Respekt ringen einem in jedem Fall die völlig uneitle und angenehm schamlose Darstellung Sacha Baron Cohens und seines „Produzenten“ Ken Davitianl, eines US-Armeniers, der die zweifelhafte Ehre hat, Borat bei seinem Film zu unterstützen – und das mit vollem Körpereinsatz.

Erstaunlich, das beide Figuren dabei trotz aller Derbheiten nicht zu Karikaturen verkommen und über den Film hinaus als lebendige Figuren funktionieren, die auch die wenigen emotionalen Schlenker letztlich wirkungsvoll machen. Borats unglaubliche Aussagen entspringen – im Gegensatz zu vielem was seine Interviewpartner sagen – einer fast kindlichen Naivität, mit der er selbst die bösartigesten Dinge aussprechen kann, ohne das man ihm unterstellen würde, tatsächlich ein schlechter Mensch zu sein. Und letztlich zeigt sich Borat lernfähiger, als es wohl viele der Leute sind, die er interviewt.

Laut Informationen des Verleihs, hat man die immense Wichtigkeit des Sprachwitzes bei Borat erkannt und wird den Film bundesweit in drei Fassungen verleihen: Original, Original mit Untertiteln und Synchronisiert. Wobei laut Fox in den neuen Bundesländern nur die Synchronfassung laufen wird. Go Figure.

Die Originalfassung ist ohne Abstriche zu empfehlen, die Untertitel sind mittelprächtig gelungen (so wird z.B. retarded mit geistesverzögert übersetzt) und die wenigen Szenen, die ich synchronisiert gesehen habe, vermittelten auch wenn man sich Mühe gegeben hat einfach nicht mehr den Witz des Originals. Der beste Kompromiss bleibt wohl die OmU-Fassung, auch wenn die Zuschauer dadurch bisweilen zwei Untertitelspuren im Bild haben. Die englischen, wenn Borat und sein Produzent „kasachisch“ reden (In Wirklichkeit hebräisch und armenisch) und die deutschen, die die Englischen übersetzen.

Die Kontroverse um den Film, die sogar George Bush veranlasste sich mit dem Thema zu beschäftigen und die kasachische Regierung auf den Plan treten ließ, um klarzustellen, das Kasachstan ganz anders ist, als Borat es schildert, blieb von diesem natürlich nicht lange unkommentiert. Die Vorwürfe verarbeitete Sacha Baron Cohen auf seine Art:

Abgesehen davon, dass der Film sehr viel mehr über die Denkweise der Amerikaner enthüllt, als dass er versucht, ein tatsächliches Bild von Kasachstan zu entwerfen, sollte man auch nicht zu empfindlich sein, als Land, das von einer Demokratie weit entfernt ist und auch gerne mal Oppositionsführer verschwinden lässt.

Jagshemash!

Offizielle Filmseite (sehr ulkig)

Deleted Scenes aus dem Film auf der inoffiziellen Borat Fanpage

Offizielle Seite Kasachstan

Die Süddeutsche über Borat

  • Jan 24. 10. 2006 an 7:47

    yagshemash…

  • Georg 24. 10. 2006 an 8:53

    „Herstellungsland: USA 2006“ ist nicht ganz richtig, da es sich primär um eine englische Produktion (mit einer zusätzlichen Finanzspritze aus den USA) handelt. Sacha Baron Cohen ist im Übrigen Engländer und, darauf sollte die Kritik vielleicht hinweisen, hat das grobe Borat-Format (er befragt Menschen in character als verkleidetes Mitglied irgendeiner, dem weistlichen Mainstream als skurril erscheinenden Randgruppe) mit Ali G. und „Da Ali G. Show“ schon fast perfektioniert. Borat tauchte in der TV-Show auf, als sich der Charakter Ali G. abzunutzen begann und immer mehr Interview-Partner Baron Cohen erkannt haben, statt Ali G. auf den Leim zu gehen. Jagshemash.

  • problematik.net » borat, der film… und die passende website zum film… 24. 10. 2006 an 9:20

    […] zu’borat, der film… und die passende website zum film…‘ RSS feed fuer kommentare und trackback URI fuer ‚borat, der film… und die passende website zum film…‘   […]

  • Batzman 24. 10. 2006 an 16:03

    @Georg

    Nachdem sowohl die imdb als auch die ofdb Borat als amerikanische Produktion geführt haben, hatte ich mich entschlossen denen Glauben zu schenken.

    Das Sacha Baron Cohen Engländer, Cambridge-Absolvent und Erschaffer der Ali.G Show ist, in der die Borat-Figur, genau wie die des Brüno entstand, sollte sich mittlerweile herumgesprochen haben und muß denke ich nicht in jedem Artikel wieder breitgewalzt werden. MTV läuft schließlich auch in Deutschland und so ganz unbekannt ist er hier ja nun auch nicht.

  • cine:plom 24. 10. 2006 an 18:23

    Borat…

    Der Borat-Kinofilm nun transzendiert in ungeahntem Maße sowohl Sacha Baron Cohens Fernsehvorlage, die noch stark den inzwischen konventionellen Fernsehboden der komödiantischen Viktimisierung ahnungsloser realer Personen beackerte, mit einer Ahnengal…

  • Sebastian Sachse 24. 10. 2006 an 22:35

    Wird er eigentlich wieder von Mola synchronisiert?

  • Batzman 24. 10. 2006 an 22:39

    NEIN! Auch wenn ich die Synchronfassung für nicht empfehlenswert halte, weil der Dokucharakter darunter einfach verschwindet, so unsensibel daß sie MuskelMola nochmal vors Mikro lassen, waren sie dann doch nicht…

    I mean… damn!

  • Marcus kleine Filmseite 25. 10. 2006 an 9:00

    ja ein wahnsinns-gaudi, die mehr über die USA verrät als über kasachstan.

    würde auch um die synchro einen weiten bogen machen. „borat“ ist für mich bis jetzt die komödie des jahres, wobei vieles eigentlich auch zum heulen ist ;-)

  • Kreuzberger 25. 10. 2006 an 13:08

    Manueller Trackback: Gerade eben im Gratis-Preview von Borat gewesen. Für ohne Geld gehts gerade noch, aber warum sollte man für dieses Machwerk auch nur einen Euro ausgeben?

  • Petr Pivo 25. 10. 2006 an 14:56

    Sich als Osteuropäer ausgeben? Wie kann man nur…

  • Injecter 26. 10. 2006 an 1:19

    Was hebräisch/armenisch? Jag sie masz ist eindeutig Polnisch/Tschechisch!

    Ich will den Film sehen… In O oder OMU… JETZT!!! :(

  • Batzman 26. 10. 2006 an 1:30

    Polnische Worte verwendet er auch (wie man sehr schön in einer deleted scene beim Tischgebet merkt), die rasanten Zetterduelle die er sich mit seinem Produzenten liefert, werden allerdings größtenteils in hebräisch und armenisch bestritten, weil die beiden diese Sprachen fließend beherrschen (Der Schauspieler des Produzenten stammt aus Armenien).

  • YAMB.BETA² » Borat III: Cultural Learnings of Germany 26. 10. 2006 an 12:37

    […] Einen weiteren Borat-Review gibt bei den „5 Filmfreunden“ (Ah, auch bei Christian verlinkt …). Ist mir persönlich ein wenig zu routiniert runtergeschrieben, kommt aber mit einem interessanten Link: Um den Film zu genießen, muß man […] ihn einfach als Gesamtwerk akzeptieren, dessen Aussagen stimmig sind, egal ob die Szenen nun “echt” oder “fake” sind. […]

  • Nerdcore - A Blog about very cool Stuff. Und so. 26. 10. 2006 an 18:37

    […] Der Oli hat bei den Filmfreunden ein paar mehr Details. […]

  • Injecter 1. 11. 2006 an 16:10

    @Hebräisch/Armenisch/Polnisch Ahh!!!

    In einem Interview hat Sacha Baron übrigens mal erzählt, das er auf sein Notiz-Klemmbrett da immer auf Hebräisch schreibt, weil das ausländisch aussieht. Ein Israeli hat sie aber dabei mal enttarnt…

    PS: Warum dürft ihr den Film schon sehen!!! Und vor allem wo!

  • Byko 10. 11. 2006 an 19:07

    Verstehe ich gar nicht wiso er polnisch?!?
    „Dziekuje“ – Danke schön und „Jak sie masz“ – Wie geht´s … anstatt kasakisch spricht … Ok, ich weiss , es soll Satire sein ;)

  • Webrocker » Danger Seeker 17. 11. 2006 an 13:47

    […] Sasha Baron Cohen ist ja im Moment in aller Munde, vor allem wegen seines “Borat” Films und den damit verbundenem Trubel. Neben Borat und Ali G hat er aber noch eine weitere Kunstfigur im Werkzeugköfferchen: Bruno, den homosexuellen Österreicher. Und diesen schickt Cohen hier auf ein (Nazi)Skinhead-Festival und… aber seht selbst. […]

  • Uwe Keim (notwendig) 21. 11. 2006 an 7:07

    Durch einen Spreeblick-Hyperlink hierhergelangt, möchte ich mal kritisieren:

    Deine Filmrezession (zumindest diese hier) hat überhaupt keinen Charme. Du verwendest Worthülsen, schreibst so wie unsere Hinterhof-Journalisten der hiesigen Tageszeitung schreiben, und das Gesamtbild sieht für mich so weichgespült und kritiklos aus als hättest Du aus den Presseinformationen der Filmhersteller abgeschrieben.

    Mir fehlt da leider komplett ein origineller, persönlicher Stil, der die Leser (zumindest mich) dazu bewegt genau hier zu lesen und eben nicht bei den tausenden anderen gleichgeschalteten Medien.

    (Ich hoffe Du verstehst meine Kritik als solche und nicht als Beileidigung)

  • troll 22. 11. 2006 an 0:38

    Beileid ist unangebracht; jeder Hinterhof-Journalist würde sich über Blumen und konstruktive Kritik freuen.

    Doch was ist deine genaue Kritik an der Kritik?

    Du hast sie doch gelesen, Spreeblick sei Dank! *gg*

  • pansor 30. 11. 2006 an 15:17

    0.44mm is n bisschen wenig was? 0.44inch wohl eher = ~11mm

    gruß

  • Slick 24. 1. 2007 an 23:34

    Hallo Zusammen!

    Wie erschüttert man nun über Amerika ist … Aber hätte man einen Rassisten, drei matschbirnige Jugendliche und andere Dummheiten nicht auch in Deutschland oder jedem anderen Land finden können?

    Alles Ansichtssache unter der Berücksichtigung von Vorurteilen.

    Schönen Abend!

  • DS 30. 6. 2007 an 21:53

    Da gebe ich Herrn Slick vollkommen recht.

    Nebenbei möchte ich doch noch die Abendgesellschaft erwähnen, die sich bis zur Schmerzgrenze verständnis – und respektvoll um Borat gekümmert haben und wohl recht intelligente, liberale Menschen waren. Ich denke, sie hatten es nicht verdient, derartig verarscht zu werden.
    Das stieß mir dann schon etwas auf. (ganz im Gegenteil zu den Rodeo-Zuschauern…)

  • Brüno (Review) | Die Fünf Filmfreunde 10. 7. 2009 an 1:50

    […] Baron Cohens zweiter halbdokumentarischer Streich nach dem Überraschungsschocker “Borat” trägt eine schwere Bürde mit sich. Konnte er den ersten Film noch in relativer Anonymität […]