Features Review

Berlinale-Review: Captive

13. 2. 2012, Jet Strajker, 4 Kommentare

Originaltitel: Captive
Herstellungsland: Philippinen 2012
Regie: Brillante Mendoza
Darsteller: Isabelle Huppert, Katherine Mulville, Marc Zanetta, Maria Isabel Lopez, Rustica Carpio

Allmählich kristallisieren sich nach einigen Tagen Berlinale wieder einmal Themen heraus, die in völlig unabhängig voneinander entstandenen Filmen motivgeschichtliche Verbindungen eingehen. Der resultierende Dialog unterschiedlicher und auch grundverschiedener Produktionen kann im Zuge eines solchen Festivalbetriebs nicht nur ganz eigene Reize entwickeln, sondern ermöglicht auch eine vergleichende Beobachtung dessen, wie identische Themenkomplexe im Kino der jeweils vertretenen Produktionsländer aufgegriffen und bearbeitet werden. In diesem Jahr scheint, aus welchen Gründen auch immer, wieder einmal der Terror zum Topthema auserkoren zu sein. Und das in all seinen Facetten: Im Privaten („A moi seule – Coming Home“), im Unsichtbaren („Extrem laut und unglaublich nah“) oder im wahr gewordenen Albtraum terroristischer Gefangenschaft: „Captive“ heißt er, der neue Film von Brillante Mendoza.

Der philippinische Regisseur gilt spätestens seit seinem Cannes-Erfolg „Kinatay“ vor drei Jahren als ein besonderer Liebling der europäischen Festival-Cinéphilie und selbstverständlich auch des so genannten Weltkinos (siehe „The Woman in the Septic Tank“). Das Kernthema seines letzten Films greift Mendoza nun erneut auf: Wie schon „Kinatay“ kreist auch „Captive“ um Gefangenschaft, Isolation und die vielen Gesichter der Gewalt. Genauso findet sich das Schonungslose, Unmittelbare, Barsche in der wirklichkeitsinspirierten Geiselgeschichte wieder: 2001 entführten Mitglieder der muslimischen Abu-Sayyaf-Gruppe auf einer südphilippinischen Insel mehrere Touristen, um sich an willkürlich gesetzten Lösegeldsummen zu bereichern. Für einen Großteil der Gefangenen dauerte die Hatz durch den Dschungel neun Monate, bis die philippinische Armee endlich erfolgreich einschritt.

Die Historizität des Stoffes spielte bei mir in der Betrachtung des Films ehrlich gesagt keine Rolle, ob und wie weit sich Mendoza an den Ereignissen abarbeitet oder sich mit seiner teils recht genreartigen ästhetischen Herangehensweise vielleicht auch an ihnen vergeht, sollen und werden die Feuilletons genauer untersuchen. Mich hat schlicht die enorm beherrschte Handhabung des Films beeindruckt, die Präzision der Shaky Cam, mit der Mendoza gestalterische Akzente im Treiben des Terrors setzt (über glasklare HD-Bilder), und nicht zuletzt die klugen Anknüpfungspunkte bei der Evokation der Täter-Opfer-Verhältnisse: Immer nur am Rande und damit umso eindringlicher spielt „Captive“ unterschiedliche Sichtweisen durch, vom Stockholm-Syndrom bis zum Spiritualismus, und die daraus resultierende emotionale Ambivalenz ist seine wohl größte Stärke.

Beim Publikum rief des Filmemachers Strategie, emotionslos und freimütig immer auch das zu schildern, was abseits des Geschehens vonstatten geht, spürbares Unverständnis hervor. Direkt neben mir spielte sich eine der klischeehaftesten Standardsituationen der Berlinale ab: Zwei betagte Frauen um die 40, vermutlich angelockt von der hochdekorierten Isabelle Huppert (die in „Captive“ übrigens absolut famos aufspielt!), zuckten mit jedem im Film abgegebenen Schuss ein bisschen mehr auf. Von „wie schrecklich“ bis „das gibt’s doch nicht“ war alles dabei, ehe eine von ihnen schließlich ihre Sachen packte und sichtlich verstört das Kino verließ. Irgendwas muss der brillante Mendoza sehr richtig gemacht haben.

„Captive“ läuft im Wettbewerb der 62. Berlinale. Weitere Vorführungen:

13.02. – 20:30 Uhr Friedrichstadt-Palast
15.02. – 15:00 Uhr Friedrichstadt-Palast
19.02. – 21:45 Uhr Friedrichstadt-Palast

  • tobi 13. 2. 2012 an 19:19

    Danke für die Reviews von der Berlinale, gefällt mir.

  • Jet Strajker 13. 2. 2012 an 20:02

    Büddé.

  • Danemyt 14. 2. 2012 an 1:16

    Ich hab neulich auf ner Pressekonferenz gehört, dass das Überthema „Gefangen sein (in etwas, durch etwas, etc.) sein soll und so würde ich das auch unterschreiben.

  • Bartel von der Multiplen Filmstörung 20. 2. 2012 an 11:31

    Ich dachte immer das dir der Mendoza nicht zusagt, aber na ja, man kann sich auch irren.