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Kurzkritiken: Hereafter – Das Leben danach, 72 Stunden – The next three days, I spit on your grave (2010), Somers Town (Review)

6. 2. 2011, Batzman (Oliver Lysiak), 13 Kommentare

Die Filme im Überblick – Ob Kino oder DVD: Hereafter – Das Leben danach +++ 72 Stunden – The next three days +++ I spit on your grave +++ Somers Town

Hereafter – Das Leben danach

Drei Menschen versuchen auf ihre eigene Art mit Verlust, Nahtoderfahrung und unbequemen Wissen umzugehen. In Paris, London und San Francisco werden sie auf unterschiedliche Weise mit dem Leben „danach“ konfrontiert…

Es braucht schon Geduld um sich mit Eastwoods neuem Werk anzufreunden. Dabei weckt der spektakuläre Anfang, der auch im Trailer prominent platziert wird eine andere Erwartungshaltung, die wohl bei vielen Zuschauern enttäuscht werden dürfte.
Dazu kommt die generelle Problematik des Themas: Glauben und was kommt danach – wer nicht zumindest selbst darüber nachdenkt, wird es wohl schwer haben hier wirklich mitzugehen, denn als reine Fantasy funktioniert der Film nicht. Dazu ist er zu elegisch, zu ernsthaft.

Handwerklich ist Eastwood aber natürlich gewohnt überzeugend und schafft es das Drehbuch von Peter Morgan, das soviel mehr Platz für Rührseeligkeit, religiöses Geschwurbel und Bekehrungsrhetorik geboten hätte, in manchmal fast schmerzlich spröde und unpathetische Bilder umzusetzen. Am anstrengensten ist wahrscheinlich noch der Handlungsstrang um die französische Journalistin, die am deutlichsten um das zentrale Thema kreist – sowohl die Storyllines in London wie in San Francisco sind gefälliger und insgesamt gut gespielt.

Das unspektakuläre, aber versöhnliche Finale passt zum Film, der bewusst reale, dramatische Ereignisse als Katalysator nutzt um seine persönlichen (und nicht zwingend originellen) Stories voranzutreiben. Ob das klug ist, steht auf einem anderen Blatt – aber Eastwoods Alterswerk regt zumindest zur Diskussuin an – allen vorran die Diskussion, ob der Film denn abseits der Gefühligkeit irgendwas Relevantes zu sagen hat.

72 Stunden – The next three days – USA 2010

Hochschulprofessor (Russel Crowe) dessen Frau wegen Mordes ins Gefängnis geworfen wurde, setzt alles dran um sie zu befreien.

Was für eine hanebüchene Story, was für eine lahmarschige Inszenierung. Was auf dem Papier noch wie ein ordentlicher Thriller klingt, entpuppt sich im Kino dann als ausgewalzte, überdramatisierte Stangenware, die dick aufträgt, ihren Figuren aber dennoch keine Tiefe verpassen mag. Russel Crowe spielt sich mit Einheitsmiene durch diese viel zu verzettelte Story, Liam Neeson hat einen Gastauftritt der mehr verspricht, als der Film hält und die Frau um die es geht bleibt blass wie Raufasertapete aus dem Angebot. Selten war ein Gefängnisausbruch so zäh und unfokussiert erzählt wie hier. Selbst der letzte Akt, in dem dann endlich mal was passiert, wirkt fahrig und unkonzentriert – von dem finalen Schmalzfest ganz zu schweigen. 120min lebenslänglich.

I spit on your grave – USA 2010

Junge Autorin geht dorthin wo man nicht hingehen soll: Ins Outback, nach Deliverance-Country. Dort passiert ihr, was jungen Frauen immer passiert, sie wird von einer Horde Hillbillys gefoltert und missbraucht. Womit die Dorfbewohner mal wieder nicht gerechnet haben: Sie überlebt die Aktion und hat verständlicherweise schlechte Laune als sie zurückkehrt.

Eines der besseren Remakes eines Video-Nastys, das leider das zentrale Dilemma des Originals auch nicht besser löst. Ein Rache-Film der in der Ausführung der Rache verharrt, dem jedoch zumindest zugute gehalten werden kann, das ihm das stumpf-triumphierende Ende des „Last House on the left“-Remakes versagt bleibt.

Schauspielerisch und technisch geht das alles in Ordnung und hat zwischendurch auch einige stimmungsvolle Bilder zu bieten. Als Auseinandersetzung mit dem Thema taugt der Film aber letztlich genausowenig, wie das bisweilen als feministischer Kampffilm bezeichnete Original.

Somers Town – UK 2008

Somers Town, nicht gerade ein Vorzeigestadtteil Londons, in der Nähe von St. Pancras, ist die lebendige Gegend in der sich Gastarbeiterjunge Marek mit dem von Zuhause abgehauenen Britenbengel Tomo anfreundet, der gleich nach seiner Ankunft in London zusammengeschlagen und ausgeraubt wurde.

Nach dem starken, aber ungemein kalten und deprimierenden „This is England“ stellt Regisseur Shane Meadows diesmal für eine warmherzigere, unspektakuläre Geschichte in den Mittelpunkt.

Und auch wenn der Film die soziale Realität nicht beschönigt, ist er doch weit von einer depressiven Sozialstudie entfernt. Meadows erzählt ganz altmodisch die Geschichte einer Freundschaft unter schwierigen Umständen und umschifft dabei die sich anbietenden Drama-Klischees. Mareks Vater ist kein versoffenes Monster der seinen Sohn schlägt, sondern nur ein oft überforderter Vater, der schräge Nachbar ist schräg aber kein Psychopath. Und im Grunde passiert auch nicht wirklich viel in dieser ruhig erzählten Story, die sich mehr auf ihre Darsteller, denn große Drameneffekte verlässt.

Eine Vignettevon einem Film. Stimmungsvoll in Schwarz-Weiß inszeniert, ebenso melancholisch wie hoffnungsvoll mit einem Ende, das fast zu schön ist um wahr zu sein… und es vielleicht auch ist.

  • Anguy 6. 2. 2011 an 16:08

    The next three days klingt mir nach der rezension eher nach 1 Stern statt 2 1/2. Ansonsten kann ich der Kritik zustimmen, hab mich ingesamt mehr gelangweilt und über die Geschichte geärgert als unterhalten gefühlt.

  • rui 6. 2. 2011 an 21:02

    also, ich frage mich, ob wir den gleichen film gesehen haben – oder ob ich so anspruchslos bin. ich mochte 72 stunden.

  • rui 6. 2. 2011 an 21:03

    … zumal: was steht denn dagegeb an? der überschätze schwan? das dünne tron?

  • Moments 6. 2. 2011 an 21:09

    Es überrascht mich immer wieder wie verschiedener Meinungen man sein kann. 72 Stunden war für mich einer der spannensten und fesselnsten Thriller der letzten Wochen. Reiht sich ein in die wirklichen Perlen des spannenden Kinos, a la Panic Room, Flightplan, Inside Man u.ä.

  • Batzman 7. 2. 2011 an 0:24

    @Moments

    Die aufgezählten Filme fand ich allesamt ganz furchtbar. Insofern sind wir in unseren unterschiedlichen Bewertungen zumindest konsistent :)

  • Binding 7. 2. 2011 an 10:09

    „Inside Man“ kann man ja vielleicht gerade noch mit „72 Stunden“ vergleichen, wenn man beide Filme als „Heist“-Movies begreift, was sie allerdings beide schonmal nur bedingt sind. Was die anderen beiden damit zu tun haben sollen – keine Ahnung. Normalos, die zu Helden werden (müssen)? Ich fand zwar „72 Stunden“ einigermaßen unterhaltsam. Aber erstens ist es eine Riesen-Enttäuschung, wenn man bedenkt, was Paul Haggis vorher als Regisseur und Drehbuchautor bereits qualitativ Hochwertiges gemacht hat. Und zweitens hat mich die billige Masche des Drehbuchs angenervt, das auf leicht durchschaubare Weise versucht, falsche Fährten auszulegen – und sich am Ende dann quasi sogar noch selbst neutralisiert, indem gezeit wird, (SPOILER!) dass die Unschuld der Frau doch noch ganz einfach bewiesen werden kann.

  • Binding 7. 2. 2011 an 10:25

    „Hereafter“ ist ein typisch unaufgeregt-solider Eastwood mit hervorragenden Darstellern, einem interessanten Thema und einer hammermäßigen Katastrophensequenz am Anfang. Leider gleichzeitig aber auch ein einseitig-naiver und kitschiger Film mit unglaubwürdigen Zufällen, die in einem noch unglaubwürdigeren Happy-End gipfeln. Irgendwo stand, dass die verschiedenen Episoden eigentlich jeweils schon genug Stoff für eigene Filme bieten würden – das sehe ich auch so. Die Nahtod-Szenen sind zudem sehr klischeehaft, und obwohl Eastwood eine genial kritische Anti-Scharlatanerie-Sequenz aufbietet, postuliert er doch, dass was dran ist an der Sache. Kann ja durchaus auch sein, aber es ist genauso möglich, dass Damons Charakter nur die unbewussten Signale seiner „Patienten“ liest (SPOILER: einmal schwindelt er sogar selbst, um dem verzweifelten Kind den richtigen Weg zu weisen!) und dass die Nahtod-Erfahrungen bei allen Menschen ähnlich sind, weil eben alle Menschen auch dieselben physisch-psychischen Grundlagen haben (manche Wissenschatler vermuten ja, dass es sich dabei lediglich um eine drogenartige Schutzfunktion des Gehirns handelt). Das alles klingt aber bei Eastwood überhaupt nicht an, und deswegen ist „Hereafter“ letztlich leider dennoch einfach nur esoterischer Murks.

  • genervt 7. 2. 2011 an 14:10

    „72 Stunden“, das ist doch der „Pour Elle“-Klon?
    Daß die Amis auch immer bei anderen klauen müssen und dann nicht mal gute Remakes machen.

  • med 7. 2. 2011 an 14:16

    @Moments Du stehst auf Jodie Foster nicht? ^^

    Habe keinen der Filme gesehen. Aber gucke mir evtl. die mittleren zwei an.

  • Florian 8. 2. 2011 an 17:29

    72 Stunden war ein guter Thriller. Die Meinung der Kritik kann ich nicht zustimmen.

  • Smion 8. 2. 2011 an 19:13

    @Kommentare: Hier herrscht zuviel Konsens! Es hat noch niemand gesagt, dass 72 Stunden der beste Film EVAR ist („Thriller der letzten Wochen“ is‘ ja mal gar nichts) und Batzman kein Leben hat und/oder sich ’ne Freundin suchen soll.
    Aber es ist ja auch noch Jahresanfang…

  • Sebastian 20. 2. 2011 an 22:59

    Fand 72Stunden auch ok, er ist gegen Ende einigermaßen spannend, ohne viel Action bieten zu müssen, die „ich spring aus dem Auto“-Szene mal außen vor gelassen. mich hats bei dem Trick damals nach der zweiten Drehung in die Leitplanke gehauen. aber das tut hier nichts zur Sache.

  • CineMan 12. 4. 2011 an 13:15

    72 Stunden: 2,5 Sterne
    Die Mischung aus Drama & Thriller war nicht ausgegoren genug.
    Teilweise zu viel Leerlauf. Erinnerte mich manchmal irgendwie an einen Autorenfilm oder ähnliches …..