Review

Little Children

7. 5. 2007, Renington Steele, 9 Kommentare

Pünktlich um halb elf gab es eine kleine Zwischenmahlzeit – „KINDER, ESSEN KOMMEN“ – eine Sitte die Mary-Anne eingeführt hatte und bewahrte, denn sie war davon überzeugt, dass das strikte Befolgen eines Zeitplans nicht nur der Schlüssel für eine gute Ehe war, sondern auch für eine effektive Kindererziehung.

littlechildren.jpgOriginaltitel: Little Children
Herstellungsland: USA 2007
Regie: Todd Field
Darsteller: Kate Winslet, Patrick Wilson, Jennifer Connelly, Gregg Edelman, Jackie Earle Haley

Das Rating steht am Ende des Reviews, denn es würde demselben unnötig vorausgreifen.

Disclaimer: Könnte sein, dass hier Spoiler drin sind. Ich hab nicht nachgesehen.

Der aus dem Knast entlassene Pädophile Ronald James McGorvey zieht zurück zu seiner Mutter in die Bostoner Vorstadt East Wyndam und verursacht damit einen ziemlichen Bohei. Plakate werden gedruckt, die Nachbarn sind beunruhigt, im Fernsehen wird gehetzt. Währenddessen begegnen sich Sarah (Kate Winslet) und Brad (Patrick Wilson) im Park, verlieben sich augenblicklich ineinander. Beide sind einigermaßen unglücklich verheiratet, er mit Karrierefrau Kathy (Jennifer Conelly), sie mit Bikini-Fetischist Gregg, und beginnen eine Affäre, während Brads Bekannter Hedges eine Hetzkampagne gegen den pädophilen Ronald beginnt.

Little Children ist ein Film über die Abgründe der menschlichen Seele, über Lust, Liebe und Fetisch. Er nimmt dabei kein Blatt vor den Mund, entblättert die Gefühle seiner Protagonisten mit einer zupackenden Art und bewart sich dabei aber eine feine, ironische Distanz zum Geschehen, die nicht zuletzt mit einem unterkühlten, das schnoddrigen Erzähler aus dem Off, der Zeilen aus dem Roman von Tom Perrotta rezitiert, unterstrichen wird.

Little Children erzählt von gesellschaftlichen Normen und wie sie menschliche Verhaltensweisen maskiert, ohne dies zu Werten. Dabei ist der Film äußerst elegant inszeniert. Oft folgt die Kamera den Protagonisten, suggeriert so eine ständige subjektive Kamera, durch die man die Menschen beobachtet. Manche Plattheiten verzeiht man dem Film gerne, etwa wenn Sarah (Kate Winslet) sich zu Beginn vor drei Vorstadt-Hausfrauen zum Affen macht. Diese sind nämlich noch platter gezeichnet, als die fiese Blondine aus „Desperate Housewifes“. Ansonsten ist der Film angenehm frei von Klischees.

Die Figuren sind vielschichtig, die Handlung schlägt Haken, die man so nicht erwartet, ohne den Zuschauer mit konstruierten Twists zu nerven. Sarah und Brad prallen aufeinander wie Hochgeschwindigkeitszüge, die Anziehung zwischen den beiden ist zu jedem Moment spürbar. Jennifer Conelly mimt eine wunderbare Erfolgsfrau, die zu keinem Zeitpunkt kalt daherkommt. Ein verklemmter Pädophiler wandelt sich nicht vom Saulus zum Paulus, sondern bleibt ein verklemmtes Würstchen bis zum Schluß. Und beim Schluß, da hat dieser Film ein Riesenproblem.

Wie soll ich einen Film bewerten, der mich über 120 Minuten lang wirklich gefesselt hat mit seiner feinen Inszenierung, der dichten Story, den guten Schauspielern – der in den letzten 10 Minuten wirklich alles, ALLES was diesen Film ausmacht in den Lokus kippt? Da wird ein Ende dermaßen herbeikonstruiert, Figuren tauchen an Plätzen auf, an denen sie vorher noch nie gesichtet wurden, wandeln dabei ihre komplette Persönlichkeit, da wird Skateboarding der großen Liebe vorgezogen und Nebenhandlungen werden fallengelassen wie heiße Kartoffeln. Das Ende ist so dermaßen unbefriedigend, dass es mich tatsächlich furchtbar geärgert hat. Es wirkt, als ob die Autoren das Drehbuch zackzack fertigstellen mussten und man so einfach die letzten zweihundert Seiten des Romans gestrichen hat.

Und deshalb erst hier das Rating:

1. bis 120. Minute:
120. bis 130. Minute

  • plumpaquatsch 7. 5. 2007 an 15:56

    Beängstigend wie nah die Rezensionen der 5 Filmfreunde meine eigene Meinung widerspiegeln…

    Das Ende hinterließ mich schlicht ratlos und so blieb ich noch einige Minuten nach dem Abspann sitzen um auf eine akzeptable Auflösung zu warten.

    Ansonsten war der Film einfach grandios. Schön wie gezeigt wurde dass der Pädophile nicht nur Opfer, sondern auch widerlicher Täter sein konnte.

    Wunderbar das verzweifelte Aneinderklammern von Sarah und Brad in der Hoffnung ihrer eigen Hölle zu entkommen.

    Trotz aller Tragik kam manch humoristisch gekonnter Satireeinschlag nicht zu kurz.

    …und der lakonische Off-Erzähler machte den Film mitunter zu einem Roman.

    Alles in allem: gelungen und sehenswert!

  • Mental Savage 7. 5. 2007 an 17:14

    Ich kann die herbe Kritik am Ende nicht wirklich teilen, sondern fand den Schluß sogar einigermaßen rund. Gerade weil es hier weder ein Happy End, noch einen tragischen Höhepunkt gibt, sondern durchaus gemischte Gefühle, fand ich das sehr passend. Aber ich hab auch nicht das Buch gelesen, insofern weiß ich nicht, ob und wie elegant Tom Perotta die Story im Original abgeschlossen hat.

  • Hausmeister 7. 5. 2007 an 20:13

    Auf der einen Seite muss ich Recht geben: ein so „unbefriedigendes“ Ende habe ich seit „Before Sunset“ nicht mehr gesehen. Dort war es ziemlich genial. Bei „Little Children“ bleibt ein komischer Nachgeschmack. In sich finde ich das Ende dann aber doch schlüssig, wobei auch ich nicht verstehen kann wie man für ein paar Skateboard-Tricks auf Kate Winslet verzichten kann. Dieser Punkt wirklich tatsächlich sehr unrealistisch, alles andere fand ich gut zum Abschluss gebracht.

  • Renington Steele 7. 5. 2007 an 21:00

    *SPOILER*

    Naja, erstens lässt er seine große Liebe für ein paar Skater sausen, bricht sich dabei natürlich alle Knochen, der Pädophile kastriert sich und sein größter Feind taucht just in diesem Moment auf dem Spielplatz auf – was hat der da zu suchen? Ich kann das Ende ja so lesen, dass es einfach die Affäre von Sarah und Brads als Illusion entlarvt, mir stellt sich die Frage: war es eine Illusion? Mich hat das Ende jedenfalls sehr geärgert, vor allem, weil der Rest des Films so äußerst brillant ist!

    *SPOILER ENDE*

  • TRICK 8. 5. 2007 an 21:22

    bahh… is doch was für Weiber

  • Renington Steele 8. 5. 2007 an 21:26

    Genau wie Hip Hop, was Holger? Du Pfeife.

  • Oh, what a world. » Blog Archive » Little Children 9. 5. 2007 an 22:05

    […] Eigentlich sollte hier eine Rezension zu “Little Children” stehen. Renés herbe Kritik an dessen Ende war der endgültige Auslöser gewesen, doch noch etwas über diesen Film in die Tastatur zu tippen. Wie soll ich einen Film bewerten, der mich über 120 Minuten lang wirklich gefesselt hat mit seiner feinen Inszenierung, der dichten Story, den guten Schauspielern – der in den letzten 10 Minuten wirklich alles, ALLES was diesen Film ausmacht in den Lokus kippt? Da wird ein Ende dermaßen herbeikonstruiert, Figuren tauchen an Plätzen auf, an denen sie vorher noch nie gesichtet wurden, wandeln dabei ihre komplette Persönlichkeit, da wird Skateboarding der großen Liebe vorgezogen und Nebenhandlungen werden fallengelassen wie heiße Kartoffeln. Das Ende ist so dermaßen unbefriedigend, dass es mich tatsächlich furchtbar geärgert hat. Es wirkt, als ob die Autoren das Drehbuch zackzack fertigstellen mussten und man so einfach die letzten zweihundert Seiten des Romans gestrichen hat. […]

  • MC Winkel 14. 5. 2007 an 11:09

    … wollen wir hoffen, dass die DVD mehrere alternative End bereithält. Klingt sonst nämlich recht vielversprechend, Renße!

  • moviebuzz 19. 5. 2007 an 19:52

    Ähnlich wie American Beauty, versucht auch Little Children spiralenhaft in die vorbestimmte Tragödie zu gleiten. Dabei kommt es in der zweiten Hälfte des Filmes tatsächlich zu Problemen: Man nimmt den Protagonisten ihr Verhalten einfach nicht ab – das Ende selbst ist ein wenig konstruiert…ansonsten ein guter Film.

  • Julie Paradise — Wie kleine Kinder 26. 5. 2007 an 18:06

    […] bin ich auch mit dem Ende versöhnt, mit dem ja gerade Renington Steele bei den Filmfreunden so ein großes Problem […]

  • bazz44 24. 6. 2007 an 13:32

    Muss ich leider auch sagen,
    der Film ist echt genial,
    sehr packend, die Figuren
    symphatisch aber das Ende
    ging gar nicht. Trotzdem super,
    aber schaut ihn euch lieber in
    Englisch an, da kommt der noch
    besser rüber.

  • A little bit of me « Taking detours to the marrow 3. 12. 2010 an 22:46

    […] unsettling „Little Children„. I´m still uneasy about […]