Review

Berlinale-Kurzreviews: Auf der Suche & En Terrains Connus (Familiar Ground)

15. 2. 2011, Jet Strajker, 8 Kommentare

Auf der Suche
(D/F 2011, Jan Krüger)

Valerie (Corinna Harfouch) sucht ihren Sohn Simon. Zuletzt lebte und arbeitete er in Marseille, doch seit einer Woche scheint er spurlos verschwunden. Simons Mutter ist aus Deutschland in die sonnige Hafenstadt aufgebrochen, um gemeinsam mit Jens (Nico Rogner), dem Ex-Freund ihres Sohnes, herauszufinden, wo er sich aufhalten und ob ihm etwas passiert sein könnte. Doch das Verhältnis zwischen beiden ist angespannt, weil Valerie den jähzornigen Jens einst zurückwies und die sexuelle Identität ihres Sohnes offenbar nicht ernst genug nahm. Auf der Suche nach der Wahrheit wird sie allmählich mit der Frage konfrontiert, ob sie ihren Simon tatsächlich so gut zu kennen schien, wie sie bisher glaubte.

Nachdem Jan Krüger vor zwei Jahren seine esoterische Beziehungsgeschichte „Rückenwind“ im Panorama vorstellte, hat er sich mit „Auf der Suche“ dieses Jahr ins Forum der Berlinale begeben. Hier wie dort erweist sich das Reisemotiv als Schlüsselthema, fremde Orte scheinen in Krügers Filmen stets als emotionaler Katalysator zu fungieren. Dies nun ist ein deutlicher Schritt in Richtung heimeliger Indie-Mainstream, besetzt mit einer großen etablierten Schauspielerin des deutschen Films und ausreichend sorgfältig inszeniert, um diverse Programmkinos zu füllen. Gradlinig und zeitweise fast wie ein dramatischer Thriller konstruiert, setzt der Film auf ein organisch entwickeltes und wendungsreiches Drehbuch, das, wenn auch nicht unbedingt im klassischen Sinne, eine gewisse Form von Spannung generiert. Die Suche nach dem verlorenen Kind steht im Mittelpunkt, das zwischenmenschliche Drama kommt da wie von selbst.

Krüger hat sich als Regisseur deutlich weiter entwickelt, mit sicherer Hand und ohne Abschweife treibt er den Plot voran, was den Film von seinem Vorgänger stark unterscheidet. Sogar ein hohes Maß an komischen Dialogen und Situationen gönnt er sich. Trotzdem hinterlässt „Auf der Suche“ einen etwas zwiespältigen Eindruck: Eingeführt als zentrale (Mutter)Figur, rückt Valerie aus unerfindlichen Gründen immer mehr in den Hintergrund. Ständig bleibt der Film bei Jens, folgt seiner Suche nach dem Ex-Freund, schneidet immer wieder zu ihm, wenn man sich nach dem überzeugenden Schauspiel von Harfouch sehnt. Krügers ausgeprägt schwule Ästhetik ist zudem wieder einmal mit besonders zerschlissenen Klischees durchsetzt – es gibt keinen dramaturgischen Grund, den Ex-Freund des verschwundenen Sohnes nackt unter die Dusche zu stellen, außer vielleicht, um wieder einmal der Pimmelquote des queeren Kinos einen Dienst zu erweisen.

„Auf der Suche“ läuft im Forum der 61. Berlinale. Weitere Termine:

15.02. – 22:15 Uhr OmEU Cubix 9
20.02. – 19:15 Uhr OmEU Delphi Filmpalast

En Terrains Connus (Familiar Ground)
(CDN 2010, Stéphane Lafleur)

Drei Unfälle stehen im Mittelpunkt von „En Terrains Connus“. Der erste ereignet sich auf der Arbeit von Maryse (Fanny Mallette), als ein Fabrikant seinen Arm verliert. Der zweite trifft ein Rebhuhn, das ans Fenster von Benoît (Francis La Haye) kracht. Den dritten verkündet ein Mann aus der Zukunft, seiner Vorhersage nach wird Maryse mit dem Auto verunglücken. Dies ist die grobe Einteilung des Films durch Zwischentitel. Maryse und Benoît sind Geschwister – sie lebt in einer unzufriedenen Ehe, er wohnt noch im Obergeschoss des Elternhauses und bekommt sein Leben nicht in den Griff. Zu den üblichen Unzufriedenheiten in ihrem Alltag gesellt sich zudem noch ein besonders kalter kanadischer Winter (Ort der Handlung: Québec) und eben jene fatalistische Unfallverkündung.

Zugegeben, das liest sich merkwürdig. Und es ist auch merkwürdig, jedoch nur im besten Sinne. Der franko-kanadische „En Terrains Connus“ von Stéphane Lafleur vereint eine ganze Menge skurriler Einfälle, absurde Situationskomik und aberwitzige Figuren. Es gelingt ihm, daraus zu keiner Zeit eine ausgestellt freakige Provinzkomödie zu stricken, die unentwegt auf ihr ulkiges Potenzial verweisen müsste, sondern sich vielmehr als ganz stille und behutsame Tragödie zu positionieren. So abgenutzt es auch klingen mag, erzählt Lafleur nichts weniger als eine Geschichte, wie sie das ganz normale Leben schreibt. Damit reißt er gewiss keine Zäune ein oder präsentiert so etwas wie den originellsten Film der diesjährigen Berlinale, doch „En Terrains Connus“ ist gerade dank seiner stilistischen Unauffälligkeit und seiner wunderschön leisen Pointen eine vergnügliche Reise ins verschneite Québec. Die sympathische Art, mit der dieser Film irgendwie vollkommen neben der Spur liegt, erinnert wohl nicht von ungefähr an „Fargo“.

„En Terrains Connus“ läuft im Forum der 61. Berlinale. Weitere Termine:

18.02. – 12:30 Uhr OmU Cubix 7

Der französischsprachige Trailer zu „En Terrains Connus“.

  • Doughnut 15. 2. 2011 an 9:03

    Beim En-Terrais-Connus-Trailer versteh ich zwar kein Wort, aber was ich sehe, gefällt mir umso mehr. Der Vergleich mit Fargo passt wie die Faust aufs Auge, es gibt sogar einige Einstellungen/Szenen, die fast 1:1 übernommen scheinen. Das soll nicht heißen, da wär irgendwas abgekupfert, aber die Bildsprache erinnert auf erfreuliche Weise an die der Coens. :)
    Und genau deshalb versteh ich nicht mal ansatzweise, wie du darauf kommst. das sei stilistisch unauffällig. Ist der Trailer nur einfach sehr geschickt geschnitten oder kann es sein, dass du dich in dem Punkt täuschst? ;)
    Bin jedenfalls sehr neugierig auf den Film und werd ihn mir bei nächster Gelegenheit ansehen, wohne ja jetzt in Berlin.

  • Jet Strajker 15. 2. 2011 an 15:49

    Wenn du ihn schaust, wirst du vielleicht merken, was ich meine. Der ist sehr understated, der Film.

  • Doughnut 18. 2. 2011 an 16:53

    Freitag Mittag, Berlinale, großer Saal, „En Terrains Connus“ steht auf dem Programm.
    Ich Trottel hab mir erst wenige Minuten vor Filmbeginn eine Karte gekauft. War mir nämlich nicht bewusst, dass ich dafür mit einem Platz in der ersten Reihe bestraft werde. War jedenfalls so, denn das Kino war berstend voll.
    Ist das eigentlich normal bei Berlinale-Filmen oder hat der hier so derart viel Mundpropaganda bekommen, dass die Leute in Scharen reinrennen? o.O

    Jedenfalls sitz ich da ganz vorn verloren vor einer riesigen Leinwand und hab Mühe, das Bild im Ganzen zu erfassen.
    Ein Glück, dass das so ein ruhiger Film war, bei nem Actionfilm hätte ich mein Geld zurückverlangt. Ist echt ne Frechheit, dass die so weit vorn Sitzreihen hingebaut haben.

    Der Film hat dann aber alles gehalten, was du versprochen hast, sehr treffendes Review, danke dafür. :)
    Die Figurenzeichnung fand ich außerdem noch deutlich besser als bei Fargo. Die Provinzler in Fargo sind teilweise doch ziemliche überzeichnete Deppen. Die hier wirkten viel lebensechter und weniger verkaspert.
    Nix gegen Fargo, grandioser Film. Nah am Leben war der aber dann doch nicht, ganz im Gegensatz zu dieser kleinen, feinen Filmperle hier.

    Das Einzige, was mir ein wenig missfiel, war die Musikauswahl der Abschlussszene, die fand ich völlig daneben. Sonst war aber auch die Musik sehr schön und zur Stimmung passend.

  • Jet Strajker 18. 2. 2011 an 17:00

    „War jedenfalls so, denn das Kino war berstend voll.
    Ist das eigentlich normal bei Berlinale-Filmen oder hat der hier so derart viel Mundpropaganda bekommen, dass die Leute in Scharen reinrennen? o.O“

    Jeder Berlinale-Film, egal wie groß oder klein, ist berstend voll. :)

    Was ich aber schön finde. So viele begeisterte Filmliebhaber. Kein Gequatsche, kein Popcorn. Die Berlinale-Atmosphäre ist was tolles.

    Du warst im Cubix 7, nehme ich an? Gab es im Anschluss ein Q&A oder hatte der Regisseur dazu beim nunmehr fünften Mal keine Lust mehr? :)

  • Doughnut 18. 2. 2011 an 17:04

    Ach, sehe grad, der wurde nur heute Mittag im Cubix gezeigt. Deswegen der Andrang, aha.
    Imo nicht sonderlich clever, diese „Angebotsverknappung“, denn auf die Art erreicht man deutlich weniger Leute als möglich wären. ^^

  • Doughnut 18. 2. 2011 an 17:07

    „Du warst im Cubix 7, nehme ich an? Gab es im Anschluss ein Q&A oder hatte der Regisseur dazu beim nunmehr fünften Mal keine Lust mehr? :)“

    Sry, aber da ich von dem Procedere bei der Berlinale wie du ja merkst null Ahnung hab und zu spät reinkam, um eventuelle vorherige Ankündigungen mitzubekommen (war schon alles dunkel und ich stolperte mühsam zu einem freien Platz), bin ich hinterher nach dem obligatorischen Applaus einfach gegangen. ^^

  • Jet Strajker 18. 2. 2011 an 17:59

    Ach so. :P

    Was meinst du denn mit Verknappung? FAMILIAR GROUND wurde insgesamt fünf Mal im Laufe der Berlinale gezeigt, das ist sogar über dem Durchschnitt der ganzen anderen 350 Filme, die insgesamt laufen. :)

    Dass sich die Kinos für die jeweilige Vorführung unterscheiden, liegt an der ganzen Planung und Logistik, ich zum Beispiel habe ihn im Cinemaxx am Potsdamer Platz gesehen. Bin auch nicht so ein Fan der vom Hotspot „ausgelagerten“ Kinos.

  • Doughnut 18. 2. 2011 an 20:23

    Okay, wenn das so viele Filme sind, ist es sicher verständlich.
    Berlin hat zwar Kinos wie Sand am Meer, aber die können wohl schlecht alle mit eingebunden werden bei der Berlinale.
    War mir auch nicht bewusst, dass 5 Vorstellungen viel sind bzw das es überhaupt schon 5 Vorstellungen gab.

    Ist halt irgendwie schade, dass man solche schönen Filme nicht häufiger im Kino zu sehen bekommt…
    Die Vor-Ort-Informationen zum heutigen Berlinale-Programm im Cubix waren übrigens einfach lieblos hingetackerte Ausdrucke mit ner kurzen Filminfo. Darauf war dann rechts oben in der Ecke mit einem Filzstift die Zeit und der Saal draufgekrakelt und das wars. Ich stand deshalb auch erst mal ziemlich ratlos vor der mit allerlei belanglosem Müll vollgetexteten Berlinale-Kasse, bis ich diese blöden Zettel überhaupt gefunden hatte.
    Den ganzen Mist, der sonst im Moment in diesem Kino gezeigt wird, haben sie auf elektronischen Anzeigen präsentiert, die Berlinalefilme auf solchen Zettelchen. Spricht auch irgendwo Bände.