Review

There Will Be Blood

11. 2. 2008, Batzman (Oliver Lysiak), 11 Kommentare

„I have a competition in me. I want no one else to succeed. I hate most people.“


Originaltitel: There will be blood
Herstellungsland: USA 2007
Regie: Paul Thomas Anderson
Darsteller: Daniel Day-Lewis, Ciarán Hinds, Dillon Freasier, Paul Dano

Nilz
Batzman
Jet Strajker

bloodklein.jpg„I am a false prophet, god is a superstition!“

-= Achtung SPOILER: dieser Beitrag verrät etwas über den Inhalt des Films! =-

Fangen wir mit dem positiven an. There will be blood ist wunderbar fotografiert. Der ganze Film sieht aus wie man sich eine Postkarte aus Klondike vorstellt. Alles ist irgendwie pitoresk, selbst der Dreck sieht aus wie kunstvoll drapiert. Jeder Ölschmierer im raubauzigen Gesicht der kernigen Männer ist stylishe Veredelung der sorgsam inszenierten Tableaus. Dazu kommt eine Musik, die zwischen Bombast und schrillen Stummfilmanklängen, Hitchcockschen Soundcollage und altmodischem Geigenspiel schwankt. Es ist ein Augenfilm, aus dem jedes Bild ein wunderbares Gemälde abgeben würde. Die harten Gegensätze der fast völlig schwarzen Aufnahmen unter Tage, gegen die gleissend grellen Wüstenaufnahmen, scharfe Kontraste und die fettige Nase von Daniel Day-Lewis die über die volle Laufzeit eindrucksvolle Reflexe wirft.

Der Film lässt einen schon gleich zu Beginn wissen, daß hier ein Epos ins Haus steht. Innerhalb der ersten 20 Minuten gibt es gleich mehrfach Datumseinblendungen, die einen über Plainviews Weiterentwicklung informieren. Alles immer in großen Bildern. Die erste Viertelstunde kommt, wenn man von Grunzen und Stöhnen mal absieht, völlig ohne Dialog aus.

Dann jedoch fängt Daniel Day Lewis das erste mal an zu reden und für mich war dies der Moment, an dem der Film eine Beschädigung erlitt, von der er sich nie wieder so ganz erholen sollte. Denn die Fähigkeit “There will be blood” wirklich zu mögen wird wohl bei jedem Zuschauer sehr stark davon abhängen, inwieweit er sich mit dem völlig überzogenen und mehrfach die Grenze zur Karikatur überschreitenden Spiel des Hauptdarstellers anfreunden kann.

Daniel Day Lewis grimmassiert ab der ersten Sekunde, rollt die Augen, lüpft die üppigen Augenbrauen und spricht mit einer Stimme die mich mehr als einmal an Hans-Dieter Hüsch als Erzähler von “Väter der Klamotte” erinnerte. Eine gepresst, forciert raue Stimme, die nie eine Sekunde natürlich klingt und Plainview durchgängig wie die Schurkenbesetzung eines Charlie Chaplin-Films oder drittklassigen Boulevard-Theaters wirken lässt. Das er sich nicht noch am Schlips zutzelt oder den Ganovenschnurrbart zwirbelt ist eigentlich alles.

Selbst wenn man anerkennt, daß eine gewisse Showmanship zum Charakter der Figur gehört, fällt es mir schwer Plainview als realen Menschen zu sehen und nicht als immer am Rande des Wahnsinns ballancierende Farce auf zwei Beinen. Und es fällt schwer diesen Fakt zu ignorieren, da Plainview den Film trägt, ja, er ist der Film ist. “There will be blood” ist die Daniel Day-Lewis-Show und wer schon Filme mit Al Pacino gesehen hat, in denen dieser vom Regisseur nicht gebremst wurde und sich in ewigen Monologen ergehen durfte, hat trotzdem nur eine ungefähre Ahnung davon was einem hier bevorsteht. Die englische Phrase “hamming it up”, mit der man besonders dick aufgetragene, besonders breit gespielte Schauspielleistungen beschreibt, reicht fast nicht aus um alleine die Leistung von Lewis Stimmperformance zu beschreiben. Kein Wunder das Phrasen wie “I drink your milkshake” oder “Noooo i aaaaaabandooonned my chiiiiild!” schon jetzt mit der legendären Kleiderbügelszene aus “Mommy Dearest” verglichen werden. Der Cheese-Faktor ist bei beiden so groß, daß es schwer fällt beim Anschauen ernst zu bleiben.

Das wäre vielleicht nicht so schlimm, wäre Daniel Day Lewis eingerahmt in ein Ensemble zurückhaltender Figuren, doch dem ist leider nicht so. Paul Dano, der in L.I.E. und Little Miss Sunshine seine nuancierten und differenzierten Schauspielkünste unter Beweis stellte, wird hier zu einer ähnlichen Schießbudenfigur wie Lewis. Beide sind von Anfang an mehr oder minder berechnend geisteskrank, beide sprechen in großen Gesten, heben und senken die Stimme als gelte es eine Oper durchzuatmen und gestikulieren wie Indiana Jones in einem Moskitoschwarm. Wäre “There will be blood”-Theater, könnten auch die Zuschauer auf den billigsten Plätzen noch gut sehen was passiert, so ausladend, so dick werden die Figuren ausgespielt. Auch andere Rollen stehen da kaum zurück, ob nun der mummelgreisige Farmbesitzer oder der vermeintliche Bruder mit dem Dauerzittern in der Stimme. Ich hatte stets das Gefühl, daß Pitti Anderson mit dem klassischen George Lucas-Satz hinter der Kamera stand und Regie führte: FASTER AND MORE INTENSE!

Es muß zum Konzept des Films gehören, denn derartige Leistungen passieren nicht aus Versehen. Nichtmal einem Martin Scorcese, der ja bekanntlich in “The Departed” ebenfalls Schwierigkeiten hatte Nicholson im Zaum zu halten. Doch nichtmal Jack schießt so über das Ziel hinaus wie Day Lewis, also gehe ich davon aus, daß es gewollt ist, das die Figuren Karikaturen sein sollen und ich lediglich mit diesem Konzept wenig anfangen kann. (Andererseits kommt mir grade „Gangs of New York in den Sinn“ in dem Scorcese DDL ebenfalls derartig über die Stränge spielen ließ – vielleicht muß man ihm einfach ein paar Elefantentranquilizer in den tee kippen um von ihm eine subtile und leise Performance zu bekommen?)

Wobei wir zum zweiten Kritikpunkt kommen, der durchaus mit dem ersten zu tun hat: Es passiert relativ wenig. Ich mußte ziemlich grinsen, als ich beim Kollegen Nilz laß “und dann überschlagen sich die Ereignisse”, denn wenn Ereignisse in diesen fast 160minuten etwas nicht machen, dann ist es sich überschlagen. Selbst die Zeitsprünge zu Anfang werden in eher gemütlichem Tempo erzählt. Der komplette Subplot um den falschen Bruder der Plainview eines Tages zuläuft ist nicht mehr als ein dramaturgischer Schlenker, ohne tieferen Sinn. Die Fallhöhe, das große Drama verfehlt seine Wirkung, weil einem die Plainview Figur niemals nahe kommt, niemals wirklich zum Leben erwacht. Er erscheint einem in der ersten Szene in der man ihn trifft, wie jemand der verschlagen ist und sehr manisch daherkommt und so bleibt er bis zum Schluß. Eine echte Entwicklung die der Rede wert wäre findet nicht statt. Ja er mag eine gewisse Zuneigung zu seinem Adoptivsohn verspüren und kein ganz so harter Knochen sein, wie er behauptet, aber auch das ist schon am Anfang erkennbar. Plainview macht, anders als Jett Rink in “Giant” keine Wandlung durch vom kleinen Arbeiter zum Ölmillionär, er ist wenn der Film wirklich losgeht schon moderat wohlhabend und wird noch reicher.

Es gibt so wenig an dem sich sein Charakter abarbeiten kann. Die ganze Rivalität mit dem konstruiert daherkommenden Nachwuchspredigers Eli hat wenig emotionale Tiefe, denn letztlich sind einem beide Figuren ziemlich egal, weil sie auf ihre Art Machtbesessen und geisteskrank und unehrlich sind. Natürlich bemerkt man diese Ähnlichkeit schon sehr früh, auch der vermeintliche Gottesmann (oder Gottesbubi) ist ein eitler Gernegroß, dem mehr dran gelegen ist sich in Pose zu schmeißen und bekannt zu werden als wirklich Gottes Wort zu predigen. Plainview will Geld und Macht und Eli ebenfalls. Aber was für ein Gegner soll Eli sein, hat man doch die ganze Zeit das Gefühl, daß Plainview Knaben wie ihn vor dem Frühstück umhustet. Alles schön und gut, aber wo bleibt die Entwicklung? Wo die sympathischen Momente in denen man sich soweit mit einem der Charaktere indentifizieren könnte, das man sich wirklich drum schert was mit ihnen passiert. Das Jett Rink in “Giant” am Ende zusammenbricht und an seinem Erfolg zerbricht hat eine große Tragik, weil wir seine Entwicklung miterlebt haben und wissen das er nicht immer größenwahnsinnig und unsympathisch war. Bei Plainview und Eli ist es anders. Wir beobachten sie zwar, aber es bleibt – nicht zuletzt durch das theaterhaft groteske Spiel – eine große Distanz. Die technische Kunstfertigkeit des Films, die tollen Bilder und stimmige Postkartenatmosphäre ist dabei natürlich ein großer Pluspunkt. Alles sieht schon ziemlich schick aus. Aber es trägt auch dazu bei, daß man immer daran erinnert wird ein Period-Picture, einen Kostümfilm zu sehen. Es hat etwas davon in Omas Fotoalbum zu blättern und die sepiagetünchen Bilder anzusehen. Man weiß das waren einmal reale Menschen auf den Fotos, aber dennoch erscheinen sie einem irreal und geckenhaft in ihren Sonntagskleidchen wie sie inszeniert in die Kamera lächeln.

Wie die Menschen in alten Fotos unbedingt alles richtig machen wollten für den Fotografen, so will auch Pitti Anderson alles richtig machen. Wenn man dem Film etwas nicht vorwerfen kann, dann daß er keine Ambitionen hätte. Er will groß sein. Er will ein Epos sein. Ein Spartacus, ein „Gone with Wind“ ein “Giants” vielleicht auch. Doch dazu fehlt es ihm für meinen Geschmack einfach auch an originellen Ideen und nicht zuletzt an Handlung, an Charakter. An Figuren die mehr sind als breit gezeichnete Hülle. Wenn George Romero bisweilen mit seinen Untotenfilmen vorgeworfen wird platte Kapitalismuskritik zu betreiben, dann trifft dies auf “There will be blood” noch um einiges mehr zu. Hier ist wenig zu enthüllen, der Subtext blubbert unübersehbar wie das Öl durch die Oberfläche und hat am Ende doch eigentlich nichts als Binsenweisheiten zu verkünden. Natürlich ist das bisweilen ganz unterhaltsam und weiß Gott es wird ordentlich Budenzauber veranstaltet. Wie Plainview ist auch Pitti Anderson ein Showman, aber trotzdem bleibt bei mir der Eindruck das hier streckenweise viel Lärm um… nunja sicher nicht nichts, aber doch nicht so viel wie behauptet gemacht wird.

Es fällt schwer den Film nicht wohlwollend zu besprechen, merkt man ihm doch seine Anstrengung an. Alle haben sich reingehangen und stehen am Ende keuchend und verschwitzt auf der Bühne und haben wirklich ihr bestes gegeben. Aber auch mit noch so viel Mühe wird aus der Kaschperlbühne leider kein Staatstheater.

Wenn das der nächste Citizen Kane ist, dann warte ich glaub ich auf den Übernächsten… und trink bis dahin deinen Milchshake.

SLURRRP SLUUURP SLUUUURRRP!

Nilz meint:

Paul Thomas Anderson, ich habe es an dieser Stelle schon mehrmals zart erwähnt, ist für mich der visionärste Kopf des zeitgenössischen Kinos. Jeder seiner Filme hat mich erstaunt, mitgerissen, umgehauen. Dementsprechend gespannt war ich natürlich auf sein neuestes Werk. Nun hatte ich während der Berlinale die Möglichkeit den Film zu sehen und war natürlich überpünktlich am Kino. Und meine ganze Weltanschauung wurde wieder einmal erschüttert. Aber der Reihe nach:

In „There will be blood“ geht es um den Silberminenbesitzer Daniel Plainview. Ende des 19. Jahrhunderts besitzt er exakt eine Mine, die er selber bearbeitet und auschöpft. Das ist Knochenarbeit. Durch einen Unfall entdeckt er eines Tages Öl auf dem Grund seiner Mine. Nach den ersten Ölförderungen wächst sein Ein-Mann-Betrieb langsam heran: Er hat einige Jahre später schon eine Handvoll Mitarbeiter. Aber er selbst muss natürlich auch noch mit anpacken. Eines Tages geschieht ein Unfall an der Förderstelle und einer seiner Mitarbeiter kommt dbaei ums Leben und hinterlässt einen Sohn, ein kleines Baby an der Arbeitsstelle. Plainview nimmt sich des Jungen an und zieht ihn auf wie sein eigenes Kind. Die Jahre ziehen voran und Plainview wird immer mehr zum Profi. Er fährt in Gemeinden und kauft Felder unter denen er Ölvorkommen vermutet. Sein „Sohn“ ist dabei immer an seiner Seite. Eines Tages kommt ein junger Mann in sein Büro und erzählt das auf dem Land seiner Eltern das Öl schon aus dem Boden sickern würde. Plainview hat Blut geleckt, fährt mit seinem Jungen vor Ort um sich davon zu überzeugen und pachtet das Land schliesslich von dem Bauern, allerdings mit der Zusage die örtliche Kirche finanziell zu unterstützen.

Ab dem Tag der ersten Bohrung auf dem neuen Land wirft Plainview seine Versprechen über Bord und kümmert sich nicht mehr um die Belange der regionalen Glaubensgemeinschaft. Nach längeren Bohrarbeiten findet er schliesslich ein grosses Ölvorkommen, aber muss auch dafür einen hohen Preis zahlen bzw. ein grosses Opfer bringen. Das scheint ihn aus der Bahn zu werfen, er ignoriert ab jetzt die Kirche nicht mehr nur, er greift sie gezielt an. Weil der Priester, der Zwillingsbruder des Jungen der Plainview den Tip mit dem Feld gab, das Nicht-segnen des Förderturms verantwortlich macht für sämtliches Unglück das auf der Baustelle passiert. Und ab jetzt überschlagen sich die Ereignisse. Ein verschollener Bruder Plainviews taucht auf. Eine Pipeline soll gebaut werden. Und der Sohn erkennt seinen Vater nicht mehr wieder.

Da sass ich also im Kino und die ganzen Eindrücke prasselten auf mich nieder. Einer sehr stringenten Geschichte galt es zu folgen. Und langsam machte sich in meiner Magengrube ein gewisses Unwohlsein breit. Nur EINE Hauptfigur? Eine so geradlinige Geschichte, vor allem auch noch so geradlinig erzählt? Ein Drama zwar, aber Höhepunkte, die scheinbar nie ihren Zenit erreichen konnten? Irgendetwas war komisch beim sehen dieses Films. Ich gebe zu: Ich war davon ausgegangen PTA für den Film mindestens 4,5 Sterne geben zu können, nein, zu müssen. Im Voraus. Ich hatte nichts anderes als ein erneutes Meisterwerk erwartet, eine neue Offenbarung. Eine neue Demonstration, was Kino alles zu erzählen vermag. Neue Ansätze, neue Impulse, neue Sichtweisen. Ich erwartete ein glänzendes Cast, in dem sich die Schauspieler aneinander messen würden, so wie es ja zum Beispiel in Magnolia oder Boogie Nights der Fall war. Und als ich da auf meinem unbequemen Sessel sass, eingequetscht zwischen Berlinale-Fachpublikum, da wurde mir von Mal zu Mal mulmiger. Das hier war etwas Anderes als zuvor. Das war nicht mehr der PTA den ich kannte und verehrte.

Ich fand die Performance von Daniel Day Lewis als Plainview gut, sehr virtuos, sehr method – aber schrieb es auch der Figur an sich zu. Sie schien so eindimensional, immer nur von der eigenen Gier auf Geld getrieben. In allem was sie tat. Da war nichts menschliches. Da waren nur die Dollarzeichen in den Augen. Wenn er sie nicht gerade zusammenkniff. Lewis Figur nahm in dem ganzen Film aber so viel Platz ein, das die anderen sofort zu Nebenfiguren wurden. Der junge Priester, der Sohn, der Halbbruder. Sie alle spielten zwar eine Rolle in der Geschichte, aber wenn sie gerade weg waren hat man sie auch nicht vermisst. Jetzt war ich langsam ernsthaft verwirrt. Ich hatte das Gefühl alles vorrauszusehen, jede Entwicklung der Geschichte. Und wartete auf den einen Punkt im Film, der alles umdrehen würde. Aber er kam nicht.

So lief der Film. Über zwei Stunden. Ich war beim Finale angelangt, die Szene vermittelte auch dieses Gefühl. Man wusste: Gleich ist es zu Ende. Man sehnte es nicht herbei, es war schon alles solide Unterhaltung, aber es musste jetzt einfach aufhören, es war alles zu Ende erzählt. Daraufhin setzte in der letzten Einstellung die Musik ein und der Abspann begann. Einzelne eingeblendete Tafeln. Und da, wirklich erst da, als alles vorbei war, da passierte es:

Mir liefen die Tränen.

Jetzt war ich vollends verwirrt. Gut, ich weine im Kino gerne mal, wenn es der Film anbietet. Ich muss auch peinlicherweise gestehen, immernoch bei Armageddon zu schluchzen, wenn Liv Tyler da so auf den Monitor fasst und sich Bruce Willis von ihr verabschiedet. Aber erst beim Abspann, das ist mir noch nie passiert. Und dann auch noch in einem Film mit einer Hauptfigur, die mir nicht sonderlich sympathisch erschien, die nicht mein Held war. Die niemals etwas bereut, die kaum Gefühle zeigt? Was war da los? Ich ging schnell raus aus dem Kino (früher Nachmittag) und entfernte mich so schnell wie möglich von den Grüppchen die sich bildeten und über den Film fachsimpelten, anstatt mal alles auf sich wirken zu lassen. Eine Analyse ab dem Moment wo der Abspann einsetzt gehört sich einfach nicht. Erstmal rausgehen, eine rauchen, sacken lassen. Und: Nachdenken.

Langsam aber sicher begriff ich, was ich gerade gesehen hatte: Meine Gedanken haben sich täuschen lassen. Ich habe nur die Oberflächlichkeit gesehen, mich darüber geärgert und somit in den ganzen Strudel, den der Film und die Geschichte auslöst, mit rein ziehen lassen. Es geht hier nicht um Moral. Nicht um Ehre. Erst recht nicht um Geld. Es geht um Kraft. Es geht in dem ganzen Film wirklich hauptsächlich um Kraft. Woher kommt Kraft, woher nimmt man sie, was hält sie auf, was kann sie auslöschen. Was fasziniert an Kraft? Und dabei fordert der Film die ganze Zeit die Kraft des Zuschauers, das durchzustehen, mitzumachen und mitzugehen. Den ganzen Weg.

Es gibt in dem ganzen Film keine Frauenrolle. Es kommt ein Mädchen vor und es sind, glaube ich, 2 oder 3 Frauen zu sehen, von denen eine einmal einen Satz sagt. Oder besser: Ein Wort. Daher kommt auch der Eindruck es mit einem Männerfilm zu tun zu haben, der sich alten Männerfilmmanierismen annimmt, wie zum Beispiel ein „Goodfellas“. Aber der Vergleich ist falsch. Es geht hier nicht um den gnadenlosen Aufstieg und Fall eines Mannes. Diese Geschichten sind immer zutiefst moralisch. Deutend. Aufzeigend. „There will be Blood“ geht kontinuierlich nach oben. Es gibt keinen Absturz der Hauptfigur, sein Erfolg ist nicht zu bremsen. Aus welchem Grund auch immer vermisst man auch keine Frauenfigur. Denn der Film will niemals und zu keinem Zeitpunkt von sozialen Unterschieden oder von Rechten oder ähnlichem erzählen. Die Protagonisten befinden sich in einer Zeit des Umbruchs. Die Eisenbahn, die Autos, das Öl, haufenweise unerschlossenes Land. All das kommt zusammen und man hat den Eindruck ein sehr dichtes und echtes Bild damaliger Verhältisse zu sehen. Gleichzeitig ist aber auch all das so elegant in Szene gesetzt, das man es nicht wirklich glauben mag. Das man es für surreal hält. Daniel Day Lewis spielt seine vielschichtige Figur so, als ob er nicht wüsste wie vielschichtig sie ist, obwohl man weiss das er es weiss, weil er sie sonst nicht so spielen könnte. Das mag paradox klingen. Aber es schafft Plastizität. Es sprengt die Leinwand, die Wände des Kinos und versetzt einen mitten in das Geschehn. Das klingt jetzt wie ein Pressetextzitat, aber genauso erging es mir. Ich war nicht mehr Beobachter. Ich war da. In Little Boston. Bei dem Förderturm.

Einer der Gründe, warum PTA für mich immer so eine grosse Inspiration war, war und ist sein Umgang mit Musik im Film. Das ist auch hier nicht anders: Es gibt ein gewisses Thema, das von mehreren Streichern gespielt wird. Alle spielen durcheinander, schräge Töne und laufen langsam auf ein und denselben Ton zu, fast ein bischen wie die Musik im THX Trailer, nur das es da eben ein Orchester ist und nicht nur Streicher UND, was viel wichtiger ist: Bei THX landen sie auf einem harmonischen, angenehmen, schönen und grossen Ton. Bei Anderson landen sie so laut auf einem fiesen Ton, das man das Gefühl hat eine Sirene zu hören. Und dann bewegen sie sich tonal wieder alle in ganz andere Richtungen. Ich sag mal so: Dieser Sound dauert ungefähr 30 Sekunden und ist dennoch so beeindruckend und prägnant, das er schon beim ersten hören hängenbleibt. Dann taucht er nochmal auf, und nochmal und es wird einem klar: Der Ton, die Musik, der Klang – wie auch immer – ist Teil der Inszenierung. Ist Dialog, oder besser Monolog. Spricht mit dem Zuschauer, meldet Situationen an. Und wird dabei von mal zu mal beeindruckender. Es wurde auch noch hier und da weitere Streichermusik eingesetzt, natürlich absolut passend, der Situation entsprechend und unfassbar elegant. Aber dieser eine Ton, der lässt einen nicht mehr los. Ähnlich wie die Geigen damals in Hitchcocks „Psycho“.

„There will be blood“ ist ein Blender- was aussieht wie ein klassiches Männer-Ehre-Drama ist ein Lehrstück über die Psychologie von Symbolen. Und Momenten. Und Kraft. Solch ein Film war wirklich das letzte was ich von PTA erwartet hätte. Womit er es wieder geschafft hat. Ich bin, war und werde wohl auch noch eine lange Zeit Baff sein. Und werde wohl auch sehr lange Zeit nicht mehr so ein intensives Kinoerlebnis haben. Wenn Paul Thomas Anderson nicht seine Seele verkauft oder sein Lachen beim Teufel gegen die Fähigkeit solche Filme zu machen eingetauscht hat, dann weiss ich auch nicht wo der das her nimmt. Jeder seiner Filme schafft es mich zu verändern, meine Sichtweisen zu überdenken, ja, Film ansich zu überdenken. Und der Typ ist gerade erst 37…da wird noch eine Menge kommen. Ich bin bereit. Denn ich weiss: Für dessen Output kann man nie bereit sein. Und deswegen ein aufrichtiges: Danke fürs Augen öffnen, PTA.

Im Prinzip müsste ich das Review in einem Monat oder so nochmal neu schreiben. Wenn mehr Zeit vergangen ist und ich vielleicht mehr von dem was ich sah begriffen habe. Dann könnte ich auch nüchterner oder sachlicher oder objektiver schreiben. So ist es ein sehr persönlicher Text geworden. Wem das nicht hilft: Sorry, aber ich kann gerade nicht anders.

Jet Strajker meint:

Filmmusik hilft in der Regel, das Bild zu komplettieren. Sie unterstreicht und untermalt, rundet auf und ab, verdichtet und verkürzt, oder gibt einem Moment den letzten Schliff, sie trägt und begleitet einen Film, immer auf der Suche nach dem richtigen Ton, der unterstützenden Note. Die ersten düsteren Klänge in „There Will Be Blood“ sind schon so klaustrophobisch, atonal und dissonant, dass sie alles, nur keine epische Wirkung im Sinn haben können. Und viele Minuten werden vergehen, ehe ein erstes Wort sie ablöst: „No!“. Doch gebändigt ist sie dadurch nicht. Für weitere zweieinhalb Stunden wird sie sich als eigene Stimme behaupten, die dem Bild beständig widerspricht. Sie kommentiert eigensinnig die Erschaffung einer Welt, ohne sich daran zu beteiligen, ganz so als wüsste sie von Beginn an, dass die Geschichte vom Öl nur in einer Geschichte vom Blut enden kann. Die Musik in diesem Film ist eine eigene, losgelöste Naturgewalt. Eine neben Daniel Day-Lewis und Paul Dano.

„No!“. Daniel Plainview liegt verletzt auf dem Boden des Ölgrabens. Die Kräfte haben ihn fast verlassen, doch sein Ehrgeiz ruht nie. Er bezwingt die Gewalt des Erdgesteins, fordert dessen massive Kräfte heraus. Und verneint den Verlust, die Niederlage, das Scheitern gegen eine Macht, der auch er nicht gewachsen ist. Noch nicht. Bald wird der Ozean aus Öl, der unter seinen Füßen lodert, entbrannt sein und an die Oberfläche strömen, sich jenem Mann geschlagen geben, der von so viel Hass und so wenig Empathie angetrieben wird, dass er nur die gewaltige Kraft der Natur als ebenbürtigen Gegenspieler annehmen kann. Daniel-Day Lewis ist Daniel Plainview. Ein unbezwingbares Monstrum, ein wildes Tier zwischen Größenwahn und Fanatismus, ein brodelnder Kessel, jeden Moment bereit zum Überlaufen. Diese Wucht von einem Schauspieler ist ohnegleichen. „There Will Be Blood“ gehört Daniel Day-Lewis, das ist sein Film, seine One-Man-Show, seine Bühne.

Day-Lewis interpretiert den Oil-Man als einsamen, asozialen, gesellschaftlich inkompatiblen Despoten, der eine Gefahr vor allem für sich selbst darstellt, als jemanden, der alle Macht an sich gerissen hat, jede Empfindung unter ständiger Anspannung, ständigem Druck ableitet. Dafür hat er sich der Rolle höchst komplex angenährt: Seine Sprache ist ein Englisch vergangener Tage, sie wirkt wie ausgestorben, so unnuanciert, seltsam betont, so kraftvoll, beängstigend, instinktiv. Ja, Day-Lewis hat einen komplett eigenen Sprachduktus entwickelt, angelehnt an John Hustons Figur in „Chinatown“ – seine Stimme verändert er soweit, dass sie von einem komplett anderen Schauspieler zu stammen scheint. Das ist kein einfaches Method Acting mehr, kein verbissenes Einleben in eine Figur, das lässt sich nicht mehr in bekannten Formkategorien festhalten. Was Day-Lewis hier unternimmt, ist eine Transformation. Es ist eine schauspielerische Jahrhundertleistung, die einmal zu den größten Performances der Filmgeschichte zählen wird.

Natürlich behandelt „There Will Be Blood“ die Entstehung des Kapitalismus’. Das ist der Text, der einem da ganz klar und gut lesbar auf die Leinwand geschrieben wird. P.T. Andersons Film ist eine schlicht allegorische Abbildung kapitalistischer Struktur. Wie sie funktioniert, wie sie tickt, wie sie sich ausbreitet. Wie sie den Beginn der modernen USA markiert. Und die Geschichte ist deshalb so kraftvoll, weil sie eine uramerikanische ist, erzählt aus amerikanischer Sicht, wie eine stolze Vaterlandsfabel, die wahr geworden ist. Dem Aufkommen neuer steht dabei das Festhalten an alten Strukturen gegenüber. Der Film entwirft eine Gegensätzlichkeit von Wirtschaft und Politik zu Religion. Die einen organisieren sich industriell und geschäftstüchtig, die anderen predigen in Holzkirchen die dritte Wiederauferstehung und den Willen zur Genügsamkeit. So widersprüchlich Anderson diese beiden Grundsäulen der USA zunächst anlegen mag, bilden sie doch eine Symbiose. Sie bedingen sich gegenseitig, profitieren voneinander und arrangieren sich.

Sie stehen sogar beinahe in einem Abel und Kain-Verhältnis zueinander: Eli Sunday (wahnwitzig, seinem Kontrahenten fast ebenbürtig und schlicht phänomenal gespielt von Paul Dano), als Vertreter der Kirche, als ein selbsternannter Gesandter Gottes, und Daniel Plainview als Geschäftsmann und Inventor, der erst selbst im Dreck wühlt, um später dann wühlen zu lassen – sie verbindet in gewisser Hinsicht ein brüderliches Band. Wenn Neid und Habgier schließlich im Brudermord kulminieren, bleibt dennoch die Frage, wer hier die Oberhand behält: Spielt Plainview nur ein gerissenes Spiel mit Eli, benutzt er ihn für seine Zwecke bis zum letzten Schluss („I’m finished.“), oder ist es doch der Neid auf ein übergeordnetes Ganzes, auf einen Glauben an etwas, das Kraft ohne Zutun schenkt. Ist es doch Eli, der alle Machtzügel in der Hand hält, wenn er Geld für Kirchen kassiert, während sich die Ölbohrer in die Luft sprengen. Dieses Kräftemessen ist ebenso uneindeutig wie verlockend, mindestens so perfide wie undurchsichtig. Und wenn zudem Plainviews vermeintlicher Halbbruder auf der Spielfläche erscheint, wie auch überhaupt noch die Frage nach Elis Zwillingsbruder im Raum steht, dann wird es so richtig schön verschachtelt. Von der Vater-Sohn-Geschichte, die wie so oft bei Anderson eigentlich im Mittelpunkt steht, noch gar nicht zu sprechen.

„There Will Be Blood“ lässt sich nicht fassen, eigentlich kann man den Film auch gar nicht wirklich verstehen, zumindest nicht beim ersten Mal. Das ist ein so gewaltiges Mammutwerk, so vieldeutig, chiffriert und ambivalent, so feinsinnig, strukturiert und hochkomplex inszeniert. Das ist die Arbeit eines absoluten Meisters, eines Regisseurs, der im völligen Bewusstsein seiner künstlerischen Fähigkeiten steht. Gleichzeitig erzählt der Film einfach nur eine Geschichte, wirkt simpel in der Narration, zumindest gradlinig und überschaubar, ungemein spannend und unterhaltsam. Das alles erscheint widersprüchlich: Ein gigantisches, über drei Jahrzehnte erstreckendes Amerikaepos, überaus üppig und oppulent in Szene gesetzt, mit einem großen, bedeutsamen und historischen Gehalt. Und gleichzeitig doch ein intimes, beklemmendes, leises Figurenspiel. Aber vielleicht ist „There Will Be Blood“ auch einfach nur Kino.

  • Gepflegte Konversation fuer den Weltfrieden » Blog Archive » Erweckungserlebnis 11. 2. 2008 an 0:36

    […] so brilliant ist. Wer mehr über dieses (fast übersinnliche) Erlebnis lesen will, der gehe bitte hier zu den Filmfreunden (wo man sowieso immer vorbeigucken sollte). Wer mehr Klammern (ja, gib sie mir) […]

  • Arno Nym 11. 2. 2008 an 8:03

    Der Februar ist ein Kackmonat für mich, wird teuer werden…

    14.2. There Will Be Blood
    14.2. John Rambo
    21.2. Sweeney Todd
    28.2. No Country For Old Men
    28.2. Vantage Point

  • verwirrter 11. 2. 2008 an 13:40

    @Arno Nym: Zum Glück gibt es Kinodienstage!

    Mein Programm sieht übrigens exakt aus wie deins.

  • pascal 11. 2. 2008 an 14:39

    Und wo fehlt dann der halbe Stern?

  • ObiWan 12. 2. 2008 an 0:04

    Mein lieber Schwan. Eines der besten (oder „einer“?) Reviews hier.Bin schwer beeindruckt und noch gespannter auf den Film. Wehe die Erwartungen werden jetzt nicht erfüllt! Dann gibts Senge.

  • F5 — There will be Quiz 13. 2. 2008 an 12:09

    […] ist schon völlig hin und weg von Pitti Andersons neuem Werk, der Rest der Kritik ebenfalls. Vergleiche mit “Citizen […]

  • There Will Be Blood - Nerdcore 24. 2. 2008 an 11:24

    […] entwickelt einen Sog, wie ich ihn im Kino selten erlebt habe. Nilz hat ganz Recht, wenn er bei den F5 schreibt: Es geht hier nicht um Moral. Nicht um Ehre. Erst recht nicht um Geld. Es geht um Kraft. […]

  • F5 — No country for old men 28. 2. 2008 an 17:20

    […] Gegensatz zum anderen Film, der derzeit die Kritik in seltener Einigkeit Lobreden verfassen lässt, kann mich “No […]

  • BatzLog - Noch etwas Salz? » Letztes Lichtspiel: No country for old men 2. 3. 2008 an 19:35

    […] Gegensatz zum anderen Film, der derzeit die Kritik in seltener Einigkeit Lobreden verfassen lässt, kann mich “No […]

  • killknopf 6. 3. 2008 an 3:56

    Was für eine verschwurbelte Rezi für einen Film, der doch einfach nur extrem gut ist.
    Was heißt denn hier, der Hauptcharakter wäre einseitig? Nur getrieben von seiner Gier? Was ist mit all den Szenen, die seine Zerrissenheit zwischen Vaterliebe und Menschenhass, bzw. Geltungssucht zeigen? Oder hätten’s derer noch drei, vier mehr sein müssen, damit’s eindeutig genug gewesen wäre? Wer hinter der grandiosen Performance von Lewis nicht die Abgründe erkennt, die sich eben manchmal nur in den Nuanchen zeigen, der wird wohl eher bei Bruckheimer oder Bay sein Kino finden.
    Schön, dass die Größe des Films im Nachhinein doch noch erkannt wird, aber mit ein paar Vorerwartungen an den Regisseur weniger hätte das schon nach den ersten zwanzig Minuten klar sein können.

  • Schmunzettenmeister 18. 3. 2008 an 10:30

    There will be Blood ist Kapitalismuskritik – sagen alle daherplappernden Kritiker und Möchtegernkritiker. Nun, wer so etwas behauptet, lässt das Hauptanliegen des Films außer acht: nämlich die Charakterstudie eines Misanthrophen, der an seinem Hass und seiner Einsamkeit zu grunde geht. Die Episode mit dem Bruder einen Schlenker ohne Inhalt zu nennen, könnte verkehrter nicht sein. Gerade da sehen wir, wie sehr sich Plainview nach jemandem sehnt, dem er sich öffnen kann – nämlich einem, der so ist, wie er selbst, quasi einem Ebenbild. Symptomatisch ist, wie er darauf reagiert: mit Totschlag. Der innere Kampf Plainviews mit seinem Hass und dem Wunsch nach Erfüllung durch das Übertreffen anderer ist eine ganz zentrale Frage nach dem Sinn, nach dem Wunsch, irgendwo hinzugehören.

  • bunteskanzler 4. 2. 2009 an 0:34

    Ein schwierig zu bewertender Film finde ich. Teilweise grandiose, vor intensität sprühende Szenen (zum Beispiel Plainviews Eingemeindung, der brennende Bohrturm, die Schlusszenen, …) wechseln sich ab mit gepflegter Langeweile und einer gewissen Vorhersagbarkeit.
    Im Nachinein gibt es einige interessante Ansätze, die die offensichtlich absichtliche Ferne die man zu den Hauptpersonen entwickelt erklären können, wir Nils Idee mit der Herkunft der menschlichen Kraft, des Strebens an sich. Oder anderswo gelesen das ewige Streben der verwandten Seelen Plainview und Priester, das aufgrund ihres übergroßen Ehrgeizes fatal endet. Vielleicht die Misanthropie Plainwoods, seine zum Scheiten verurteilte Suche nach Erfüllung?

    Es gibt viel was einem nach dem Film durch den Kopf geht, aber es bleibt eben auch ein leichtes Gefühl gepflegter Langeweile während der 2 Stunden zurück..

  • stb247 4. 1. 2010 an 12:15

    Endlich habe ich den Film gesehen. Grandios!

    Ich gehe mal davon aus, dass Batzman dies hier nicht mehr lesen wird, aber für ihn und alle anderen Kritker von DDLs Spiel sei gesagt, dass dieser seine Performance an John Huston angelegt hat. Jeder, der Huston mal sprechen hörte kann da Parallelen erkennen und muss DDL dafür bewundern. Ebenso wie Anthony Hopkins „Titus“ oder Jack Nicholsons Spiel in „The Shining“ sind das Gratwanderungen, die für manchen Zuschauer besser funktionieren als für andere.

    ABER: Was ich bis heute nur schwer verstehen kann ist folgendes: Warum fällt es uns Deutschen so schwer zu akzeptieren, dass es im Englischen, und speziell im Amerikanischen Raum, Menschen gibt, die nun einfach mal nicht „natürlich“ reden? Da gibt es piepsige Stimmen und rauhe Krächtzer. Da gibt es die wildesten Dialekte und Akzente. Wir denken wohl auch, dass die Simpsons eine Parodie sein sollen, aber so reden durchaus Leute da drüben. Kermit the Frog? Hat mal jemand Ray Romano reden gehört? Hat mal jemand Funkhouser aus „Curb your Enthusiasm“ gesehen? Ian McShanes Spiel in „Deadwood“? Warum gibt es eigentlich so viel mehr Parodien in US TV und Comedy Clubs? Weil es einen großen Unterschied zwischen der Sprechweise der Leute gibt. Weil es fast leichter zu parodieren ist, da die Spitzen der Aussprache und Wortwahl mehr auffallen.

    In der deutschen Synchronisation geht sowas meist verloren. Wahrscheinlich auch, weil es das Publikum nicht akzeptieren könnte, dass Personen so „weltfremd“ reden. Da kann die Milkshake-Szene in TWBB schon übertrieben herkommen, wenn man den Film auf Deutsch sieht und sich nicht an die Performance von DDL gewöhnt hat (zugegeben, ich habe ihn nicht auf Deutsch gesehen, also ist das pure Mutmaßung).

    Aber seht mal sowas wie „The Wire“. Diese Ghettosprache kann man unmöglich übersetzen. Oder „Inglorious Basterds“. Wir lachen über Brad Pitts Aussprache, aber es gibt auf jeden Fall Leute im Süden der USA, die so reden. Inklusive vorstehender Unterlippe.

    Einer der wenigen deutschen Filme, die das verstanden haben, bzw. auch unsere vorhandene Sprachvielfalt zu nutzen weiß, ist „Bang Boom Bang“. Da wird so geredet, wie man in Unna wohl redet. Das ist soviel authetischer als Hochdeutscher Tatort-Dialog. Und da sagt auch keiner, wie übertrieben Semmelrogges „Schlucke“ ist, sondern, dass man so einen Typen auch mal im eigenen Leben getroffen hat/aus’m Dorf kennt.

    Ich war jedenfalls begeistert von diesem PTA-Film, seiner Intensität in Bild und Ton. Da hat jemand ganz viel richtig gemacht.

  • burns 5. 8. 2010 an 22:46

    Schließe mich von ganzem Herzen an.
    Das WAR der nächste Citizen Kane.
    Sorry Batz.
    Nach zwei Jahren FFF der erste Film, wo Du für mich danebenliegst.
    Aber ich weiß, Du wirst es überleben, nicht verstanden zu haben, dass Du da DEN Film gesehen hast, über den noch in 50 Jahren (oder wahlweise erst dann) die Welt den vollsten Lobeskübel ausschüttet.

  • Curt 7. 10. 2010 an 12:20

    Kommentar nr. 8 kann ich mich nur anschließen! Danke

  • Jet Strajker 7. 10. 2010 an 17:34

    Absolutes Meisterwerk. Besser werden Filme nicht mehr.

  • There Will Be Blood – janreinhardt.com 8. 6. 2017 an 5:38

    […] Nils Bokelberg hat geweint. Was soll ich noch sagen, kann ein Film mehr geadelt werden? (Ausser vielleicht durch […]