Review

Boy A (Review)

6. 5. 2009, Batzman (Oliver Lysiak), 8 Kommentare

„D’you think you are rehabilitaded?“

Originaltitel: Boy A
Herstellungsland: Großbritannien 2007
Regie: John Crowley
Darsteller: Andrew Garfield, Peter Mullan, Siobhan Finneran, Alfie Owen, Victoria Brazier, Skye Bennett

Batzman
Jet Strajker

boya_poster

Eigentlich ist Jack (Andrew Garfield) , die Hauptfigur in Boy A, ein ganz sympathischer Kerl. Ein bißchen linkisch und naiv vielleicht, ein wenig unbeholfen für seine 24. Jack fehlt es eindeutig an Erfahrungen im Umgang mit seinen Mitmenschen, im Umgang mit dem anderen Geschlecht. Das ist wenig verwunderlich, denn Jack war 14 Jahre im Jugendknast und lernt erst jetzt, langsam auf eigenen Beinen zu stehen.

Mit 10 hat er zusammen mit einem Freund eine schreckliche Tat begangen, die sein Leben bis heute geprägt hat. Jetzt versucht er zurück in die Normalität zu finden. Mit neuem Namen und neuer Identität und der Hilfe seines Bewährungshelfers soll er in der Welt zurechtkommen. Die Öffentlichkeit kennt ihn nur aus dem Prozess, dort wurde die Namen der jungen Täter verschwiegen, das Gericht nannte sie nur Boy A und Boy B. Jack ist Boy A.

John Crowley nimmt sich in dieser Buchverfilmung eines spektakulären Themas an. Inspiriert wurde der Film, wie seine Buchvorlage, von dem grausigen realen Fall um die Ermordung des Jungen James Bulger – der von zwei Elfjährigen Jungen umgebracht wurde. Eine sinnlose und kaum zu begreifende Tat, die Anfang der 1990er Jahre Großbritannien und die Welt erschütterte.

Doch so boulevardtauglich auch das Thema ist, so wenig reißerisch geht Boy A damit um. Die einfühlsame, aber nie rührselige Inszenierung schildert Jacks Rückkehr ins Leben, seine beständige Angst vor der Entdeckung, aber auch seine Sehnsucht nach Normalität. Seine Tat, die sich erst nach und nach erschließt, wird nie banalisiert, auch wenn der Zuschauer dem ungelenken jungen Mann zweifellos Sympathien entgegenbringt.

Einfache Antworten wird er allerdings nicht bekommen. Ist Jack ein Monster? Ist er ein Opfer der Umstände? Hat er überhaupt ein Anrecht auf Glück? Darf seine Freundin jemanden lieben, der gemordet hat? Wie will eine Gesellschaft mit Mördern umgehen, die selbst noch Kinder sind?

Der Zuschauer muss sich seine eigenen Gedanken machen, genau wie die vielschichtig gezeichneten Figuren des Films, die zusätzlich auch alle ihre eigenen alltäglichen Probleme haben. Besonders spannend ist der zweite Erzählstrang, des Bewährungshelfers, der es sich zum Ziel gesetzt hat, Jack zu einem Erfolgsfall zu machen und dabei völlig übersieht, wie sein eigener Sohn um Zuneigung und Anerkennung kämpft.

Boy A ist ein verstörend gut gespielter Film, der seine Schuld und Sühne-Thematik in erdgebundene realistische Bilder packt. Was zählt sind nicht die Antworten, sondern die Fragen die der Film stellt. Nicht ganz frei von Klischees, schafft er es dennoch seine schwierige Geschichte bis zum Schluß packend zu erzählen.

Kein leichter, kein süffiger Film, aber eine spannender Alternative für all jene, die zwischen all den Blockbustern und Effektorgien ihr Gehirn auch einmal anschalten möchten.

Jet Strajker meint:

Seine Identität ein Schein, seine Vergangenheit ein Geheimnis: Jack (Andrew Garfield) ist 24, als er nach jahrelangen Aufenthalten in Verwahrungsanstalten ein neues Leben beginnt. Mit neuem Namen, solidem Job und bald auch der ersten Freundin gelingt ihm ein Neuanfang. Doch die Erinnerungen lassen Jack nicht los – Gedanken an die schreckliche Tat, für die er als Kind verurteilt wurde und die Schuld, die auf ihm lastet, kann ihm auch sein Sozialbetreuer (Peter Mullan) nicht nehmen. Der Druck auf den jungen Mann, der immer unerkannt bleiben muss, verstärkt sich noch, als die Wahrheit durch einen Zwischenfall ans Licht zu kommen droht.

Im Wettbewerb der Berlinale 2008 platziert hätte John Crowleys „Boy A“ sicher für deutlich mehr Aufmerksamkeit gesorgt. Die englische Fernsehproduktion des Channel 4-Kanals wurde allerdings bereits im Vorjahr in Toronto entdeckt und durch die Weinstein-Brüder fürs Kino aufgewertet. Die Geschichte wird parallel montiert erzählt: Rückblicke in die Vergangenheit des Protagonisten wechseln sich mit dessen gegenwärtigen Versuchen ab, in der Gesellschaft wieder Fuß zu fassen. Auf der Flucht vor der Vergangenheit und damit auch vor sich selbst, gestaltet sich die Lage für Jack überaus schwierig. Denn die neue Existenz bietet ihm zwar die Möglichkeit, mit dem Vorfall aus Kinderjahren abzuschließen, ihn zu vergessen, vielleicht sogar ungeschehen zu machen, gleichzeitig sind die sozialen Herausforderungen indes hoch gestellt – weder Kontakt zur Familie, noch zu alten Bekannten ist möglich.

Andrew Garfield, zuletzt neben Robert Redford in „Lions for Lambs“ zu sehen, spielt den verschüchterten, unsicheren ‚Boy A’ – unter diesem Pseudonym geistert er im Film durch die Presse – mit einer erschreckenden Brillanz zwischen Hilfsbedürftigkeit und sublimem Wahnsinn. Der junge Schauspieler trifft nahezu jeden Ton, seine Darstellung ist derart auf den Punkt gebracht, dass sie selbst die Leistung des gestandenen, ebenfalls großartigen Peter Mullan überschattet. Seine Figur fungiert dann auch mehr als Katalysator. Zum einen ist sie die einzige Bezugsperson für Jack, sein Antrieb und Motor, sein Vertrauter, sein Freund. Da die Titelfigur jedoch ein Geheimnis mit sich trägt, dass der Zuschauer zwar erahnen, sich letztlich aber doch nur grob ausmalen muss, ist der Sozialbetreuer ebenso ein solider Anhaltspunkt, jemand, der berechenbarer ist in einem sonst verlässlich unberechenbaren Drama, das nie den einfachen Weg sucht.

Trotz des enormen Spannungsverhältnisses, das sich daraus ergibt, bleibt der Film konzentriert und ernsthaft, ohne leichtfertig Sympathien zu verteilen. Damit nähert sich „Boy A“ dem Problem von delinquenten Kindern und Jugendlichen auf eine ungemütliche, herausfordernde Art. Er stellt schwierige moralische Fragen, ohne sich selbst jemals selbst moralinsauer zu Wort zu melden. Lediglich die ungeschickte, weil plumpe Entscheidung, der Figur eine versöhnliche Katharsis zuzugestehen, indem sie einem kleinen Mädchen das Leben rettet – symbolhaft eng verbunden mit der Tat, die sein Trauma bildet – ist ein wenig zu bedauern. Hier knickt die Glaubwürdigkeit des Films zeitweise ein und erlaubt dem Antihelden jene erlösende Freimachung von der Schuld, die sich jeder in einer ähnlichen Verfassung wünscht – und deren Streben nach gesellschaftlicher Zugehörigkeit den dezent allegorischen Charakter des Films umschreibt.

  • Christopher 6. 5. 2009 an 16:48

    Habe ihn gestern Abend in der Sneak gesehen und muss ehrlich sagen, dass ich seit langer Zeit mal wieder begeistert war.
    Klasse Leistung der Schauspieler und wirklich mal etwas völlig anderes. Auch gut gefiel mir, dass das große ganze Wirklich erst am Ende ans Licht gekommen ist.
    Sah wohl auch der Rest des Saales so, denn es hat nicht einer während des Films seinen Stuhl verlassen, obwohl einige zu Beginn nicht grade erfreut wirkten.
    Einige Szenen allerdings waren mir persönlich etwas langgezogen und einige Rollen hätte man, für meinen Geschmack, etwas detaillierter darstellen können.

  • kapooow 6. 5. 2009 an 16:58

    wie jetzt…ich dachte man kann sein hirn nicht ausschalten.

    ENTSCHEIDED EUCH!!!11!!!!!1111ELF

    :-)

  • AJJB 6. 5. 2009 an 20:41

    Für mich einer der besten Filme des vergangenen Jahres und definitiv in meiner persönlichen Top 10. Unbedingt Anschauen.
    Jede Debatte über die „berühmte“ zweite Chance im Leben / das Potenzial von Menschen (von Straftätern, aber nicht ausschließlich) dürfte damit beendet sein. Und einem Misanthropen wie mir gefällt sogar das Ende.
    Was für mich aber über allem stand ist die schauspielerische Leistung.

  • bale 6. 5. 2009 an 23:13

    uhhh! batzman 4 sterne, jet strajker 3 1/2….

    der film ist nicht zufällig ein schwules musical?!

  • Sabrina 8. 5. 2009 an 10:17

    Absoluter Top-Film! Unbedingt ansehen!

  • Abspannsitzenbleiber » Trailerschau für Filmstarts vom 7.5. 8. 5. 2009 an 20:01

    […] kam und 14 Jahre später nach seiner Entlassung versucht, ein normales Leben zu führen. Von den F5 sehr gelobt, bestimmt sehenswert, in München allerdings (noch) in keinem […]

  • Daniel 13. 6. 2009 an 22:54

    Ich würde auch gern mit Nachnamen Garfield heißen! haha.

  • Daniel 21. 6. 2009 an 11:52

    Dieser Film geht echt unter die Haut – das tolle daran ist, man kann jede Seite verstehen, den Täter, die Gegner, alle…

  • Grandios: Die besten Filme 2009 | Die Fünf Filmfreunde 5. 1. 2010 an 17:27

    […] Bester Film den keiner gesehen hat: Boy A […]

  • Gerrit 19. 1. 2010 an 12:01

    Ich fand den ganz solide, auf jeden Fall sehr gut gespielt und die Rückblenden wurde sehr schlüssig in die Handlung integriert. Mehr aber auch nicht. Die Handlung war recht vorhersehbar, die Sympathien zu einseitg verteilt. Ich fand ich zudem, dass der Film streckenweise einem Resozialisierungsmärchen näher kam, als einer differenztierten Auseinandersetzung mit dem Thema.

    Als Vergleichbasis fällt mir der zufällig fast namensgleiche „Ben X“ ein sowie der deutlich differenziertere Film, in dem Kevon Bacon rote Bälle aufsammelt (wie hieß der noch?) Beide haben mich deutlich mehr bewegt.