Review

Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt

22. 4. 2009, Jet Strajker, 7 Kommentare

„Der Verstand stirbt nie. Der Beweis dafür ist, dass sie an mich denken.“

Originaltitel: L’Instinct de mort
Herstellungsland: Frankreich, Italien, Kanada 2008
Regie: Jean-François Richet
Darsteller: Vincent Cassel, Cécile De France, Gérard Depardieu, Roy Dupuis, Gilles Lellouche, Elena Anaya, Michel Duchaussoy, Myriam Boyer

publicno1Ist es nun clever oder schlicht als vorzeitiges Bekenntnis zum Scheitern zu verstehen, wenn ein Biopic, das immer nur eine filmische Interpretation anführen kann, sich mit den einleitenden Worten vorstellt: „Kein Film kann die Komplexität eines Menschenlebens abbilden“? Immerhin beansprucht „Mesrine: L’instinct de Mort“ bzw. „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“, die erste von zwei umfassenden Kinonachstellungen des berühmten französischen Gangsters Jacques Mesrine (1936 – 1979) von Jean-François Richet, somit gleich vorweg eine Narrenfreiheit, die dem Genre nicht zusteht: Dessen Aufgabe ist es doch, die besagte Komplexität zu verdichten, umzuwandeln und sinnlich erfahrbar zu machen, je nachdem – auch mit einer eigenen Haltung.

Mesrine, der vom Algerienlegionär zum kleinkriminellen Aushilfsgangster und später meistgesuchten Verbrecher Frankreichs avanciert, als Bankräuber und Ausbrecherkönig verehrt, gefeiert und Dank seiner steten Selbstinszenierung zum Medienstar stilisiert wird, ist in diesem ersten Teil zunächst noch eine sehr passive Figur. Richet platziert den gewalttätigen, unberechenbaren und von Vincent Cassel beängstigend unnahbar verkörperten Schwerverbrecher, der sich in seiner 1977 verfassten Autobiographie (Deutsch: „Der Todestrieb“) zu 39 Straftaten bekannte, in eine konventionelle Ereignischronik: Mesrine ist kein psychologisch tiefsinniger Charakter mit deutlichen Eigenschaften, sondern das Produkt einer sehr mechanischen, Station für Station abgrasenden Erzählung.

Zumindest der erste von zwei Mesrine-Filmen möchte offenbar genau das, die Figur als Gegenstand klassischen Erzählkinos begreifen. Dass genau das Ende des ersten Abschnitts erstmals wirkliches Interesse für den fragwürdigen Helden und das Gefühl einer verselbstständigten Figur, die die Handlung bestimmt und nicht durch sie bestimmt wird, aufkeimen lässt, darf dabei wohl nicht zuletzt als Teaser-Konzept für den mit erwartungsgemäßen Höhepunkten angereicherten zweiten Film verstanden werden. Bleibt abzuwarten, ob Richet auch weiterhin darauf verzichtet, Mesrine im Film als jenen edelmütigen Quasi-Robin-Hood zu bebildern, als den das kollektive Bewusstsein der französischen Geschichte ihn in der romantischen Rückschau wohl abgespeichert haben dürfte.

Denn immerhin ist Mesrine so etwas wie die reale Verkörperung archetypsicher französischer Kinohelden, den Räubern und Berufskillern aus Filmen von Jean-Pierre Melville oder Alain Corneau. Und Richet scheint darum bemüht, durch „L’instinct de Mort“ zumindest einen Hauch klassischer Gangsterfilme wehen lassen – ohne allerdings in dieser ersten Hälfte des insgesamt über vierstündigen Großprojekts klare Trennlinien zwischen wirklichem und fiktiven Verbrecher, also zwischen den zweifelhaften Helden des Lebens und denen des Kinos ziehen zu wollen. Es ist, zunächst einmal, ein höchst spannender Appetitanreger mit einer ambivalenten Figur im Mittelpunkt. Für „Public Enemy No. 1 – Todestrieb“ (Mesrine: L’Ennemi public n°1), der hierzulande einen Monat später startet, wird sich Richet aber für eine Richtung entscheiden – und Cassel einiges an Sensibilität bei der Darstellung abverlangen müssen.

  • Zamzung 22. 4. 2009 an 13:56

    Hab gar nicht gewusst das da ein film kommt.

    Bin gespannt, das Buch bietet jedenfalls unglaubliches potential.
    Allerdings muss eine filmesche aufbereit meiner meinung nach aufzeigen wer Mesrine war und sollte ihn nicht zu einem Helden verklären, der er meiner Meinung nach nie gewessen ist.

  • Sven 22. 4. 2009 an 19:27

    Das ist was echt interessantes. Hab im Stern oder Spiegel neulich einen ausführlichen Bericht über das Leben von Mesrine gelesen. Ich denk, das ist mal wieder ein Grund, ins Kino zu gehn.

    MFG Sven

  • stb247 23. 4. 2009 an 0:55

    Der Trailer zum Film lief glaube ich vor Watchmen.

    Gefühlte 7 Minuten lang! Wirklich, wie ein Verleih so völlig daneben greifen kann, in seiner Werbung, das ist schon unbegreiflich.

    Auf jeden Fall kann ich sage, ich habe den Film von Anfang bis Ende gesehen. Komplett im Trailer. Da werde ich wohl nicht ins Kino gehen.

  • Schnabeltier 23. 4. 2009 an 21:43

    Irgendwie fehlen mir bei dem Review die Infos zum Film.
    Damit meine ich keine Spoiler, sondern was der Film kann (und warum er
    3 1/2 Sterne bekommen hat). So würgt das doch jede Diskussion ab.
    Oder wollt ihr den besprechen, wenn der 2. Teil auch draussen ist, quasi als Doppel?
    Ich fand ihn jedenfalls nicht so prickelnd, kam im Sneak. Waren eher dröge 2h.

  • Jet Strajker 24. 4. 2009 an 0:55

    Ich habe mich mit konkreter Kritik tatsächlich aus dem Grund erst einmal zurückgehalten, weil das erst im Kontext des gesamten Filmes wirklich Sinn ergeben würde. Deshalb ist das alles noch eher nüchtern bzw. vorsichtig formuliert, ja.

  • Paralyta 2. 5. 2009 an 17:50

    Irgendwie sind die ganzen französischen Filme, die ich in den letzten Monaten sehen durfte ziemlich, nun ja, merde. Hatte eigentlich vor in nächster Zeit der Grande Nation im Kino aus dem Weg zu gehen, aber nicht immer darf man bestimmen welcher Film geschaut wird. Danach durften sich meine Freunde mal wieder anhören, was für ein aufgeweichtes Croissant sie ausgesucht haben.
    „Public Enemy No. 1 – Mordinstinkt“ war mal wieder so ein Film, der teuer produziert ist und deswegen zwar optisch gut ausschaut und mit vielen unterschiedlichen Locations das Auge verwöhnt, aber inhaltlich nur Magerstufe bietet und mit teils überzogen zur Schau gestellter Gewalt, dürftiger Charakterentwicklung und dämlicher Dialoge irgendwann nur noch nervt. Der Höhepunkt war aber, dass es am Ende des Films den Trailer zum zweiten Teil gab. Dass einem das aber auch niemand vorher sagt…
    Die wenigen Zuschauer im Kino haben allesamt ziemlich irritiert geschaut und waren sich wohl einig nicht noch mal 2 Stunden ihres Lebens dem von Jacques Mesrines zu opfern.
    Besonders erwähnenswert in diesem Zusammenhang ist, dass einem am Anfang des Films eine minutenlange, langatmige Collage im 24-Stil vorgesetzt wird (der Hauptdarsteller und eine Frau blicken sich ständig um, steigen in ein Auto und werden dann aus einem Lastwagen heraus erschossen), diese Szene (welche das Ende von Jacques Mesrine zeigt) aber im gesamten Film nicht mehr aufgegriffen wird und wohl erst im zweiten Teil nochmal gezeigt wird, wenn die (im gesamten ersten Teil nicht eingeführte) Frau dann auch als Charakter endlich vorgestellt wird.
    Zwar greift Mesrine in der letzten Szene im Wald (Ermordung von zwei Förstern/Rangern) nochmal auf sein kommendes Ende vor („reif für den Strick“), aber das wirkt doch ziemlich fehl am Platz, da er schon davor bei einer versuchten Gefängnisbefreiung das Personal durchsiebt.

    Ich frage mich, wieso es bei einer 45Mio € Produktion kein Geld für ein stringentes Drehbuch gab und ob es wirklich nötig war den Film in zwei Teile zu brechen, wenn schon der erste Teil mit Nebenkriegsplätzen angereichert war, die ihm meist alles andere als gut taten. Hier etwas Algerien-Frankreich-Krieg, dort eine Prise Generationskonflikt, ein wenig Kleinkriminellenmilieu, dann etwas Romanze und Familienglück, dazu etwas Bonny & Clyde, danach noch ein paar Minuten Folter im Knast. Da hat man einfach mal ein paar Handlungsfäden und Dramafüllmaterial in die Luft geworfen und gehofft, dass sie an den zarten Drehbuchästen hängen bleiben. So wirkte das ganze wahlos aneinander konstruiert, weder Fisch noch Fleisch, ein Sammelsurium an Themen. Der Film hetzt regelrecht von Szene zu Szene, nimmt sich selten die Ruhe den Status Quo zu reflektieren.
    Beispiel:
    Nachdem Mesrine sich entschließt bei einem Coup mitzumachen, wird er bei einem Überfall festgenommen, landet im Knast, schwört seiner Frau hoch und heilig seinen Freunden und den Nutten abzuschwören, findet glücklicherweise einen Job, lehnt auf Anfrage seiner Freunde eine Rückkehr ab, verliert seine Arbeit (er nimmt völlig es zudem emotionslos hin und kämpft nicht mal um seine Arbeitsstelle) und geht sofort wieder zu seinen Freunden, nicht ohne vorher seiner Frau eine Waffe in den Mund zu schieben und mit allem zu brechen, was er ihr versprochen hatte. Das alles passiert in nicht mal 10 Minuten und 7 oder 8 Szenen.
    Auch die gänzlich unreflektierte Darstellung dieses Mörders und Schwerstkriminellen als übercoolen und gerissenen Gangster fand ich schon ziemlich befremdlich, auch wenn es sich um ein Biopic handelt, dass auf seiner eigenen (angeblich übermäßig ausgeschmückten) Biographie basiert und man dem Film einen Disclaimer voransetzt, der die nie gekannte Weisheit enthält, dass niemand die Komplexität eines Menschenlebens abbilden kann.
    Bezeichnend auch, dass dem Protagonisten nur selten Sympathien entgegengebracht werden kann, meist nur dann wenn ihm selbst Unrecht oder Gewalt angetan wird. Sämtliche Beziehung enden allesamt mit den Tränen der Frauen, welche zu spät den negativen Einfluss dieses brutalen Sturkopfes auf ihr Leben erkennen.

    Übrig bleibt ein schaler Nachgeschmack und Enttäuschung, dass man nur einen halben Film vorgesetzt bekommt.

    2 Sterne

  • Anja 7. 5. 2009 an 12:46

    Also, ich habe mir den am vergangenen Wochenende angeschaut. Ich kenne ebenso die Biografie und war daher auch sehr gespannt auf diesen Film. Ich möchte kein abschliessendes Urteil über den Film ablassen, dazu müsste ich mir noch den zweiten Teil anschauen, finde aber, dass der 1. Teil gut umgesetzt wurde. Man bekommt einen guten Eindruck davon, wer dieser Mesrine war und wie er so getickt hat, was auch an Vincent Cassel selbst lag, der seine Rolle wirklich gut gespielt hat. Vor allem die Szenen in der Isolierhaft heftig und gingen für mein Geschmack gut unter die Haut.
    Dafür, dass es um eine Biografie geht, fand ich den ziemlich unterhaltsam. Ich hatte vorher Bedenken, dass der auch eher recht langatmig werden könnte. Das war aber nicht der Fall.