Review

Fast Food Nation

6. 3. 2007, Batzman (Oliver Lysiak), 4 Kommentare

„There’s shit in the meat. „

Originaltitel: Fast Food Nation
Herstellungsland: USA 2006
Regie: Richard Linklater
Darsteller: Erinn Allison, Patricia Arquette, Mitch Baker, Bobby Cannavale, Frank Ertl, Gina Garza, Luis Guzmán, Ethan Hawke, Ashley Johnson, Greg Kinnear

Fast Food Nation

Sachbücher zu fiktionalen Stories zu verfilmen ist spätestens seit Woody Allens „Was Sie schon immer über Sex wissen wollten*“ eine erprobtes Stilmittel, das fast immer zu ungewöhnlichen Filmen führt. Zu den jüngsten Vertretern dieses Subgenres gehört auch „Fast Food Nation“ mit dem Richard Linklater nach dem etwas anstrengenden und bedingt gelungenen „A Scanner Darkly“ wieder in zugänglichere Gefilde zurückkehrt.

Zusammen mit dem Autoren des gleichnamigen Sachbuch-Bestsellers, spinnt Linklatter einen komplexen insich verschachtelten Geschichtenkosmos und geht das Thema von verschiedenen Seiten aus an. Mit einer imposanten Cast, in der sich Stars wie Bruce Willis, neben soliden „Zweite Reihe“-Darstellern wie Greg Kinnear, Jungstars wie Lou-Taylor Pucci („Thumbsucker„, The Chumscrubber„) und Paul Dano („L.I.E.“, Little Miss Sunshine)“, Indi-Größen wie Ethan Hawke und Popstars wie Avril Lavigne abwechseln, zeigt er Ausschnitte aus dem Leben jener, deren Leben von Fleischindustrie bestimmt wird.

Ob es die illegalen Immigranten sind, die unter Lebensgefahr über die mexikanische/amerikanische Grenze kommen, um dann unter unmenschlichen Bedingungen lebend, in den Schlachthäusern zu arbeiten, ob es die Angestellten und Chefs von Burger-Ketten sind oder die Rinderzuüchter, die sich mit den großen Fleischkonzernen und ihren Auflagen arrangieren müssen, Jugendlichen Politaktivisten die sich für Tierrechte einsetzen oder Lobbyvertreter die die Burger letztlich verkaufen.

Für Mainstreamzuschauer irritierend mag sein, daß dem Film auf halber Strecke der vermeintliche Hauptdarsteller abhanden kommt, der erst zum Ende wieder auftaucht. Entgegen der klassischen Hollywooddramaturgie starten wir den Film zwar mit der von Greg Kinnear gespielten Figur Don Anderson, der als erfolgreicher Marketingchef des Fast Food Giganten „Mickey’s“ (was zufällig auch ein in Amerika gebräuchlicher Spitzname für McDonalds ist) losgeschickt wird, um den zu befürchtenden Imageschaden vom Konzern abzuwenden, nachdem bei Proben mehrfach Fäkalreste im Fleisch gefunden wurden.

Also reist er nach Texas um die Vorfälle dort zu untersuchen, spricht mit Filialleitern, Angestellten und lässt sich die Fleischfabrik zeigen. Natürlich wird er ungewollt mit Dingen konfrontiert, über die er bisher eher nicht nachdachte und natürlich beschleichen ihn Zweifel an seiner Arbeit, nachdem er tiefere Einblicke in die tier- und menschenverachtende Realität bekommt, die hinter dem Produkt Fleisch steht.

Entgegen der Erwartung sehen wir zwar Dons moralischen Konflikt, ohne das dieser tatsächlich aufgearbeitet wird. Nach der Hälfte des Films verschiebt sich der Fokus der Erzählung und wir erleben den Kampf der illegalen Immigranten, die sich im „gelobten Land“ versuchen anzupassen, die Drecksjobs übernehmen, ausgebeutet werden und Demütigungen hinnehmen, weil das was sie in Amerika verdienen immer noch besser ist, als das was ihnen ihr eigenes Land zu bieten hat. Sexuelle Belästigung durch Vorgesetzte nimmt man dabei ebenso hin, wie gesundheitliche Risiken und tödliche Unfälle.

Ein weiterer Handlungsstrang thematisiert die Welt der Collegekids, die sich entscheiden müssen ob sie der Verlockung des vermeintlich leichten Jobs hinterm Fast Food-Tresen nachgeben und damit riskieren für immer in einem perspektivlosen Leben gefangen zu sein, das mit vermeintlichen Aufstiegsmöglichkeiten lockt sie letztlich aber davon abhält größeres zu erreichen. Schnell wird aus dem McJob ein McLife, ohne Aussicht auf Flucht.

Linklater zeigt aus jedem Bereich mehr als eine Figur, gibt streiflichtartige Einblicke in verschiedene Lebensentwürfe, die irgendwie alle mit der amerikanischen Lebensmittelindustrie zu tun haben. Es geht nicht nur die „bösen Fleischmogule“ es geht um die komplette wirtschaftliche und soziale Infrastruktur, die mit dieser Industrie einhergeht, die aufzeigt, daß ein Verlust von Würde, von Menschlichkeit sich quer durch alle Bereiche zieht, die mit dem Business in Kontakt kommen.

Es sind nicht nur die armen Tiere, die misshandelt werden, nicht nur die illegalen Immigranten, nicht nur die Angestellten, es sind alle. Selbst die Kunden verlieren, durch Essen das seinen Preis nicht wert ist und bei ständigem Konsum kaum das Wort Lebensmittel verdient.

Was der Film nicht anbietet und nicht anbieten will, sind einfache Lösungen und Patentrezepte. Er will einfach zeigen in der richtigen Vermutung, daß sich der Zuschauer selbst seinen Reim auf die Geschichten machen wird. Lediglich in der Figur des Ethan Hawke als rebellischer, politisch wacher Onkel der Schülerin Amber, wird explizit moralisch argumentiert, als er versucht sie aufzuwecken und nicht ins Netz der McJobs zu fallen. Bruce Willis in einem eindrucksvollen, ernüchternd ekligen Kurzauftritt als Rindergroßhändler, vertritt hingegen die andere Seite des Spektrums, eine pragmatische Sichtweise auf die Realität der Fleischindustrie.

Inwiefern der Zuschauer sich auf diese Erzählweise einlässt wird in hohem Maße wohl von seiner Grundeinstellung abhängen, inwiefern er mit diesem Flickenteppich aus Storyfragmenten die alle Impressionen geben, aber keine abgeschlossenen Stories mit fest definierten Enden, warm wird oder nicht. Trotz klassischer Dramamomente, sind die Figuren doch deutlich Argumentationspunkte, die ihre Herkunft aus einem Sachbuch nicht immer verleugnen können, das große emotional involvierende Drama, das tatsächliche Mitfiebern mit den Protagonisten bleibt aus, weil ihre Geschichten wie die Realität die sie abbilden eben doch etwas unpointiert enden.

Das dramaturgische Dilemma ist eben, das Linklater, will er die Zuschauer nicht mit Simplifizierungen und einfachen Lösungen entlassen, die Geschichte offen halten muss und nicht abschließen darf, dadurch nimmt er sich aus erzählerischer Sicht natürlich auch die Möglichkeit emotional-dramatisch befriedigende Storybögen zu spinnen. Da steht ihm dann leider die Botschaft im Weg und das Problem, das der Film natürlich in erster Linie eine fiktionalisirte Schulstunde zum Thema Fleischindustrie ist.

Und natürlich leidet der Film wie viele seiner Art an dem Problem, daß er wohl kaum diejenigen erreichen wird, die nicht eh schon offsen sind für seine Aussagen. Das ewige Dilemma des „Preaching to the converted“ kann auch Linklater nicht gänzlich umgehen, auch wenn die Masse an aufgefahrenen Stars sicherlich den einen oder anderen in den Film locken wird, der sich eine Dokumentation zu gleichen Thema nicht angesehen hätte.

Durch seine eher ernsthafte und moralische Herangehensweise, wird „Fast Food Nation“ zudem für viele weniger leicht und gefällig konsumierbar sein, als artverwandte aber doch eher leichtfüssige Filme wie „Thank you for Smoking“ oder „Lords of War“, die ihre Themen weniger ernsthaft angehen und sich hinter einer Rauchwand aus zynischen Scherzen verschanzen, in der Hoffnung, daß niemand merken wird, wie wenig differenziert ihre Sichtweisen sind, wie wenig „Fleisch“ ihre Argumentationen letztlich haben. Humor kommt in „Fast Food Nation“ eher am Rande vor, er will sein Thema nicht trivialiseren, läuft damit aber auch Gefahr in einigen Momenten verbissen zu wirken.

Die Reaktion einiger Kritiker, die meinten das die moralische überlegene Sichtweise des Ganzen einen alleine aus Trotz schon dazu bringen wird, nach dem Film in den nächsten Burgerladen zu gehen um einen BigMäc zu fressen, ist durchaus nachvollziehbar, ist sie doch eine typische Reaktion, wenn man durch zuviele Fakten mit der Problematik des eigenen Verhaltens konfrontiert wird. Ja, der Film redet einem ins Gewissen und genau das macht ihn angreifbar, durch diejenigen die ihn gerne als moralingeschwängertes Gutmenschenkino brandmarken wollen.

Es ändert nichts an der Richtigkeit seiner Aussagen und der Leistung Linklaters, innerhalb eines Unterhaltungsfilms die sehr komplexen Zusammenhänge seines Themas aufzuzeigen und nachvollziehbar zu machen.

Und genau das macht ihn letztlich doch sehr sehenswert.

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  • vellist 6. 3. 2007 an 22:44

    Ich habe den Film letzte Woche gesehen und während der letzten halben Stunde im Kino darüber nachgedacht, ob ich je zuvor einen langweiligeren gesehen hätte.

    Mir ist keiner eingefallen.

    Eine Dokumentation zu dem Thema wäre sich spannend gewesen (weil real), ein Spielfilm auch (entsprechend fiktionalisiert und eben *mit* Spannungsbögen, richtigen Charakteren etc.), aber dieser Kompromiss leidet enorm darunter, dass er weder das eine noch das andere ist.
    Weder unterhält er (zu sehr Doku), noch macht er betroffen (zu sehr Spielfilm) – wenn das Konzept sein soll, möchte ich Sugar Kowalczyk aus „Manche mögens heiß“ zitieren: „Vielleicht haben sie ja ganz was Falsches versucht“.

  • Sebastian Sachse 10. 4. 2007 an 20:20

    Ich gebe vellist Recht, der Film war einfach gähnend langweilig, ich bin da echt wohlwollend reingegangen. Aber hat nicht sollen sein. Genauso verschenktes Potential wie der öde Supersize me.

  • mentalsavage 13. 4. 2007 an 10:59

    Immer schwierig, aus einem Sachbuch einen Spielfilm zu machen – der dann nicht nur die Botschaft transportieren, sondern auch noch unterhalten soll. Aber ich fand es gerade spannend, mal keinen typischen Hollywood-Spannungsbogen zu sehen mit dramatischem Show-Down und/oder Happy End, sondern mehrere ruhig erzählte ineinander verwobene Geschichten ohne zwingenden Abschluß.

    Die Ekel-Szenen zum Schluß im Schlachthaus wären in der Form allerdings arg plakativ und billig, ähnliche Schock-Bilder hätte man auch aus der beschaulichsten Öko-Metzgerei zeigen können.

  • anonymundso 20. 2. 2009 an 22:23

    also der film soll denke ich nicht spannend sein. du könntest ihn ein 2tes mal anschauen und mal ganz genau auf aussagen/handlungen achten. ichh abe mich nicht glnagweilt beim film, weil es das denken anregt. zb die kühe die eben nicht so einfach zu befreien sind, wie es scheint. ein offenes tor zur freiheit wird nicht gesehn, wenn zb kein wille zur freiheit besteht. ich hätte in dem fall zwar schafe für das bild besser gefunden, die liessen sich aber wohl kaum mit dem fastfood motiv verbinden.