Review

Berlinale-Kurzreviews: The Stool Pigeon & Unter Kontrolle

12. 2. 2011, Jet Strajker, 4 Kommentare

The Stool Pigeon
(HK 2010, Dante Lam)

Ein innerlich zerrissener Cop, gebeutelt von privaten und beruflichen Schicksalsschlägen, und ein junger Ex-Knacki, der sich für ihn als Titel gebender Spitzel in eine Gangsterbande einschleust, bilden die beiden zentralen Figuren in „The Stool Pigeon“. Regisseur Dante Lam, neben Johnnie To das zurzeit wohl populärste Aushängeschild des Actionkinos aus Hongkong, inszeniert die Geschichte von Polizist und Schützling als dramatischen Thriller mit Noir-Anklängen, spektakulären Verfolgungsjagden und brutalen Zweikämpfen. Sein Hauptaugenmerk liegt gleichermaßen auf ausgefeilten Visuals, wie auch auf den mit großem Sentiment erarbeiteten Charakteren, was die altbekannte und alle nur erdenklichen Genreklischees abgrasende Geschichte glücklicherweise in den Hintergrund verdrängt.

„The Stool Pigeon“ ist leider dennoch wenig aufregend. Der vor sich hergetragene melancholische Tonfall steht in keiner Beziehung zu den schablonenhaften Figuren, die vielen unausgegorenen Nebenschauplätze und narrativen Verdrahtungen des Drehbuchs stören den Genuss des Films als rein emotional-sinnliches Erlebnis. Der für den HK-Genrefilm nur allzu signifikante Hang zum plötzlichen melodramatischen Ausbruch bleibt darüber seltsam wirkungslos, die mitunter eindrucksvollen, aber nur angerissenen Actionmomente vermitteln einen unfertigen Eindruck. Erst im Finale läuft Lam zu poetischer Form auf, wenn er blutige Nahkämpfe zwischen Bergen von Stühlen als ungemein intensive kinetische Gewalt in Szene setzt. Unterm Strich leider eine herbe Enttäuschung.

„The Stool Pigeon“ läuft im Forum der 61. Berlinale. Weitere Termine:

12.02. – 22:15 Uhr OmEU Cubix 9
20.02. – 20:00 Uhr OmEU Colosseum 1

Unter Kontrolle
(D 2011, Volker Sattel)

Under Control: Odyssee im Kernkraftwerk, Bilder zwischen Erforschung und Bestandsaufnahme, Dokumentation in CinemaScope. „Unter Kontrolle“ von Volker Sattel beginnt wie pure Science-Fiction: In schönsten Breitwandbildern führt er durch artifiziell erscheinende Kontrollräume und schwebt hinweg über diffuse technische Wunderwerke. Doch der schwelgerische Schein trügt, in seinem Dokumentarfilm hat Sattel lediglich verschiedenste Kernkraftwerke in Deutschland und Österreich besucht, denen er faszinierende Einblicke abgewinnt. Und die Kamera ist überall, beobachtet Konferenzen, Arbeitsprozesse, Mitarbeiter, am Liebsten noch würde sie wohl gespaltene Atome ablichten. Wie die essayistischen Dokumentationen von Harun Farocki verzichtet auch Sattel auf konventionelle Hilfestellungen, kein Off-Text, keine klare Linie und keine überdosierten Hintergrundinformationen behindern seinen nüchternen, ja geradezu rücksichtsvollen Blick.

Die Kamera gerinnt zur erzählerischen Kraft. Information ist, was sie einfängt. Wenn sie den Gesprächen der Mitarbeiter lauscht und sich aus diesen sogleich mit sanften Schwenks wieder verabschiedet, muss man ihrem Blick unweigerlich folgen. Mächtige Bilder, eine Situation des Ausgeliefertseins, Dokumentation unter Vorsicht. Der Schnitt stellt die entsprechende Ordnung her, gut vorstellbar, dass „Unter Kontrolle“ dort neben seiner Rhythmik auch überhaupt erst zu Form und Struktur fand. Zuletzt besucht Sattel nicht mehr nur Anlagen, sondern auch Behörden der Atomindustrie, Zwischen- wie Endlager und schließlich auch stillgelegte Kernkraftwerke. Eine chronologische Bilderkette, aus der man das allmähliche Ende der Kernenergie ableiten mag. Der Film behält sich einen Kommentar zum aktuellen Diskurs allerdings vor, Beurteilungen sind Sattels Sache nicht. Seine Bilder von Schalttafeln, Kühltürmen und Lagerschächten bewegen sich zwischen Faszination und Befremden – Staunen ist gut, Kontrolle besser.

„Unter Kontrolle“ läuft im Forum der 61. Berlinale. Weitere Termine:

17.02. – 19:15 Uhr OmEU CineStar 8
19.02. – 17:30 Uhr OmEU Kino Arsenal 1
20.02. – 20:00 Uhr OmEU Cubix 9

  • burns 12. 2. 2011 an 8:35

    Sehr schön geschrieben, Merci.

  • Maxximus 12. 2. 2011 an 13:52

    Isn österreich gibts keine kernkraftwerke (ausser zwentendorf aber das ist nie in betrieb gegangen)

  • Dr. Strangelove 12. 2. 2011 an 14:39

    Danke für die Reviews!

  • Jet Strajker 12. 2. 2011 an 14:55

    Bitte. :)

    @Maxximus:

    Und genau das kommt auch im Film vor.

  • Berlinale, Tag 8: Beinahe Endspurt | Die Fünf Filmfreunde 18. 2. 2011 an 21:39

    […] The Stool Pigeon, hier noch Rajkos Review zum gleichen […]